Triumph und Trauma. Sowjetische und postsowjetische Erinnerung an den Krieg 1941-1945

Ort
Berlin
Veranstalter
Deutsch-Russisches Museum Berlin-Karlshorst (<http://www.museum-karlshorst.de>)
Datum
05.05.2005 - 11.09.2005
Publikation
Jahn, Peter (Hrsg.): Triumph und Trauma. Sowjetische und postsowjetische Erinnerung an den Krieg 1941-1945/Triumf i Bol’. Sovetskaja i postsovetskaja pamjat’ o vojne 1941-1945. Berlin : Christoph Links Verlag  2005. ISBN 3-86153-356-1 215 S. € 29,90.
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Wolfram von Scheliha, Hohen Neuendorf

„Ruhm dem großen Sieg! 1941–1945“. Diese Losung in kyrillischen Lettern auf schäbigem Furnierholz über dem Türsims stammt noch aus der Zeit, als das Museum in Karlshorst von der Gruppe der sowjetischen Streitkräfte in Deutschland betrieben wurde (als „Museum der bedingungslosen Kapitulation des faschistischen Deutschland im Großen Vaterländischen Krieg 1941–1945“). In der Ausstellung „Triumph und Trauma. Sowjetische und postsowjetische Erinnerung an den Krieg 1941–1945“ des heutigen Deutsch-Russischen Museums Berlin-Karlshorst wird die Inschrift nun zum Exponat und bildet das Eingangsportal, das seitlich von stilisierten Flügeltüren mit dem Einführungstext auf der linken und Iwan Schagins bekanntem Bild vom Häuserkampf in Stalingrad auf der rechten Seite flankiert wird. Am Ende des dahinter liegenden langen Korridors erkennt man die monumentale Denkmalanlage in Wolgograd mit Wutschetitschs riesiger „Mutter Heimat“-Skulptur. Die Wände des Korridors sind schwarz ausgeschlagen. An ihnen hängen Reproduktionen von „Bildern der Erinnerung“ – Plakate, Fotos, Gemälde, brutal auf eine Höhe gebracht. Sie erinnern an ein Wandrelief, das wie bei den meisten sowjetischen Monumentaldenkmälern zu der zentralen Skulptur hinleitet.

Diese fulminante Inszenierung bildet den Auftakt zur Sonderausstellung, die aus Anlass des 60. Jahrestages des Kriegsendes von Peter Jahn, Christine Glauning und Andrea Moll erarbeitet und von Kurt Blank-Markard gestalterisch umgesetzt wurde. Anders als die bisherigen Karlshorster Sonderausstellungen beschränkt sie sich nicht auf den relativ kleinen Wintergarten, sondern bezieht auch geschickt Teile der Dauerausstellung ein. Im Arbeitszimmer von Marschall Georgi Shukow wird an das wechselvolle Schicksal des militärischen Vaters des sowjetischen Sieges erinnert, dessen große Popularität Stalin veranlasste, ihn in die Provinz abzuschieben. In dem Saal, in dem in der Nacht vom 8. zum 9. Mai 1945 die Kapitulationsurkunde unterzeichnet wurde, sind nun auch Bilder von triumphierenden Siegern und niedergeschlagenen Besiegten zu sehen.

Im eigentlichen Hauptteil ziehen die Ausstellungsmacher zunächst eine „Bilanz des Krieges und des Nachkriegsalltages“, um dem Besucher angesichts der Zerstörungen der Städte und der Infrastruktur, des Todes von mehr als 27 Millionen Menschen und der weitgehenden Entwurzelung der Bevölkerung durch Militärdienst, Flucht, Verschleppung durch die Wehrmacht, Evakuierung und stalinistische Repression die Bedingungen vor Augen zu führen, unter denen die sowjetische Erinnerungskultur entstand. Den Wiederaufbau propagierte die Parteiführung als eine Fortsetzung der Schlachten des Krieges, wie es ein Plakat von Leonid Golowanow aus dem Jahr 1965 sinnfällig macht: Der Künstler zitiert seine früheren Plakate „Wir werden bis nach Berlin ziehen“ (1944) und „Der Roten Armee – Ruhm! Wir sind nach Berlin gekommen“ (1946), um nun die Losung „Auch in der Arbeit siegen wir!“ auszugeben.

In dem vergleichsweise kleinen Abschnitt „Politik und Kriegserinnerung“ steht zunächst eine Person im Vordergrund: Josef Stalin, der sich zum genialen Militärführer stilisieren und die Zahl der sowjetischen Todesopfer auf 7 Millionen herunterrechnen ließ, um keine Kritik an seiner Strategie aufkommen zu lassen. Nach Chruschtschows Abrechnung mit dem Personenkult wurde die Rolle des Organisators des Sieges der Partei zugeschrieben. Im Kalten Krieg diente die Rückbesinnung auf den Triumph im Krieg der Vergewisserung der eigenen Stärke im Wettstreit der Militärblöcke.

