M. Schulze Wessel: Revolution und religiöser Dissens

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Titel
Revolution und religiöser Dissens. Der römisch-katholische und der russisch-orthodoxe Klerus als Träger religiösen Wandels in den böhmischen Ländern und in Russland 1848-1922


Autor(en)
Schulze Wessel, Martin
Reihe
Veröffentlichungen des Collegium Carolinum 123
Erschienen
München 2011: Oldenbourg Verlag
Anzahl Seiten
343 S.
Preis
€ 49,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Jiří Štaif, Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Karlsuniversität Prag

Heutzutage ist die Tendenz, die gesellschaftlichen Prozesse in den böhmischen Ländern und in Russland zu vergleichen, viel häufiger anzutreffen als früher. Es scheint, dass dabei zumeist die herausragenden Sprachkenntnisse der entsprechenden Autoren und ihre sichere Orientierung in historischen Ereignissen eine entscheidende Rolle spielen. Das trifft auf den amerikanischen Slawisten D. L. Cooper[1] ebenso zu, wie auf den deutschen Spezialisten für die Geschichte Osteuropas Martin Schulze Wessel. Beide haben Monographien vorgelegt, die auf der Annahme basieren, dass sich Modernisierungsprozesse in Böhmen und Russland deshalb vergleichen lassen, weil sie trotz aller Unterschiede einen hohen Grad von Analogien aufweisen. Diese Annahme ermöglicht ihnen als konzeptuell sehr gut ausgestatteten Historikern jeweils wahrhaft einfallsreiche Interpretationen der gewählten Problematiken.

Martin Schulze Wessel geht von einer Analogie der Modernisierungsveränderungen aus, zu denen sich mit der Revolution 1848 in den böhmischen Ländern und der Revolution von 1905 in Russland der Weg öffnete. Anschließend geht es ihm um Revolutionen bzw. um die revolutionären Veränderungen in den Jahren 1918–1920 in der Tschechoslowakei und in den Jahren 1917–1922 in Russland. Eine geeignete komparative Ebene für das 20. Jahrhundert sieht er, inspiriert von Clifford Geertz, in dem Umstand, dass wesentliche Machtumbrüche von ihren Akteuren vor der breiteren Öffentlichkeit legitimiert werden müssen, immer ausgehend vom symbolischen Rahmen der bestehenden Kultur, in dem das Wissen um die Vergangenheit, Probleme der Gegenwart und Visionen der Zukunft einander durchdringen (S. 117).

Der konzeptionelle Rahmen dieses Vergleichs wird von überzeugenden Argumenten gestützt. Sowohl die katholische Kirche in der Habsburger Monarchie als auch die orthodoxe Kirche in Russland hatten auf ihren Wirkungsterritorien eine außerordentliche Stellung inne. Beide Staaten stärkten ihren Einfluss auf die jeweils größten Kirchen im Zusammenhang mit dem Kampf gegen das Osmanische Reich im 18. Jahrhundert. Nach Meinung von Martin Schulze Wessel stellte dies eine willkommene Unterstützung für die Integration der multiethnischen Bevölkerung dar. Staatliche Aufsicht über die Kirchen bedeutete jedoch nicht, dass im Zuge der gesellschaftlichen Modernisierung Druck im Sinne einer Entkonfessionalisierung oder gar Entchristlichung ausgeübt worden wäre. Als wichtigstes Phänomen präpariert Schulze Wessel im Ergebnis seines Vergleichs heraus, dass sich in beiden Fällen eine niedere Schicht von Geistlichen als spezifische Interessengruppe formierte. Diese bemühte sich, die Kirche zu demokratisieren und aktiv Berührungspunkte mit der Gesellschaft außerhalb der Kirche zu suchen, die sich insbesondere in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts immer stärker säkularisierte.

