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Titel
Der Historische Roman. Geschichte umerzählt von Walter Scott bis zur Gegenwart


Autor(en)
Geppert, Hans Vilmar
Erschienen
Tübingen 2009: A. Francke Verlag
Anzahl Seiten
434 S.
Preis
€ 24,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Julia Ilgner, Historisches Seminar, Universität Freiburg

„An die historische Wahrheit kommen eigentlich nur die Dichter heran“, wusste Carl Jacob Burckhardt, seines Zeichens Historiker und Schriftsteller, zu sagen. Dass er diese „Wahrheit“ im positivistischen Sinne ganz und gar nicht „historisch“ fasste, mithin einen geschichtlichen Grundbegriff seiner vornehmlichen Bedeutungszuschreibung beraubte, machte ihn zum Modernen, oder treffender: zum Postmodernen. Die Kontinuität und die konjunkturellen Aktualisierungen dieser Wahrheitssuche im Genre des Historischen Romans sowie ihre erzählerischen Variationen nachzuzeichnen, nimmt sich nun Hans Vilmar Geppert aus philologisch-komparatistischer Perspektive vor.

Mit Geppert widmet sich ein langjähriger Kenner des Genres dem Thema, der bereits 1976 mit einer Arbeit über den „anderen“ Historischen Roman bis dahin gängige Forschungsauffassungen revidierte.[1] Über Jahrzehnte hat sich der heutige Emeritus für Vergleichende Literaturwissenschaft und Europäische Literaturen der Universität Augsburg mit den literarischen Formen der Aneignung von Geschichte befasst, von der Romantik (Arnim, Vigny, Manzoni) und dem bürgerlichen Realismus (Fontane, Rabe) über die amerikanische Moderne (Faulkner) bis hin zur Gegenwart (Ransmayr) – allesamt Epochen und Autoren, die auch Gegenstand der vorliegenden Arbeit sind.

Für seine Studie, die Vorzüge eines Überblickswerks und Handbuchs vereint, zog Geppert insgesamt 45 Romane aus unterschiedlichen europäischen Nationalliteraturen heran; zahlreiche weitere Werke fließen qua paratextueller Referenzen kursorisch in die Interpretation mit ein, etwa wenn der Verfasser den besonderen Umgang einzelner Autoren mit Geschichte zu exemplifizieren sucht. Zwei Annahmen werden einleitend postuliert und prägen die Untersuchung auf makrostruktureller Ebene. Erstens geht Geppert davon aus, dass der Historische Roman in seiner genuinen Ästhetik von der produktiven Differenz von historischem und fiktionalem Diskurs geprägt ist. Er akzentuiert den hybriden, segmentalen Charakter der Gattung, die stets ein Kompositum zweier Disziplinen und Schreibkonventionen ist. Die Differenzierung, Vielfalt und plurale Kontinuität, die das Genre kennzeichnet, sei daher zweitens allein aus einer transnationalen, komparatistischen Perspektive zu erfassen. Die Zusammensetzung des Korpus spiegelt diese Maxime wider. Freilich versteht sich die Untersuchung nicht als ein auf universelle Gültigkeit respektive Vollständigkeit hin angelegtes Kompendium, sondern als eine exemplarische Darstellung über die Grenzen der Nationalliteraturen hinaus.

Blickt man auf die grundlegenden, inzwischen aber überholten Arbeiten über den Historischen Roman von Hugo Aust und Harro Müller für den deutschen sowie Ina Schabert für den englischen Raum [2], dann erkennt man in Gepperts Darstellung ein längst überfälliges Unternehmen. Dem Anspruch auf Aktualität wird dieser insofern gerecht, als er die Forschungsergebnisse der vergangenen Jahre selektiv in die eigene Arbeit integriert. Vornehmlich geschieht dies im Falle der These Fabian Lamparts von den „Mehrfachanfängen“ des Historischen Romans, der den Ursprung des Genre von der dominanten Reduktion auf die Romane Walter Scotts löst und stattdessen auf Manzoni, Vigny, und Arnim rekurriert.[3]

