F. Link: Demokratisierung nach Auschwitz

Cover
Titel
Demokratisierung nach Auschwitz. Eine Geschichte der westdeutschen Sozialwissenschaften in der Nachkriegszeit


Autor(en)
Link, Fabian
Erschienen
Göttingen 2022: Wallstein Verlag
Anzahl Seiten
638 S.
Preis
€ 66,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Phillip Wagner, Institut für Pädagogik, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg / Institute of European Studies, University of California, Berkeley

Selbst nach mehreren Jahrzehnten intensiver Debatten treibt die zeithistorische Forschung noch immer die Frage um, wie sich die westdeutsche Gesellschaft im Schatten des Nationalsozialismus auf verschlungenen Wegen die Demokratie aneignete. Fabian Link schreibt sich mit seiner Habilitation in diese Forschungsdiskussion ein: Er untersucht, welche Rolle die Soziologie (und nicht die gesamten Sozialwissenschaften, wie der Titel etwas irreführend nahelegt) bei der Produktion von „Demokratisierungswissen“ nach 1945 spielte (S. 54).

Im Zentrum stehen die Projekte und Interventionen von zwei Akteursgruppen: Zum einen interessiert sich Link für die Sozialwissenschaftler und Philosophen um Max Horkheimer und Theodor W. Adorno, die in den späten 1940er- Jahren aus dem Exil nach Westdeutschland zurückkamen und 1951 das Institut für Sozialforschung (IfS) in Frankfurt neu gründeten; zum anderen behandelt der Autor die Gruppe von Wissenschaftlern um Arnold Gehlen und Helmut Schelsky, die sich dem Nationalsozialismus wissenschaftlich angedient hatten, aber nach 1945 rasch die westeuropäische und US-amerikanische Soziologie adaptierten. Link verfolgt dabei nicht nur, welche sozialwissenschaftlichen Studien diese Akteursgruppen im engeren Sinne durchführten, sondern auch, welches politische und kulturelle „Orientierungswissen“ sie produzierten und wie sie auf die westdeutsche Öffentlichkeit erzieherisch einzuwirken versuchten. Er argumentiert, dass sich trotz vielfältiger Unterschiede etliche politische, wissenschaftliche und kulturelle Übereinstimmungen zwischen den sozialwissenschaftlichen Demokratisierungsinitiativen der beiden Gruppen in den 1950er-Jahren finden lassen. Erst im Schatten der antisemitischen Vorfälle von 1959/60 entwickelten sich die genannten Gruppen stärker voneinander weg. Hier lassen sich bereits die Bruchlinien erahnen, die am Ende der 1960er-Jahre dann vollends aufbrachen.

Links Studie besticht als erstes durch eine breite Einordnung der Fallstudien. Die Kapitel B.5 bis B.7 rekonstruieren ausführlich (mit gut 200 Seiten vielleicht etwas zu ausführlich), dass die sozialwissenschaftlichen Debatten um Demokratie nicht erst in den 1940er-Jahren begannen. Vielmehr lassen sich die unterschiedlichen Positionen der Kreise von Horkheimer und Schelsky in der Bundesrepublik nur aus ihrer jeweiligen Vorgeschichte erklären. Deswegen rückt Link einerseits die Forschungsprojekte des IfS im US-amerikanischen Exil in den Mittelpunkt, andererseits Gehlens und Schelskys Annäherung an den Nationalsozialismus sowie die Neuausrichtung ihres wissenschaftlichen Denkens nach 1945. Vieles davon mag bekannt sein. Doch sind diese Passagen des Buches unerlässlich, um die sozialwissenschaftlichen Debatten der 1950er-Jahre voll zu verstehen.

