I. Schmied-Knittel: Satanismus und ritueller Missbrauch

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Titel
Satanismus und ritueller Missbrauch. Eine wissenssoziologische Diskursanalyse


Autor(en)
Schmied-Knittel, Ina
Reihe
Grenzüberschreitungen 7
Erschienen
Würzburg 2008: Ergon Verlag
Anzahl Seiten
178 S.
Preis
28 €
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Claudia Wustmann, Leipzig

Das Vorwort weist darauf hin: Die besprochene Monographie behandelt ein heikles Thema, das eine „wissenschaftsethische Vorbemerkung gleichsam erzwingt“ (S. 5). Das ist bedauerlich, weist es doch darauf hin, dass offenbar vielerorts nach wie vor die Ansicht vorherrscht, allein der Umstand, etwas zum Untersuchungsgegenstand der Religionswissenschaft zu machen, beinhalte bereits eine Wertung. So läuft denn eine distanziert-wissenschaftliche Betrachtung der Thematik Gefahr, Anstoß bei den Hauptakteuren des Satanismus- und Missbrauchdiskurses zu erregen. Dies liegt in erster Linie an einem weit verbreiteten normativen Religionsbegriff, welcher unterstellt, eine Religion trage per definitionem das ethisch Gute in sich; etwas wie der Satanismus als Verkörperung des Bösen, so der Umkehrschluss, sei die wissenschaftliche Untersuchung nicht wert. Die Religionswissenschaft sollte hier deutlich mehr Aufklärungsarbeit bezüglich der Wahl ihrer Gegenstände und Methoden leisten, auch wenn es freilich fraglich ist, ob sie damit in einem hochgradig polemischen Diskurs wie dem hier behandelten Gehör fände.

Schmied-Knittel steigt mit einem fiktiven Fall, einem „Tatort“ entnommen, in die Thematik ein, durch dessen Darstellung bzw. Einbindung in die nichtfiktionale Welt durch die Filmemacher gleichwohl suggeriert wird, so gehe es auch in Wirklichkeit zu. Dieser Fall versammelt in geradezu beispielhafter Form die immer wiederkehrenden Hauptvorwürfe des Ritueller-Missbrauch-im-Satanismus-Diskurses [1]: sexueller Missbrauch vor allem von Kindern, sonstige Misshandlungen bis hin zu Ritualmorden von Menschen, daneben Tierquälerei, „Gehirnwäsche“, Drogen, Verschwörungstheorien (streng geheime Netzwerke auch in einflussreichen Kreisen). Dass dieser Eindruck des Beispielhaften, so auch in der Realität Möglichen absichtlich erweckt wurde, belegen die im unmittelbaren Zusammenhang mit dem Film wiedergegebenen Aussagen vorgeblicher „Experten“, unter anderem diverser „Sektenexperten“, welche die Brisanz der Thematik „Satanismus“ bejahen. Tatsächlich lasse sich, so Schmied-Knittel [2], keiner der Vorwürfe etwa durch polizeiliche Ermittlungsergebnisse belegen, ein Umstand, der aber kaum ins Bewusstsein der Öffentlichkeit vordringe. Schmied-Knittel will aber gar nicht nach den realen Grundlagen dieses Problemdiskurses fragen, sondern den Fokus der Arbeit bildet vielmehr die Frage, wie es zu dem die Öffentlichkeit dominierenden Bild des Satanismus kommen konnte, also „welche diskursiven Prozesse, Akteure und Wissensquellen [dafür] als Ausgangspunkte“ (S. 14) dienen.

Der Aufbau des Buches ist klar strukturiert: Nach der Einleitung folgen (2.) die methodologischen Grundlagen der Untersuchung von öffentlichen Diskursen, die themenbezogene Beschreibung der hier angewandten Methode der wissenssoziologischen Diskursanalyse, die Vorstellung der vier zentralen Analysedimensionen (Themenkarriere, Deutungsmuster, Diskursakteure und Darstellungsstrategien) sowie die Vorstellung des empirischen Materialkorpus; anschließend werden unter (3.) bis (6.) die Ergebnisse, den Analysedimensionen folgend, vorgestellt; um (7.) nochmals eine Zusammenfassung der Einzelergebnisse zu geben. Die eingeklammerten Zitiernachweise wären allerdings in Fußnoten besser aufgehoben, da sie den Lesefluss doch erheblich stören. Schmied-Knittels Arbeit, so wird explizit angekündigt (S. 24), will ein Beispiel für eine wissenssoziologische Diskursanalyse sein. Einleitend wird die Frage antizipiert, warum gerade das Beispiel des „Rituellen Missbrauchs im Satanismus“ gewählt wurde – letztlich, weil sich hier durch das Auseinanderklaffen von Faktizität und im Diskurs geäußerten Vorstellungen die „gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit“ besonders gut zeigen lasse.

