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Titel
Along the Archival Grain. Epistemic Anxieties and Colonial Common Sense


Autor(en)
Stoler, Ann Laura
Erschienen
Anzahl Seiten
314 S.
Preis
£ 16,50
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Minu Haschemi Yekani, Department of History and Civilization, European University Institute Florenz

Ereignisse strukturieren nicht selten historiographische Erzählungen. Michel Foucault hat das Ereignis – freilich gegen die klassische Ereignisgeschichte argumentierend – als einschneidende Einzigartigkeit definiert. Es sei durch keine Regierungszeit, keinen Vertrag oder keine Entscheidung markiert, sondern durch nichts weniger als durch „die Umkehrung eines Kräfteverhältnisses, den Sturz einer Macht, die Umfunktionierung einer Sprache und ihre Verwendung gegen die bisherigen Sprecher, die Schwächung, die Vergiftung einer Herrschaft durch sie selbst, das maskierte Auftreten einer anderen Herrschaft.“[1] Ann Laura Stoler verlegt in ihrem neuen Buch „Along the Archival Grain. Epistemic Anxieties and Colonial Common Sense“ – mit und gegen Michel Foucaults Arbeiten – das Ereignis in die (kolonialen) Archive.

Ganz den Dokumenten zur niederländischen Kolonialherrschaft in Indonesien verschrieben, definiert Stoler das archivarische oder „archivalisierte“ Ereignis als „moments that disrupt (if only provisionally) a field of force, that challenge (if only slightly) what can be said and done, that question (if only quietly) ‚epistemic warrant’, that realign the certainties of the probable more than they mark wholesale reversals of direction.“ (S. 51) Mit diesem Fokus ist es ihr Anliegen, auch die Geschichte hinter denjenigen Dokumenten zu beleuchten, die zum Beispiel nie realisierte Pläne diskutieren, Zeugnis von „Nicht-Ereignissen“ (S. 4) geben und damit in der Historiografie selten im Fokus stehen. Mit anderen Worten: Stoler widmet sich marginalisierten Geschichten, der „minor history“. Ihre Spuren, Wirksamkeit und Bedeutung zu belegen, kann als eines der (vielen) Anliegen dieses Buches aufgefasst werden.

Dokumente der Sammlung des niederländischen Kolonialministeriums (1814-1954) aus den Jahren 1830 bis 1930, die im Nationaal Archief, dem ehemaligen Algemenen Rijksarchief, in Den Haag archiviert sind, stellen den Hauptquellenkorpus der meisten Kapitel dar. Nur die langjährige Erfahrung und die genaue Kenntnis dieses Archivs – in Stolers Fall mindestens zwei Dekaden – ermöglichen es, ein solches Buch zu schreiben: Jeder Seite von „Along the Archival Grain“ ist die Virtuosität anzumerken, mit der Stoler die Archivalien liest, vergleicht, nach Lücken forscht, Auslassungen und Durchstreichungen untersucht, die schriftlichen Anordnungen, geheimen Sendschreiben, Rundschreiben, Berichte und persönlichen Briefe gegen das Licht hält, die scheinbar verborgenen „Wasserzeichen“ (S. 8) der Macht lesbar macht und „historische Negative“ (S. 107) entwickelt, wie sie es nennt.

Stolers Fokus richtet sich zudem, dies kennt man bereits aus ihren früheren Arbeiten, auf die Brüchigkeit, welche die Macht von innen heraus bedroht und gleichzeitig stabilisiert. In „Along the Archival Grain“ allerdings geht es weniger als in früheren Arbeiten um Fragen sozialer und kultureller Stratifizierung, als um die im Archiv dokumentierte brüchige (Un-)Einheitlichkeit des kolonialen common sense. Den „archival turn“ (S. 44) aufgreifend, dreht Stoler das (nicht nur) unter Kolonialhistoriker/innen beliebt gewordene Diktum, die Quellen „zwischen den Zeilen und gegen den Strich zu lesen“, um.[2] Stolers Kehrtwende besteht darin, innezuhalten und den Strich zunächst fein säuberlich freizulegen, zu entdecken und mit ihm zu lesen. Dieses Anliegen verbindet sich mit dem Ziel, etablierte Annahmen über Funktion und Funktionsweise der Wissensgenese des kolonialen Staates zu überprüfen und zu überdenken. Stoler verbindet diese Methode mit einem Nachdenken über den Zusammenhang von emotionaler Ökonomie, kolonialer Regierungskunst und dem Archiv, welches – nicht erst seit Jacques Derrida[3] – als Behausung der Macht gilt. Im kolonialen Staat spielte zudem Taxonomisierung eine besonders große Rolle: „The making of colonial categories shares this ambiguous epistemic space. New social objects were the archive’s product as much as subjects of them.“ (S. 43) Das Archiv wird in Stolers Interpretation als eine Sammlung von Aussagen und als ein Depot von Dokumenten verstanden, als ein Ort des Imaginären und der Institutionen, die Geschichte gestalteten. Nicht zuletzt verweise das Archiv auf die emotionale Ökonomie imperialer Projekte, als deren Unterbau sie fungiere. Stoler zweifelt am Konzept eines abgeschlossenen „Wahrheitsregimes“, welches sich in einem vermeintlichen common sense manifestiere: „This shaping of common sense, and the reigning of uncommon sense, together make up the substance of colonial governance and its working epistemologies.“ (S. 38)

