B. Agai u.a. (Hrsg.): Orientalische Reisende in Europa

Cover
Titel
Orientalische Reisende in Europa - Europäische Reisende im Nahen Osten. Bilder vom Selbst und Imaginationen des Anderen


Herausgeber
Agai, Bekim; Pataki, Zita Ágota
Reihe
Bonner Islamstudien 19
Erschienen
Anzahl Seiten
295 S.
Preis
€ 24,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Sabine Jagodzinski, Geisteswissenschaftliches Zentrum Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas (GWZO), Universität Leipzig

Reiseberichte stehen von jeher im Interessenfeld verschiedenster geistes- und sozialwissenschaftlicher Disziplinen. Reiseberichte, die sich mit dem Orient befassen, tun dies nach dem Wiederaufleben der Orientalismusdebatte nach Edward W. Said umso mehr. [1] Der vorliegende Sammelband ging aus einem von den Herausgebern, dem Islamwissenschaftler Bekim Agai (Universität Bonn) und der Kunsthistorikerin Zita Ágota Pataki (Universität Leipzig), organisierten Panel auf dem Deutschen Orientalistentag in Freiburg 2007 hervor. Er setzt sich zum Ziel, „Darstellungen von Orient und Okzident in Texten und Bildern in einer integrierten Perspektive“ (S. 7) zu untersuchen, „dem Leser Impulse für die Betrachtung seiner Quellen“ zu liefern und damit „die Orientalismusdebatte mit neuen Pro- und Contra-Argumenten [zu] beleben“ (S. 12).

Der Band ist in zwei große Blöcke gegliedert, deren erster sich mit Textquellen, zunächst orientalischen, dann okzidentalen, befasst. Anhand dieser – wohl pragmatisch-strukturell vorgenommenen – Trennung müsste man womöglich eher von einer vergleichenden als von einer integrierten Forschungsperspektive sprechen. Es ließe sich zudem streiten, inwieweit eine tatsächlich integrierte überhaupt möglich ist. Nach einer Abhandlung von Zita Ágota Pataki über die Stereotypenbildung in Reiseberichten vom Mittelalter bis zur Moderne schließt sich der kleinere Block an, der sich ausschließlich westeuropäischen Bildquellen widmet. Der Aspekt orientalischer Reisebilder mit europäischen Themen sowie ein Blick auf Reiseberichte aus Ost- und Ostmitteleuropa sind als Leerstelle zu verzeichnen, die es künftig stärker zu erforschen gilt.

Bekim Agai unternimmt in seinem eröffnenden Beitrag einen wertvollen theoretischen wie praktischen Schritt. Er vergleicht europäische Orient- und orientalische Europareiseberichte des 19. Jahrhunderts und – was noch wichtiger ist – stellt das methodische Instrumentarium dafür bereit. Dieses von ihm richtig erkannte Defizit führt er auf die oft disziplinär begrenzten Kompetenzen zurück. Im Anschluss folgen drei Beispiele osmanischer Gesandtenberichte des 18. Jahrhunderts, die alle auch die Orientierung auf die (potentielle) Leserschaft in den Blick nehmen. Der Beitrag Gülbahar Erdems untersucht das Sefāretnāme von Yirmisekiz Mehmed Çelebi Efendi, das 1720 nach einer Reise in das Frankreich Ludwig XV. entstand. Olcay Akyıldız arbeitet die fiktionale Seite des Genres „offizielle Gesandtschaftsberichte“ als „rhetorische Materialien, die einen Beitrag zu einem Diskurs über den Okzident leisten“ (S. 90), heraus und stellt die starke Orientierung der Texte am Publikum und dabei die Ausblendung der vorhandenen Fiktionalität fest.