Ebenfalls innovativ ist der wissensgeschichtliche Ansatz. Zwar ist Jörg Später zuzustimmen, dass aus dieser Methode ein manchmal umständlicher Jargon entsteht.1 Aber diese Perspektive ermöglicht es dem Autor, über einen traditionellen ideengeschichtlichen Horizont hinauszugehen und die Produktionsbedingungen sozialwissenschaftlichen Wissens zu historisieren. Das kommt besonders in den Kapiteln B.8 bis B.10 zum Tragen, in denen Link die soziologische Forschungspraxis des IfS und der Gruppe um Schelsky untersucht. Vor allem die Passage über das „Gruppenexperiment“ des IfS von 1950/51 überzeugt. Hier analysiert der Autor minutiös, wie die Protagonisten des Frankfurter Instituts stets aufs neue programmatische Entscheidungen und sozialempirische Kärrnerarbeit austarieren mussten. Auch der Abschnitt über die Entstehungsbedingungen von Schelskys sozialempirischen Familien-, Sexualität- und Jugendstudien der 1950er-Jahre sind in dieser Hinsicht instruktiv. Allerdings standen dem Autor für diesen Teil weniger Quellen zur Verfügung als für das Kapitel zum Gruppenexperiment.

Überzeugend ist die These, dass sich zwischen den Kreisen von Horkheimer und Schelsky in den 1950er-Jahren große Übereinstimmungen finden lassen. Trotz unterschiedlicher wissenschaftlicher Idiome und konträrer Erfahrungen während der NS-Zeit widmeten sich beide Akteursgruppen den sozialen Problemen in einer post-nationalsozialistischen Gesellschaft und nutzten dafür die Methoden der westlichen, vor allem US-amerikanischen Sozialwissenschaft. Noch deutlicher werden die Gemeinsamkeiten in den Kapiteln über „Orientierungswissen“ und Erziehungspolitik. Hier stellt der Autor klar heraus, dass beide Kreise mit einem ähnlichen Vokabular die Industriegesellschaft kritisierten und dagegen das Ideal der Bildung hochhielten. Zugleich verschweigt Link nicht die unterschiedlichen Folgerungen, die die Gruppen um Horkheimer und Schelsky aus ihren Diagnosen zogen: Während die einen die Leitbilder von Kritikfähigkeit und Autonomie stärken und in den Programmen der westdeutschen Bildungs- und Erziehungsgremien verankern wollten, ging es den anderen darum, das Urteilsvermögen und „Wirklichkeitsbewusstsein“ (S. 458) der zukünftigen Verwaltungselite zu fördern. Erst am Ende der 1950er-Jahre traten diese Diskrepanzen stärker zu Tage. Zwar ähnelten sich die beiden Gruppen weiterhin in ihrer Kritik an der technischen Moderne; auch verband sich damit nun eine gemeinsame Kritik an den Methoden der US-amerikanischen Sozialwissenschaften. Doch reagierten die Kreise um Horkheimer und Schelsky unterschiedlich auf die antisemitischen Vorfälle von 1959/60. Horkheimer und vor allem Adorno intensivierten ihre Kritik an einer unzureichenden „Aufarbeitung des Nationalsozialismus“ und forderten jetzt auch mit Verve die Ausdehnung des demokratischen Prinzips auf weitere Teile der Gesellschaft. Gehlen und Schelsky kritisierten dagegen die vermeintlich totalitären Implikationen einer umfassenden Demokratisierung der Gesellschaft.

So wichtig diese Einsichten über den soziologischen Demokratisierungsdiskurs auch sind, hätten andere Aspekte in Links Studie noch mehr Aufmerksamkeit verdient. Zum Beispiel fragt man sich nach der Lektüre, welche gesellschaftlichen Reaktionen die politischen Interventionen der beiden Gruppen in den 1950er-Jahren auslösten. Gerade die akribische Rekonstruktion des überwiegend fachinternen Echos auf die soziologischen Studien von Horkheimer und Schelsky wirft die Frage auf, wie die außerfachliche Öffentlichkeit auf die anderen gesellschaftspolitischen Interventionen der beiden Gruppen antwortete – etwa auf Schelskys schulpolitische Initiativen, die ausführlich vorgestellt, aber kaum historisch eingeordnet werden (S. 467–469, S. 533–538).

