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Titel
A Historian Reads Max Weber. Essays on the Protestant Ethic


Autor(en)
Ghosh, Peter
Reihe
Studies in Cultural and Social Sciences
Erschienen
Wiesbaden 2008: Harrassowitz Verlag
Anzahl Seiten
xiii, 302 S.
Preis
€ 58,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Matthias Wolfes, Fachbereich Geschichts- und Kulturwissenschaften, Freie Universität Berlin

Der Band versammelt acht Abhandlungen, eingeleitet durch ein „short manifesto by way of introduction“. Die Texte selbst sind im Vorfeld einer seit langem angekündigten neuen englischsprachigen Ausgabe von Webers „Die Protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ (1904/05 und 1920) entstanden. Sechs von ihnen wurden bereits an anderer Stelle veröffentlicht. Ghosh verbindet die biographisch-zeitgeschichtliche mit einer ideengeschichtlichen Zugangsweise, wobei er „uncompromisingly historical“ auf den Gegenstand zugreifen will (S. 2); „historisch“ (im Gegenüber zu „soziologisch“) zielt dabei auf eine klare wissenschaftsgeschichtliche Lokalisierung der Weberschen Korrelationsthese. Ghosh setzt es als legitim voraus, Weber ein historisches Bewusstsein im Blick auf die eigene Themenexplikation zu unterstellen, sei er doch auf allen Feldern seines wissenschaftlichen Arbeitens von einem historisierenden Wahrnehmungsmodus geprägt gewesen.

Dass in diesem Ansatz bereits gewichtige methodische Probleme liegen, muss Ghosh nicht eigens gesagt werden, und auch nicht, wie leicht er sich mit seinem Historisierungsprogramm in den Untiefen der Weber-Exegese verirren kann. Was für seine Herangehensweise einnimmt, ist, dass die Weber-Forschung momentan gerade auf dem Gebiet der Protestantismus-Kapitalismus-These eine gewisse Auffrischung gebrauchen kann. Wie es scheint, kommt die Edition der Texte innerhalb der „Max-Weber-Gesamtausgabe“ (MWG) nicht gut voran. Sie steht seit vielen Jahren aus, und erst in jüngster Zeit wurde die editorische Verantwortung für die beiden geplanten Bände neu vergeben.[1] Insofern ist es ein bemerkenswerter Umstand, dass Ghoshs Aufsatzsammlung innerhalb der von drei deutschen Weber-Forschern – Stefan Breuer, Eckart Otto und Hubert Treiber – herausgegebenen „Kultur- und sozialwissenschaftlichen Studien“ erschienen ist.[2]

In seinem „short manifesto“ erklärt Ghosh: „The Protestant Ethic […] has remained to a large extent terra incognita“ (S. 4). Dies lässt sich wohl nur als Provokation, als Weckruf an eine als schläfrig unterstellte Wissenschaftlerriege verstehen, der ein kräftiger Posaunenstoß aus Oxford auf die Sprünge helfen soll. Das ist anregend, aber man kann es leicht übertreiben. Der Bedeutung vielseitiger, durch die MWG stimulierter Forschungsaktivitäten der letzten Jahre mit wichtigen Monographien und Neueditionen kann auch derjenige Rechnung tragen, der Wichtiges zu sagen hat. Im Blick auf die „Protestantische Ethik“ wäre hier neben den biographischen Übersichten von Fritz Ringer (2004)[3] und Joachim Radkau (2005)[4] unter anderem an den 2003 von Hartmut Lehmann und Jean Martin Ouédraogo herausgegebenen Göttinger Tagungsband zu erinnern.[5] Daneben wurden aus Anlass des Centenarjubiläums in den USA und in Deutschland wissenschaftliche Konferenzen veranstaltet, deren Erträge von einigem Gewicht sind. Insbesondere ein von Wolfgang Schluchter und Friedrich Wilhelm Graf herausgegebener Band wirkt der rezeptionsbedingten Isoliertheit der Weberschen Texte durch eine fundierte Einordnung ins Entstehungsmilieu entgegen.[6]