Das Unterkapitel 2.1, welches sich allgemein mit der Diskursanalyse beschäftigt, ist mit seinen knapp zwei Seiten zu kurz für eine Arbeit, welche diese Methode ins Zentrum ihrer Untersuchung stellt. Kapitel 2.2, in dem die wissenssoziologische Diskursanalyse ausführlicher vorgestellt wird, steigt danach auf einem Niveau ein, der es für nicht entsprechend Vorgebildete schwer verständlich macht. Auch aus Rücksicht auf diese Leser wäre eine etwas (!) ausführlichere Einführung in die Methode angebracht gewesen. Dem Rezensenten wurde vor allem die Abgrenzung zu anderen Formen der Diskursanalyse nicht deutlich; bei der Lektüre entsteht der Eindruck, die wissenssoziologische Diskursanalyse beruhe fast ausschließlich auf der Einbeziehung der qualitativen Sozialforschung zur Schaffung einer Datenbasis.

In Kapitel 3.1 geht die Verfasserin zunächst auf Entstehung und Verbreitung des rituellen Missbrauchdiskurses ein, die unter anderem deshalb sehr schnell vor sich gegangen sei, weil der Diskurs an bereits bestehende, gesellschaftlich anerkannte Gefahrendiskurse gut anschlussfähig war (S. 37ff.): einmal an die „Missbrauchswelle“; dann auch an die darauf folgende „Aufdeckungswelle“ verdrängter Missbrauchserinnerungen; die damit einhergehende Welle von Diagnosen der „Multiplen Persönlichkeitsstörung“, vor allem bei Opfern rituellen Missbrauchs zu finden; an eine „Verschwörungswelle“, verknüpft mit der Gehirnwäsche-Theorie: Zehntausende „geistiger Roboter“ warteten, so diese Theorie, auf ihren Einsatz im Dienste satanistischer Sekten, die im großen Stile verdeckt in der Öffentlichkeit agieren; und natürlich auch an die „Satanismuswelle“, ausgehend von Warnungen aus christlich-fundamentalistischen Kreisen vor destruktiven Kulten. Hier hätte man sich, so treffend die Analyse auch sein mag, doch zumindest den Versuch einer Erklärung gewünscht, warum dies alles so verbreitet war/ist, auch wenn dies nicht Teil der Diskursanalyse ist – Schmied-Knittel bleibt hier (und auch an anderen Stellen) der Methode so streng verhaftet, dass das Ganze gelegentlich den Eindruck einer Stilübung erweckt.

In Kapitel 4 geht die Autorin auf die Bedingungen ein, die dazu führen, dass ein Problemmuster Erfolg hat, denn dies hänge nicht (in erster Linie) davon ob, wie gravierend das Problem tatsächlich sei. Wie sieht also das erfolgreiche Problemmuster aus und wie wird es präsentiert? Dies erfährt man in nachvollziehbarer und übersichtlicher Weise. Angesprochen wird in Kapitel 4.4 auch „das paradoxe Erkennungsschema satanisch-rituellen Missbrauchs“, welches gerade im Fehlen von Beweisen bestehe. Eben daraus, dass nichts offen zutage liegt, werde von den Diskursakteuren geschlossen, dass etwas da sein müsse. So zielen denn auch die in Kapitel 4.6 untersuchten, von den Problemakteuren vorgeschlagenen Problemlösungen und Bekämpfungsmaßnahmen in erster Linie auf Wahrnehmungs- und Handlungspriorität ab; der „unangemessene Skeptizismus“ müsse aufgegeben, den Betroffenen müsse geglaubt und geholfen werden.

