Karl der Große. Macht - Kunst - Schätze

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Ort
Aachen
Veranstalter
Stadt Aachen
Datum
20.06.2014 - 21.09.2014
Publikation
Pohle, Frank; Peter van den Brink; Sarvenaz Ayooghi für die Stadt Aachen (Hrsg.): Karl der Große - Charlemagne. Katalog: Orte der Macht; Essays: Orte der Macht; Katalog: Karls Kunst. Dresden : Sandstein Verlag  2014 ISBN 978-3-95498-094-9, € 98,00.
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Florian Hartmann, Mittelalterliche Geschichte, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Das Karlsjahr 2014 hat die ohnehin schon florierende Publizistik über Karl den Großen nochmals belebt. Neben einer Flut neuer Literatur[1] wurde des großen Frankenherrschers geradezu zwangsläufig auch in Ausstellungsprojekten gedacht. Von den beiden in Deutschland geplanten Großausstellungen hat sich allerdings nur eine durchführen lassen. Das Deutsche Historische Museum in Berlin hatte unter dem Titel „Kaiser und Kalifen. Karl der Große und die Mächte am Mittelmeer um 800“ eine dezidiert transkulturelle Ausrichtung angestrebt, doch ließ sich das leider nicht realisieren.[2] Erfolgreicher waren die Aachener Ausstellungsmacher, die gleich an drei Orten in der alten Pfalzstadt einen anderen thematischen Ansatz wählten. Sie stellten die Deutung Karls des Großen, des fränkischen Reiches, seiner Eliten und seines kulturellen Schaffens in den machtpolitischen Kontext. Die thematische Ausrichtung folgte dabei freilich nicht überholten Ansätzen schlichter Macht- und Herrschergeschichte, sondern verstand sich eher als Ausdruck einer Kulturgeschichte des Politischen, indem Artefakte, Diskurse und Texte in ihrer Funktion und Auswirkung im Rahmen gesellschaftlicher Beziehungsformen zu deuten sind. Insgesamt 408 zum Teil hochkarätige Exponate dokumentierten das intellektuelle Wirken zur Zeit Karls des Großen.

Der in der Ausstellungskonzeption und im Essayband des Katalogs in den Vordergrund gerückte Konnex zwischen Macht und Kunst wurde allerdings in der Ausstellung selbst nicht expliziert. So zeigte die im Aachener Centre Charlemagne[3] beherbergte Teilausstellung unter dem Titel „Karls Kunst“ eine faszinierende Auswahl hochkarätiger Objekte. 31 Originale zumeist aus der Zeit Karls des Großen selbst dokumentierten sowohl die künstlerische Reife ihrer Urheber als auch die bemerkenswerte Fähigkeit der Ausstellungsmacher um die Kuratoren Peter van den Brink, Georg Minkenberg und Frank Pohle, selten verliehene Exponate aus Museen der ganzen Welt nach Aachen zu holen: Handschriften, Elfenbeinarbeiten, Goldschmiedekunst. Der „Tassilokelch“ verließ anlässlich dieser Ausstellung überhaupt erst zum zweiten Mal seine „Heimat“, das Benediktinerstift Kremsmünster. Allerdings dürfte die bewusste Entscheidung, im Centre Charlemagne die Exponate durch ihre Qualität und Exklusivität alleine wirken zu lassen und auf Kommentierungen, Erklärungen und gar eine narratologische Anordnung weitgehend zu verzichten, so manchen Besucher überfordert haben. Wie standen die Werke in ihrer eigenen Gattungstradition? Welche Funktion erfüllten sie im Reich Karls des Großen? Auf wen sollten oder konnten sie wirken? Solche Fragen wurden allenfalls in dem Kurzführer beantwortet, der deswegen für diesen Ausstellungsteil dringend zu empfehlen war. Diese insgesamt also nur knappe Kommentierung wird einigen Werken vielleicht gerecht, wenn man sie nur als Kunstwerke per se betrachtet. Doch wurde damit eine große Möglichkeit der Deutung und Erklärung und vor allem der Erkennbarkeit ihrer künstlerischen Sonderstellung ausgelassen.

Während die beachtlichen Exponate in der Teilausstellung des Centre Charlemagne also noch weitgehend unkommentiert nebeneinander standen, bemühten sich die acht Beiträger im dazugehörigen, Essays und Objektbeschreibungen enthaltenden Katalogband „Karls Kunst“ um die Kontextualisierung von Kunst im politisch-sozialen Gefüge des karolingischen Großreiches. Dort wird das Verhältnis zwischen Hofgelehrten und Buchkünstlern und das Wechselspiel von Künstler, Auftraggeber und politischer Implikation etwa anhand der gebildeten Buchkünstler Godescalc und Dagulf erläutert. Künstler und Hofgelehrte standen demnach – jeder auf seine Art – gleichberechtigt nebeneinander.

