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Titel
Russland 1989. Der Untergang des sowjetischen Imperiums


Autor(en)
Altrichter, Helmut
Erschienen
München 2009: C.H. Beck Verlag
Anzahl Seiten
448 S.
Preis
€ 24,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Walter Sperling, Historisches Institut, Ruhr-Universität Bochum

Bei seiner Neujahrsansprache 1989 zog der sichtlich erschöpfte Michail Gorbatschow Bilanz. Er sprach davon, dass es ein „besonders schweres Jahr“ für das Land gewesen sei. Unumwunden nannte er die Probleme beim Namen: Die eingeleiteten Wirtschaftsreformen griffen nicht, die ohnehin katastrophale Versorgungslage spitzte sich zu und die landesweiten Streiks taten ihr übriges, um die Volkswirtschaft aus dem Tritt zu bringen. Die Sicherheitskräfte waren nicht in der Lage, die öffentliche Ordnung aufrecht zu erhalten, und die nationalen Konflikte an den Rändern hatten drastisch an Schärfe zugenommen. Alles in allem ein bitteres Jahr, das Gorbatschow jedoch optimistisch hinter sich zu lassen glaubte. Was weder er noch die meisten Bürger der Sowjetunion ahnten: die nächsten Jahre würden ihnen weitaus mehr zumuten.

Wenn Imperien zerfallen, hören sie nicht auf zu existieren. Sie hinterlassen Sichtweisen und Strukturen, die das Handeln von Regierungen und die Lebenswege von Menschen prägen. Sie bringen Zwänge und Probleme hervor, an denen das Kernland und die ehemaligen Kolonien lange zu tragen haben. Postkoloniale Geschichten sind indessen nichts, was Helmut Altrichter interessiert. Den Erlanger Historiker fasziniert das Jahr, in dem Sowjetherrschaft in Osteuropa endete. 1989 - „Was für ein Jahr!“ (S. 9) Von den Ereignissen ist der Autor hingerissen. Den Ausgang dieses turbulenten Jahres hat Helmut Altrichter nämlich selbst erlebt, im Gästehaus der Akademie der Wissenschaften in Moskau, wo er zu seiner Jubiläumsgeschichte der Russischen Revolution von 1917 forschte. [1]

Von der Nähe zum Erlebten ist in diesem Buch jedoch wenig zu spüren. Denn der Autor hat seine empirischen Einsichten nicht aus Gesprächen mit Menschen gewonnen, wie etwa die Anthropologin Nancy Ries, die schließlich das Sprechen in der Zeit des Umbruchs selbst zum Gegenstand ihrer Untersuchung gemacht hat. [2] Er hat sich auch nicht von den Stimmungen der Menschen vor Ort anregen lassen wie etwa Karl Schlögel oder Timothy Garton Ash, die Visionäre des neuen Europa. [3] Um die Ereignisse und die Zusammenhänge jenes Jahres zu verstehen, hat Helmut Altrichter gelesen – sowjetische Zeitungen und Analystenberichte von „Radio Liberty“.

Das flüssig geschriebene Buch ist in vier Großkapitel gegliedert. Das erste Kapitel liefert die Vorgeschichte: Ausgehend vom Ranking der Themen, die laut der sowjetischen Presseagentur das Jahr 1988 beherrschten, beschreibt der Autor die Ausgangssituation, das „Land im Umbruch“. Auf Platz eins rangiert indessen nicht die ökonomische Situation, die manch andere für den Weg in die Reformen verantwortlich machen, sondern die berühmte 19. Parteikonferenz, auf der Gorbatschow und andere Reformer die Macht der KPdSU abtrotzten und sie den zu wählenden Sowjets, den Räten, gaben. Kapitel zwei beschreibt die Wahlen und die sehr lebhaften Debatten des Volksdeputiertenkongresses. Es waren nämlich jene Debatten, die der Bevölkerung und den Populisten wie Boris Jelzin vermittelten, dass das Arkanum des Parteiapparats beendet sei. Die neuen Freiheiten, die die gewählten Vertreter des Volkes im Kreml genießen durften, deuteten die Menschen anderenorts sehr eigensinnig um. Und Michail Gorbatschow mag in der Rückschau als der letzte Aufklärer Russlands erscheinen, der auf die heilende Wirkung von Kritik vertraute. So war auch seine Neujahrsansprache 1989 voll des Lobes für das „gesteigerte Bewusstsein“ der Bürger. Allein der „kritische Dialog“ versprach Verständigung und den Ausweg aus der Stagnation.

Doch die Kritik entfachte eine Krise. Was folgte, so nachzulesen in Kapitel drei, war der Verlust der staatlichen Autorität, die in der Sowjetunion bis dahin nicht nur auf Vorstellungen von sozialer Gerechtigkeit, sondern auch auf der Angst vor den Folgen der Grundsatzkritik beruhte. Katastrophen, Bergarbeiterstreiks, nationale Konflikte und mitunter Pogrome hat es in der Sowjetunion auch lange vor Gorbatschow gegeben. Doch nunmehr konnte jeder Zeitungsleser, Radiohörer und Fernsehzuschauer erleben, dass die Macht weitaus weniger mächtig und allwissend war, als sie zu sein vorgab. Die „Politik durch Öffentlichkeit“, die Gorbatschow seit Beginn der Perestroika so beliebt gemacht hat, richtete sich nunmehr gegen die Reform. Während die einen das Regime gänzlich infragestellten, forderten die anderen die Rückkehr zum Status quo ante.

