Das umkämpfte Museum. Zeitgeschichte ausstellen zwischen Dekonstruktion und Sinnstiftung

Ort
Wien
Veranstaltungsort
Theatersaal, Österreichische Akademie der Wissenschaften, Sonnenfelsgasse 19, 1010 Wien
Veranstalter
Institut für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte, Österreichische Akademie der Wissenschaften
Datum
03.10.2018 - 04.10.2018
Von
Ljiljana Radonic

Der Museumsboom der letzten Jahrzehnte schlägt sich auch in einer neuen Topografie zeithistorischer Museen nieder. Nicht nur die Vielzahl an Geschichtsmuseen, Häusern der Geschichte, Gedenkstätten und Memorial Museums ist signifikant, sondern auch das veränderte Selbstverständnis von Geschichtsmuseen. In ihren Ausstellungen versuchen sie programmatisch, traditionell-nationalgeschichtliche Darstellungen zu dekonstruieren, ja selbst die Vorstellung von Darstellbarkeit von Geschichte in Frage zu stellen, die Konstruktion von Identitäten aufzuzeigen und Strategien der Partizipation zu entwickeln. Das neue, reflexive Geschichtsmuseum versteht sich somit als ein exemplarischer Ort der Kritik gesellschaftlicher Repräsentation und Inszenierung, als Ort der Dekonstruktion festgeschriebener Identitäten und Nationalgeschichten, als kritische Intervention in traditionelle Geschichtsbilder und in die Vorstellung scheinbar homogener, nationaler Wir-Gemeinschaften.
Dieses Selbstverständnis steht jedoch in einem Spannungsverhältnis zu jenen Aufgaben, die insbesondere Zeitgeschichtemuseen, Gedenkstätten und Memorial Museums erfüllen sollen und die angesichts der zunehmenden Krise der Demokratie und des Ansteigens von Rechtspopulismus und Rassismus immer stärker an Relevanz gewinnen: Als zentrale Orte des Lernens aus der dunklen Geschichte von Diktatur und Terrorsystemen sollen Geschichtsmuseen den Wert von Demokratie und Menschenrechten bewusst machen. Auch Memorial Museums und Gedenkstätten sind in diese Logik eingebunden, denn sie zeigen die extremen Folgen von Diktatur und Terrorherrschaft. Das der Praxis der Dekonstruktion verpflichtete, reflexive Geschichtsmuseum steht nun vor der Herausforderung, auch positive Sinnstiftungen zu vermitteln und demokratische Erfolgsgeschichten zu erzählen.
Konterkariert wird diese Entwicklung durch neue nationalistische Gedächtniskulturen, in denen gerade Museen die Aufgabe haben sollen, in der Tradition des nation building des 19. Jahrhunderts erneut, aber nun mit avancierten ästhetischen und technischen Mitteln die Geschichte nationaler Größe und nationalen Opfertums darzustellen. Diese Praxis lässt sich gegenwärtig vor allem in zunehmend illiberalen Demokratien beobachten. Museen, verstanden als Werkzeuge eines neuen Nationalismus, werden auf neue Weise zu umkämpften Orten.
Die Konferenz geht der Frage nach, wie zeitgeschichtliche Museen, Gedenkstätten und Memorial Museums auf diese Herausforderungen reagieren. Welche neuen Formen des Ausstellens, Erzählens und Vermittelns sind notwendig, um im Spannungsfeld zwischen Dekonstruktion der „großen Erzählungen“ und positiver Sinnstiftung zu navigieren und welche Rolle können dabei digitale Medien spielen? Wie gehen wir mit den Veränderungen der zeitgeschichtlichen Museumslandschaft in Zeiten der europäischen Demokratiekrise und des neuen Nationalismus um?

Programm

Mittwoch, 3. Oktober 2018
12:30 Begrüßung und Einführung
Jens Oliver Schmitt, Präsident der philosophisch-historischen Klasse der Österreichischen Akademie der Wissenschaften
Michael Rössner, Institut für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte der ÖAW
Monika Sommer, Haus der Geschichte Österreich
Ljiljana Radonić / Heidemarie Uhl, Institut für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte der ÖAW

13:00-14:00 Panel 1 - Zeitgeschichtsmuseen jenseits des Nationalen
Moderation: Ljiljana Radonić, Institut für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte der ÖAW
Andrea Mork, Haus der Europäischen Geschichte, Brüssel:
Das Haus der Europäischen Geschichte. Zur Konstruktion eines transnationalen Ausstellungsnarrativs
Daniel Logemann, Gedenkstätte Buchenwald:
Rosenkranz vs. Bordell oder polnische Geschichte im Kontext. Das Museum des Zweiten Weltkriegs in Gdańsk

14:00-14:30 Kaffeepause

14:30-16:00 Panel 2 - Migration als neuer Zugang
Moderation: Monika Mokre, ÖAW, Institut für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte
Dirk Rupnow, Institut für Zeitgeschichte der Universität Innsbruck:
Museum und Migration. Verheißung oder Aporie
Regina Wonisch, Institut für Wissenschaftskommunikation und Hochschulforschung der Universität Klagenfurt (Standort Wien):
Migration als Herausforderung nationaler Geschichtsmuseen
Georg Traska, Institut für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte der ÖAW:
Migration ausstellen ohne sie in den Fokus zu stellen. Erfahrungen aus zwei Ausstellungsprojekten

