C. Gudehus u.a. (Hrsg.): Gedächtnis und Erinnerung

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Titel
Gedächtnis und Erinnerung. Ein interdisziplinäres Handbuch


Herausgeber
Gudehus, Christian
Erschienen
Stuttgart 2010: J.B. Metzler Verlag
Anzahl Seiten
IX, 364 S.
Preis
€ 49,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Alexandra Klei, Berlin

„Erinnerung und Gedächtnis“ werden seit Jahren nicht nur in den unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen behandelt, sondern sind längst Teil eines Alltagsdiskurses. Bereits 2001 legten Nicolas Pethes und Jens Ruchatz ein Lexikon vor, das mit einem interdisziplinären Selbstverständnis unterschiedliche Ansätze, Forschungen und Erkenntnisse zu diesem Feld vorstellte.[1] Das von Christian Gudehus, Ariane Eichenberg und Harald Welzer herausgegebene, hier vorzustellende Handbuch gibt nun einen Überblick auf dem aktuellen Forschungsstand, legt den Schwerpunkt jedoch nicht auf eine lexikographische Präsentation von Begriffen.[2]

Das übersichtlich gestaltete Inhaltsverzeichnis ermöglicht eine schnelle Orientierung und vermittelt einen ersten Eindruck, wie umfangreich das Themenspektrum ist. Nach einem gemeinsamen Vorwort der Herausgeber und einer allgemeinen Einführung von Harald Welzer in die „Desiderate und Perspektiven“ der Erinnerungs- und Gedächtnisforschung ist der Band in fünf Kapitel gegliedert, deren Unterkapitel die einzelnen Schwerpunkte oder Schlagworte weiter auffächern. Dazu finden sich jeweils einige Literaturangaben.

Bereits der Aufbau des Bandes unterstreicht den interdisziplinären Anspruch. Ergänzt wird dies bei den Kapiteln III und IV (leider nur dort) durch vorangestellte thematische Einleitungen. Sie führen ganz knapp nicht nur in die jeweils folgenden Unterkapitel ein, sondern setzen diese gleichzeitig in ein Verhältnis zu den vorangegangenen Themen und damit auch zu anderen wissenschaftlichen Disziplinen. Mehr oder weniger umfangreich gelingen den Autorinnen und Autoren der Beiträge dann Querverweise und Bezüge zu verschiedenen Zugängen, Methoden oder Forschungsergebnissen.

Einführend betonen die Herausgeber auch die Bedeutung von Zukunft für das Gedächtnis und die Erinnerung; sie schlussfolgern, „dass der epistemische Bezugspunkt [...] die Zukunft und keineswegs, wie gewöhnlich angenommen, die Vergangenheit ist“ (S. 9). Daraus leiten sie empirische und theoretische Forschungsfragen ab, die diesem Ansatz Rechnung tragen, und erweitern die Themenfelder dadurch erheblich.

Der erste Teil des Bandes ist mit fünf Unterkapiteln den „Grundlagen des Erinnerns“ gewidmet. Aus neurowissenschaftlicher, psychologischer und psychoanalytischer Sicht stehen die Verfasstheit, Entwicklung und Rückbildung des Gedächtnisses im Vordergrund. So schreibt Robyn Fivush über das autobiographische Gedächtnis, seine Entstehung und Entwicklung bezogen auf die Selbstwahrnehmung des Individuums sowie über die Konstruktion und Gestaltung einer eigenen Identität. Dabei stellt sie die große Bedeutung von Sprache als Grundlage des lebensgeschichtlichen Erzählens heraus.

Den zweiten Schwerpunkt bilden geistes- und kulturwissenschaftliche Antworten auf die Frage „Was ist Gedächtnis/Erinnerung?“. Dabei schließen die Ausführungen von Rüdiger Pohl zum autobiographischen Gedächtnis an das vorherige Kapitel an, bevor sich weitere Autoren dem kollektiven, dem kulturellen, dem kommunikativen und dem sozialen Gedächtnis sowie abschließend dem „Politischen des Gedächtnisses“ zuwenden. Ein Verdienst ist hier zum einen, dass diese – in aktuellen öffentlichen Diskursen nahezu inflationär und dabei häufig unscharf verwendeten – Begrifflichkeiten in ihrer spezifischen Bedeutung, aber auch in ihren Beziehungen zueinander wieder geschärft werden. Zum zweiten zeigen die Darstellungen der Desiderata hier deutlich auf, welche Aspekte in den bisher dominierenden Diskursen außen vor bleiben. So verweist beispielsweise Daniel Levy darauf, dass viele Studien „die dominante Lesart des offiziellen kulturellen Gedächtnisses als gegeben ansehen“, während es gleichzeitig Hinweise darauf gebe, dass dessen Inhalte „großen Teilen der Bevölkerung unbekannt“ seien und „die Strategien der Repräsentation [...] nicht identisch mit den Fakten der Rezeption“. Levy spricht in diesem Zusammenhang auch davon, dass „genaue methodologische Werkzeuge“ fehlen, um „Aspekte der Rezeption“ zu untersuchen (S. 100).

