Cover
Titel
The Syrian Wars.


Autor(en)
Grainger, John D.
Reihe
Mnemosyne Supplementum 320
Erschienen
Anzahl Seiten
XVIII, 447 S.
Preis
€ 135,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Sonja Plischke, Institut für Klassische Altertumskunde, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

„Ptolemaic Egypt was as always a much more solidly formed polity than the looser Seleukid state. And yet the Ptolemies, divided amongst themselves, were by now unable to hold onto their conquest in Palestine. It is a situation which demonstrates most clearly that the two dynasties had in effect committed suicide.“ (S. 402) Mit diesen Worten, die die grundlegenden Aspekte seiner Ausführungen zusammenfassen, beschließt John D. Grainger das 18. Kapitel seiner Darstellung der Syrischen Kriege. Doch auch wenn die Syrischen Kriege im Vordergrund der insgesamt 22 Kapitel stehen, umfasst das über 400 Seiten starke Werk einiges mehr. So nimmt Grainger die Thematik der Syrischen Kriege, denen er die zentrale Rolle in allen politischen, militärischen und internationalen Entwicklungen der Hellenistischen Welt zubilligt (S. 419), als Ausgangspunkt, um die Geschichte der Beziehungen zwischen dem Seleukiden- und Ptolemäerreich von der Inbesitznahme Koilesyriens durch Ptolemaios I. 301 v.Chr. bis hin zur Niederlage Demetrios’ II. 128 v.Chr. bei Pelusion gegen Ptolemaios VIII. und seinem anschließenden Rückzug aus Syrien zu erläutern. Aus diesem Grund geht der Autor über die sechs traditionell als „Syrische Kriege“ bezeichneten Konflikte hinaus und möchte auch die Ereignisse nach 168 v.Chr. und damit drei weitere Syrische Kriege als Produkt der vorherigen kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Seleukiden und Ptolemäern sowie als Streitigkeiten sehen, die sich zwar nicht allein in (Koile-)Syrien ereigneten und zuweilen eher Züge von „civil wars“ oder innerdynastischer Konflikte trugen, dennoch aber in den großen Kontext der Frage der Oberherrschaft über Syrien einzuordnen seien.

Nachdem Grainger in der Einleitung (S. 1–9) zunächst sein Thema als Forschungsdesiderat deutlich macht und die Syrischen Kriege als Ausgangspunkt für die weiteren Entwicklungen in hellenistischer Zeit definiert, liefert er im Prolog (S. 11–36) einen kurzen Abriss der syrischen Geschichte seit dem Tode Alexanders III. 323 v.Chr. und charakterisiert das Gebiet einerseits als Spielball zwischen den größeren Mächten, andererseits als wichtiges geopolitisches und strategisches Territorium, das einen Kampf um seine Beherrschung unausweichlich gemacht habe. Grainger gliedert im Folgenden die Ereignisse, die zur Teilung Syriens zwischen Seleukos I. und Ptolemaios I. und zu dessen Besetzung Koilesyriens führten (S. 37–51). Der Übergang in die zweite Generation der neuen hellenistischen Herrscher zu Beginn des 3. Jahrhunderts v.Chr. führte seiner Meinung nach zu einer stärkeren geographischen und territorialen Ausformung der Reiche, einer militärischen Aufrüstung und einem Ausbau der Administration, wodurch die Bedeutung, die Syrien zwischen den beiden Parteien zukam, zunehmend wuchs (S. 53–72).

Die folgenden elf Kapitel beschäftigen sich mit den Ereignissen während der Syrischen Kriege von 281 bis 168 v.Chr., wobei Grainger jedem Krieg zwei Kapitel widmet. Zunächst stellt er die Ergebnisse des vorherigen Krieges und deren Konsequenzen für den folgenden dar, anschließend beschreibt er die jeweiligen Kriegsverläufe und wichtigsten Ereignisse. Aus dieser Neubetrachtung zieht Grainger die Erkenntnis, dass der Vertrag, der jeweils am Ende eines Krieges geschlossen wurde, nur Gültigkeit für die beiden Vertragspartner besaß und beim Tode eines der beiden seine Rechtskraft verlor (S. 89). Aus diesem Grund seien sich die seleukidischen und ptolemäischen Herrscher nur jeweils einmal im Krieg gegenüber getreten, woraus sich im Umkehrschluss ergeben habe, dass nach Ende eines Krieges beide Parteien sich des Friedens mit dem „Gegner“ gewahr geworden seien und sich anderen, innen- oder grenzpolitischen Problemen hätten widmen können. Des Weiteren bewertet er die Kriegspolitik der Ptolemäer als defensives Reagieren, das in erster Linie darauf bedacht gewesen sei, die unter dem Dynastiegründer Ptolemaios I. erworbenen Besitzungen zu sichern, „maintaining its supremacy by doing as little as possible“ (S. 219); erst nach dem Vierten und Fünften Syrischen Krieg und den erfolgreichen seleukidischen Eroberungen sowie der Rückgewinnung ehemaliger Herrschaftsgebiete unter Antiochos III. habe sich das ehemals aggressive Kriegsverhalten der Seleukiden in ein defensives gewandelt; sie seien nun ihrerseits darauf bedacht gewesen, die unter Antiochos III. gewonnenen Reichsterritorien zu sichern.