Seiner komparativen Analyse gibt Schulze Wessel eine feste Struktur von Themengebieten, auf die sich die abtrünnigen Geistlichen sowohl in den böhmischen Ländern als auch in Russland programmatisch konzentrierten: 1. Religion und Politik; 2. Episkopat – Klerus – Staat; 3. Marginalisierung und Selbstentwurf des Klerus; 4. Nationalisierung der Liturgie; 5. Ethnisierung des religiösen Konflikts; 6. Erinnerung und Religion. In diesem Herangehen spielen spezifische Untersuchungen der „öffentlichen Meinung“ eine Schlüsselrolle, wie 1905 bei der Kirchenreform in Russland und 1918 bei den Reformkatholiken in der Tschechoslowakei (S. 233 – 262). Die in beiden Fällen eingesetzten Fragebögen bieten die Möglichkeit, sehr plastisch in die Reformerwartungen hineinzublicken. Sie werden nicht nur als historische Quellen herangezogen, nicht nur als bloßes Abbild der Reform, sondern gleichzeitig als wichtiger Faktor ihrer Konstruktion interpretiert, vor allem in Bezug auf die Homogenisierung der Haltungen der Befragten, indem diese auf dieselben Fragen antworten.

Im Falle Russlands waren die Fragebögen für die orthodoxen Bischöfe bestimmt, namentlich im Zusammenhang mit der bevorstehenden Einberufung des orthodoxen Konzils (1917). Dieses erneuerte in Reaktion auf die revolutionären Veränderungen in der russischen Gesellschaft die Selbstverwaltung der Kirche. Nach mehr als 200 Jahren wurde wieder ein russischer orthodoxer Patriarch gewählt, der jedoch im Laufe nur weniger Jahre in direkten Konflikt mit der bolschewistischen Macht geriet. Zu orthodoxen Bischöfen konnten nun auch weltliche Geistliche gewählt werden, was dem früheren Vorgehen widersprach, bei dem diese Weihe nur Ordenspriestern vorbehalten war, die in Askese und Zölibat lebten. Weitere Reformen eröffneten für Laien gewisse Möglichkeiten, sich an der Leitung der orthodoxen Kirche zu beteiligen. Zu einer deutlichen Modernisierung ihrer Beziehung zu den übrigen Sphären des gesellschaftlichen Lebens kam es jedoch nicht. Die Reformgruppe der weltlichen Geistlichen war nämlich weder so zahlreich noch programmatisch überzeugend und zudem – oft anonym - zu stark auf St. Petersburg konzentriert.

Im Falle der böhmischen Länder gab es im Vergleich mit Russland bereits auf soziologischer Ebene deutliche Unterschiede, denn die abweichlerischen Geistlichen knüpften hier an die Vereinstraditionen der Zivilgesellschaft an. Bereits vor dem ersten Weltkrieg hatten von der katholischen Moderne inspirierte Priester die „Jednota katolického duchovenstva [Vereinigung der katholischen Geistlichkeit]“ gegründet. Diese wurde zwar auf Druck der Bischöfe rasch aufgelöst, 1918 aber auf einer viel breiteren personellen Basis erneuert und im Januar 1920 per Entscheidung des Episkopats wieder aufgehoben.

Auf 6000 in den böhmischen Ländern versendete Fragebögen gingen nur 2161 Antworten ein, was die Grenzen der Unterstützung für die radikale Version der Reformbemühungen unter der tschechischen katholischen Geistlichkeit aufzeigt. 1712 Befragte antworteten auf alle Fragen mit Zustimmung, 402 teilweise zustimmend und 47 mit völliger Ablehnung. Gegen die Aufhebung des Zölibats sprachen sich von den teilweise Zustimmenden 382 aus, gegen die Verweltlichung der „Zivil"bekleidung von Priestern 287 Geistliche. Übrigens lehnten es auch einige derjenigen, die für die Aufhebung des Zölibats waren, ab, mit ihren Lebensgefährtinnen - in den meisten Fällen Pfarrhaushälterinnen - ordentliche Ehen einzugehen. Es hat den Anschein, dass dieses Reformprogramm in Böhmen stärker unterstützt wurde als in Mähren. Dort grenzten sich nämlich die katholischen Geistlichen gegenüber ihrer Umgebung auch deshalb stärker elitär ab, weil sie den Säkularisierungsdruck nicht so intensiv spürten (S. 251 – 262).

