O. Bräckel: Flucht auswärtiger Eliten ins Römische Reich

Cover
Titel
Flucht auswärtiger Eliten ins Römische Reich. Asyl und Exil


Autor(en)
Bräckel, Oliver
Reihe
Potsdamer Altertumswissenschaftliche Beiträge (77)
Erschienen
Stuttgart 2021: Franz Steiner Verlag
Anzahl Seiten
347 S.
Preis
€ 62,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Jean Coert, Institut für Europastudien, Universität Bremen

Das zu rezensierende Buch beruht auf der Dissertation von Oliver Bräckel. In dieser Promotionsschrift hat sich der Autor das Ziel gesetzt, „die Gruppe ,politische[r] Flüchtlinge‘ aus den höheren Schichten“, welche Asyl und Exil im Römischen Reich fanden, für den Zeitraum vom 2. Jh. v.u.Z. bis zum 2. Jh. n.u.Z. in ihrer Gesamtheit zu fassen, zu untersuchen und die sie miteinander verbindenden Muster und Charakteristika auszuwerten (S. 10–11). Zurecht weist Bräckel in seiner Einleitung darauf hin, dass er mit diesem Vorhaben eine Forschungslücke schließt (S. 13–16). Während mit der Monographie „Die politischen Flüchtlinge und Verbannten in der griechischen Geschichte“ von Jakob Seibert seit 1979 eine vergleichbar kompakte Studie zum griechischen Raum vorliegt[1], existierten bisher zum Imperium Romanum nur Teilstudien und kurze Exkurse, die sich dieser Thematik annahmen.[2] Bräckel offeriert somit dem Leser ein Desiderat, dessen Rahmenlinien und Termini er auf den folgenden Seiten seiner Einleitung ausführlich schildert (S. 16–33). Von zentraler Bedeutung ist hier insbesondere die Definition der auswärtigen Eliten, die in sein Untersuchungsraster fallen. So möchte er Machthaber, welche maßgeblichen Einfluss auf die Entwicklung ihrer Heimat nehmen konnten – sprich nicht nur Angehörige von ausländischen Herrscherhäusern, sondern auch Mitglieder der dortigen Höfe und Oberschicht – in seiner Arbeit berücksichtigen, die trotz ihres elitären Status dazu gezwungen waren, ohne Alternative aus ihrer Heimat zu fliehen und ohne rechtliche Grundlagen Zuflucht im Imperium Romanum suchten.

Dieser Skizze des Arbeitsaufbaus und der zentralen Termini folgen über dreißig Seiten Vorbetrachtungen (S. 34–69). Nach einer kurzen Einführung zu den Begriffen Asyl, Hikesie und Exil und ihrer Geschichte konzentriert sich der Autor auf die Beziehungen Roms zu auswärtigen Eliten, um die Prämissen für deren Verbindungen zur Tibermetropole und die Flucht dorthin nachzuzeichnen. Er gibt dafür einen aktuellen Forschungsüberblick zum republikanischen und kaiserzeitlichen Völkerrecht, zur historischen Genese der sog. foreign clientelae, Klientelherrscher und weiterer politischer Interaktionspartner sowie ihre mannigfachen Verflechtungen mit dem römischen Imperium und seiner Geschichte. Daran anknüpfend schildert er die Bedingungen, unter denen sich diese Eliten für gewöhnlich als Gesandte, Gäste, bisweilen als Geiseln oder Gefangene im Zentrum des Weltreiches aufhielten.