Breiten Raum geben die Ausstellungsmacher der sowjetischen Denkmalsarchitektur. Monumentale „Gedenkstätten der internationalen Befreiungsmission der sowjetischen Armee“ entstanden zunächst außerhalb des Landes, so das schon 1949 eingeweihte Denkmal im Treptower Park in Berlin. Obwohl auch für die Sowjetunion Monumentalanlagen projektiert wurden, beschränkte man sich auf kleinere Denkmäler und schlichte Soldatenfriedhöfe. Angesichts der Allgegenwart Stalins gab es offenbar weder Raum noch Bedarf für eine monumentale Erinnerungskunst. Dies änderte sich erst mit der Ära Chruschtschow, wie an den Beispielen des Wolgograder Denkmals und anderer Anlagen gezeigt wird. Gedenkstätten für die zivilen Kriegsopfer finden sich dagegen nur selten. Ausführlich dokumentiert die Ausstellung zudem kleinere Denk- und Mahnmale auf dem Lande. Darüber hinaus machte eine Vielzahl von Erinnerungszeichen – Gedenktafeln an Häusern, Kunstwerke und Plakate – den Krieg im öffentlichen Raum omnipräsent. Pläne zur musealen Darstellung des Krieges entstanden schon früh; bereits 1943 entwarf Lew Rudnew einen Museumspalast für den Roten Platz, dem das Kaufhaus GUM hätte weichen müssen.

Eine zentrale Rolle in der sowjetischen Erinnerungskultur nimmt der Heldenkult ein. Die Propaganda stilisierte die Helden zu Vorbildern, deren bedingungsloser Einsatz zur Nachahmung verpflichten sollte – wie die Ausstellung anhand von mehreren eindrucksvollen Plakaten und ausführlich am Beispiel der 18-jährigen, von den Deutschen gehenkten Partisanin Soja Kosmodemjanskaja zeigt.

Ein umfangreicher Abschnitt beschäftigt sich mit dem schwierigen Thema „Kriegserinnerung und Gesellschaft“. Zunächst wird die Rolle der Veteranen beleuchtet, die vergleichsweise privilegiert sind. Ein anderer Aspekt ist die „patriotische Erziehung“ der Jugend, die den „Großen Vaterländischen Krieg“ in den Mittelpunkt rückt. In dem Kapitel „Rituale“ dokumentieren die Ausstellungsmacher vor allem den Brauch frischvermählter Brautpaare, an Denkmälern Blumen niederzulegen, allerdings – das findet keine Erwähnung – nicht nur an Kriegsdenkmälern. Zweifellos belegt aber die hohe Besuchsfrequenz von Brautpaaren an Kriegsmonumenten – mitunter im Minutentakt – die tiefe gesellschaftliche Verwurzelung der Erinnerung an den Krieg. Monumentale Memorialarchitektur und öffentliche Erinnerungsrituale erfüllten in der Sowjetunion jedoch vor allem einen propagandistischen, der Gegenwart und Zukunft zugewandten Zweck. Raum für individuelle Trauer boten sie dagegen nur begrenzt. Einzelgräber gibt es kaum, und noch in den 1970er-und 1980er-Jahren versuchten Menschen mit Hilfe von am Rande von Großveranstaltungen hochgehaltenen selbstgebastelten Schildern, Informationen zum Schicksal ihrer vermissten Angehörigen zu erhalten.

Der letzte Abschnitt ist dem Wandel der Erinnerung an den Krieg seit der Perestrojka gewidmet. Während bei den Gedenkritualen und der musealen Darstellung Kontinuität vorherrscht – die bereits zu sowjetischer Zeit geplante zentrale Denkmals- und Museumsanlage auf der Poklonnaja Gora in Moskau[1] wurde erst unter dem Präsidenten Boris Jelzin errichtet –, ist der gesellschaftliche Umgang mit dem Krieg pluralistischer geworden. Am Beispiel der Organisation „Obelisk“ wird gezeigt, wie vorwiegend Jugendliche sich seit Beginn der 1990er-Jahre darum bemühen, die noch immer auf den Schlachtfeldern liegenden Gebeine gefallener Soldaten zu bergen, soweit wie möglich zu identifizieren und auf Soldatenfriedhöfen beizusetzen. Seit der Perestrojka findet auch die Erinnerung an die „vergessenen“ Opfer – die Opfer des deutschen Völkermordes, die Zwangsarbeiter und auch die Opfer der stalinistischen Repression – eine (wenn auch nur begrenzte) Öffentlichkeit. Hier verwundert allerdings die Exponatauswahl, denn die angeführten Beispiele beziehen sich ausnahmslos auf die Ukraine und Weißrussland, zwei unabhängige Staaten, die in ihrer Geschichtspolitik mitunter andere Akzente als Russland setzen. Auch das Thema der „kontroversen Kriegserinnerung“ über die „weißen Flecken“ in der sowjetischen Kriegsgeschichtsschreibung behandelt die Ausstellung nur recht knapp und wenig pointiert. Gezeigt werden ein Zeitungsartikel des Schriftstellers Wjatscheslaw Kondratjew über die Traumatisierung und schwierige soziale Lage der Veteranen, die russische Ausgabe von Viktor Suworows Buch „Der Eisbrecher“, das die These von einem deutschen Präventivkrieg stützt, und Material über die erfolgreiche russische TV-Serie „Schtrafbat“, die das Schicksal von Soldaten in Strafbataillonen schildert, die häufig aufgrund von Willkürurteilen des NKWD dorthin gelangt sind und zur „Bewährung“ auf Himmelfahrtkommandos geschickt wurden.