In der Domschatzkammer wurden im Ausstellungsteil „Verlorene Schätze“ vornehmlich Stücke der eigenen Sammlung präsentiert, erweitert um die verdienstvollerweise aus der ganzen Welt beschafften Exponate, welche einst dem Aachener Kirchenschatz gehörten. Textilien und Goldschmiedearbeiten prägten neben einigen Handschriften diesen Teil, deren detaillierte Kommentierungen das Fehlen eines Audioguides vertretbar erscheinen ließen. Dass dieser Ausstellungsteil allerdings im Katalog gar keine Berücksichtigung fand, ist befremdlich und für einige Exponate auch sehr bedauerlich.

In Bezug auf die Deutung Karls des Großen (wenn auch nicht in Bezug auf die Exklusivität der Exponate) bildete der Ausstellungsteil „Orte der Macht“ im Krönungssaal des Aachener Rathauses das Herzstück der Ausstellung. „Orte der Macht“ werden im kulturwissenschaftlichen Zugriff nicht schlicht topographisch verstanden. So ging es im ersten Teil „Wege zur Macht“ um die Strukturen des Reiches, um Mobilität, um Funktionsweisen des Reisekönigtums sowie um die auf Ackerbau und Handel basierenden Ressourcen der Macht. Eine Vielzahl archäologischer Funde, Waffen, Kriegerausrüstungen und landwirtschaftliches Gerät dokumentierten den alltäglichen Umgang mit diesen Ressourcen, während zusätzlich präsentierte Urkunden sehr anschaulich die Möglichkeiten des Herrschers illustrierten, auf die Verwaltung und Nutzung der landwirtschaftlichen Ressourcen Einfluss zu nehmen.

Im zweiten Teil „Ausdruck der Macht“ wurden die karolingischen Repräsentationsbauten nicht für sich, sondern im „internationalen“ Kontext präsentiert. Im Vergleich mit den hier in Miniaturmodellen und Spolien dargebotenen Repräsentationsbauten u.a. in Pavia, Ravenna, Rom und Konstantinopel wurden die Ausmaße karolingischer Pfalzanlagen geschickt relativiert. Dass in einer Aachener Schau dann ein Schwerpunkt auf der Entwicklung der Aachener Pfalz lag, ist gewissermaßen selbstverständlich. Umso erfreulicher erschien daher die Kontextualisierung dieser Anlage im internationalen Vergleich. Dadurch wurden nicht zuletzt auch Formen der Imitation und Rezeption erkennbar gemacht.

Der dritte Teil „Im Zentrum der Macht“ schloss die Lücke, welche die sparsame Kommentierung im Ausstellungsteil „Karls Kunst“ hinterließ. Hier fanden die Gelehrten, die Künstler und ihre Werke jene Kontextualisierung, die das Verhältnis von Herrschaft, Wissen und Bildung erklärt. Kurzbiographien der bedeutendsten Gelehrten stimmten auf diesen Teil ein. Standen im Centre Charlemagne die reich illustrierten, meist liturgischen Prachthandschriften im Mittelpunkt, so waren es in diesem Teil nun die intellektuell bedeutsamen Texte karolingischer Gelehrter, deren zum Teil hochkarätige Handschriften hier in großer Dichte und Zahl präsentiert wurden. Die Relevanz der einzelnen Handschriften konnte aber auch hier durch die Kommentierungen am Exponat allein nicht hinreichend abgebildet werden. Mit dem heute in Wien liegenden Codex Carolinus politisch gewichtiger Papstbriefe, mit der ungewöhnlich raumgreifenden Handschrift des an sich für blasphemisch zu haltenden römischen Dichters Lukrez, mit den grammatischen und philosophischen Texten Alkuins oder mit den Libri Carolini zur Bilderfrage beispielsweise lagen hier Handschriften vor, die jede für sich Ausgangspunkt einer umfassenden Beschreibung karolingischer Gelehrsamkeit und Politik hätten sein können. Stattdessen wurde die Kontextualisierung dieser Handschriften, auch im Verhältnis zwischen Politik und Religion, am Objekt nur sparsam kommentiert. Erst in separaten Bildschirmpräsentationen und Hörstationen wurden diese Informationen nachgereicht.

Der vierte, räumlich leider ein wenig an den Rand gedrängte Teil widmete sich mit ebenfalls hochkarätigen Exponaten, wie dem hier allerdings dürftig kontextualisierten Cappenberger Barbarossakopf, der Mythologisierung Karls des Großen, von der Bestattung in Aachen bis in die – oft missbräuchliche – Instrumentalisierung im 19. und 20. Jahrhundert. Dem Besucher führte dieser insgesamt kürzere Teil nochmals die auch in der Retrospektive immer wieder große Bedeutung des Frankenherrschers vor Augen, legitimierte also gewissermaßen am Ende des Rundgangs die gesamte Ausstellung auf sehr anschauliche Weise.

