S. Rebenich: Die Deutschen und ihre Antike

Cover
Titel
Die Deutschen und ihre Antike. Eine wechselvolle Beziehung


Autor(en)
Rebenich, Stefan
Erschienen
Stuttgart 2021: Klett-Cotta
Anzahl Seiten
496 S.
Preis
€ 38,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Björn Onken, Historisches Institut, Universität Duisburg-Essen

Der Band trägt einen vielversprechenden Titel, den auch der Untertitel kaum entschärft: Die Deutschen und ihre Antike. Eine wechselvolle Beziehung. Diesem umfassenden Anspruch gerecht zu werden, dürfte aber nur einen Autor überfordern, wie auch unser Autor Stefan Rebenich gar nicht bestreitet, denn wie man in der Einleitung erfährt, ist schon allein die Sichtung des Materials eine Herkulesaufgabe. „Kaum mehr zu überschauen ist die einschlägige Literatur zur ubiquitären Rezeption der Antike.“ (S. 12) Sinnvollerweise setzt Rebenich daher Schwerpunkte, die sich naheliegenderweise aus den Themen seiner bisherigen Forschungen zur Geschichte der Altertumswissenschaften ergeben, so dass „kein erschöpfendes Handbuch, sondern eine exemplarische Wissenschaftsgeschichte“ entstanden ist (S. 18). Antikenrezeption in der Weimarer Klassik, in Literatur und Kunst oder gar in der modernen Populärkultur wird nur am Rande erwähnt. Rückgrat des Bandes sind Überarbeitungen einer Auswahl bereits erschienener Texte Rebenichs, die überlegt miteinander verbunden, aktualisiert und ergänzt wurden, so dass eine gut lesbare Geschichte der klassischen Altertumswissenschaften mit besonderer Berücksichtigung der Alten Geschichte in Deutschland seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts entstanden ist. Es ist natürlich zu bedenken, dass der exemplarische Zugriff dazu führt, dass zentrale Themen nicht vertieft worden sind. So wird dem Jahrhundertprojekt der Realencyclopädie nur im Vorspann zu einem Kapitel zum Handbuch der Altertumswissenschaften im Beck Verlag ein Absatz gewidmet. Wer es genauer wissen will, findet in den umfangreichen Fußnoten aber gute Hinweise zu weiterführender Literatur. Das von Rebenich vertieft analysierte Exempel des Handbuches der Altertumswissenschaften wiederum gewährt aufschlussreiche Einblicke in den süddeutschen Wissenschaftsbetrieb um 1900 mit bemerkenswerten Details aus Archivalien. Ausgehend von den Akteuren Mommsen, Wilamowitz-Moellendorff, Harnack und Althoff ist aber auch der sehr einflussreiche Berliner Wissenschaftsbetrieb dieser Zeit ein Schwerpunkt des Bandes.

Insgesamt wird die Bedeutung der Auseinandersetzung mit der Antike für die deutsche Kultur- und Gesellschaftsgeschichte anhand der Wissenschaftsgeschichte klar herausgearbeitet. Deutlich wird insbesondere, dass bei Wilhelm von Humboldt Wissenschaft und (Schul-)Bildung noch Hand in Hand gingen, sie aber im Laufe des 19. Jahrhunderts in eine spannungsreiche Beziehung gerieten, da die wissenschaftlichen Erkenntnisse zur Antike die übliche Darstellung der Griechen und Römer in Bildungskontexten zunehmend als unangemessene Idealisierung erscheinen ließen. Am Ende des 19. Jahrhunderts verliert die Antike ihre Vorrangstellung in den deutschen Schulen, aber die deutschsprachigen Altertumswissenschaften haben „internationalen Ruhm“ (S. 81) erworben. Der Erste Weltkrieg beschädigte die internationalen Verbindungen, aber die Verirrung in die nationale Isolation bringt die Zeit des Nationalsozialismus. Viele der besten Köpfe mussten emigrieren, was für die meisten der noch nicht etablierten Nachwuchswissenschaftler das unmittelbare Ende ihrer Tätigkeit in der Wissenschaft bedeutete. Von denjenigen, die blieben, haben sich die meisten nicht dazu verleiten lassen, die NS-Ideologie in ihre Forschungen einzubinden, aber die „Integrität der politischen Biographie“ nahm bei vielen Altertumswissenschaftlern in Deutschland Schaden (S. 260). Zudem gab es diejenigen, die sich in den Dienst des verbrecherischen Regimes stellen. Allen voran ist Helmut Berve zu nennen, für dessen Karriere die Nachkriegszeit zwar einen Knick, aber nicht das Ende brachte.