Anschließend an die Darstellung der mehrfachen Wurzeln der Gattung des Historischen Romans und gattungstheoretische Überlegungen (Kapitel 1 und 2) durchmisst die Untersuchung in sechs Schritten weitgehend chronologisch die literaturgeschichtlichen Epochen. Schwerpunkte stellen die europäische Romantik (Kapitel 2), das lange 19. Jahrhundert (Kapitel 3 und 4) sowie die Postmoderne dar (Kapitel 8). Episodisch unterbrochen wird die Chronologie durch einen zweiten, umfassenderen Theorieabschnitt. Mithilfe theoretischer und narrativ-systematischer Unterscheidungen rekapituliert Geppert den status quo der exzessiven Debatte um Geschichte und Literatur, konzentriert sich dabei jedoch primär auf Klassiker der Geschichtstheorie wie Hayden White, Reinhart Koselleck und Paul Ricoeur. Ein Hinweis auf neuere Ansätze, beispielsweise aus der Erzähltheorie, ein adäquates Instrumentarium für die Beschreibung von historischen, historiographischen sowie faktualen Narrationen wäre wünschenswert gewesen.[4] Zweifellos lohnend sind die einzelnen Parameter (Geppert nennt sie „Erkenntnisformen“) des historischen Erzählens. In erfreulicher Prägnanz legt der Verfasser dar, was sich hinter „Illusion“, „Pluralität“, „Reflexion“ oder „Metahistorie“ verbirgt. Methodisch strikt ließe sich monieren, dass ein derart elaboriertes Theoriekapitel an sich im Widerspruch zu einer chronologischen Überblicksdarstellung steht. Zweifellos bedarf es in der gegenwärtigen Forschung zum Historischen Roman strukturalistischer Narratologiekonzepte wie Diahistorien und Chronotopoi. Jedoch sind diese vor dem Hintergrund einer bestimmten literarischen Epoche und eines konkreten Untersuchungsgegenstands (des Nouveau Roman) entstanden. Entsprechend effizient erweisen sich solche Kriterien bei der Analyse metafiktionaler Weltentwürfe wie den Romanen Thomas Pynchons, Don DeLillos oder Christoph Ransmayrs. Auch prämodernen Stilformen, wie der Phantastik eines Leo Perutz werden sie gerecht. Für das Gros der übrigen Texte, die Geppert behandelt, sind sie hingegen lediglich von bedingter Relevanz. Will man die Historizität der Poetik nicht gänzlich ignorieren und der Ästhetik des 19. Jahrhunderts gerecht werden, bedarf es einer Modifikation. Gleichwohl soll dies den generellen Wert der Untersuchung nicht unterminieren; Geppert remoduliert vielmehr ein Grundproblem des Faktizitäts-/Fiktionalitäts-Diskurses, für das bislang methodisch noch keine allseits akzeptierte Lösung zur Verfügung steht.

In jeder Hinsicht überzeugend erweist sich die Studie in der Detailanalyse. Eloquent sowie begrifflich präzise leuchtet Geppert die einzelnen Romane paradigmatisch auf teils engstem Raum aus. Dass dies auch bei geschichtsphilosophisch hochkomplexen Texten wie Alfred Döblins „Wallenstein“-Epos (1920) oder Pynchons enzyklopädischer Großerzählung „Gravity´s Rainbow“ (1973) gelingt, verdient besondere Beachtung. Konstitutive Textmerkmale, die für die Gattungsgenese von Bedeutung sind, werden herausgestellt. Vor- und Rückverweise suchen zusätzlich dem komparatistischen Anspruch gerecht zu werden. Dem Zwang zur Reduktion, der zumeist lediglich knappe Inhaltsparaphrasen zulässt, was bei fehlender Textkenntnis mitunter den Nachvollzug der Argumentation beeinträchtigt, sucht Geppert mit einschlägigen Literaturangaben und Auswahlbibliographien beizukommen. Die gewinnbringende punktuelle Lektüre wird zudem durch eine optische Trennung von Haupt- und Nebentext im Layout forciert. Letzterer umfasst weiterführende Informationen oder referiert Aspekte der Forschungsgeschichte, was den Band kompatibel für die Ansprüche unterschiedlicher Leserschaften macht.

