Das Licht der Geschichte. Oberschlesien im Wandel der Zeiten

Ort
Katowice
Veranstalter
Schlesisches Museum
Datum
26.06.2015
Publikation
Dauerausstellung: Das Licht der Geschichte. Oberschlesien im Wandel der Zeiten.
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Juliane Tomann, Imre Kertész Kolleg Jena / Friedrich-Schiller-Universität Jena

Wer den hellen, lichtdurchfluteten Neubau des Schlesischen Museums betritt, hat bereits eine Vielzahl von Eindrücken verarbeiten müssen, bevor er in die Tiefe hinabsteigt, um die Dauerausstellung "Das Licht der Geschichte. Oberschlesien im Raum der Geschichte" zu sehen.[1] Denn das Schlesische Museum befindet sich seit Ende Juni 2015 in einem städtebaulich erst kürzlich erschlossenen Gebiet, das mit viel Monumentalem und Eindrucksvollem aufwartet. Das Museumsgelände auf der stillgelegten Grube „Katowice“ ist Teil des umfassenden Katowicer Stadtumbauprojektes, das der Stadt mit einer so genannten „Kulturachse“ nicht nur einen neuen urbanen Raum, sondern auch ein postindustrielles Image verschaffen soll.

Im Gegensatz zu den anderen Großinvestitionen der „Kulturachse“[2] ist das Museum jedoch kein reiner Neubau, es bezieht die bestehenden ehemaligen Grubenanlagen nach ihrer Restaurierung ein. Das zurückhaltende, manchmal ins Klinisch-Sterile tendierende Weiß der Innenarchitektur, die mit ihren modernen Piktogrammen den Besucher durch die Weiten der großteils unterirdischen Ausstellungsfläche leitet, steht in einem kaum aufzulösenden Kontrast zum authentischen Ort der Kohlegrube. So steigt der Besucher hinunter zu den Ausstellungsflächen wie in einen großen weißen Schlund. Der Beginn der Dauerausstellung holt ihn jedoch in die konkrete historische Wirklichkeit zurück: Der nachgebildete Eingang der Grube „Katowice“, durch den die Ausstellung betreten wird, ist in schwarz und grau gehalten. Leben wird diesem dunklen Arrangement durch eine übergroße Videoinstallation mit Bergleuten vor Schichtbeginn eingehaucht. Die ringsum gehängten Solidarność-Plakate lassen erahnen, dass es sich um das Jahr 1989 handeln muss, das den Einstieg in die historische Erzählung über Oberschlesien bildet.

Schon im zweiten Saal wird dieser mutige und konkret fassbare Auftakt sowohl inszenatorisch als auch inhaltlich zurück genommen. Die Narration macht einen weiten Sprung zurück in das Mittelalter. Die Darstellung ist nun weniger drängend, wirkt ruhiger und distanzierter. In hellen, angenehmen Farben präsentiert sich etwa der Nachbau der romanischen Rotunde in Teschen/Cieszyń. Eine nachgebaute Bibliothek lädt dazu ein, die wichtigsten Daten und Ereignisse der Zeit bis etwa 1700 nachzulesen. Doch in den hohen Regalen liegen nicht etwa Bücher, sondern Touchscreens, die die Gestalt von enzyklopädischen Werken haben. Das macht es leichter, zwischen den einzelnen Sprachen zu wechseln, denn die Ausstellung ist konsequent polnisch, deutsch und englisch beschriftet. Den oberschlesischen Regionaldialekt gibt es großteils als Audio. Das ist nachvollziehbar, da das Oberschlesische keine standardisierte Schriftsprache ist.

Der nachfolgende Raum führt in Gestalt eines nachempfundenen Palais samt einer Videoinstallation der Adelsfamilie in die Frühe Neuzeit. Das recht kleine Modell einer Dampfmaschine sowie eine Auswahl an Ackergeräten wirken als Zusammenstellung beliebig. Trotz der Gegensätze bildet dieser Raum eine intellektuelle und akustische Verschnaufpause, bevor die Ausstellung im Anschluss deutlich an erzählerischer Dichte, Detailliertheit, visueller und audiovisueller Inszenierung gewinnt. Laut und düster ist der Umbruch in eine neue Welt, eine veränderte Lebenswirklichkeit, die den nächsten Raum dominiert. Industrialisierung, Wachstum der Städte, Veränderung der Landschaft sind die Themen, die mit großem inszenatorischen Aufwand präsentiert werden.