Nach dieser sinnvollen, kursorischen Aufbereitung der Kontextinformationen, beginnt das eigentliche Herzstück der Dissertation, die chronologische Analyse der Exilanten im Römischen Reich (S. 70–171). Bereits zu Beginn des Kapitels kann Bräckel deutlich zeigen, dass die Attraktivität Roms als Refugium für auswärtige Eliten mit dessen Aufstieg zur dominanten Macht im Mittelmeerraum im 2. Jh. v.u.Z. korrelierte. So sieht er den Beginn dieser Entwicklung während des 2. und 3. Makedonischen Krieges, in welchen zum ersten Mal verbannte Eliten aus diversen griechischen Poleis beim Senat oder seinen Befehlshabern vorstellig wurden, welche zunehmend als ordnende, einflussreiche Akteure in Griechenland wahrgenommen wurden (S. 77). Obwohl einige Bittsteller im frühen 2. Jh. v.u.Z. erfolgreich Zuflucht in der Tibermetropole fanden, zeigt der Autor anschaulich, dass dieses Prozedere anfänglich weder republikanische Traditionen oder Präzedenzfälle noch eindeutige Konventionen kannte und der Senat eher zaghaft und defensiv in die Konflikte eingriff, welche die Bittgesuche evoziert hatten. Vielmehr kann er an einer Reihe von exemplarischen Fallbehandlungen zeigen, dass die Aufnahme von Exilsuchenden in Rom meist auf Individualentscheidungen einzelner wichtiger Akteure der Nobilität oder des Senates beruhte. In der Ära der römischen Bürgerkriege verlagerten sich diese Entscheidungsprozesse immer mehr auf einzelne Granden, wie Pompeius, Caesar oder Antonius, die fortan durch ihren extraordinären Einfluss im Imperium zu zentralen Ansprechpartnern von geflüchteten Eliten avancierten. Diese Entwicklung kulminierte im augusteischen Prinzipat, denn nun wurden der Prinzeps und die ihm nachfolgenden Caesaren zu den attraktivsten Interaktionspartnern für Exilanten und Flüchtlinge, da die Kaiser sämtliche Entscheidungen gegenüber diesen Akteuren determinieren und ihre Gunst ausschlaggebend für die Zukunft vertriebener Eliten sein konnten.

Eine Schwäche dieses Abschnittes, die zugleich eine Stärke darstellt, ist die teilweise summarische Herangehensweise an die einzelnen Fälle von geflüchteten Eliten. Bräckel listet auf diesen rund 100 Seiten über 50 bekannte Fallbeispiele auf, deren Quellen und Forschungsgeschichte naheliegender Weise im gegebenen Umfang nicht alle detailliert behandelt werden können. Interessierte Leser werden wohl daher weiterhin auf bewährte Publikationen zurückgreifen, wenn sie sich en detail mit den Einzelpersonen beschäftigen wollen. Es ist aber gar nicht das Ziel Bräckels, alte Forschungsthesen bei den einzelnen Fallbeispielen infrage zu stellen oder diese zu abzulösen. Innovativ ist sein Ansatz ebendie Paradigmen, welche die Einzelfälle miteinander verbinden, aufzudecken und zu analysieren. Ebendas gelingt ihm bravourös.

So setzt er sich das Ziel, im letzten Abschnitt seiner Arbeit ausführlich die zuvor chronologisch erfassten Fälle von geflüchteten Eliten in einer Makroperspektive auszuwerten (S. 172–286). Mit dieser vornehmlich statistischen Vorgehensweise kann er einige bemerkenswerte Muster aufzeigen. So waren die meisten Bittsteller Monarchen, welche schon vor ihrer Flucht freundschaftliche bzw. vertragliche Verhältnisse mit Rom unterhalten hatten und daher auf ein dortiges Refugium hoffen konnten (S. 174–177). Interessant sind vor allem die regionalen und zeitlichen Schwerpunkte, denn die große Masse an elitären Flüchtlingen lässt sich im 1. Jh. v.u.Z. an den Standorten dokumentieren, welche von römischen Kriegszügen oder dem Wirken der Bürgerkriegsgranden betroffen waren (S. 178–182). Deutlich wird daran, dass diese, teilweise innerrömischen, Konflikte in ebenjenem Zeitraum auch massiv lokale Herrschaftsstrukturen destabilisierten und Ursache für die Flucht lokaler Eliten sein konnten. Ferner vergleicht Bräckel die Fluchtursachen, den Ablauf der Flucht, das Prozedere der Exilsuche in Rom, die Formen der Unterbringung und die Gründe für die Aufnahme oder Rückführung der flüchtigen Eliten und kann u.a. zeigen, dass insbesondere jene Eliten Erfolg hatten, die bereits vor ihrer Refugiumssuche freundschaftliche Verbindungen zu einflussreichen Politikern genossen. Für ebendiese Akteure der Nobilität stellten die Bittgesuche dieser auswärtigen Eliten eine attraktive Möglichkeit dar, um ihr eigenes Prestige zu steigern, opulente Geschenke bzw. Bestechungsgelder zu bekommen und Einfluss auf politische Strukturen und Regionen jenseits von Italien zu gewinnen, indem sie dort zu günstigen Zeitpunkten die vertriebenen Funktionsträger reinstallierten.