Kapitel 5.2 behandelt die Diskursgemeinschaft und deren Binnendifferenzierung in diskursive Milieus: ein „therapeutisches Aufdeckungsmilieu“; ein „apologetisches Aufklärungsmilieu“; ein „investigatives Skandalisierungsmilieu“. Die zweite Gruppe dieser Aufzählung liefere im Übrigen die extrem negative Satanismus-Folie für den rituellen Missbrauch, wobei wenig innovativ auf bereits im Mittelalter bekannte Vorwürfe zurückgegriffen werde: Magische Handlungen, sexuelle Ausschweifungen, Ritualopfer warf man Häretikern schon immer gern vor. Hier sei nicht der Platz, meint die Autorin (S. 95), die diskursive Entwicklung des Häresiethemas aufzuzeigen, die dafür sorge, dass Satanismus als derartig bedrohlich empfunden werde – das mag sein, aber schade ist es doch. Man hätte insgesamt durchaus stärker die historische Dimension dieses Diskurses, speziell der erhobenen Vorwürfe, berücksichtigen können, da sich einige Ergebnisse so deutlich relativieren lassen. Der Anteil der Psychotherapeuten an der Entstehung des Missbrauchsdiskurses wäre beispielsweise weit geringer zu veranschlagen, wenn man berücksichtigte, dass die durch Therapeuten „aufgedeckten“ Verbrechen sich schon als Vorwurf an mittelalterliche imaginäre Hexensekten finden.[3] Immer wieder (zum Beispiel S. 72) wird auch der Gehirnwäsche-Topos als eine der Anschuldigungen gegen Satanisten angesprochen. Ich möchte in diesem Zusammenhang auf einen Beitrag von Henry Newton Malony [4] verweisen, in welchem er diesem Topos, besonders hinsichtlich seiner tatsächlichen Möglichkeit, nachgeht. Danach existieren Studien, die belegen, dass „Gehirnwäsche“ mit anhaltendem Effekt gar nicht möglich sei.

Das 6. Kapitel widmet sich der (Medien-)Öffentlichkeit und deren diskursiven Strategien, wobei einleitend betont wird, dass Medien nicht die Realität abbildeten, sondern „eine mediale Konstruktion von Wirklichkeit“ erschaffen (S. 103). Die Regeln, denen diese Wirklichkeit folge, seien vor allem ökonomischen Überlegungen geschuldet. Das alles ist nicht neu, aber die angewandten Strategien sind im Folgenden sehr übersichtlich und nachvollziehbar dargestellt. Dabei fallen Schmied-Knittel auch die „Leerstellen“ des Diskurses auf: Die Opfer etwa, die doch eigentlich zentral sein sollten, treten sehr selten als direkte Sprecher in Erscheinung: Die Autorin vermutet, dass diese bewusst außen vor gelassen werden, weil sie aufgrund ihrer wiedererlangten Erinnerungen und klinischer Persönlichkeitsstörungen der Öffentlichkeit nicht glaubwürdig genug erscheinen könnten – dies sei „kein Diskurs der Opfer […], sondern ein vereinnahmendes Sprechen über diese“ (S. 138). Ebenso kämen Wissenschaftler (die zahlreichen involvierten Psychotherapeuten und Theologen scheint Schmied-Knittel hier auszuklammern) kaum zu Wort, weil professionelle Distanz und betonte Sachlichkeit nicht zu diesem hochemotionalen Diskurs passten.