Zudem sieht Grainger neben dem eigentlichen Konflikt um die Herrschaft über Koilesyrien in den vielfältigen und zahlreichen Intrigen, die die Dynastien erschütterten und vielfach von der gegnerischen Seite initiiert wurden, einen wichtigen Aspekt, der einen dauerhaften Frieden zwischen Seleukiden und Ptolemäern unmöglich machte (S. 117). Hiermit verbunden seien die zahlreichen dynastischen Verbindungen zwischen beiden Reichen, die seit der Heirat zwischen Antiochos II. und Berenike, der Tochter Ptolemaios’ II., besonders ab der Mitte des 2. Jahrhunderts v.Chr. zunahmen; statt friedensbewahrend zu wirken, hätten diese immer neue Konflikte heraufbeschworen. An dieser Stelle verwundert, welche Bedeutung Grainger der ersten Verbindung zubilligt, die er als den größten Fehler des Seleukiden Antiochos II. und nahezu den alleinigen Grund für den Ausbruch des Dritten Syrischen Krieges charakterisiert (S. 135). Gleiches gilt für die Bewertung der Rivalität zwischen den Seleukiden und den Ptolemäern. Wenn Grainger urteilt, „Euergetes’ major concern, well above either of the situations in the Aegean and Cyrenaica, must have been the prospect of a war with Antiochos II“ (S. 155), macht er die Feindschaft zwischen den beiden Dynastien ungerechtfertigterweise zum alles entscheidenden Moment. Im Zuge seiner Betrachtung der Ereignisse und Folgen des zweiten Syrischen Krieges richtet Grainger sein Augenmerk ebenfalls auf die diese Auseinandersetzungen bedingenden Entwicklungen in den östlichen Besitzungen des Seleukidenreiches in der zweiten Hälfte des 3. Jahrhunderts v.Chr., doch vermisst man an dieser Stelle die Berücksichtigung einiger neuerer und richtungsweisender nichtenglischsprachiger Abhandlungen.[1]

Während des Vierten und Fünften Syrischen Krieges offenbarte sich, so Grainger, der Gegensatz zwischen der auf die ptolemäische Herrschaft ausgerichteten Stadt Alexandria und der chora Ägyptens. Mit seinem Urteil, „the chora was there to produce tax revenues“ (S. 232), macht Grainger die gesamte innenpolitische Problemlage der ptolemäischen Dynastie deutlich. Aus dieser offensichtlichen Schwäche des Ptolemäerreiches erwuchs nach Grainger für Antiochos III. die Chance auf Erfolg; außerdem ebnete sie den Weg für Roms Eingreifen in Griechenland und den Zusammenbruch der makedonischen Herrschaft (S. 243). Auch wenn Rom schließlich auf ptolemäischer Seite in den Fünften Syrischen Krieg gegen Antiochos III. eingegriffen habe, markiere er dennoch einen entscheidenden seleukidischen Erfolg; er zeige zudem auf, dass der Seleukide nicht an einer tatsächlichen Einnahme Ägyptens interessiert gewesen sei, da er sich gegen einen Marsch nach Ägypten entschieden habe. Welch günstige Gelegenheit sich Antiochos III. damals bot, macht Grainger deutlich, indem er ausführt: „In view of future developments it may have been a pity that Antiochos did not seize the opportunity which seemed to exist in 198 to march on Egypt and unite it with his own lands. A combined Seleukid-and-Ptolemaic kingdom would have faced the Roman assault much more successfully than the separate states“ (S. 263). Nicht der communis opinio entspricht Graingers ein wenig überraschende Neubewertung des Endes des Sechsten Syrischen Krieges und des ‚Tages von Eleusis‘, den er trotz römischer Intervention und römischer Vorgaben als Erfolg des Seleukiden Antiochos IV. wertet. Zwar musste er sich aus den ägyptischen Gebieten zurückziehen, doch sei Ägypten zu diesem Zeitpunkt so geschwächt gewesen, dass es in römische Obhut gelangt sei und in Zukunft keine Bedrohung mehr für das Seleukidenreich dargestellt habe (S. 308).[2]

Die nun folgenden Kapitel 14–18 bieten eine Darstellung der weiteren seleukidisch-ptolemäischen Beziehung, die Grainger – wie bereits erwähnt – weiterhin als ‚Syrische Kriege‘ bezeichnet, denen jedoch in erster Linie das Ziel der Vereinigung der beiden Dynastien und ihrer Reiche zu unterstellen sei. Die bereits erwähnten, unter Antiochos II. begonnenen und in späterer Zeit noch intensivierten Heiratsallianzen zwischen Ptolemäern und Seleukiden führten Grainger zufolge zu einer verstärkten Annäherung der beiden Dynastien und der Möglichkeit, beide Reiche zusammenzuführen. Grainger geht zu Recht davon aus, dass das Schrumpfen von Territorium und Macht, das beide Seiten betraf, die Realisierung einer solchen Idee noch weiter begünstigte (S. 375).

