Willkommen im Anthropozän

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Ort
München
Veranstalter
Deutsches Museum und Rachel Carson Center for Environment and Society
Datum
05.12.2014 - 30.09.2016
Publikation
Möllers, Nina; Schwägerl, Christian; Trischler, Helmuth (Hrsg.): Willkommen im Anthropozän. Unsere Verantwortung für die Zukunft der Erde. München : Deutsches Museum Verlag  2015 ISBN 978-3-940396-48-8, 203 S., ca. 200 Abb. € 16,00.
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Arnošt Štanzel, Graduiertenschule für Ost- und Südosteuropastudien, Ludwig-Maximilians-Universität München

„Willkommen im Anthropozän. Unsere Verantwortung für die Zukunft der Erde“ im Deutschen Museum in München ist ein weltweites Novum. Die Sonderausstellung, ein Gemeinschaftsprojekt mit dem Rachel Carson Center for Environment and Society (RCC), ist die erste weltweit, die sich mit dem noch recht jungen, aber viel diskutierten Thema Anthropozän auseinandersetzt. Der Neologismus Anthropozän geht auf den Klimaforscher Paul J. Crutzen zurück, der diesen Begriff im Jahr 2000 auf einer Konferenz in Mexiko vorschlug. Zusammen mit Eugene F. Stoermer veröffentlichte Crutzen 2002 einen Artikel – nicht länger als eine Seite –, der eine weltweite Diskussion zu dem Thema ausgelöst hat.

Im Kern geht es dabei um die These, dass das Anthropozän als neue geologische Epoche das Holozän abgelöst habe, also die 10.000 bis 12.000 Jahre seit der letzten Eiszeit. Verfechter des Anthropozän-Konzepts führen an, dass die Menschheit eine bedeutende geologische und morphologische Kraft geworden sei. Anhand verschiedener Aspekte wie dem Klimawandel und weiträumigen Umgestaltungen der Erdoberfläche in globalem Maßstab wird dem Menschen eine zentrale Rolle bei der Veränderung der Geologie und Ökologie der Erde zugesprochen.[1] Derzeit wird die These von der „Working Group on the ‚Anthropocene’“ der „International Commission on Stratigraphy“ überprüft; mit Ergebnissen ist für das Jahr 2016 zu rechnen.

In die Debatte um das Für und Wider einer neuen Epochenbezeichnung schaltet sich das Deutsche Museum unter der Leitung der Kuratorin Nina Möllers mit der klar bejahenden Position ein: „Willkommen im Anthropozän“. Für eine solche Ausstellung gibt es wohl wenig geeignetere Orte als eines der größten technischen Museen der Welt. Auf dem Weg zum Sonderausstellungsbereich passieren die Besucher_innen viele der technischen Artefakte, welche zur Umgestaltung der Erde genutzt wurden oder noch werden.

Die 1.400 Quadratmeter große Ausstellungsfläche ist durch eine massive Wand aus Karton in zwei Teile getrennt. Im kleineren Eingangsbereich befindet sich eine künstliche Landschaft aus einer Papierblumenwiese und einem Videoturm, auf dem die Besucher_innen sich mit dem Konzept des Anthropozäns vertraut machen können. Dies markiert bereits eine der Stärken der Ausstellung: Die Besucher_innen können sich anhand einer Vielzahl interaktiver Elemente informieren, ohne dabei strikten Vorgaben folgen zu müssen. So lädt die Trennwand ein, sich die dort ausgestellten Schlüsselerfindungen der Technikgeschichte anzuschauen, die für das Anthropozän-Konzept von großer Bedeutung sind. Eines der Exponate, die größtenteils aus der eigenen Sammlung des Deutschen Museums stammen, ist eine frühe Dampfmaschine. Sie verweist auf die Industrialisierung als einen der möglichen Startpunkte des Anthropozäns. Die Glühbirne, der Öltanker, das Auto, der Telegraph und der Computer sind weitere Objekte, die im so genannten „Technikregal des Anthropozäns“ zu sehen sind.

Man kann aber auch direkt hindurchgehen, um zum eigentlichen Kern der Ausstellung zu gelangen: sechs begehbare Inseln zu den Themen Urbanität, Mobilität, Mensch-Maschinen-Beziehung, Natur, Ernährung und Evolution. Die Inseln sind gleichmäßig im Raum verteilt und können ohne vorgegebene Reihenfolge besichtigt werden. Jedes der Themen bietet dabei einen breiten Zugang zur Idee des Anthropozäns durch die Perspektive komplexer Mensch-Natur-Verhältnisse.