Inwiefern nicht etwa epistemische Eindeutigkeit, sondern gerade „epistemische Unbestimmtheit“ Grund für lange, zähe Debatten gewesen sei, zeigt Stoler im ersten Teil („Colonial Archives and Their Affective States“). Alle Kapitel streifen die Frage nach der ambivalenten Stellung der so genannten „Inlandsche Kinderen“ in der rassifizierten Kolonialordnung Niederländisch-Indonesiens. Wer zu dieser Gruppierung gezählt wurde und warum, war Konjunkturen unterworfen. Im Vordergrund steht jedoch die Erzählung des Archivs selbst. So beleuchtet Stoler im dritten Kapitel („Habits of a Colonial Heart“) den ungewöhnlichen, kollektiven Protest von Kolonialbeamten im Mai 1884 auf Java, die für die Möglichkeit höherer Bildung und Ausbildung in den Kolonien eintreten, die ihren Kindern auf Java versagt werden sollte. Das gespannte Verhältnis von „privaten (Vater-)Gefühlen“ und politischer Rationalität, von „state and sentiment“ (S. 70), bilden den roten Faden dieser Erzählung. Im vierten Kapitel („Developing Historical Negatives“) wiederum steht die Debatte um ein „Nicht-Ereignis“, ein Archiv-Ereignis, im Vordergrund: um die mögliche (und niemals erfolgte) Gründung einer Handwerkerschule für die „Inlandschen Kinderen“. Schließlich folgt in Kapitel fünf („Commissions and Their Storied Edges“) die Charakterisierung zweier Kommissionen (1872 und 1901), die zum Ziel hatten, mehr Wissen über das Beziehungs-, Privat- und Sexualleben der „Inlandsche Kinderen“ zu generieren. Hier wird besonders sichtbar, inwiefern das Archiv strategisch ständig auf sich selbst verweist und bereits erworbenes Wissen aktiviert. Außerdem wird die Frage aufgeworfen, „whether race was really about a kind of people or whether it was an index of a particular state into which people could fall.“ (S. 139)

Einen anderen Schwerpunkt setzt der zweite Teil „Watermarks of Colonial History“. Stoler untersucht in den Kapiteln sechs („Hierarchies of Credibility“) und sieben („Imperial Dispositions of Disregard“), inwiefern die koloniale Ordnung sowie das politische Projekt des Kolonialismus neben anderen Voraussetzungen nicht nur von verinnerlichten, rassifizierten Zugehörigkeiten sondern von den „richtigen“ moralischen Empfindungen abhängig war bzw. sie voraussetzen musste. Unterschiedliche Spuren finden sich in offiziellen und privaten Archiven: Anhand der offiziellen und privaten Korrespondenz des niederländischen Kolonialbeamten Frans Carl Valck entsteht nicht nur das Portrait einer „gescheiterten Karriere“ (S. 15), sondern auch das eines scheinbar durchschnittlichen und nicht selten überforderten Kolonialbeamten sowie eines abwesenden, liebenden Vaters, der sich zutiefst entsetzt und berührt von dem kolonialen Arbeitsregime zeigt. Die dichte Beschreibung der affektiven, brüchigen Architektur des Empires, die Anwesenheit des Kolonialen in der Familiengeschichte und der Grenzen des Sagbaren werden besonders sichtbar, wenn Valck gegen alle ungeschriebenen Regeln verstößt, indem er im Anschluss an einen brutalen Mord an einer niederländischen Pflanzerfamilie durch Kontraktarbeiter die brutale Prügel- und Sanktionspraxis auf Deli kritisiert. Stoler unterstreicht, inwiefern die koloniale Ordnung quasi „geeichte“ Emotionen benötigte, die Sympathien und Zuordnung ordneten.