Der Bauboom in den Städten, die Entwicklung von Arbeiter- und Patronatssiedlungen, aber auch die „Sonnen- und Schattenseiten des Lebens in Preußen“ und damit verbunden das für Oberschlesien zentrale Thema des Kulturkampfes unter Bismarck und die aufkeimenden nationalen Antagonismen zwischen Deutschen und Polen werden als nächstes behandelt. Getragen wird die Narration von Panels, auf denen Nachdrucke von Dokumenten, Fotografien, Karten und Plänen zusammengestellt wurden. Objekte sind hier Mangelware und wo sie ausgestellt werden, sind sie eher bedeutungslos: Eine Wäschemangel und ein weißes Kinderbettchen stehen in der Raummitte, transportieren aber keine Aussage, vor so vielen detaillierten Informationen, verpackt in Touchscreens und den Texten auf den Panels.

Räumlich quer liegt das Thema Religion, das in einer Art Einschub dargestellt wird, der in die anderen Räume hineinreicht. Die Wände dieses kleinen Gebetsraumes sind mit Plastikimitaten aufgeschlagener polnischer Gebetsbücher ausstaffiert und es sind in akustischer Dauerschleife polnischsprachige Gebete zu hören. Dass Religion in Oberschlesien eine zentrale Rolle spielt, wird aus der Vielzahl der gut arrangierten Objekte in diesem Bereich deutlich erkennbar, hätte aber besser in die gesamte Narration eingebunden werden können.

In den nachfolgenden Räumen steht das Alltagsleben im Mittelpunkt. Ein Film zeigt eine oberschlesische Hochzeit in einer Arbeitersiedlung und Instrumente verweisen auf die Musiktradition der Region. Die Nachbildung einer Küche wird jedoch gleich an mehreren Orten gebrochen: Auf der Anrichte liegt ein Buch, das sich erneut als Touchscreen entpuppt und neben dem Küchentisch wird auf einem großen Bildschirm die ausgestellte Situation nachgespielt: Die Mutter verteilt regionale Spezialitäten wie schlesische Klöße und die vierköpfige Familie isst zufrieden. Dabei handelt es sich um Schauspieler aus der Gegenwart, die in historische Kostüme geschlüpft sind. Das eigentliche Ausstellungsstück, der Küchentisch, lädt unterdessen dazu ein, sich hinzusetzen, um den Film anzusehen.

In der Chronologie folgt nun der Erste Weltkrieg und der Besucher merkt spätestens am unebenen Untergrund, dass es sich um eine bewegte Zeit gehandelt haben muss. „Der Untergang der alten Welt“ heißt eine der Überschriften und zerrissene und verbrannte Landkarten hängen von der Decke. Die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, als das kleine Oberschlesien durch den Streit um seine staatliche Zugehörigkeit zwischen Deutschland und Polen, bewaffnete Aufstände und letztlich ein Plebiszit in den Mittelpunkt der Weltöffentlichkeit rückte, wird auf sehr engem Raum und mit großem inszenatorischen Aufwand ausgestellt. Am anschaulichsten ist das am Beispiel der deutschen und polnischen Abstimmungspropaganda vor dem Plebiszit. Die politisch aufgeheizte Lage soll dem Besucher durch zwei sich drehende Litfaßsäulen mit schreienden schwarz-weißen Gesichtern vergegenwärtigt werden, durch die er hindurchgeht.

Die Teilung der Region zwischen Deutschland und Polen im Jahr 1922 wird durch einen deutschen und einen polnischen Triumphbogen am Eingang des nächsten Raumes symbolisiert. Ein weißer, blitzartig erleuchteter Strahl auf dem Boden verweist auf das Abrupte der neu gezogenen Grenze. Die Fülle der nachgebauten Gebäude bringt die Aufmerksamkeitsspanne des Besuchers bereits hier an seine Grenzen. Dabei liegen mit der Herrschaft der Nationalsozialisten und dem Zweiten Weltkrieg die für Oberschlesien heiklen Themen wie „Oberschlesier in der Wehrmacht“ und die „Deutsche Volksliste“ noch vor ihm. Das System der Volksliste und der Umgang mit den einzelnen Gruppen vor und nach 1945 werden ausführlich thematisiert und zusätzlich durch Zeitzeugeninterviews unterlegt. Der Kriegsverlauf, Flucht und Vertreibung der Deutschen aus der Region, die „Oberschlesische Tragödie“ aber auch die Nennung von Gerechten unter den Völkern, alle diese Themen finden hier auf engstem Raum Platz, in dessen dunkler Mitte eine Guillotine präsentiert wird, mit der in der Kattowitzer Nikolaistraße in den Jahren 1941 bis 1945 von den Nationalsozialisten 552 Menschen getötet wurden. Die Guillotine ist jedoch nicht in Gänze zu sehen, sondern von einem schwarzen Sarkophag umhüllt, der das Objekt nur durch einen schmalen Sehschlitz freigibt. Einerseits zeugt es von viel Mut und Entscheidungsfreude, ein unter ethischen Aspekten so fragwürdiges Objekt in die Ausstellung aufzunehmen. Andererseits bleibt es fraglich, welchen Wert ein Objekt hat, wenn es fast vollständig verhüllt wird.