Alle Inseln sind ähnlich aufgebaut: In der Mitte befindet sich jeweils eine künstlerische Installation, die auf das jeweilige Thema verweist und einen anschaulichen, leicht verständlichen Zugang bietet. Um diesen Einstieg herum finden sich verschiedene Exponate und inhaltliche Erklärungen. Den Besucher_innen steht es frei, sich nur kurz zu informieren oder sich anhand verschiedener Beispiele tiefgehender mit der Materie zu beschäftigen. Zur Veranschaulichung werde ich im Folgenden einige der Inseln und die Behandlung der Themen kurz erläutern.

Im Themenbereich Mensch – Maschine finden sich Beispiele für das Zusammenspiel von Technik und Mensch und dessen Auswirkungen auf die Biosphäre. Ein Roboter mit menschlichen Zügen überragt als Installation die Insel; er ruft die lange Geschichte technischer Schaffenskraft der Menschen seit dem ersten Faustkeil in Erinnerung und illustriert sie anhand weiterer technischer Artefakte. Auf dieser Insel wird auch ein weiteres wichtiges Element des Anthropozän-Konzepts angesprochen, welches die menschliche „Technosphäre“ mit der „Biosphäre“ verbindet: Durch die Nutzung der Atomkraft und den Fallout der Atombombentests ist eine geologische Schicht aus radioaktiven Teilchen entstanden, die noch in Millionen Jahren nachweisbar sein wird. Darauf bezieht sich der zweite Vorschlag für die Datierung des Anthropozäns, nämlich der Tag der ersten oberirdischen Zündung einer Atombombe (am 16. Juli 1945 in New Mexico, USA). Neben dem Versuchsaufbau Otto Hahns zur Entdeckung der Kernspaltung findet sich auch eines der aus heutiger Sicht skurrilsten Exponate der Ausstellung: das Foto eines US-Generals, der zur Feier eines erfolgreichen Atombombentests vor einer Torte mit einem Atompilz aus Zuckerguss posiert. Damit wird auf die Ambivalenz vieler technischer Erfindungen des Menschen hingewiesen, die sowohl Gutes wie auch Schlechtes bewirken können, und zugleich auf den Wandel in den Bewertungen.

Die Themeninsel zur Ernährung ist ein Beispiel für die vielen gelungenen interaktiven Elemente der Ausstellung: Auf einem Tisch finden sich Teller mit Abbildungen einzelner Speisen. Den Kelch des jeweiligen Gedecks können die Besucher_innen greifen; er dient als Lautsprecher und klärt über die Produktion einzelner Nahrungsmittel sowie über die Konsequenzen für die Natur auf. Wer sich für das Thema Ernährung vertieft interessiert, kann sich anhand anschaulicher Infotafeln und nicht zu langer Texte über komplexere Aspekte wie die Nutzung moderner Dünger, den Stickstoffkreislauf und dessen Veränderung im Anthropozän informieren.

Viel um Stoffkreisläufe geht es auch beim Thema Urbanität und Ressourcen, wo anhand der Idee des urbanen Metabolismus aufgezeigt wird, wie Städte zu Zentren weltweiter Waren- und Rohstoffbewegungen für Produktion und Konsum geworden sind, aber auch zu Orten konzentrierter Umweltprobleme – etwa bei der Frage nach der Versorgung informeller Städte, also Slums, mit Wasser. Dies ist zugleich ein kritischer Hinweis darauf, dass der Mensch im Anthropozän derzeit an die Grenzen der Belastbarkeit der Natur stößt.

Die aus meiner Sicht gelungenste Themeninsel ist jene zur Natur. Schon die zentrale Installation lässt bei den Besucher_innen eine Vielzahl von Assoziationen durch den Kopf schießen: Ein Baum wird von einer Barrikade aus Landschaftsbildern umschlossen. Dabei handelt es sich aber nicht um klassische Landschaftsmalerei eines Cézanne oder Van Gogh, sondern um mit Öl gemalte Luftaufnahmen anthropogener Landschaften, etwa riesiger Tagebaue oder Gewächshäuser in Südspanien. Sie zeigen plakativ neue Landschaften und regen dazu an, sich mit den Veränderungen der Natur durch den Menschen zu beschäftigen. Inhaltlich beschäftigt sich dieser Teil der Ausstellung mit verschiedenen Naturvorstellungen und Mensch-Natur-Beziehungen im Laufe der Epochen. Diese Aufzählung kulminiert in einer Kernforderung der Verfechter des Anthropozän-Konzepts: der Erkenntnis, dass es keine Dichotomie von Mensch und Natur gibt, sondern dass beide untrennbar vereint und voneinander abhängig sind.