Eine neue Entwicklung spiegelt sich laut Grainger in der Tatsache wider, dass ab der zweiten Hälfte des 2. Jahrhunderts v.Chr. auch politische Allianzen zwischen dem ptolemäischen und dem seleukidischen Herrscher zu verzeichnen seien, sei es die aus Feindschaft zu Rom resultierende Verbindung zwischen Demetrios I. und Ptolemaios VI. oder die im Neunten Syrischen Krieg (S. 387–402) zu beobachtende militärische Koalition zwischen Antiochos IX. und Ptolemaios IX. gegen ihre Familienangehörigen Antiochos VIII., Ptolemaios X. und Kleopatra III.[3] Die Syrischen Kriege hätten sich somit von einem Konflikt um ein geographisches Territorium besonders nach 168 v.Chr. zu „civil wars“ entwickelt, in denen die Spannungen innerhalb der Dynastien und Reiche zum auslösenden Moment geworden seien und der Gegenseite die Möglichkeit zur Intervention geboten hätten (S. 351).

Grainger beschließt seine Ausführungen mit einem kurzen Ausblick auf die Herrschaft Kleopatras VII. (S. 403–410) und ihre Rolle im Kontext der ptolemäischen Herrschertradition und fasst die seiner Meinung nach wichtigsten Erkenntnisse des Buches noch einmal zusammen (S. 411–419). So resümiert Grainger: „the Syrian Wars were a major cause of both the power of the two dynasties, but also of their destruction“ (S. 419). Letztlich führt er das Scheitern der beiden Dynastien auf die Aufrechterhaltung dieses Konfliktes zurück. Auffällig ist, welche enorme Bedeutung der Autor der syrischen Stadt Arados und ihrer Rolle im Konflikt zwischen den beiden Dynastien immer wieder beimisst. Ähnliches gilt für Judäa und den Makkabäischen Aufstand, dem er jedoch nur geringen Einfluss auf die Geschichte des Seleukidenreiches zuspricht.

Graingers Buch füllt eine große Forschungslücke und erhellt dem Leser die schwierige Phase der seleukidisch-ptolemäischen Beziehungen vom 3. bis 1. Jahrhundert v.Chr. Die Arbeit lebt von Graingers anregenden Überlegungen und Thesen, die nicht zuletzt auf Grund der problematischen Quellenlage bzw. des häufigen Fehlens einer antiken Überlieferung allerdings nicht in allen Fällen verifiziert werden können. Zuweilen gehen seine Ansichten auch über ein sinnvolles Maß an Hypothesenbildung hinaus. Sein gutgläubiger Umgang mit den antiken Quellen lässt mitunter die gebotene Distanz vermissen. Außerdem fußen die Ausführungen des Autors leider in großen Teilen auf einer Literaturbasis, die über die späten 1990er-Jahre kaum hinausreicht, so dass Ergebnisse der neueren Forschung nur in geringem Maße in Graingers Darstellung Niederschlag finden.[4] Dennoch kann Graingers „The Syrian Wars“ jedem, der an den Beziehungen zwischen Ptolemäern und Seleukiden Interesse zeigt, als überaus nützlicher Einstieg dienen.

Anmerkungen:
[1] So wäre für die Geschichte Baktriens beispielsweise eine Konsultation folgenden Werkes wünschenswert gewesen: Omar Coloru, Da Alessandro a Menandro. Il regno greco di Battriana, Pisa 2009.
[2] An dieser Stelle wäre eine Auseinandersetzung mit Peter F. Mittag, Antiochos IV. Epiphanes. Eine politische Biographie, Berlin 2006, eine Bereicherung.
[3] Grainger wechselt mitunter in der Benennung der seleukidischen und ptolemäischen Herrscherfamilie zwischen den Thronnamen und dem Beinamen, was den Leser irritieren kann.
[4] Vermehrt erscheinen zudem Fehler in der Schreibung deutschsprachiger Literaturtitel wie „Landschekingen“ statt „Landschenkungen“ (S. 408 u. 428) oder „Der Helm des Tryphon und des Selekidische Chronologie“ statt „Der Helm des Tryphon und die Seleukidische Chronologie“ (S. 353 u. 421).

Redaktion
Veröffentlicht am
16.05.2011
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