Offen bleibt zudem, welche Rolle der in der Monographie zentrale Begriff der Demokratie jenseits der ausführlich untersuchten Texte der beiden Akteursgruppen spielte. Viel erfahren wir in dem Buch über die hehren Ziele von Horkheimer, Schelsky und ihren Mitstreitern, aber nur wenig darüber, inwieweit das jeweilige Ideal von Demokratie die Kooperation der Wissenschaftler untereinander oder die Interaktion zwischen Forschern und Studierenden in den universitären Seminaren prägte. Ein solcher Fokus auf demokratische Praktiken hätte nicht nur zum wissensgeschichtlichen Programm der Arbeit gepasst, sondern sich auch deshalb aufgedrängt, weil wir in den Quellen mitunter Kritik am autoritären Klima in den Forschungseinrichtungen finden (vgl. z.B. Ralf Dahrendorfs berühmte Klage über die Hierarchien am IfS; zit. auf S. 490).

Vor allem aber leidet die Studie an einer Diskrepanz zwischen dem großen analytischen Aufwand und der außerordentlich behutsamen Thesenbildung. Der Autor unternimmt enorme methodische, terminologische und stilistische Anstrengungen, um Soziologie und Demokratie der frühen Bundesrepublik wissenshistorisch neu zu analysieren. Doch steht am Ende der 569 Textseiten lediglich der allzu vorsichtige Befund, dass die Gemeinsamkeiten zwischen Horkheimer, Schelsky und ihren Mitstreitern zunächst überwogen und erst um 1960 die Konflikte um „Vergangenheitsbewältigung“ und Demokratisierung zunahmen. Damit bestätigt der Autor aus wissenshistorischer Perspektive nur die weit etablierte, aber inzwischen auch oft angezweifelte Forschungsmeinung, dass nach den vermeintlich windstillen 1950er-Jahren die großen gesellschaftlichen Konflikte um die freiheitlich-demokratische Grundordnung erst zwischen der antisemitischen Schmierwelle und der „Spiegel“-Affäre begannen.2 Zudem ergibt sich diese These nicht vollends aus den Hauptkapiteln. Denn trotz unterschiedlicher Vorstellungen vom Umgang mit dem Nationalsozialismus und über die Prinzipien einer demokratischen Gesellschaft näherten sich die Kreise um Horkheimer und Schelsky während der späten 1950er-Jahre in ihrer Kulturkritik sogar noch weiter an – was Link auch einräumt, jedoch nicht in seine Thesenbildung mit aufnimmt (S. 521–538). Spannend (aber sicherlich ebenso kontrovers) wäre es stattdessen gewesen, die auf S. 557f. nur angedeutete These einer „Reprovinzialisierung“ der westdeutschen Soziologie in den 1960er-Jahren weiter auszubauen. Die 1950er-Jahre wären in dieser Sichtweise als ein Jahrzehnt erschienen, in dem sich die bundesdeutsche Soziologie nach Westeuropa und in die USA breit öffnete, wohingegen die 1960er-Jahre eine zunehmende Verinselung der westdeutschen Gelehrtenkultur mit sich brachten.

So steht am Ende der Lektüre eine gemischte Bilanz: Fabian Links Studie besticht durch eine ausgewogene und ausführliche Darstellung der deutschen Soziologiegeschichte. Allerdings hätte das Buch von einer stärkeren Zuspitzung sicher profitiert.

Anmerkungen:
1 Jörg Später, Kontrastierende Soziologien in Kooperation, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.07.2022, S. 10.
2 Siehe dazu nur die Beiträge in Ulrich Herbert (Hrsg.), Wandlungsprozesse in Westdeutschland. Belastung, Integration, Liberalisierung 1945–1980, Göttingen 2002; anders dagegen bspw. Holger Nehring, Politics of Security. British and West German Protest Movements and the Early Cold War, 1945–1970, Oxford 2013.