Ethnologie als Ethnographie: Interdisziplinarität, Transnationalität und Netzwerke der Disziplin in der DDR

Ort
Bonn
Veranstaltungsort
Institut für Archäologie und Kulturanthropologie, Abteilung für Altamerikanistik
Veranstalter
Forschungsprojekt „Akteurinnen, Praxen, Theorien: Zur Wissensgeschichte der Ethnologie in der DDR" (eine Kooperation der Humboldt-Universität zu Berlin und der Universität Bonn) in Zusammenarbeit mit dem Institut für Kunst- und Kulturwissenschaften, Seminar für Volkskunde/Kulturgeschichte der Friedrich-Schiller-Universität Jena
Datum
30.11.2018 - 01.12.2018
Bewerbungsschluss
15.06.2018
Von
Sabine Imeri

Im Rahmen des von der Volkswagen-Stiftung geförderten Forschungsprojekts „Akteurinnen, Praxen, Theorien: Zur Wissensgeschichte der Ethnologie in der DDR" möchten wir die Möglichkeiten wissensgeschichtlicher Zugänge zur Fachgeschichte der deutschsprachigen Ethnologie im transnationalen (europäischen und transatlantischen) Raum mit Kolleginnen und Kollegen diskutieren.

Ausgehend von der Frage nach den fachspezifischen Verflechtungen und Grenzziehungen soll die Entwicklung der Disziplin Ethnologie in der DDR seit den ausgehenden 1950er Jahren als fortschreitende Paradigmatisierung im Verwissenschaftlichungsprozess eines interdisziplinären und internationalen Fachzusammenhangs in den Blick genommen werden. Im Mittelpunkt stehen inhaltliche und personelle Verflechtungen, Transferprozesse und Transformation von wissenschaftlichen Konzepten, Methoden und Begriffen aus und in Nachbardisziplinen sowie Praktiken internationaler Zusammenarbeit.

Gefragt wird nach der Komplexität, Vielschichtigkeit und Prozesshaftigkeit von Wissenstransfer als Teil von Kulturtransfer. Auf der Basis eines dynamischen Wissensbegriffes soll Transfer hier als Bewegung verstanden werden, von Paradigmen und Konzepten, von Menschen, Objekten und Institutionen. An welchen Schnittstellen und Kontaktzonen lassen sich die „Austauschverhältnisse“, Allianzen und Abgrenzungen der Ethnographie der DDR sowohl zu den Nachbardisziplinen als auch zu den Ethnologien der BRD, Europas und darüber hinaus beobachten? Welche Akteure und Institutionen, welche konkreten Forschungsschwerpunkte und -interessen forcierten und initiierten internationale Vernetzungen und Kooperationen (in Ost und West)? Welchen Einfluss hatten übergeordnete wissenschaftspolitische Ziele, institutionelle Kulturen und akteursspezifische Handlungsbedingungen und Motive? Welche Effekte hatten internationale Verbindungen und Austausch auf die Wissensproduktion, auf Positionierungen und Handlungsspielräume, auf Fachkulturen und einzelne Akteure?

Sektion 1: Trans- und internationale Transfer- und Translationsprozesse von Konzepten und Methoden
In dieser Sektion sollen Ausgangspunkte, Zirkulation, Bedeutungsebenen und Transfers wissenschaftlicher Konzepte und Methoden ausgelotet werden. Mit dem Titel der Tagung wird die Aufmerksamkeit auf die Bezeichnung der Ethnologie als Ethnographie gelenkt und damit verbunden auf die Konzepte „Ethnos“ und „Ethnogenese“, die ─ in Verbindung mit weiteren Begriffen ─ in der außereuropäischen Ethnographie wichtig waren. Mit Beginn der 1950er Jahre wurden block- und grenzübergreifend Konzepte für eine gemeinsame europäische Fachidentität diskutiert, die mit der Aufhebung der Trennung zwischen Völkerkunde und Volkskunde eine Neuverortung der während des deutschen Nationalsozialismus belasteten Fächer anstrebte. Auf der Grundlage international standardisierter Begriffe, Methoden und Konzepte sollte ein gesamteuropäisches Fachverständnis geschaffen werden. Welche internationalen Organisationen, Institutionen und Akteure initiierten und forcierten entsprechende Debatten? Wer beanspruchte auf der Grundlage welcher politischen und/oder wissenschaftlichen Schlüsselrolle Deutungshoheit im Prozess der Standardisierung nationaler und disziplinärer Vielfalt? Lassen sich Gegenbewegungen ausmachen?