16:00-16:30 Kaffeepause

16:30-18:00 Panel 3 - Gedenkstätten als Orte der Sinnstiftung?
Moderation: Werner Dreier, erinnern.at
Martin Sabrow, Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam:
Die Last des Guten. Zum Problem der Demokratieerinnerung
Axel Drecoll, Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten:
Wissen, Werte, Visuelles. Zur Sinnstiftung an NS-Geschichtsorten
Gudrun Blohberger, KZ-Gedenkstätte Mauthausen:
Ist es möglich an Gedenkstätten positive Sinnstiftung zu vermitteln? Beispiele aus der pädagogischen Praxis

18:00-18:30 Kaffeepause

18:30-20:00 Podiumsgespräch Das Museum als moralische Anstalt?
Moderation: Heidemarie Uhl, Institut für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte der ÖAW
Aleida Assmann, Universität Konstanz
Raphael Gross, Deutsches Historisches Museum, Berlin
Monika Sommer, Haus der Geschichte Österreich, Wien
Andreas Spillmann, Schweizerisches Nationalmuseum, Zürich)
Oliver Rathkolb, Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien

Donnerstag, 4. Oktober 2018
9:30-11:00 Panel 4 - Jüdische Museen als Korrektiv?
Moderation: Klaus Davidowicz, Institut für Judaistik der Universität Wien
Hanno Loewy, Jüdisches Museum Hohenems:
Jenseits von Identitäten. Jüdische Museen als Orte der Zweideutigkeit
Bernhard Purin, Jüdisches Museum München:
Vom Dauerkonflikt zum diskursfreien Raum? Jüdische Museen 1988 bis heute
Barbara Staudinger, Jüdisches Kulturmuseum Augsburg-Schwaben:
Jüdische Museen als gesellschaftspolitischer Diskursraum. Neue Herausforderungen durch Antisemitismus, Fremdenhass und die Renaissance des Religiösen

11:00-11:30 Kaffeepause

11:30-12.30 Panel 5 - Opfer und Täter ausstellen – Nationalsozialismus und Holocaust im Museum
Moderation: Éva Kovács, Wiener Wiesenthal Institut für Holocaust-Studien
Mirjam Zadoff, NS-Dokumentationszentrum München:
Is it "history that has the capacity to save us"? Über mögliche Zukünfte der Erinnerung an den Nationalsozialismus
Deborah Hartmann, Yad Vashem, Jerusalem:
Gedenken an die Opfer, Lernen über die Täter: Wie können Tätergeschichten in die Gedenkstättenarbeit und das pädagogische Programm von Yad Vashem integriert werden

12:30-13:00 Ausstellung „Flucht europäisch erzählen / Being Refugee: a European narrative“
Posterpräsentation und Gespräch mit Anisa Hasanhodžić und Rifet Rustemović

13:00-14:30 Mittagspause

14:30-16:00 Panel 6 - Museen in postsozialistischen Ländern – zwischen Europäisierung und nationaler Neuerfindung
Moderation: Claudia Kraft, Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien
Ljiljana Radonić, Institut für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte der ÖAW:
Postsozialistische Gedenkmuseen zwischen Anrufung Europas und nationalistischem Backlash
Monika Heinemann, Simon-Dubnow-Institut Leipzig:
Der Kampf um das „moderne“ Museum – Zeitgeschichte im polnischen Museumsboom
Katja Wezel, Universität Göttingen:
Zwischen Europäisierung und nationaler Nabelschau – Holocaust und stalinistischer Terror im Ghettomuseum und im KGB-Eckhaus in Riga

16:00-16:30 Kaffeepause

16:30-18:00 Panel 7 - Museum Goes Digital
Moderation: Bettina Habsburg-Lothringen, Universalmuseum Joanneum, Graz (angefragt)
Andrew Hoskins, University of Glasgow, College of Social Sciences:
The Connective Museum and the Memory of War
Eva Pfanzelter, Universität Innsbruck, Institut für Zeitgeschichte:
Discourses between Patriotism, Localism and International Moral Values on Holocaust-Websites
Stefan Benedik, Haus der Geschichte Österreich, Wien:
Beyond Digital Collecting – Participatory Experiments in the House of Austrian History’s Online Museum

Kontakt

Ljiljana Radonic

IKT-ÖAW, Postgasse 7/4, A-1010 Wien

ljiljana.radonic@oeaw.ac.at

Zitation
Das umkämpfte Museum. Zeitgeschichte ausstellen zwischen Dekonstruktion und Sinnstiftung, 03.10.2018 – 04.10.2018 Wien, in: H-Soz-Kult, 02.08.2018, <www.hsozkult.de/event/id/termine-37835>.
Redaktion
Veröffentlicht am
02.08.2018