Auf die Nachkriegszeit geht die Ausstellung sehr ausführlich ein. Raumgreifend wird die Entwicklung der Region anhand eines Zimmers in einem Arbeiterhotel sowie zweier eingerichteter Neubauwohnungen gezeigt. Vermittelt werden soll scheinbar eine Phase der ökonomischen Stabilität, begleitet von einem langsamen kulturellen Aufblühen, aber auch der sozialen Durchmischung der Bevölkerung aufgrund des Zuzuges.

Die Gefahren des extensiv betriebenen Bergbaus und der Industrieproduktion sowie die politische Krise des Systems Ende der 1980er-Jahre beschließen die Narration. Mit der Streikwelle der Jahre 1980/81 und der Entstehung der Gewerkschaftsbewegung Solidarność kehrt die Erzählung an ihren Ausgangspunkt zurück. Dabei ist es als großer Verdienst zu werten, dass der Zeit der Volksrepublik Polen in der Ausstellung so viel Raum gegeben wurde. Das erklärt jedoch nicht, warum die Erzählung nicht über das Jahr 1989 hinausreicht – zumal die letzte Texttafel die Frage der Zukunft der Region aufwirft.

Am Ende bleibt ein sehr gemischter Eindruck. Einerseits ist es wichtig, dass die Geschichte Oberschlesiens mit dieser Ausstellung erstmals in der Region so umfänglich musealisiert wurde. Dieser Versuch hat lange auf sich warten lassen: Seit der Wiederrichtung des Museums im Jahr 1984 hatte es keine synthetisierende historische Dauerausstellung über Oberschlesien gegeben. Damit war dieses Ausstellungsprojekt von Beginn an ein – auch politisches – Streitobjekt. Die ursprüngliche Konzeption, die die Ausstellung etwa mit der Industrialisierung und einem Zitat Goethes beginnen lassen sollte, wurde im Jahr 2012 mit dem Argument gekippt, diese Perspektive sei zu deutsch. Vor diesem Hintergrund ist eine Schau entstanden, der der Mut zu konkreten Aussagen und Thesen fehlt. Sie wirkt vielmehr wie der Versuch, enzyklopädisches Wissen bebildern zu wollen. Den eingangs formulierten Anspruch, der „einzigartigen Identität“ der Region nachzuspüren, kann sie nur bedingt einlösen. Ein Katalog, den es leider noch nicht gibt, wäre zur Orientierung hilfreich.

Anmerkungen:
[1] Weitere Informationen zur Ausstellung finden sich in polnischer Sprache unter: <http://www.muzeumslaskie.pl/wystawy-ul-t-dobrowolskiego-1-swiatlo-historii-gorny-slask-na-przestrzeni-dziejow.php> (27.10.2015) oder in einer kürzeren englischen Version unter: <http://www.muzeumslaskie.pl/en/exhibitions-permanent-exhibitions-the-light-of-history-upper-silesia-over-the-ages.php> (27.10.2015).
[2] Das Museum ist umgeben vom Neubau des Konzerthauses für das Polnische Radiosymphonieorchester sowie einem riesigen Kongresszentrum, auf dessen begrüntem Dach Spazierwege verlaufen.

Zitation
Juliane Tomann: Rezension zu: Das Licht der Geschichte. Oberschlesien im Wandel der Zeiten, 26.06.2015 Katowice, in: H-Soz-Kult, 31.10.2015, <www.hsozkult.de/exhibitionreview/id/rezausstellungen-229>.
Redaktion
Veröffentlicht am
31.10.2015
Beiträger
Redaktionell betreut durch
Klassifikation
Weitere Informationen
Typ
Sprache Beitrag
Sprache Veranstaltung
Land Publikation
Sprache Publikation