C. Zwierlein: Feuer und Sicherheit

Cover
Titel
Der gezähmte Prometheus. Feuer und Sicherheit zwischen Früher Neuzeit und Moderne


Autor(en)
Zwierlein, Cornel
Reihe
Umwelt und Gesellschaft 3
Erschienen
Göttingen 2011: Vandenhoeck & Ruprecht
Anzahl Seiten
433 S.
Preis
€ 49,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Peter Borscheid, Seminar für Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Philipps-Universität Marburg

Cornel Zwierlein, Juniorprofessor für Umweltgeschichte an der Ruhr-Universität Bochum, versteht seine Habilitationsschrift nicht als eine Institutionengeschichte der frühen Feuerversicherung in Deutschland und England, obwohl er umfangreiche und zum Teil bisher unbekannte Quellen zu den Anfängen der von absolutistischen Landesherren und Stadtoberen sowie privaten Unternehmern gegründeten Gesellschaften präsentiert. Ausgehend von den zahlreichen und oftmals katastrophalen Stadtbränden der Frühen Neuzeit zeigt er vielmehr, wie Sicherheit in der Zeit um 1680/1700 zu einem zentralen Thema wurde, wie bisher als Unglück hingenommene Ereignisse, denen die Menschen mehr oder minder mit hängenden Armen begegneten, fortan der Sicherheitsproduktion unterlagen. Dabei veränderte sich in einem ersten Schritt das Bewusstsein bzw. die Einstellung gegenüber den Unglücksfällen, ehe der Aufbau entsprechender Institutionen begann.

Die Versicherungsgeschichte hat die Epochenschwelle bisher vorwiegend an der Lebensversicherung und der 1765 gegründeten englischen Equitable Life festgemacht, die bei ihrer Prämiengestaltung als Erste auf der Wahrscheinlichkeitsrechnung und Sterbetafeln aufbaute und mit ihrer Rechenhaftigkeit einen bis dahin nie gewagten Blick in die Zukunft ermöglichte. Cornel Zwierlein sieht den Wendepunkt bereits an der Wende zum 18. Jahrhundert, wobei er der schon lange praktizierten frühneuzeitlichen Seeversicherung die „Zukunftsausrichtung“ abspricht und sie lediglich als „Buchungstrick“ im Rahmen der doppelten Buchführung interpretiert. Davon unterscheide sich die Versicherung des 18. Jahrhunderts, da sie sich nicht mehr nur auf die maritimen Gefahren beziehe und zudem die Gestaltung der Zukunft im Blick habe. Dieser Epochenschwelle vorausgegangen war in West- und Mitteleuropa eine sich langsam verändernde Einstellung zu Katastrophen, in denen Juristen und andere Wissenschaftler immer öfter Ausnahmen von der Regel sahen und immer lauter Vorsorge und Sicherheit als Lebensgrundlage und Normalität einforderten.

Diesen Wandel belegt der Autor mit einer Vielzahl von Beispielen aus ganz unterschiedlichen Lebensbereichen. So reflektierten die Veränderungen in den bildlichen Darstellungen von Stadtbränden sowie die Reaktion darauf in Predigten und literarischen Texten diesen Mentalitätswandel ebenso wie die vermehrten Sicherheitsinnovationen, die realisiert wurden. Parallel dazu erfolgte eine Weiterentwicklung des Rechts, indem Juristen das Konzept der „höheren Gewalt“ und des „Zufalls“, das die Haftung begrenzte oder ganz ausschloss, aufweichten. Vor allem Leibniz bezeichnete es als unbillig und unproduktiv für den Staat, wenn der von einem Unglück Betroffene mit seinem Schaden allein gelassen werde. Der Staat müsse vielmehr im eigenen Interesse seine Bevölkerung zu einer Solidaritätsgemeinschaft zusammenführen, wobei die Schadenhilfe mittels einer Versicherung dazu diene, die Geschädigten wieder zu vollwertigen und leistungsfähigen Mitgliedern der Gemeinschaft zu machen. Seit Mitte des 18. Jahrhunderts sorgte zudem die Verwissenschaftlichung der Brandvorsorge und -bekämpfung, wozu bereits vorher in der Praxis manche Neuerung entwickelt und getestet worden war, über die neuen Medien für eine weite Verbreitung dieses Wissens. Die schnell wachsenden Hafen- und Residenzstädte wie London oder Hamburg sowie Preußen übernahmen als Laboratorien dieser Innovationskultur die Führung bei der Anwendung solchen Wissens. Sie setzten auf die Versicherung, zumal diese der „Financial Revolution“, welche der „Industriellen Revolution“ voranging, zu größerer Stabilität verhalf. Da sich der vorindustrielle Finanzmarkt vorwiegend über den bebauten Grundbesitz absicherte, konnte dessen Wert mit Hilfe der Versicherung stabilisiert werden, wodurch er wiederum eine höhere Sicherheit für die Kreditvergabe bot.

