J. Foitzik u.a.: Die sowjetischen Geheimdienste

Cover
Titel
Die sowjetischen Geheimdienste in der SBZ/DDR von 1945 bis 1953.


Autor(en)
Foitzik, Jan; Petrow, Nikita W.
Reihe
Texte und Materialien zur Zeitgeschichte 17
Erschienen
Berlin 2009: de Gruyter
Anzahl Seiten
527 S.
Preis
€ 99,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Jens Gieseke, Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam

Der Zugang zu Archiven der sowjetischen Geheimdienste ist noch immer schwierig bis unmöglich. Umso verdienstvoller ist die Arbeit der beiden Autoren des hier zu besprechenden Bandes, die mit großer Ausdauer über zwanzig Jahre lang (zeitweilig) Greifbares zusammengetragen haben. Sie konzentrieren sich dabei auf die unmittelbare Nachkriegszeit, die noch am ehesten mit deklassifiziertem Geheimmaterial erforschbar ist und in der die sowjetischen Geheimdienste in der SBZ/DDR das höchste Maß an Dominanz in Hinblick auf innere Repression und gesellschaftspolitischen Durchgriff aufwiesen. Nachdem die Forschung zu den sowjetischen Speziallagern und den sowjetischen Militärtribunalen dank vielfältiger Aktivitäten der einschlägigen Gedenkstätten und Institute bereits einige Fortschritte erzielt hat, liefert dieser Band nun eine organisationsgeschichtliche Basis für die beteiligten Apparate der Volkskommissariate bzw. (ab 1946) Ministerien für Staatssicherheit und Inneres. Er ist das Ergebnis eines Gemeinschaftsprojektes des Instituts für Zeitgeschichte München-Berlin mit der Stiftung Demokratie Moskau (Stiftung Alexandr N. Jakowlew) und wurde von der Stiftung Aufarbeitung gefördert.

Einen guten Überblick über diese an Umorganisationen und Institutionenkonkurrenzen reiche Etappe bietet die gut fünfzig Seiten umfassende einleitende Darstellung. Sie enthält Informationen zu den maßgeblichen Befehlen, der Personalausstattung und der territorialen Gliederung der verschiedenen Einheiten, die auf dem Höhepunkt ihrer Ausbreitung 1949/50 rund 4000 Mitarbeiter umfassten und über alle Stadt- und Landkreise der SBZ/DDR verteilt waren. Auf ihr Konto ging in dieser Phase der größte Teil der Inhaftierungen, die in der Folge mehrere zehntausend Zivilisten das Leben gekostet haben. Die Akzente der Darstellung liegen auf der Genese dieser Apparate in der Schlussphase des Vormarsches der Roten Armee auf deutsches Territorium, auf dem Zusammenspiel (und Gegeneinander) zwischen Moskauer Zentrale, Sowjetischer Militäradministration und MGB/MWD-Verwaltungen vor Ort und auf der Ausbreitung der Operativen Gruppen und Sektoren als Machtfaktor im politischen Leben der SBZ und frühen DDR. Damit bietet die Einleitung auch Angebote zur Einordnung des örtlichen Geschehens in die Geschichte der sowjetischen Machtinstitutionen, etwa wenn es um die Stellung Berijas und der ihm unterstellten Apparate geht. Zum anderen wird deutlich, dass die Verfolgungspraxis in der SBZ im engen Kontext mit der Ausbreitung der sowjetischen Hegemonialsphäre in ganz Osteuropa über die sowjetischen Grenzen von 1939 hinaus zu betrachten ist. Die Geheimdienstpräsenz etwa in Polen bildete 1945/46 einen wichtigen Referenzpunkt, weil es Abkommandierungen, personelle Verflechtungen usw. gab. Auch die sukzessive, vom MGB eher zögerlich zugestandene Übergabe von Kompetenzen an die von der SED aufgebauten polizeistaatlichen Institutionen wird mit einigen Dokumenten aus sowjetischer Perspektive neu beleuchtet. Es handelt sich also um eine sehr wertvolle und nützliche Darstellung. Rätselhaft bleibt allein – das soll wenigstens kurz erwähnt werden – die offenbar provokant gemeinte Nebenbemerkung zum Auftakt, die sowjetische Besatzungspolitik in Deutschland 1945 habe sich „im Großen und Ganzen“ kaum von derjenigen Deutschlands in der Sowjetunion 1941 bis 1944 unterschieden (S. 14). In der Sache bleibt diese These mit Blick auf den deutschen Vernichtungskrieg und seine Opferdimensionen unbegründet und verfehlt.