Weniger kritisch als vielmehr konstruktiv im Hinblick auf eine künftige Überarbeitung wäre anzuregen, die russischen Autoren zu ergänzen. Angesichts der nachhaltigen Rezeption Tolstois darf „Krieg und Frieden“ (1868/69) in einer als repräsentativ verstandenen Überblicksdarstellung nicht fehlen. Ferner bietet sich mit der deutschen Gegenwartsliteratur der letzten zehn Jahre ein ergiebiges Feld, der konjunkturellen Attraktivität des Genres nachzugehen. Analysen etwa von Martin Mosebachs Entdeckerroman „Der Nebelfürst“ (2001), Daniel Kehlmanns „Die Vermessung der Welt“ (2005) oder Wolfgang Kappachers biographischer Annäherung an Hugo von Hofmannsthal in „Der Fliegenpalast“ (2009) könnten problemlos an bestehende Vorarbeiten anknüpfen. Gleichzeitig ließe sich damit die bislang fehlende Gesamtschau leisten, die die longue durée einzelner Formationen und Narrative bis in die jüngste Zeit nachzuzeichnen vermag.

Gepperts Studie kombiniert die Vorzüge einer kompakten Einführung mit denen einer umfassenden Gattungsgeschichte. Indem sich der Band von konventionellen Mustern einer nationalliterarischen Gattungsgenese löst und das Feld historischer Dichtung aus komparatistischer Sicht perspektiviert, trägt er zu einer richtungweisenden Neujustierung bei. Der Autor selbst versteht seine Unternehmung nicht zuletzt als Kompendium mit Anthologiecharakter, das Lektüreanreiz für ein anregendes Selbststudium sein möchte – es wäre dem Band zu wünschen, dass dies gelingt.

Anmerkungen:
[1] Hans Vilmar Geppert, Der ‚andere‘ historische Roman. Theorie und Strukturen einer diskontinuierlichen Gattung, Tübingen 1976.
[2] Hugo Aust, Der historische Roman, Weimar 1994; Harro Müller, Geschichte zwischen Kairos und Katastrophe. Historische Romane im 20. Jahrhundert, Frankfurt am Main 1988; Ina Schabert, Der historische Roman in England und Amerika, Darmstadt 1981.
[3] Fabian Lampart, Zeit und Geschichte. Die mehrfachen Anfänge des historischen Romans bei Scott, Arnim, Vigny und Manzoni, Würzburg 2002.
[4] Denkbar wären neuere Arbeiten, die sich um die Beschreibung und theoretische Verortung nicht-literarischen Erzählens bemühen. Einen Ansatz zur Systematisierung bietet der Sammelband von Christian Klein: Ders. (Hrsg.), Wirklichkeitserzählungen. Felder, Formen und Funktionen nicht-literarischen Erzählens, Stuttgart 2009. Vgl. darin insbesondere den Beitrag von Stephan Jaeger zum Erzählen im historiographischen Diskurs (S. 110-135). Vgl. ferner Daniel Fulda / Stefan Matuschek, Literarische Formen in anderen Diskursformationen. Philosophie und Geschichtsschreibung, in: Simone Winko / Fotis Jannidis / Gerhard Lauer (Hrsg.), Grenzen der Literatur. Zu Begriff und Phänomen des Literarischen. Berlin 2009, S. 188-219 sowie die Beiträge von Werner Strube und Frank Zipfel im selben Band.

Redaktion
Veröffentlicht am
07.09.2010
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