Originale finden sich in der Ausstellung nur wenige. Eindrucksvoll sind das grau-grüne Kleid einer Partisanin sowie das Notizbuch einer Ärztin, in dem sie die Adressen ihrer Kameradinnen sammelte. Beide Exponate sind Leihgaben des Zentralmuseums der Streitkräfte in Moskau. Ursprünglich wollten die Ausstellungsmacher dort auch Uniformjacken von Hitler und Stalin entleihen, die im Kapitulationssaal präsentiert werden sollten, doch scheiterte dies an der deutschen Bürokratie.

Die Reproduktionen der übrigen Exponate werden ausnahmslos auf schwarzen Wandtafeln präsentiert. Der abgedunkelte Raum verbreitet daher eine Atmosphäre, die selbst das dominierende Rot auf den gezeigten Plakaten blass und deprimierend wirken lässt. So wird dem Besucher vor allem der traumatische und weniger der triumphale Aspekt der Kriegserinnerung vermittelt – wohl mit Bedacht, denn wie Peter Jahn in seinem Katalogbeitrag ausführt, ist die Bilanz, die ein Russe vom 20. Jahrhundert ziehen kann, in erster Linie düster.

Insgesamt bietet die unbedingt empfehlenswerte Ausstellung einen sehr guten Überblick über das Thema. Sie wird prägnant und unaufdringlich präsentiert; inszenatorische Mittel werden sparsam, aber wirkungsvoll eingesetzt (wie am Eingang). Nur beim letzten Kapitel scheint den Machern ein wenig die Luft ausgegangen zu sein, was insofern schade ist, als sich hier die Möglichkeit eröffnet hätte, die sehr russozentristische Perspektive, die in der Sowjetunion dominierte, zu verlassen und einen Blick auf die divergierende Erinnerungslandschaft in den sowjetischen Nachfolgestaaten zu werfen. Die Debatte um die Moskauer Siegesfeier zum 60. Jahrestag hat erneut gezeigt, dass hier noch erheblicher politischer Sprengstoff liegt.[2]

Anmerkungen:
[1] Vgl. dazu Karl, Lars, „Den Verteidigern der russischen Erde…“. Poklonnaja Gora: Erinnerungskultur im postkommunistischen Russland, in: Zeitgeschichte-online, Thema: Die russische Erinnerung an den „Großen Vaterländischen Krieg“, Mai 2005, URL: <http://www.zeitgeschichte-online.de/zol/_rainbow/documents/pdf/russerinn/karl.pdf>.
[2] Vgl. etwa Polianski, Igor J., Die kleineren Übel im großen Krieg. Der 60. Jahrestag des Sieges: Das Fest des historischen Friedens und der Krieg der Geschichtsbilder zwischen Baltikum und Russland, in: Zeitgeschichte-online, Thema: Die russische Erinnerung an den „Großen Vaterländischen Krieg“, Mai 2005, URL: <http://www.zeitgeschichte-online.de/zol/_rainbow/documents/pdf/russerinn/polianski.pdf>; Arndt, Melanie; Gerber, Veronika, Befreiung? Unerhört! Der 60. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieges – Baltische Wahrnehmungen und Reaktionen, in: ebd., URL: <http://www.zeitgeschichte-online.de/zol/_rainbow/documents/pdf/russerinn/arndt_gerber.pdf>.

Zitation
Wolfram von Scheliha: Rezension zu: not defined, go into event (ausstellungsrez) Triumph und Trauma. Sowjetische und postsowjetische Erinnerung an den Krieg 1941-1945, 05.05.2005 – 11.09.2005 Berlin, in: H-Soz-Kult, 13.08.2005, <www.hsozkult.de/exhibitionreview/id/rezausstellungen-32>.
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13.08.2005
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