Dem diskursanalytischen Zugang geschuldet, bleibt lange die Frage ungeklärt, wie es eigentlich begründet wird, dass ritueller Missbrauch schlimmer sein soll als ‚gewöhnlicher‘ Missbrauch, gewissermaßen die Potenzierung des Bösen. Zu vermuten ist, dass dies mit seinem satanistischen Hintergrund begründet wird, wobei die nächste Frage des Rezensenten dann folgerichtig lautet, womit denn wiederum die besondere Perfidie des Satanismus begründet wird. Weil ritueller Missbrauch stattfindet? Oder fragt möglicherweise niemand, warum genau Satanismus böse sein soll, sondern übernimmt einfach theologisch begründete Stereotype? Erst in ihrer Zusammenfassung bzw. Systematisierung geht Schmied-Knittel kurz auf einige Fragen ein, die den engen Rahmen der Diskursanalyse verlassen, so auch auf die letztgenannte. So erfährt man, dass sich die Diskursakteure in der Tat nicht die Mühe machten, nach nichtreligiösen Argumenten gegen den Satanismus zu suchen, sondern es seien „vor allem religiöse Ressentiments, die den Bewertungshorizont des hier behandelten Diskurses in regulative Bahnen lenken. In diesem Sinne nimmt er auch eine symbolische Form als normativer Moraldiskurs ein, an dem sich das Selbstverständnis der Gesellschaft gegenüber religiösen Minderheiten ablesen lässt – zumindest das artikulierte Selbstverständnis des öffentlichen Mehrheitsdiskurses.“ (S. 151) Jetzt wird auch deutlich, warum gerade der Satanismus den Missbrauch besonders schlimm erscheinen lässt: Weil „traditionelle Bewertungsmuster des Anti-Christ(lichen) den entscheidenden ideellen Hintergrund und die moralische Folie für weithin bekannte Ressentiments gegenüber Satanisten und Satanismus“ bilden (S. 150). Bei der Bewertung von (tatsächlichem oder vermeintlichem) Missbrauch findet also eine Übertragung religiös-christlicher Bewertungsmuster auf eine ethische und rechtliche Sphäre statt, die eigentlich unabhängig von bestimmten religiösen Vorstellungen sein sollte. Schmied-Knittel verweist hier nochmals kurz – zu kurz – auf die historische Dimension solcher Stereotypisierungen: „Tatsächlich klingen die sozialethisch wie strafrechtlich zentralen Vorwürfe identisch mit jenen, die historisch betrachtet immer wieder gegenüber Ketzern und Häretikern erhoben wurden: Kindsmord und rituelle Tötungen, Kannibalismus und Blutopfer.“ (S. 151) Am Rande wird ganz zum Schluss auch die – beim Leser deutlich früher auftauchende – Frage thematisiert, warum um alles in der Welt sich jemand „den Deckmantel des Satanismus“ suchen sollte, um Straftaten zu begehen – so jedenfalls der Verdacht der Akteure des Gefahrendiskurses. Als bekennender Satanist wird man schließlich besonders argwöhnisch beobachtet – und so achteten denn auch gerade Satanisten „peinlich genau darauf, alle Rechtsnormen der Gesellschaft einzuhalten“ (S. 153).

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass hier ein durchaus lesens- und empfehlenswertes Buch vorliegt, wenn auch einige Einschränkungen zu machen sind. Anzumerken sind die teilweise unklaren Begrifflichkeiten – was etwa sind „Missbrauchsakteure“ (S. 59)? Aus dem Kontext ist ersichtlich, dass nicht die Täter gemeint sind, wie der Begriff suggeriert, sondern im Gegenteil die Akteure des Gefahrendiskurses. Wie in Fußnote 1 schon angedeutet, sind solche durch Verkürzungen missverständlichen Termini sicherlich der Sperrigkeit der korrekten Bezeichnungen geschuldet, aber das Verständnis erschweren sie doch. Zu beachten ist vor allem, dass der Titel, der den Satanismus in den Mittelpunkt rückt, ein wenig irreführend ist. Dieser gerät vielmehr oft in die Rolle eines austauschbaren Beispiels, denn die eigentliche Hauptrolle spielt hier die Diskursanalyse selbst. So hätte sich der Rezensent etwa mehr Beispiele aus den zugrunde liegenden Quellen gewünscht. Andererseits sind die im Buch dargestellten diskursiven Abläufe gerade deshalb in vielen Teilen übertragbar auf andere Beispiele aus dem Bereich des religiösen Nonkonformismus und die Lektüre ist daher nicht nur am Satanismus Interessierten zu empfehlen. Die Methode der wissenssoziologischen Diskursanalyse erweist sich hier als durchaus lohnenswerter Zugang, der in der Lage ist, neue Perspektiven zu eröffnen.

Anmerkungen:
[1] So müsste man diesen Diskurs wohl korrekt nennen. Da dieser Begriff denkbar sperrig ist, taucht er auch bei Schmied-Knittel in den verschiedensten kürzeren Varianten auf.
[2] So aber auch an anderer Stelle, etwa im Endbericht der Enquete-Kommission „Sogenannte Sekten und Psychogruppen“. Neue religiöse und ideologische Gemeinschaften und Psychogruppen in der Bundesrepublik Deutschland. Hg. v. Deutschen Bundestag, Bonn 1998, S. 360-362.
[3] Kathrin Utz Tremp, Von der Häresie zur Hexerei. „Wirkliche“ und imaginäre Sekten im Spätmittelalter, Hannover 2008 (Monumenta Germaniae Historica; Bd. 59).
[4] Henry Newton Malony, Gehirnwäsche und Religion. Drei Vorlesungen (1996), in: John Gordon Melton / Massimo Introvigne (Hrsg.), Gehirnwäsche und Sekten. Interdisziplinäre Annäherungen, Marburg 2000, S. 147-197.

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01.11.2010
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