Nichtsdestoweniger liegt in Ghoshs entschlossenem Zugriff auch ein Vorteil, zumal seine Perspektive zu einer Horizonterweiterung führt. Thematisch spannen die acht Abhandlungen ein breites Feld auf. Gleich der erste Text ist auf eine zentrale Fragestellung gerichtet: Ghosh analysiert hier die „empirical construction“ der „Protestantischen Ethik“ anhand von Webers Kenntnis und Einschätzung des „Puritanismus“. Mit Recht geht er von der Feststellung aus, dass der „empirische Status“ von Webers Schrift problematisch ist. Weber selbst hat zwar den Eindruck erweckt, seine offensiven Ausführungen seien faktenmäßig gut gegründet. Tatsächlich aber operiert er durchaus frei.

Die zweite Abhandlung erstreckt die Nachfrage nach Webers historischem Kenntnis- und Urteilsstand auf das religiöse Terrain der Niederlande. Wie bekannt, spielen Bezugnahmen auf dortige religiöse Praktiken, Glaubensdepositate und Heilslehren für Webers Argumentationsstrategie eine grundlegende Rolle. Auf bereits geleistete editorische Arbeit stützt sich die dritte Abhandlung. Sie ist einem Vortrag Webers über „The Relations of the Rural Community to other Branches of Social Science“ gewidmet. Den englischen Text hat Ghosh vor einigen Jahren kritisch ediert.[7] Ungeachtet der Probleme, die durch Überlieferung und Übersetzung bedingt sind, handelt es sich dabei um einen wichtigen Kommentar zur „Protestantischen Ethik“, hat Weber deren zwei Teile doch unmittelbar vor und nach dieser Ansprache verfasst. Dementsprechend stellt Ghosh sie als zentrales Stück innerhalb von „Weber’s intellectual history“ vor, verbunden mit der Absicht, diesen – aufgrund des Fehlens der originalen deutschen Version – oft übersehenen Text nunmehr ins volle Licht der Aufmerksamkeit zu rücken.

Kernstück des Buches ist die zweiundfünfzig Seiten lange, dichte Abhandlung „The place of Judaism in Max Weber’s ‚Protestant Ethic’“. In dieser Studie sucht Ghosh den Nachweis dafür zu erbringen, dass die Rolle des Judentums für Webers Argumentation bisher nicht klar geworden ist. Hier sei mit Nachdruck auf den Text hingewiesen. Es ist, als hätten die wiederholten resignierten Bemerkungen Friedrich Niewöhners zu diesem (in Deutschland natürlich tabuisierten) Punkt jetzt endlich ein Echo gefunden.

Eine sehr reizvolle Fallstudie zum Thema Quellen und Bezugnahmen auf zeitgenössische Autoren bietet ein Beitrag über Webers Verhältnis zu dem württembergischen lutherischen Theologen Matthias Schneckenburger. Dessen „Vergleichende Darstellung des lutherischen und reformirten Lehrbegriffes“ von 1855 bietet Weber die Basis für seine Konstruktion des Topos „Beruf“. Weitere Bezugnahmen deckt Ghosh in einem Aufsatz über den Einfluss von Jacob Burckhardts Idee der italienischen Renaissance auf. Liegen sowohl im Falle Schneckenburgers wie Burckhardts die Bezugnahmen offen zutage, so war Webers Verhältnis zu dem seinerzeit in den USA in Religionsdingen allgegenwärtigen Religionspsychologen William James eher gespannt. Im siebenten Aufsatz geht Ghosh diesem Ambivalenzverhältnis im Detail nach, konzentriert auf Webers direkte und indirekte Auseinandersetzung mit James’ Buch „The Varieties of Religious Experience“ von 1902. Ebenfalls auf ein kompliziertes Gelände wagt er sich in der letzten Abhandlung „Robinson Crusoe, the isolated economic man“. Hier geht es gleich um drei Größen: die Grenznutzentheorie Carl Mengers, Edward Dowdens Interpretation des „Robinson Crusoe“ von Daniel Defoe und Webers (wiederum explizite und implizite) Einbeziehung beider in sein eigenes Konzept.