Das Rad der Geschichte ließ sich indessen nicht mehr zurückdrehen. Denn das „Neue Denken“ in der Außenpolitik und die neue Doktrin der Nichteinmischung in die Belange sozialistischer Bruderstaaten führten dazu, dass 1989 die rote Herrschaft in Ostmitteleuropa abgewählt oder, wie in Rumänien, im blutigen Kampf überrannt wurde. Letzteres ist Gegenstand des vierten Kapitels, in dem Helmut Altrichter souverän durch die politische Chronik der einzelnen Länder des Warschauer Paktes führt. Die Öffentlichkeit diente, betont der Autor, als ein Bindeglied zwischen den einzelnen Ereignissen, schließlich konnten sowohl die Bürger der Volksrepublik Polen als auch der Tschechoslowakei nachlesen, was in der Sowjetunion vor sich ging, und umgekehrt. Wie Menschen sich lesend gegenseitig entdeckten, wie sie neue Semantiken aufgriffen und sie mit Verweis auf die Autorität der UdSSR gegen ihre Regimeführer wandten, vermag Helmut Altrichter nur am Beispiel der DDR zu zeigen, an den Rufen „Gorbi, Gorbi“ der Demonstranten, die Erich Honecker zum Verstummen brachten.

Die Stärke und zugleich die Schwäche dieses Buches liegen darin, dass es sich systematisch auf die Zeitungslektüre verlässt. Es sind die „Beobachtungen zweiter Ordnung“ (N. Luhmann) und, selbst in Zeiten von Glasnost, die gesteuerten Suggestionen von Beobachtung, auf denen die Darstellung ruht. Auch die zeitgenössischen Analysen von Ostexperten, die das Narrativ über weite Strecken stützen, fußen auf der Zeitungslektüre und damit auf Auswertungen jener zweitrangigen Beobachtungen. Außer den Zeitungsmeldungen kommen andere Stimmen – Memoiren, Briefe, Tagebücher, Reportagen, Interviews, Küchengespräche, Lieder, Gedichte, Performanzkunst, Diskojubel etc. – fast überhaupt nicht zu Wort. Oder sie werden wie die Sujets einiger zeitgenössischer Filme und Romane in die knappen „Exkurse“ abgeschoben, die einem jeden Großkapitel nachgestellt sind.

Aus einer anderen Perspektive wäre einzuwenden, dass nicht die Analyse, sondern das Untersuchungsmaterial die zentrale These dieser Darstellung hervorbringt. So wird Helmut Altrichters Buch vom Argument zusammengehalten, der „Strukturwandel sowjetischer Politik durch Öffentlichkeit“ habe die Ereignisse von 1989 bedingt und mitgetragen. Seine Erzählung vom Ende der Sowjetunion erscheint dadurch entpersonalisiert, weil sie den „Gorbatschow-Faktor“ [4] nicht für alles verantwortlich macht. Doch das zu Erklärende hält lediglich Sichtweisen bereit, vermag aber von selbst nichts zu erklären. Nicht die freie Berichterstattung über nationale Probleme allein hat friedliche Bürger veranlasst, einander zu töten, wie etwa in Berg Karabach oder Ossetien (Kapitel III.2). Vielleicht waren ja auch Menschen, Institutionen und Organisationen am Werk, die den Hass hervorbrachten, ihn schürten und lenkten, bis, wie zu zeigen gewesen wäre, die Eigenlogik des Krieges das Zepter übernahm.

Ende 1989 war das Sowjetimperium schwer angeschlagen. Sein Untergang liegt indessen jenseits des Betrachtungsrahmens dieses Buches, das die Zeit bis zum Ende der Sowjetunion im Dezember 1991 nur noch im Ausblick einfängt. [5] Die Dynamiken, die den Rechtsruck der Regierung auslösten, die aber auch dazu führten, dass der von Gorbatschow ausgehandelte neue Unionsvertrag faktisch von neun der insgesamt fünfzehn Sowjetrepubliken akzeptiert wurde, bis der August-Putsch besoffener Generäle und Funktionäre alle Hoffnungen zunichtemachte, dies alles interessiert Helmut Altrichter nicht. Daher beeilt er sich, die sowjetische Variante der exzessiven Moderne zu Grabe zu tragen. Was die Kosten und Folgen des Scheiterns in erfahrungs- oder globalgeschichtlicher Hinsicht waren und nach wie vor sind (die Kaukasus-Kriege, die Golfkriege, die Völkermorde in Jugoslawien, die Rückkehr des Weltterrorismus, der neue Afghanistankrieg), davon ist in diesem Buch leider gar keine Rede. Und eben deshalb wird Helmut Altrichters Darstellung zur Diskussion beitragen, etwa darüber, wie das lange Ende der Sowjetunion auch jenseits der Kategorien des Kalten Krieges untersucht und beschrieben werden kann.

Anmerkungen:
[1] Helmut Altrichter, Russland 1917. Ein Land auf der Suche nach sich selbst, Paderborn 1997.
[2] Nancy Ries, Russian Talk. Culture and Conversation during Perestroika, Ithaca 1997.
[3] Timothy Garton Ash, Ein Jahrhundert wird abgewählt. Aus den Zentren Mitteleuropas, 1980-1990, München 1990; Karl Schlögel, Das Wunder von Nishnij oder die Rückkehr der Städte, Frankfurt am Main 1992.
[4] Archie Brown, Der Gorbatschow-Faktor. Wandel einer Weltmacht, Frankfurt am Main 2000 (Originalausgabe 1996).
[5] Mit groben Strichen gelingt dies Stephen Kotkin, Armageddon Averted. The Soviet Collapse 1970-2000, erweiterte Auflage, Oxford 2008.

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Veröffentlicht am
03.06.2010
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