Über das Versiegeln und Öffnen von Black Boxes — Dispositive und Artefaktarrangements als Analyseinstrumente

Ort
Heidelberg
Veranstalter
Christian Vater, SFB 933 "Materiale Textkulturen", Universität Heidelberg; In Kooperation: Marcus Popplow / Silke Zimmer-Merkle, Teilinstitut für Geschichte am Institut für Technikzukünfte des Karlsruher Instituts für Technologie; Mathis Nolte, Interdisciplinary Network for Studies Investigating Science and Technology
Datum
23.05.2019 - 25.05.2019
Bewerbungsschluss
07.01.2019
Von
Vater, Christian

Wir sind in der Gegenwart im Zuge der Miniaturisierung und Digitalisierung zunehmend von Dingen umgeben, die sehr komplex aufgebaut sind, und die in unserem Alltag gleichzeitig wirken und verschwinden. Das Smartphone oder „Künstliche Intelligenz“ wären zwei rezente mustergültige Beispiele, das eine aus dem Bereich der Kommunikation und Selbstorganisation, das andere aus dem Bereich der Assistenz und der Automation einfacher kognitiver Prozesse. Ähnliches gilt für großräumige Kommunikations- oder Sensornetzwerke, die neben der schnellen globalen Informationsübertragung das verteilte Sammeln, Prozessieren und Archivieren von großen Datenmengen erlauben.
Es gibt zunehmend Dinge, die wir nutzen, die für uns aber eine Black Box sind – wir wissen nicht, wie ein komplexes digitales Artefakt funktioniert, aber aufgrund einer an uns angepassten Nutzerschnittstelle, hinter der es verschwindet, benutzen wir es trotzdem erfolgreich.

Um diese Black Boxes – auch im Sinne der Selbstermächtigung oder der kritischen Aufklärung – zu öffnen, benötigt man allerdings mindestens zwei Voraussetzungen:

(1) Eine Sammlung von passenden Beispielen, anhand derer man zeigen kann, wie Black Boxes versiegelt und auch wieder geöffnet werden können,

(2) Ein taugliches theoretisches Vokabular, das sowohl der passenden Beschreibung von Prozessen und den an ihnen beteiligten Akteuren dient als auch vorgelagert zur „Feststellung“ oder zum „Aufspüren“ der interessanten Phänomene führt. Der „Dispositiv“-Begriff wäre aus Sicht der Organisatoren des Workshops ein geeigneter Kandidat für den benötigten theoretischen Werkzeugkasten.

Und nicht nur rezente Phänomene, sondern auch historische Artefakte können gute Beispiele für Black Boxen sein, anhand derer sich Darstellungsweisen erproben und Untersuchungsmethoden vorstellen lassen.

Genau darum soll es in diesem Workshop gehen: Die Vortragenden sind aufgefordert, anhand konkreter Fallbeispiele die Tauglichkeit oder Passung ihrer begrifflichen Werkzeuge vorzuführen.
Ob es um Ergebnisse einer „Dichten Beschreibung“, einer „Diskursanalyse“ oder einer „Dekonstruktion“ geht, sei frei gestellt. Genauso, wie es keinen Vorzug von artefakt- oder beobachtungsgeleiteten „Bottom Up“-Methoden gegenüber konzept- oder begriffsgeleiteten „Top Down“-Methoden geben soll (oder anders herum). Im Zentrum sollte das Artefakt stehen, mit seiner jeweiligen Geschichte und den an ihm vollzogenen Praktiken.

Mögliche Anknüpfungspunkte, mit denen wir rechnen, finden sich in Akteur-Netzwerk-Theorie (Latour), Dispositiv-Analysen (Foucault, Agamben), Materielle Kulturwissenschaften (Reckwitz), Praxeologie (Hilgert, Elias), Kulturgeschichte der Technik (Heßler) oder Kulturtechnik und Wissensgeschichte (Kittler, Krämer, Renn, Rheinberger), aber auch im Cyber-und Technofeminismus (Haraway), in den Medienwissenschaften (Winkler, Pias) oder in der zeitgenössischen Phänomenologie (auch unter Lesung von Heidegger und um den Begriff des „Gestells“ herum).