Was ist der positive Ertrag von Ghoshs Studien? Die resolute Eigenwilligkeit, die Weber im Umgang mit den Fakten an den Tag gelegt hat, muss nicht neu nachgewiesen werden. Es wäre geistlos, hieraus Funken des Witzes schlagen zu wollen. Das Interessante bei Ghosh ist, dass er die kritische Lektüre als Historiker unternimmt. Seine Akribie in der kritischen Analyse der Quellenfrage ist erheblich. Das Ergebnis dieser Recherchen muss denn auch eindeutig genannt werden: Auf Korrektheit in der Heranziehung und Einarbeitung seiner Materialien darf man Weber nicht festlegen; Herkunftszusammenhänge kümmerten ihn wenig. An dieser Stelle kommt man der „Protestantischen Ethik“ nicht auf die Spur.

Folgt man Ghosh, so kann die epochale Schrift nur als Werk einer gesteigerten Konstruktionskunst gelesen werden. Insofern muss es bei der kritischen Rückfrage an Weber in erster Linie um die leitenden Intentionen seiner collagierenden Verknüpfungen gehen, aus denen die spektakuläre Zuordnung von (puritanisch-calvinistischem) Protestantismus und nordeuropäisch-amerikanischem Kapitalismus resultiert. Nach Ghosh lässt sich sein Vorgehen nicht trennen von leicht benennbaren, von ihm selbst auch nicht verdeckten kultur- und religionspolitischen Absichten. Das ist eine fruchtbare Perspektive, die weitergeführt zu werden lohnt und die gewiss in die laufenden Arbeiten an den beiden MWG-Bänden einfließen wird. Um dies zu befördern, hätte es des repetitiv negativen, stellenweise hämischen Tones gegenüber den deutschen Weber-Editoren allerdings nicht bedurft.

Anmerkungen:
[1] Es handelt sich um die Bände I/9: „Asketischer Protestantismus und Kapitalismus. Schriften und Reden 1904 – 1911“ und I/18: „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus – Die protestantischen Sekten und der Geist des Kapitalismus. Schriften 1904 – 1920”. Als Herausgeber wird jetzt Wolfgang Schluchter genannt.
[2] Innerhalb dieser Reihe sind bereits u.a. erschienen: Marian Mičkos, Walter Benjamin und Georg Simmel, Wiesbaden 2010; Christian Thies (Hrsg.), Religiöse Erfahrung in der Moderne. William James und die Folgen, Wiesbaden 2009; Mathias Bereks, Kollektives Gedächtnis und die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Eine Theorie der Erinnerungskulturen, Wiesbaden 2009.
[3] Fritz Ringer, Max Weber. An intellectual Biography, Chicago 2004.
[4] Joachim Radkau, Max Weber. Die Leidenschaft des Denkens, München 2005.
[5] Hartmut Lehmann / Jean Martin Ouédraogo, Max Webers Religionssoziologie in interkultureller Perspektive, Göttingen 2003. Es handelt sich um die Dokumentation einer deutsch-französischen Fachtagung im Jahre 2000.
[6] Wolfgang Schluchter / Friedrich Wilhelm Graf, Asketischer Protestantismus und der „Geist“ des modernen Kapitalismus. Max Weber und Ernst Troeltsch, Tübingen 2005.
[7] Peter Ghosh, Max Weber on „The Rural Community”: a critical edition of the English text, in: History of European Ideas 31 (2005), S. 327-366.

Redaktion
Veröffentlicht am
22.02.2011
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