Sektion 2: Interdisziplinarität und Transnationalität in der ethnographischen Ausbildung und Forschung
Wichtiges „Versuchsfeld“ der Integration volks- und völkerkundlicher Fach- und Denktraditionen in der DDR war eine interdisziplinär ausgerichtete universitäre Ausbildung. Als methodisch innovativ können die Feldforschungspraktika gesehen werden, die Studierende beider Fachrichtungen in Museen, aber auch in Dörfer, Handwerks- und landwirtschaftliche Betriebe führte. Bereits seit den 1950er Jahren wurde im internationalen Austausch am Konzept einer europäischen Agrarethnographie gearbeitet, das als Reaktion auf nachkriegszeitliche Umbrüche in der Landwirtschaft gegenwartsbezogen blockübergreifend relevant war. Wie war dieser Ansatz eingebettet und verbunden mit Perspektiven und Forschungen zum wirtschaftlichen Handeln außereuropäischer Gesellschaften? In diesem Zusammenhang sind in Ausbildung und Forschung frühe material culture Konzepte und ideengeschichtliche Zusammenhänge von Bedeutung. Dabei interessiert auch, welche Rolle wissenschaftliche Institutionen, Museen und öffentliche Medien bei der Vermittlung von ethnographischem Populärwissen spielten und welche Wissensinhalte einer breiten Öffentlichkeit vermittelt wurden.

Sektion 3: Transfer- und Translationsprozesse zwischen Volks- und Völkerkunde und Ethnographie und Europäischer Ethnologie im Kontext politischer Dichotomien
Fachgeschichtliche Narrative über die Zeit des Kalten Krieges folgen überwiegend einem Ost-West-Bias analog der Politikgeschichte, mithin werden konkurrierende inhaltlich-theoretische Konzepte mit Systemkonkurrenzen verwoben. Dichotome Zugänge verstellen oft den Blick auf innerfachliche Spannungen durch unterschiedliche Schulen und Strukturen je nach disziplinärer Ausrichtung als Kulturgeschichte, Geistes-, Sozial- oder Gesellschaftswissenschaft ebenso wie auf den double bind von fachlicher und politischer Epistemologie. Daher ist einerseits zu fragen, inwieweit der „innerfachliche Wettbewerb“ eine stärkere Determinante für Kooperationen oder Abgrenzungen war als der politische Systemwettbewerb. Andererseits ist nach Kristallisationspunkten und dominanten Forschungsgebieten zu fragen, die sich international zu verbindenden Bereichen zwischen den Disziplinen entwickelten. Warum und wie wurden etwa Sachkulturforschung oder Musikethnologie zu interdisziplinären und transnationalen Gebieten, die Fach- und Systemgrenzen überwanden? Warum kamen Initiativen besonders von Akteuren aus kleinen Ländern? Welchen Einfluss hatte dabei die UNESCO als supranationale Förderinstanz der Fachorganisationen wie IUAES, ICOM oder CIAP/SIEF?

Willkommen sind Beiträge, die interdisziplinär Debatten über Strukturen, Kontinuitäten und Umbrüche des (Post-)Kolonialismus und des Kalten Krieges berühren und mit Stichworten wie Systemkonkurrenz und Solidaritätsarbeit, Popularisierung der Wissenschaften bei gleichzeitiger Verwissenschaftlichung der Gesellschaft, aber auch mit Institutionalisierung, Interdisziplinarisierung und Internationalisierung der wissenschaftlichen Praxis umrissen werden können.
Eine Publikation der Beiträge ist geplant.

Wir freuen uns auf Themenvorschläge mit einem aussagefähigen Abstract von 250 Wörtern (max.) bis zum 15.6.2018 an: Ingrid Kreide-Damani: ikreided@uni-bonn.de

Organisatorinnen:
Prof. Dr. Karoline Noack, Institut für Archäologie und Kulturanthropologie, Abt. für Altamerikanistik, Universität Bonn, knoack@uni-bonn.de
Dr. Ingrid Kreide-Damani, Institut für Archäologie und Kulturanthropologie, Abt. für Altamerikanistik, Universität Bonn, ikreided@uni-bonn.de
PD Dr. Leonore Scholze, Institut für Europäische Ethnologie, Humboldt-Universität zu Berlin, leonore.scholze-irrlitz@rz.hu-berlin.de
Sabine Imeri, Universitätsbibliothek, Humboldt-Universität zu Berlin,
sabine.imeri.1@ub.hu-berlin.de
Dr. Anita Bagus, Institut für Kunst- und Kulturwissenschaften, Seminar für Volkskunde/Kulturgeschichte der Friedrich-Schiller-Universität Jena, anita.bagus@uni-jena.de

Kontakt

Ingrid Kreide-Damani
Universität Bonn
Institut für Archäologie und Kulturanthropologie
Abteilung für Altamerikanistik
Oxfordstr. 15, 53111 Bonn

ikreided@uni-bonn.de

Zitation
Ethnologie als Ethnographie: Interdisziplinarität, Transnationalität und Netzwerke der Disziplin in der DDR, 30.11.2018 – 01.12.2018 Bonn, in: H-Soz-Kult, 29.05.2018, <www.hsozkult.de/event/id/termine-37411>.
Redaktion
Veröffentlicht am
29.05.2018
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