T. Buchen: Antisemitismus in Galizien

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Titel
Antisemitismus in Galizien. Agitation, Gewalt und Politik gegen Juden in der Habsburgermonarchie um 1900


Autor(en)
Buchen, Tim
Reihe
Studien zum Antisemitismus in Europa 3
Erschienen
Berlin 2012: Metropol Verlag
Anzahl Seiten
384 S.
Preis
€ 24,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
François Guesnet, Department of Hebrew and Jewish Studies, University College London

In dieser bemerkenswerten und über weite Strecken fesselnden Darstellung unternimmt Tim Buchen eine umfassende Interpretation jener Welle antijüdischer Gewalt, die im Sommer 1898 das größte österreichische Kronland erschütterte. In einem ersten, fast fünfzig Seiten umfassenden Teil der Einführung diskutiert Buchen die Genese Galizien-Lodomeriens durch die Teilungen, die dortigen sozialen und politischen Beziehungen zwischen ländlicher polnischer und ruthenischer Bevölkerung, grundbesitzendem Adel (szlachta), gewerbe- und handeltreibenden Juden, sowie der Provinzial- und Reichsregierungen.[1] Die zunehmende Kapitalisierung der wirtschaftlichen Beziehungen, die sich nach dem bäuerlichen Aufstand 1846 und der Revolution von 1848 beschleunigte, hatte nachhaltigen Einfluss auf die Gesellschaftsbeziehungen im ländlich geprägten Galizien. Eine der Folgen war die zunehmende Rolle nationalistischer Diskurse – sowohl auf polnischer als auch, im Ostteil der Provinz, auf ukrainischer Seite. Der österreichisch-ungarische Ausgleich 1867 und die Verfassung von 1867 vergrößerten die Autonomie der Reichsteile und erweiterten so die politischen Spielräume auf Provinz- wie auch auf Reichsebene – mit großer Energie wurde nun um parlamentarische Mandate gerungen. Politische Agitation trug, so Buchen, wesentlich zur Akzentuierung sozialer, konfessioneller und kultureller Gegensätze bei. Die vollständige Emanzipation der Juden und der Eindruck, dass „die Juden“ von den Transformationsprozessen im ländlichen Raum mehr profitierten als andere – etwa durch den nun möglichen Erwerb von Grundbesitz – trug zu der Wahrnehmung bei, dass sich das Verhältnis von jüdischer und nicht-jüdischer Bevölkerung nachhaltig zum Nachteil letzterer verschob. Dieses Motiv – das Ende der über Jahrhunderte gewachsenen ‚ambivalent symbiosis‘ (Rosa Lehmann) ist für diese Studie von zentraler Bedeutung.

In der zweiten Hälfte der Einführung stellt Buchen die wesentlichen Eckpunkte seiner Argumentation über die Entwicklung des Antisemitismus im Kronland ein. Zunächst verwirft er eine ideengeschichtliche Ableitung der interethnischen Gewalt um 1900: „In diesen Konflikten spielte eine neu eingeführte moderne Ideologie keine Rolle. Der analytische Antisemitismusbegriff [...] ist für Galizien unbrauchbar“ (S. 50f.). Auch eine Annahme von „antisemitischen Trägerschichten“, deren Wirken in dem Ausbruch anti-jüdischer Gewalt zutage getreten wäre, hält Buchen für wenig hilfreich. Vielmehr schlägt er vor, über eine „dichte Rekonstruktion“ des gewalttätigen Handelns und der ihm vorausgehenden Sprech- und Schreibakte eine „praxeologische Geschichte“ des Antisemitismus zu schreiben, die diesen nicht als ideologische Formation, als mentale Einstellung oder religiöses Vorurteil oder eine Mischung aus all diesen Ingredienzien zu begreifen, sondern als Prozess, in dem drei Komponenten zum Tragen kommen: Agitation, Gewalt, und Politik. Buchen möchte die überaus vielfältigen Bezüge zwischen sprachlichem Handeln, an dem die verschiedensten Akteursgruppen in vielfältigen Genres (Gerüchte – exzellent diskutiert! –, Artikel, Pamphlete, Predigten, Berichte, Gerichtsverhandlungen, Parlamentsreden und -eingaben) beteiligt sind, wie auch konkretes Handeln, etwa Gewalt, analytisch trennen und beschreiben. Dieser theoretische Teil der Einführung (S. 53–91) insistiert zunächst auf der Notwendigkeit, den engen Zusammenhang zwischen Diskurs und Tat zu sehen und zu deuten: „Dieses Phänomen Antisemitismus soll nicht als ein Akteur, sondern als Bezeichnung für einen sozialen Prozess verstanden werden, in dem Handlungen und Diskurs aufeinander Bezug nahmen und sich gegenseitig Sinn verliehen“ (S. 54). Dies liest sich wie eine Bezugnahme auf die Theorie von der Konstitution von Macht, wie sie Michel Foucault etwa in der „Geschichte der Sexualität“ formuliert hat.

Im Zentrum des ersten Kapitels „Agitation“ steht die für Galizien rekonstruierte Diskussion um die Emanzipation der Juden und deren Rolle in der Herausbildung der unterschiedlichen politischen Lager – christlich oder säkular ausgerichtete Bauernparteien polnischer oder ukrainischer Prägung nachgezeichnet. Die um Mobilisierung immer breiterer Wählerschichten bemühten Parteien gaben den liberal-konservativen Verfassungskonsens auf und operierten zunehmend mit christlich und/oder national kodierten Exklusionsvorstellungen. „Die Polarisierung durch gewalttätige Wahlveranstaltungen war,“ so Buchen, „die Performanz der Auflösung der alten Ordnung und des Verlusts von bäuerlicher Einigkeit und Stärke“ (S. 141). Gleichzeitig wurden „‚der Jude‘, und ‚das Jüdische‘ diffuser, gleichsam zu einer Chiffre für das Feindliche schlechthin“ (S.142). Dieser Radikalisierungsprozess gipfelt in der Erfindung des „Asemitismus“ – des Ideals einer so weitgehenden Ausgrenzung alles Jüdischen aus der nichtjüdischen Lebenswelt, dass es nicht einmal mehr bekämpft werden musste (S. 156–166).