Fragen, die uns interessieren, wären:

a) Welche Black Box lässt sich mit Hilfe des Dispositiv-Begriffs erkennen und öffnen? Und welche Black Box hilft dabei, als Fallbeispiel den heteronymen Dispositivbegriff besser zu fassen oder zu entfalten? Was sind gute, was sind schlechte Beispiele?

b) In welchem Verhältnis steht der Dispositiv-Begriff zu konkurrierenden Begriffen wie Artefaktarrangement oder Praktiken? Und wie zu übergeordneten Konzepten wie „Episteme“ oder „Wissens-“ bzw. „Technikkultur“?

c) Ist ein Dispositiv restlos auflösbar in eine Konstellation und Konfiguration von Artefakten plus die anhand dieser und um diese herum vollzogenen Praktiken? Wenn nicht – was kommt hinzu? Welche Fälle, Tatsachen und Sachverhalte lassen sich finden, anhand derer Differenzen, aber auch Ähnlichkeiten zwischen diesen beiden (oder auch konkurrierenden) Konzepten aufgezeigt werden können?

Thematisch wird ein Schwerpunkt auf Entwicklungen der digitalen Zeit liegen und es wird Gelegenheit geben, den rezenten Vorschlag eines „Computerdispositivs“ zu diskutieren. Passend zum Wissenschaftsjahr 2019 sind Beiträge zur „Künstlichen Intelligenz“ willkommen.

Bewerbung als Vortragende
Der Workshop ist als Autor/innen-Konferenz geplant: Da eine zeitnahe Publikation der Workshop-Beiträge im Rahmen der Reihe „Materiale Textkulturen“ (Druck + OpenAccess) geplant ist, soll der Workshop auch der intensiven Diskussion der Beiträge dienen. Deshalb ist die Anzahl der vorgestellten Beiträge auf 12 begrenzt. Das Bewerbungsverfahren ist zweistufig: Aufgrund eines kurzen Abstracts (1500 Anschläge – Stichtag: 07.01.2019) wird über die Einladungen entschieden. Voraussetzung für einen Vortrag ist die Einreichung eines ausgearbeiteten Manuskripts (mindestens Rohfassung) – Stichtag: 23.04.2019 – das zur Vorbereitung unter allen Teilnehmer/innen als Workshop-Reader zur Verfügung gestellt wird, so dass textbasiert diskutiert werden kann.

Anmeldung als respondierende Kommentator/innen
Nicht-vortragende Teilnehmer/innen können sich als respondierende Kommentator/innen für eine thematische Session (3 Vorträge) bewerben (Stichtag: 23.04.2019).

Die Kosten für Anreise und Unterkunft der Vortragenden und respondierende Kommentator/innen können im Rahmen der Richtlinien bei Bedarf übernommen werden.

Der Workshop wird konzipiert und ausgerichtet vom Teilprojekt „Schrifttragende Artefakte in Neuen Medien“ des Sonderforschungsbereichs 933 „Materiale Textkulturen“ der DFG an der Universität Heidelberg. Kooperationspartner sind das Teilinstitut für Geschichte am Institut für Technikzukünfte des Karlsruher Instituts für Technologie (Marcus Popplow, Silke Zimmer-Merkle) und das INSIST-Nachwuchs-Netzwerk (weshalb auch explizit einschlägige und geeignete abgeschlossene Masterarbeiten vorgestellt werden können).

Ansprechpartner + Anmeldung:
Christian Vater
Teilprojekt Ö: Schrifttragende Artefakte in Neuen Medien
vater@uni-heidelberg.de – 06221 54-3722

Kontakt

Christian Vater

Marstallstr. 6
69117 Heidelberg
06221 54-3722

vater@uni-heidelberg.de

Zitation
Über das Versiegeln und Öffnen von Black Boxes — Dispositive und Artefaktarrangements als Analyseinstrumente, 23.05.2019 – 25.05.2019 Heidelberg, in: H-Soz-Kult, 16.11.2018, <www.hsozkult.de/event/id/termine-38779>.