Abdullah Güllüoğlus durchdacht strukturierter Text über zwei Gesandtschaftsberichte von Ahmed Resmi Efendi (1757/58 und 1763/64) geht auf Merkmale der Fremdwahrnehmung, den Rezipientenkreis und damit den Grad der Öffentlichkeitswirkung ein. Problematisch erscheint mir bei ihm einzig die sich durch den gesamten Sammelband hindurch ziehende, auf François Hartog und Peter Burschel [2] zurückgeführte Gegenüberstellung von „Eigenem“ und „Fremdem“. Der Ansatz von Arno Strohmeyer oder Andrea Polaschegg erschiene einleuchtender. [3] Diese trennen nämlich die zwei fälschlich verschmolzenen Paare: das „Eigene“ und das „Andere“ als Kriterien der Differenz für die Konstitution einer Identität sowie das „Vertraute“ und das „Fremde“ als Kriterien der Distanz, die einen Verstehensprozess kennzeichnen. Damit wären – um beim Text Güllüoğlus zu bleiben – die interessanten Betrachtungen Ahmed Resmis zum Islam und den christlichen Konfessionen noch genauer zu charakterisieren. Als besonders fruchtbar erweist sich die als Gegenprobe zu den Gesandtenberichten herangezogene Korrespondenz aus dem Umfeld Friedrichs II. Diese dezidiert doppelperspektivische Arbeitsweise erfüllt die Idee des Sammelbandes beispielhaft.

Die folgenden vier Texte vereint, dass Reisen nur als Mantel für einen anderen Zweck dienten und das zu vermittelnde Reisebild nicht aus Eindrücken der besuchten Orte erwuchs. Alev Meltem Masarwa legt sehr überzeugend dar, wie der irakische Gelehrte Abū ṯ-Ṯanā’ al-Ālūsī (1802–1854) eine eher spirituelle und intellektuelle Reise zur gezielten Verankerung seiner selbst im wissenschaftlichen Diskurs seiner Zeit beschreibt. Die komplexe Textgestalt sprengt dementsprechend stilistisch und inhaltlich das Genre des Reiseberichts. Ähnlich steht bei Andreas Pflitsch das Selbstbild des Ägypters Ṭāhā Ḥusain in Frankreich im Zentrum, das in dessen beiden Schriften von 1938 und 1967 individuell und kollektiv diametral entgegengesetzt ist.

Die Genderthematik im Beitrag Britta Fredes führt zu einem unerwarteten Schluss. Die im Zeitalter des Kolonialismus von bürgerlichen Konventionen befreiten französischen Reisepartnerinnen verklären das Leben der Nomaden Mauretaniens als authentischen Idealzustand. Zugleich stilisieren sie sich jedoch als koloniale „Befreier“ und schlüpfen damit in die klassische männliche Rolle.

Wenig überraschend ist das Ergebnis von Gülschen Sahatova über Auftragsreisen von Künstlern im 20. Jahrhundert. Sie konstatiert eine den sowjetischen politischen Maximen entsprechende, pauschal abwertende Darstellung des ausländischen Chaos gegenüber der idealisierten sowjetischen Heimat. Der Bereich der Auftragsreisen wird von Sahatova zutreffend als kaum untersucht bezeichnet und bietet noch viele Möglichkeiten für die Reiseliteraturforschung.

Der Beitrag Zita Ágota Patakis beschließt den ersten und bildet den Auftakt für den zweiten, auf visuelle Darstellungen konzentrierten Block. Als Kunsthistorikerin muss ich etwas bedauernd, als Literaturwissenschaftlerin hingegen anerkennend resümieren, dass die textquellenbasierten Beiträge des Bandes im Großen und Ganzen die pointierteren Fragestellungen aufweisen. Silke Förschler vergleicht das Haremmotiv im 17. und im 18. Jahrhundert und findet den Orient als kurioses und tendenziell moralisch negatives Gegenbeispiel zu Europa, was gleichzeitig Werte und Ideale für das europäische Leben und die Geschlechterbeziehungen impliziert. Roger Diederen nimmt ebenfalls die Geschlechterbeziehungen in den Blick, fokussiert auf die typische Figur des Eunuchen in Bildern Jean Lecomte de Nouÿs. Susann Schlemmer analysiert vor dem historischen Hintergrund Spezifika der deutschen Orientmalerei des 19. Jahrhunderts in Abgrenzung etwa zu der französischen. Je nach Sujet wird der Orient positiv oder negativ konnotiert und die Fixiertheit des europäischen Blicks der Maler durch ihre eigene soziokulturelle Prägung gezeigt.