Während die klug gewählten Teilbereiche verschiedene „Orte der Macht“ illustrierten, wurden schon im Treppenaufgang zum Krönungssaal die biographischen und politischen Rahmendaten vorgestellt. Wesentlich eindrucksvoller war die Visualisierung wichtiger Etappen der Herrschaft Karls des Großen anhand der von Alfred Rethel (1816–1859) entworfenen Fresken an den Wänden des Krönungssaales. Brillant wurden dabei die überbordenden Fresken nicht je als ganze beleuchtet, sondern durch gezielten Einsatz von Projektoren in ihre Einzelteile zerlegt, die zugleich noch mit ebenfalls projektierten Texten erläutert wurden. So wurden die in den Exponaten materialisierten Orte der Macht geschickt im Kontext der politischen Gesamtlage präsentiert.

Die informativen und bisweilen sogar innovativen, insgesamt niveauvollen Beiträge des dazugehörigen Katalogbandes erlauben es, die einzelnen Exponate in ihrem Kontext zu verstehen. Darüber hinaus bietet ein fast 50 Beiträge umfassender Essayband die Möglichkeit, jeden einzelnen Themenbereich dieses Ausstellungsteils profund zu vertiefen. Die Beiträge sind klar an den vier Themenblöcken entlang gegliedert. Das erleichtert die Zuordnung erheblich. Angesichts der sparsamen Kommentierung an den Objekten bot der Katalog gerade den nicht auf das Thema spezialisierten Besuchern wichtige, bisweilen erforderliche Zusatzinformationen.

Bei so viel Material, bemerkenswerten Exponaten und durchdachter Anordnung erwies sich dieser Teil der Ausstellung insgesamt als kluger Ansatz, die verschiedenen „Orte der Macht“ in ländlicher Peripherie, im höfischen Zentrum und in ihrer wechselseitigen Bezogenheit breit abzubilden.

Allenfalls wünschte man sich häufiger einen Blick über die Bedingungen des Frankenreich hinaus, wie er nur einmal mit Blick auf die Repräsentationsbauten expliziert wurde. Im Vergleich mit italienischen, römischen, byzantinischen und arabischen Beispielen ließe sich das Wirken im Frankenreich relativieren und insgesamt umsichtiger deuten. Diese Chance des über Westeuropa hinausgehenden Vergleichs wurde nicht in dem gewünschten – und vielleicht heute auch erforderlichen – Maß genutzt. Allerdings, so wird man in Rechnung stellen dürfen, hatte diesen Aspekt die dann allerdings nicht realisierte Berliner Ausstellung präsentieren wollen. Dass die transkulturelle Einordnung karolingischer Kultur nun nicht angemessene Berücksichtigung fand, wird man vielleicht nicht nur den Aachenern zuschreiben können. Dort wurde vielmehr ein sehr beachtliches Projekt mit sensationellen Exponaten zusammengestellt und, zumindest im Ausstellungsteil „Orte der Macht“, auch in einer modernen und stringenten Weise in Szene gesetzt.

Anmerkungen:
[1] Vgl. hierzu etwa Gerhard Lubich: Rezension zu: Fried, Johannes: Karl der Große. Gewalt und Glaube. Eine Biographie. München 2013 / Weinfurter, Stefan: Karl der Große. Der heilige Barbar. München 2013 / Patzold, Steffen: Ich und Karl der Große. Das Leben des Höflings Einhard. Stuttgart 2013, in: H-Soz-Kult, 07.01.2015, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-22067> (10.04.2015).
[2] Das Thema der nicht realisierten Ausstellung wurde in einem Sammelband behandelt: Stiftung Deutsches Historisches Museum (Hrsg.): Kaiser und Kalifen. Karl der Große und die Mächte am Mittelmeer um 800. Darmstadt 2014. Vgl. dazu auch Wilfried Hartmann: Rezension zu: Stiftung Deutsches Historisches Museum (Hrsg.): Kaiser und Kalifen. Karl der Große und die Mächte am Mittelmeer um 800. Darmstadt 2014, in: H-Soz-Kult, 11.02.2015, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-23043> (10.04.2015).
[3] Zum Centre Charlemagne als neuem Aachener Stadtmuseum vgl. <http://www.centre-charlemagne.eu/> (10.04.2015) sowie Vasco Kretschmann: Rezension zu: 24.01.2015 Aachen, in: H-Soz-Kult, 14.03.2015, <http://www.hsozkult.de/exhibitionreview/id/rezausstellungen-220> (10.04.2015).

Zitation
Florian Hartmann: Rezension zu: Karl der Große. Macht - Kunst - Schätze, 20.06.2014 – 21.09.2014 Aachen, in: H-Soz-Kult, 25.04.2015, <www.hsozkult.de/exhibitionreview/id/rezausstellungen-190>.
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25.04.2015
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