Der weitaus umfänglichere zweite Teil präsentiert 246 Dokumente aus russischen Archiven zur Formierung der Operativen Gruppen, zu deren Tätigkeit in der SBZ/DDR sowie zu Fragen von Personal und Alltag. Diese Quellen sind von Viktor Knoll und Rolf Semmelmann kundig übersetzt worden. Leider werden die Kriterien für die Sammlung und Auswahl der Dokumente nur sehr knapp erläutert. Es lassen sich aber Schwerpunkte erkennen: Sehr ausführlich wird die Dislozierung einzelner Einheiten von mobilen Trupps im Hinterland der vorrückenden Truppen zu fest stationierten Operativgruppen dargelegt. Die eigentliche Verfolgungspraxis der sowjetischen Geheimdienste ist mit vielen aufschlussreichen internen Berichten und Weisungen belegt, die die Kategorisierungen als vermeintliche „Banditen“, „Werwölfe“ oder Nazi-Aktivisten und damit das Selbstverständnis der agierenden Geheimdienstoffiziere offen legen. Aufmerksamkeit fand in den Berichten auch immer wieder der Zustand der Haftzellen, die sich meist in den Gebäuden der Operativgruppen befanden. Wichtigstes Thema war dabei die unzureichende Sicherung gegen Ausbrüche (und nicht etwa die erbarmungswürdigen Haftbedingungen). Folgt man den Schwerpunkten der Berichte, so fällt vor allem die Kontinuität von den Praktiken des GULag in der Sowjetunion, über die Säuberung des politischen Lebens und der repressiven Austrocknung aller Widerstandspotentiale im westlichen Vorfeld ihres Territoriums bis hin zum als „antifaschistisch“ etikettierten Vorgehen in der SBZ ins Auge. Gerade in den Dokumenten von 1945/46 gibt es wenig Hinweise, dass die sowjetischen Geheimdienste große Unterschiede gemacht hätten etwa zwischen Litauern, Polen oder Deutschen, obwohl sie aufgrund der deutschen Verbrechen allen Grund dazu gehabt hätten.

In letzten Abschnitt dokumentieren Foitzik und Petrow die inneren Verhältnisse in den Reihen der Repressionsapparate. Dazu gehören bis in das Jahr 1946 hinein eine dichte Folge von Berichten über Vergewaltigungen, Plünderungen und Trunkenheitsexzessen, die während des Vormarsches schon auf sowjetischem Territorium einsetzten und in der SBZ auch nach der Stationierung erst langsam abebbten. Die Quellen belegen eine gewisse Verfolgungsenergie der Vorgesetzten, zeigen aber auch, wie verbreitet dieses Verhalten auch unter den Geheimpolizisten war. Misshandlungen von Gefangenen spielten im Disziplinargeschehen hingegen keine Rolle; sie galten offenbar als legitim. Verdienstvoll sind schließlich die zusammengetragenen dienstlichen Beurteilungen leitender Offiziere, die zumindest in Umrissen ein kollektives Porträt dieser Generation erkennen lassen. Geboren meist in den 1900er-Jahren, sind sie in der Stalinisierungsphase ab Mitte der 1920er-Jahre der kommunistischen Partei beigetreten und haben in den folgenden Jahren den Dienst in NKWD und NKGB aufgenommen. Viele von ihnen hatten sich, wie der erste Geheimdienstchef in der SBZ, Ivan Serow, seit 1939 als Spezialisten für die gewaltsame Transformation an der Westflanke der Sowjetunion profiliert.

Alles in allem handelt es sich um einen sehr soliden und bedeutsamen Band für jeden, der sich mit den Grundlagen der sowjetischen Repressionspolitik in der unmittelbaren Nachkriegszeit beschäftigt. Er liefert einen guten Überblick und eine Reihe von sonst nahezu unzugänglichen Dokumenten. Sehr zu wünschen ist, dass die Autoren in ihrer weiteren Arbeit auch für die späteren Phasen Zugang zu einschlägigem Material bekommen, denn die sowjetische Geheimdienstpräsenz endete ja keineswegs 1953.

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Veröffentlicht am
29.06.2011
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