Besonders hervorzuheben sind die Ergebnisse der Beiträge von Barbara Stempel und Nicola Müllerschön. Erstere analysiert Fotoreportagen Annemarie Schwarzenbachs in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Sie macht darin eine zeitliche Entwicklung aus: In den frühen Beispielen des noch neuen Text-Bild-Massenmediums sind tradierte Orientstereotypen, das „Längstbekannte“ (S. 253), nicht zuletzt aufgrund der Erwartungshaltung der Leser, noch wirksam, obwohl das eigene Geprägtsein von Stereotypen bereits reflektiert wird. Bei den späten Reportagen hingegen überwiegt eine weitgehend wertfreie Analyse des Eigenen und des Anderen, des „Nie-ganz-zu-Erfahrende[n]“ (S. 253). Die Länder des Orients bleiben demnach in einer Schwebe zwischen Vertrautheit und Fremdheit.

Nicola Müllerschön fokussiert auf die inter- und doppelmediale Zusammenarbeit von Schriftsteller und Fotografin in den 1960er-Jahren. Beide versuchen, dadurch die Prägung des „eurozentrischen“ (S. 273) Blicks bewusst zu dekonstruieren. Überzeugend entfaltet Müllerschön dazu die Vorgehensweise der „multiplen Autorschaft“ (S. 275), der Mischung von Fiktion und Authentizität, der Collagen von Fotofragmenten und Textschnipseln, die zum Teil bewusst inhaltlich konträr kombiniert werden.

Leider fehlen gerade zu diesem letzten Beitrag die Abbildungen, wie auch sonst einzelne Beiträge etwas sorgfältiger hätten redigiert werden können. Eine optisch einheitliche Gliederungsstruktur der Beiträge hätte das ansonsten ansprechend gestaltete Buch vervollkommnet. Auf der inhaltlichen Ebene sind dessen ungeachtet wertvolle Ansätze für die kulturübergreifende Reiseliteraturforschung zu verzeichnen. Sicher kann nicht jede Einzelstudie multiperspektivisch angelegt werden, aber die Möglichkeiten dafür zeigt der Band auf. Insofern löst die vorliegende Publikation als Ganzes das Versprechen der „kulturübergreifende[n] Betrachtung“ ein. Der Band kann über die Reiseberichtforschung hinaus Impulsgeber für die interdisziplinäre Zusammenarbeit sein.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Isolde Kurz, Vom Umgang mit dem anderen. Die Orientalismus-Debatte zwischen Alteritätsdiskurs und interkultureller Kommunikation, Würzburg 2000.
[2] Peter Burschel, Das Eigene und das Fremde. Zur anthropologischen Entzifferung diplomatischer Texte, in: Alexander Koller (Hrsg.), Kurie und Politik. Stand und Perspektiven der Nuntiaturforschung, Tübingen 1998, S. 260–271.
[3] Arno Strohmeyer, Wahrnehmungen des Fremden, Differenzerfahrungen von Diplomaten im 16. und 17. Jahrhundert, Forschungsstand – Erträge – Perspektiven, in: Michael Rohrschneider / Arno Strohmeyer (Hrsg.), Wahrnehmungen des Fremden, Differenzerfahrungen von Diplomaten im 16. und 17. Jahrhundert, Münster 2007, S. 1–50; Andrea Polaschegg, Der andere Orientalismus. Regeln deutsch-morgenländischer Imagination im 19. Jahrhundert, Berlin 2005.

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10.02.2011
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