Indem Stoler sich jedoch auf Momente der Abweichung, der Störung und Verwirrung konzentriert, illustriert sie die Grenzen jedweder „Eichung" und gibt Einblick in ein fragmentarisches und labiles Gefüge des Kolonialen. Das Archiv ist in Stolers Beschreibung beides: Ort der Macht, aber auch ein Raum in dem Kämpfe um Zugriff, Bedeutung und Interpretation sichtbar werden und Empfindungen produziert und aktiviert werden.

Stoler folgt der Anthropologin Marilyn Strathern, die dafür plädiert, nicht das Entfernte oder Unbekannte, sondern gerade das Bekannte und Gewusste zu untersuchen und sinngemäß "genau dorthin zu gehen, wo wir schon waren" (S. 31). So hat Stoler in „Along the Archival Grain“ auch eigene frühere Überlegungen um zahlreiche neue Nuancen bereichert. Stoler ist vor allem fasziniert vom Detail und den Zwischenräumen widersprüchlicher Zeugnisse, in denen das läge, was das Empire am Laufen gehalten habe und all das „what we still did not know about it.“ (ebd.)

Die sieben Kapitel (inklusive der zwei einleitenden Kapitel „Prologue in Two Parts“ und „Puls of the Archive“) präsentieren anspruchsvolle, theoretisch versierte Überlegungen zu einer Archäologie des kolonialen Archivs aus der Perspektive der historischen Anthropologie. Stoler wirbt in „Along the Archival Grain“ für nichts weniger als für eine methodologische Wende: „to move away from treating the archives as an extractive exercise to an ethnographic one.“ (S. 47) Dieses Verfahren unterscheidet sich insofern von klassischer Quellenkritik, als dass Stoler das Archiv zum Subjekt ihrer Untersuchung erklärt und auch die Verwerfungen, Auslassungen, den Bedeutungswandel sowie die Genealogie sozialer Etymologien in den Fokus nimmt. Inwiefern sich dies im Detail jedoch methodologisch von der kritischen historischen Diskursanalyse unterscheidet, wird nicht immer ganz deutlich.[4] Auch ist die Anzahl neuer Begriffsvorschläge beeindruckend hoch. Dadurch entsteht zuweilen der Eindruck von Flüchtigkeit und Mehrdeutigkeit. Dieser Interpretationsspielraum scheint aber von Stoler bewusst einkalkuliert zu sein. Durch sanfte aber signifikante Verschiebungen in der Begriffsarbeit eröffnet sie neue Perspektiven. Diese Denk-Bewegungen machen „Along the Archival Grain“ unbedingt auch für Historiker/innen, deren Schwerpunkte jenseits von Kolonialgeschichte oder des 19. und 20. Jahrhundert liegen, zur inspirierenden Lektüre, da es tiefe Einsichten in die Funktion des Archivs und die Tätigkeit der Interpretation, in das Schreiben, Produzieren und Denken von Geschichte bietet.

Anmerkungen:
[1] Michel Foucault, Nietzsche, die Genealogie und die Historie, in: Ders., Von der Subversion des Wissens, Frankfurt am Main 1987, S. 69-91, hier S. 80.
[2] Meist – so auch hier – wird für diese Methode die Mikrohistorie Carlo Ginzburgs angeführt. Vgl. Carlo Ginzburg, Der Käse und die Würmer. Die Welt eines Müllers um 1600, Frankfurt am Main 1983. Als Urheber des „Geschichte-gegen-den-Strich-Bürstens“ darf wohl Walter Benjamin gelten. Walter Benjamin, Über den Begriff der Geschichte, in: Ders., Illuminationen. Ausgewählte Schriften, Bd. 1, Frankfurt am Main 1974, S. 253ff.
[3] Jacques Derrida, Dem Archiv verschrieben. Eine Freudsche Impression, Berlin 1997.
[4] Achim Landwehr, Historische Diskursanalyse, Frankfurt am Main 2008.

Redaktion
Veröffentlicht am
10.11.2009
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