Beim Verlassen der Ausstellung lädt das „Technikregal“ ein, sich unter dem Motto „Back to the Future“ mit verschiedenen (gescheiterten) Technikutopien des vergangenen Jahrhunderts sowie mit Zitaten berühmter Erfinder zu befassen, die sich als Fehleinschätzungen herausgestellt haben. Dies weist zum einen auf die technische Hybris vieler Visionen hin, aber auch auf die Neigung von Menschen, Zukunft immer wieder neu zu definieren und zu imaginieren. Eben dazu sind auch die Besucher_innen am Ende der Ausstellung auf der schon erwähnten Blumenwiese aufgefordert: Zu verschiedenen Fragen (zum Beispiel: „Wie sieht die anthropozäne Erde im Jahr 2100 aus?“) kann man seinen Diskussionsbeitrag als weitere Papierblume „anpflanzen“ und mit den Ausstellungsmacher_innen in eine Interaktion treten.

Das Deutsche Museum und das RCC geben mit der Ausstellung „Willkommen im Anthropozän“ eine sehr gelungene Einführung zu dem Thema. Dies fängt bei der museumspädagogischen Gestaltung an: eine ausgewogene Mischung aus informativen Texten und interaktiven Elementen sowie passenden und anschaulichen Exponaten. Auch die Themeninseln sind nicht nur beim Design auf der Höhe der Zeit; es gelingt ihnen zudem, anhand der sechs Themenfelder unaufdringlich in Kernaspekte der Anthropozän-Debatte einzuführen, ohne die Besucher_innen zu überfordern. Dabei stellt die Ausstellung das Anthropozän nicht bloß als Geschichte von Umweltzerstörungen dar. Vielmehr werden verschiedene Aspekte der Mensch-Natur-Beziehungen durchaus kritisch beleuchtet, aber ohne erhobenen Zeigefinger – den Besucher_innen bleibt eine Deutung selbst überlassen.

Über die geologischen Hintergründe der Anthropozän-Debatte ist vergleichsweise wenig zu erfahren; hier wäre zumindest ein wenig mehr Text von Vorteil gewesen. Gleichzeitig wird so vermieden, dass man sich einseitig auf diese Disziplin konzentriert, und es wird einer der großen Gewinne der Diskussion um ein mögliches neues Erdzeitalter deutlich: Unabhängig davon, ob das Anthropozän-Konzept 2016 von der genannten Arbeitsgruppe wissenschaftlich weiter untermauert wird oder nicht, hat bereits die These in den letzten Jahren eine äußerst fruchtbare interdisziplinäre Debatte bewirkt. Daher ist die Ausstellung nicht nur für jeden aufschlussreich, der sich über das Anthropozän und die dahinter stehenden Ideen informieren möchte, sondern gerade auch für Historiker_innen, weil das Anthropozän-Konzept eine Herausforderung für bisher gängige Periodisierungen und Epochen-Annahmen bedeutet. Für Kenner der Debatte findet sich zwar wenig Neues in der Ausstellung, doch lohnt sich der Besuch allein aufgrund der zeitgemäßen musealen Präsentationstechniken und mancher außergewöhnlicher Exponate – und wegen des Katalogs, der auf informative Weise in das Thema einführt, aber auch eine Reihe spannender Essays zum Weiterdenken enthält: etwa die Überlegungen, wie ein steigender Meeresspiegel das derzeitige System des internationalen Seerechts an seine Grenzen stoßen lassen könnte. Und wer es bis September 2016 nicht nach München ins Deutsche Museum schafft, dem sei zumindest die begleitende Online-Ausstellung empfohlen.[2]

Anmerkungen:
[1] Siehe als Überblick etwa Franz Mauelshagen, „Anthropozän“. Plädoyer für eine Klimageschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History 9 (2012), S. 131-137, <http://www.zeithistorische-forschungen.de/1-2012/id=4596> (11.02.2015).
[2] <http://www.environmentandsociety.org/exhibitions/anthropocene> (11.02.2015).

Zitation
Arnost Stanzel: Rezension zu: Willkommen im Anthropozän, 05.12.2014 – 30.09.2016 München, in: H-Soz-Kult, 14.02.2015, <www.hsozkult.de/exhibitionreview/id/rezausstellungen-216>.
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Veröffentlicht am
14.02.2015
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