Schulze Wessel stellt fest, dass der auf Reform bedachte Dissens in den böhmischen Ländern und in Russland analoge Folgen hatte. Im Januar 1920 entstand in Prag die Abspaltung „Církev československá [Tschechoslowakische Kirche]“, der gemäßigtere Teil der katholischen Reformgeistlichen verblieb aber weiter im Schoße der katholischen Kirche. Im Mai 1922 wurde im bolschewistischen Russland von Reformgeistlichen angeregt, mit der „Lebendigen Kirche“ eine neue religiöse Gruppierung entstehen zu lassen. Diese fand jedoch weder in den Reihen der übrigen Geistlichen noch unter den Gläubigen ein besonders großes Echo. 1941 wurde sie von der Sowjetmacht aufgelöst. Wie im Text bekräftigt, hat es sich sowohl in der Tschechoslowakei als auch in Sowjetrussland eher um ein Ergebnis des inneren Dissenses als um eine Instrumentalisierung innerkirchlicher Differenzen durch die neue Staatsmacht gehandelt. Das Bemühen, eine dem Staat gewogene Kirche zu schaffen, muss als sekundär angesehen werden. Unter den böhmischen Verhältnissen war zudem ein höheres Maß an Legitimität des Dissenses durch das recht erfolgreiche Konstrukt des Jan Hus als gemeinsamer Gedächtnisort gegeben, der das historische Bemühen um eine Kirchenreform mit moderner nationaler Identität verband. In Russland hingegen fehlte ein analoges Konstrukt mit ausreichend attraktiver Symbolkraft.

Das hier anzuzeigende Buch mit dem beziehungsreichen Titel „Revolution und religiöser Dissens“ bringt wirklich reiche und gleichzeitig auch durchdacht strukturierte Erkenntnisse über das Forschungsthema, das bei weiteren Arbeiten in diesem Bereich mit allem Ernst herangezogen werden muss. Stellenweise stößt es an gewisse Grenzen im Verständnis von Moderne bei einigen Reformgeistlichen. Dies trat sowohl in Russland als auch in den böhmischen Ländern unter anderem durch ein unterschiedliches Maß an Antisemitismus zutage. Dessen Spuren sind nämlich bei führenden Reformprotagonisten zu beobachten, sowohl in der auffällig konservativen Variante des Antikapitalismus (J. Š. Baar), als auch in der „linken“ Begründung der Klassenauffassung der orthodoxen Glaubensgemeinschaft (V. D. Krasnickij). Die in vielerlei Hinsicht anregende Monographie von Martin Schulze Wessel schneidet auch die wichtige konzeptionelle Frage danach an, in welchem Maße man die Komparation des Historikers als Dialog zwischen der Verlaufsanalogie von sozialen Modernisierungsprozessen und der wertemäßigen Variabilität des kulturellen Umfelds verstehen kann, in dem sich diese vollziehen.

Im Zusammenhang damit kann auf noch abstrakterer Ebene jeglicher Dissens, wenn dieser an gesellschaftlichem Ernst gewinnt, als Bewegung in einem Szenario erscheinen, in dem sich in der bestehenden Machtkonfiguration schließlich seine Unterdrückung durchsetzen kann. Das kann, muss aber nicht, mit einer erneuten Inklusion von „reuigen“ Abweichlern verbunden sein. Des Weiteren handelt es sich um Szenarien, bei denen Abweichler aus der bestehenden Machtkonfiguration heraustreten. Es steht jedoch anzunehmen, dass dieses Herangehen an einen Vergleich des Dissenses dem Historiker die Erklärung einer gewissen semantischen Spannung zwischen laufender Analogie und kultureller Variabilität der historischen Prozesse nicht einfacher macht. Seine Interpretation bleibt nämlich auch weiterhin hoheitliche Wahl im Rahmen seiner Wertepräferenzen, deren gesellschaftliche Relevanz eher an der Chance auf breitere Gültigkeit in der Fach- und der Laienöffentlichkeit gemessen werden kann. In dieser nimmt sich die Monographie von Martin Schulze Wessel wahrhaft kultiviert aus.

Anmerkung:
[1] David L. Cooper, Creating the Nation. Identity and Aesthetics in Early Nineteenth Century Russia and Bohemia, DeKalb 2010, rezensiert von Jiří Štaif, in: H-Soz-u-Kult, 02.12.2011, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2011-4-163> (15.05.2012).