Probleme des Neufangs nach 1945 analysiert Rebenich vor allem anhand „erster Briefe“ zur Wiederaufnahme internationaler Kontakte, der Gründung der Mommsengesellschaft und der Biographien von Hermann Bengtson und Alfred Heuß. Deutlich wird dabei, dass man zwar in der Regel von den Kerngedanken des Nationalsozialismus weit entfernt war, aber in der Begrifflichkeit bisweilen noch Rückstände völkischen Denkens zu finden sind (S. 354, 367ff.). Die deutsche Altertumswissenschaft im Westen konzentrierte sich zunächst vor allem auf „positivistische Produktivität“, was es schwer machte, zu den internationalen Trends aufzuschließen. Wie konservativ mancher Vertreter der Zunft lange noch war, demonstriert die 1985 in einem Brief an Heinz Heinen von Hermann Bengtson geäußerte Einschätzung eines „Kollegen“ (vermutlich Christian Meier) als „Linksaußen“ (S. 355). Dass die Altertumswissenschaften dieses Stadium schließlich hinter sich gelassen und den Anschluss an internationale Trends gefunden haben, veranschaulicht Rebenich mit einem Kapitel zur Geschichte der Erforschung der Begriffsgeschichte.

Wie schon die Einzelpublikationen Rebenichs wird diese reflektierte und aktualisierte Synopse viel Anerkennung erfahren. Natürlich werden einige von Rebenichs Thesen weiter kontrovers diskutiert werden. So gesteht Rebenich zwar ein, dass sich Leopold von Ranke gegen die Instrumentalisierung der Forschung für politische oder pädagogische Zwecke wendet. Aber im Kontrast zu Droysen erscheint Ranke bei Rebenich dennoch ohne weitere Diskussion als Forscher, der allzu naiv an die Möglichkeit einer streng objektiven Forschung geglaubt habe (S. 65). Wilfried Nippel hat dies mit guten Argumenten bestritten.[1]

Zur Analyse der Antikenrezeption wäre denkbar gewesen, die aktuell in der Geschichtswissenschaft sehr populären Theorien zur Erinnerungs- bzw. Geschichtskultur einzubringen. Im Kapitel zum Neuhumanismus verwendet Rebenich mit „kollektiver Identität“[2] und „Orientierungsbedürfnis“[3] des Bürgertums um 1800 durchaus Schlüsselbegriffe dieser Theorien, ohne diese aber als Ganzes anzuwenden. Allerdings muss bedacht werden, dass die Antikenrezeption bei der Genese dieser Theorien weitgehend ignoriert worden ist, obwohl die Erforschung der Rezeption der Antike eine viel längere Tradition hat als die Rezeptionsforschung zu anderen Epochen. Insofern ist durchaus fraglich, ob diese Theorien für die Erforschung der Antikenrezeption nicht nur als Inspiration, sondern tatsächlich in Gänze passend sind. Explizit erwähnenswert findet Rebenich die Theoriebildung im Rahmen des Berliner Sonderforschungsbereichs „Transformationen der Antike“. Nach dessen Ergebnissen „funktioniert das […] entworfene Antike-Bild als Selbstbeschreibung der Rezipientenkultur“ (S. 12).

Den Band beschließt ein Ausblick zu der Frage, wo wir heute stehen. Dazu gibt es zahlreiche Stimmen aus der Didaktik der Alten Sprachen und auch der Geschichtsdidaktik[4], aber Rebenich bleibt im Wesentlichen auf seinem Feld der Wissenschaft und sieht die Beschäftigung mit der Antike vor allem als intellektuelle Herausforderung. Die Argumentation mündet in ein Zitat von Friedrich Schlegel: „Jeder hat noch in den Alten gefunden, was er brauchte, oder wünschte, vorzüglich sich selbst.“ (S. 381) Wer wissen möchte, wie das in Deutschland in der Wissenschaft in den letzten 200 Jahren funktioniert hat, wird von der Lektüre dieses Bandes außerordentlich profitieren.

Anmerkungen:
[1] Wilfried Nippel, Das forschende Verstehen. Die Objektivität des Historikers und die Funktion der Archive. Zum Kontext von Droysens Geschichtetheorie, in: Stefan Rebenich / Ulrich Wiemer (Hrsg.), Johann Gustav Droysen. Philosophie und Politik – Historie und Philologie, Frankfurt am Main 2012, S. 337–392, hier S. 354.
[2] Jan Assmann, Das Kulturelle Gedächtnis, München 1992, S. 130.
[3] Jörn Rüsen, Historik. Theorie der Geschichtswissenschaft, Köln 2013, S. 221.
[4] Raimund Schulz, Globaler Aufbruch in vertrauten Welten. Die historische Bedeutung der Antike aus fachwissenschaftlicher und fachdidaktischer Perspektive zu Beginn des 3. Jahrtausends, in: Zeitschrift für Geschichtsdidaktik 7 (2008), S. 21–34; Tobias Arand / Konrad Vössing (Hrsg.), Antike im Unterricht. Das integrative Potential der Alten Geschichte für das historische Lernen, Schwalbach/Ts. 2017; Rainer Nickel, Gegenwärtige Vergangenheit, Darmstadt 2019.

Redaktion
Veröffentlicht am
04.04.2022
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