Das dritte Kapitel wendet sich 16 verschiedenen „Medien des Erinnerns“ zu. Hier werden einerseits Medien vorgestellt, die im wissenschaftlichen, aber auch im alltäglichen Diskurs um Erinnerung und Gedächtnis geläufiger sind – wie Bilder, Museen, Denkmale und Gedenkstätten, Archive und Bibliotheken. Andererseits geht es um solche Medien, die nicht jeder sofort in diesem Kontext assoziiert – wie Körper oder Produkte (letztere von Rainer Gries anhand des Markenbeispiels Nivea vorgestellt). Neben diesen und anderen materiellen Erinnerungsträgern beschäftigen sich Jens Kroh und Anne-Katrin Lang zum Beispiel aber auch kritisch mit „der steilen Karriere des Begriffs ‚Erinnerungsort’“ (S. 184). Im Mittelpunkt der Artikel stehen die Geschichte des jeweiligen Mediums, seine Zuordnung im Themenkomplex sowie die spezifisch angewandten Techniken und Funktionsweisen. Insgesamt ergeben sich daraus Begriffsdefinitionen, die auf die Funktion der Medien für die Erinnerung und das Gedächtnis abgestimmt sind. Ihnen allen ist eine kurze Einleitung vorangestellt, welche die einzelnen Medien als „Vermittlungssysteme“ und „Transformatoren“ einführt, die den weitergegebenen Inhalt entscheidend mitprägen und -gestalten (S. 127).

Das vierte Kapitel schließlich ist – ebenfalls nach einer kurzen übergreifenden Einleitung – acht „Forschungsgebieten“ gewidmet. Zunächst werden Zugänge zu Erinnerung und Gedächtnis vorgestellt, die in den Disziplinen Geschichtswissenschaft, Philosophie, Soziologie und Literaturwissenschaft praktiziert werden. Hier diskutiert zum Beispiel Kornelia Kończal aus Sicht der Geschichtswissenschaft den Begriff, zentrale Fragestellungen sowie Methoden der Erinnerungsforschung. Zum zweiten behandelt dieses Kapitel die Felder Biographie-, Tradierungs-, Geschlechter- und Generationenforschung, die sich gedächtnisrelevanten Fragestellungen jeweils mit interdisziplinären Zugängen widmen. So geht Almut Leh für die Biographieforschung auf die Diskrepanz zwischen den Ergebnissen neurowissenschaftlicher Forschung und den Methoden biographischer Interviews ein; gleichzeitig betont sie die Notwendigkeit eines Austausches, um Impulse für die je eigenen Fragestellungen zu erhalten.

Die sorgfältig herausgearbeiteten Lücken in der bisherigen Forschung lassen vermuten, dass Erinnerung und Gedächtnis auch in den kommenden Jahren relevante Forschungsthemen bleiben. Diesem Umstand tragen die Herausgeber dadurch Rechnung, dass der Anhang nicht nur über Sach- und Personenregister verfügt, sondern zudem eine umfangreiche (wenn auch etwas willkürliche) Sammlung von Institutionen, Projekten, Zeitschriften und Websites bietet, die dem Leser eine Orientierung für eigene Recherchen und Aktualisierungen innerhalb der einzelnen Themenfelder gibt.

Das Handbuch behandelt nur eine Auswahl von Forschungsfragen, Ansätzen und Disziplinen. Nicht jeder Beitrag wird sich jedem Leser sofort und gleich gut erschließen. Da ersteres im erreichten Umfang des Forschungsgegenstandes selbst begründet ist und letzteres ebenfalls an der Vielfalt der theoretischen und empirischen Zugänge liegt, ist dies allerdings fast unvermeidlich. Insgesamt vermittelt das Handbuch einen fundierten Überblick zum Stand der Gedächtnis- und Erinnerungsforschung. Anregend ist es gerade durch den Verweis auf Desiderate und weiterführende Fragen. Es dokumentiert aber auch, dass diese inzwischen breit etablierte Forschungsrichtung nicht mehr ganz so neuartig und innovativ ist wie in den 1990er-Jahren – das gehört zu den Ambivalenzen akademischer Institutionalisierungsprozesse.

Anmerkungen:
[1] Nicolas Pethes / Jens Ruchatz (Hrsg.), Gedächtnis und Erinnerung. Ein interdisziplinäres Lexikon, Reinbek bei Hamburg 2001.
[2] Inhaltlich vergleichbar, wenn auch anders aufgebaut ist dieses englischsprachige Werk: Astrid Erll / Ansgar Nünning (Hrsg.), Cultural Memory Studies. An International and Interdisciplinary Handbook, Berlin 2008 (rezensiert von Malte Thießen, in: H-Soz-u-Kult, 23.1.2009, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2009-1-061> (23.11.2010)).