Festzumachen ist die Epochenschwelle schließlich an der Gründung neuartiger Feuerversicherungen. Zwei Modelle setzten sich durch: das britische Modell, das auf Handels- und Aktiengesellschaften beruhte, sowie das mitteleuropäische Modell, das die Prämienversicherung mit Staatlichkeit verknüpfte. Das 1681 in London als Aktiengesellschaft gegründete erste Fire Office unterschied von Beginn an zwei Risikoklassen und arbeitete mit Prämien und nicht mit nachträglichen Umlagen. Gleichwohl dauerte es noch rund 150 Jahre, bis die Feuerversicherungsgesellschaften über eine verlässliche statistische Kalkulationsgrundlage verfügten. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts ermittelten die Versicherungspraktiker in der Feuer- wie in der Seeversicherung die Höhe der Prämien weiterhin nach groben Erfahrungswerten.

Cornel Zwierlein geht schließlich der Frage nach, warum die Epochenschwelle in Nordeuropa stattfand, obwohl Südeuropa bis dahin die größere Erfahrung mit dem Versichern hatte. Zwar vermag er zur Beantwortung dieser Frage nur Teilerklärungen zu liefern, gleichwohl bleibt festzuhalten, dass der katholische Süden auf Unglücksfälle und Katastrophen weiterhin mit nachträglichen karitativen Kollekten antwortete, wohingegen der Norden vorsorgend neuartige Sicherheitsinstitutionen einsetzte, die im calvinistischen Kulturraum privatwirtschaftlich und im lutherischen Kulturraum staatswirtschaftlich organisiert waren und die Bürger zur Eigenvorsorge verpflichteten. Im Gegensatz zum Süden setzte der Norden nicht mehr länger auf die Barmherzigkeit der Mitmenschen, sondern definierte Solidarität völlig neu, nämlich als allgemeine Pflicht, einer Feuerversicherung beizutreten. Damit einher ging, wie der Autor dies nennt, eine „Transformation von Gefahren- in Risikogemeinschaften“, das heißt, die vielen Nachbarschaftsbeziehungen wurden aufgebrochen und die Bevölkerung einer ganzen Provinz in eine einzige Risikogemeinschaft beordert. Gleichzeitig erfolgte im Zuge der zunehmenden Verbreitung von Druckmedien eine Ausweitung der Solidarität. Stadtbrände oder Katastrophen wie das große Erdbeben von Lissabon weckten fortan die Hilfsbereitschaft weit über die Grenzen eines Landes hinaus.

Dies alles arbeitet der Autor auf einer außerordentlich breiten Quellengrundlage Schritt für Schritt und letztlich sehr überzeugend heraus. Es ist bewundernswert, wie er die Veränderungen im Recht oder in den bildlichen Darstellungen, die der Epochenschwelle vorausgingen, äußerst kenntnisreich analysiert und welche Fülle an Schriften, die sich auf das Versicherungswesen bezogen, er ausfindig machen konnte. Er präsentiert sehr überzeugend die unterschiedlichen Impulsgeber, welche zur Entstehung der privatwirtschaftlichen und der staatlichen Feuerversicherung beitrugen. Schließlich ist es ihm auch gelungen, die verschiedenen Entwicklungspfade miteinander zu verknüpfen. Das alles macht den eigentlichen Wert dieser Studie aus.

Gleichwohl sind einige Schwächen nicht zu übersehen. Der erste betrifft den Stil. Aus fast jedem Satz ist das Bemühen des Autors herauszulesen, das Geschehen mit einer neuen Wortbildung oder einem Fremdwort zu umschreiben. Einfache und klare Aussagen wären hier weitaus überzeugender und angebrachter gewesen. Zweitens konnte er der Versuchung nicht widerstehen, die vielen, zum Teil noch von niemandem gesichteten und ausgewerteten Quellen, die ihm in die Hand kamen, in möglichst großem Umfang in seine Untersuchung einzubringen. Dies führt dazu, dass er nicht selten von seiner zentralen Fragestellung abweicht, dem Leser zwar interessante Quellen vorlegt, die jedoch bisweilen nichts oder sehr wenig zur Beantwortung seiner Fragestellung beitragen. Drittens gehört das Schlusskapitel über die „Globalisierung von Sicherheitsregimen“ nicht in dieses Buch. Die Ausbreitung der Versicherung über Nord- und Westeuropa hinaus bzw. die Auslandstätigkeit von europäischen Versicherungsunternehmen ist eine Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts und folgte anderen Gesetzen als die Entstehung der modernen Versicherung an der Epochenschwelle 1680/1700. Es ist richtig, dass die europäischen Versicherer im Ausland zunächst nur Europäer und Menschen europäischer Abstammung versicherten und nur langsam die dortigen Risiken kennenlernten, doch betrifft dies ein ganz anderes Thema.

Redaktion
Veröffentlicht am
21.02.2012
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