Diese statistische Analyse und Vergleiche der einzelnen Fälle erlauben Bräckel auch große Linien zu ziehen, welche die Genese des Römischen Reiches selbst betreffen (S. 287–308). So kann er etwa zeigen, dass parallel mit der sich entwickelnden Wahrnehmung des Imperiums als Weltreich auch die Vorstellung entstand, dass die Tibermetropole als ein sicherer Hafen für auswärtige flüchtige Akteure fungieren konnte. Ferner kann er konstatieren, dass die geflüchteten Eliten als potenzielle Ressourcen für monetäre Interessen, politischen Einfluss und Prestige, attraktiv für Patrone in der Nobilität waren und daher eine wichtige Rolle bei deren Konkurrieren um sog. foreign clientelae spielten, auch wenn sie im eigentlichen Moment der Flucht in der Peripherie nicht als Klienten dienlich sein konnten. Verständlich wird dadurch auch die von Bräckel dargestellte Zentrierung der Bittsteller auf den Kaiser im frühen Prinzipat, die auch im Interesse des Prinzeps sein musste, damit seine Konkurrenten ebendiese personellen Ressourcen nicht nutzen konnten. Indirekt bestätigt der Autor damit die Thesen von Anton von Premerstein und Christian Wendt, welche in der neu geschaffenen Patronagerolle des Kaisers das Ziel einer Monopolisierung von Klientelbeziehungen auf die Person des Prinzeps sahen, mit der zugleich eine systemische Schwächung der nobilitären Klientelstrukturen einherging.[3] Solch eine Umverlagerung von Klientel und Kompetenzen zeichnet sich im von Bräckel dargestellten Paradigma ab.

Summa summarum bietet somit die Dissertation Bräckels nicht nur Einblicke in ein von der Forschung bisher vernachlässigtes Feld, welches erstmalig systematisch analysiert und ausgewertet wurde. Vielmehr offeriert es auch neue Perspektiven auf römische Diplomatie, das Verständnis von Exil und Asyl in der Tibermetropole, Klientelpolitik in der Nobilität sowie am Kaiserhof und eröffnet somit eine neue Sichtweise auf den Übergang von der Republik zum frühen Prinzipat, der sich auch am veränderten Umgang mit geflüchteten Eliten nachverfolgen lässt.

Anmerkungen:
[1] Jakob Seibert, Die politischen Flüchtlinge und Verbannten in der griechischen Geschichte. Von den Anfängen bis zur Unterwerfung durch die Römer, Darmstadt 1979.
[2] Vgl. z.B. David Braund: Rome and the friendly king. The character of the client kingship, London 1984, S. 165–174; Frank Stini, Plenum exiliis mare. Untersuchungen zum Exil in der römischen Kaiserzeit, Stuttgart 2011, S. 184–188.
[3] Anton von Premerstein, Vom Werden und Wesen des Prinzipats, München 1937, S. 112–113; Christian Wendt, Sine fine. Die Entwicklung der römischen Außenpolitik von der späten Republik bis in den frühen Prinzipat, Berlin 2008, S. 101–103.

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Veröffentlicht am
25.04.2022
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