Das folgende Kapitel „Gewalt“ ist auf Grundlage behördlicher Berichte und der zeitgenössischen Presse dem eigentlichen Gewaltgeschehen gewidmet. Dieses zeichnete sich durch eine beträchtliche Zahl von Angriffen auf jüdische Schankwirtschaften und Ladengeschäfte aus; Personen kamen in verhältnismäßig geringem Umfang zu Schaden (ähnlich wie im Russischen Reich 1881/82). Tim Buchen löst in diesem Kapitel seinen Anspruch ein, durch eine dichte Beschreibung die Hintergründe, Träger und Dynamik antijüdischer Gewalt nachvollziehbar zu machen. Die politische Mobilisierung im Zusammenhang mit Nachwahlen zum Reichsrat schufen ein „pogrom system“ (Paul Brass) – das heißt ein Zustand gespannter Erwartung der als legitim und überfällig wahrgenommenen gewalttätigen Wiederherstellung eines verloren geglaubten Gleichgewichts, gemischt mit der Hoffnung auf Gelegenheiten, eine Schenke oder einen Kramladen auszurauben. Dies entspricht dem von Senechal de la Roche entwickelte Modell der „competetive ethnicity“.[2] Als Beispiel soll hier auf den Überfall auf die Schenke einer Familie Diamand verwiesen werden (S. 195–97), dem die Wirtin anfangs noch die Stirn bietet: „Was wollt ihr Leute, ist das ein Überfall?“ – Im Verlauf dieses Überfalls versucht die Schankwirtin – die unverletzt bleibt – wiederholt, mit einer Kerze den dunklen Schankraum auszuleuchten, was die Pogromisten durch Ausblasen zu unterbinden suchen. Buchen hierzu: „Es mag wohl Scham dabei gewesen sein, bei dem Zerstörungswerk beobachtet zu werden, vielleicht eine Form der Feigheit, die im Widerspruch zu den mit der Axt zerschlagenen Gläsern und den markigen Worten standen.“ (S. 197) Ein Charakteristikum der antijüdischen Gewalt in Galizien im Sommer 1898 war es demnach, dass zumindest die Möglichkeit bestand, zur ambivalenten Symbiose zurückzukehren (S. 324).

Buchens präzise Beobachtungen und Interpretationen sind dringend zur Lektüre empfohlen - es ist die wohl überzeugendste historische Darstellung antijüdischer Gewalt, die in den letzten Jahren vorgelegt worden ist. Trotz einer strukturalistischen Analyse verliert Buchen die Handelnden nie aus dem Blick, und vermag Handlungsmotivationen überzeugend nachzuzeichnen. Gerade wegen der Präzision des Zugriffs scheint es bedauerlich, dass Buchen in seiner Darstellung eine spezifische Gruppe von Akteuren nicht stärker in den Vordergrund rückt. Man könnte diese mit Paul Brass (der nicht zitiert wird)[3] als eine Untergruppe der „pogrom specialists“ bezeichnen. Es geht um jene Akteure, die als Übersetzer zwischen politischem Rahmen, den Registern des Sag- und Schreibbaren und den konkret Handelnden vermittelten: die Gerichts- und Gemeindeschreiber (S. 174, 177), der Assessor (S. 180), der Mönch (S. 180), der Pfarrer (S. 181), die Tochter des Lehrers (S. 192), der Gemeindepolizist (S. 202), der Bahnwärter (S. 207), die Dragoner (S. 235f.) Als Schreib- und Lesekundige oder aufgrund ihrer Stellung hatten sie Anteil daran, eine moralische Grenze niederzureißen, die unter normalen Umständen Nachbarn davon abhalten, übereinander herzufallen. Es waren eben nicht nur die „Rädelsführer,“ wie Buchen schreibt, die „im sonstigen Dorfleben Autoritäten waren, deren Wort Gewicht hatte“ (S. 207), sondern auch diese ‚Übersetzer‘, die gerade in einer strukturalistischen Analyse als eigenständige Gruppe Betrachtung verdient hätten und die, wie Buchen belegt, ihre Position nutzten, um ihre Umgebung gegen die jüdische Bevölkerung aufzuwiegeln. Wie im Fall der aufkeimenden antijüdischen Gewalt zu Beginn der 1880er-Jahre in Preußen war es die massive polizeiliche und vor allem militärische Intervention, wie auch die Schaffung von Bürgerwehren, die der Gewalt ein nachhaltiges Ende bereitete.

Das dritte Kapitel, „Politik“, analysiert die Rückwirkung und Verwertung der antisemitischen Agitation und Gewalt auf der parlamentarischen Ebene, und beleuchtet die Relevanz parlamentarischen Handelns als Faktor, der Agitation und Gewalt begünstige. Buchen konzentriert sich hier auf parlamentarische Anfragen (sog. Interpellationen), die er angemessen als Rückübersetzungen aus der galizischen Lebenswelt in den Wiener Reichsrat interpretiert. Insofern Interpellationen behördliches Handeln vor Ort erzwingen konnten, trugen sie zur Ausprägung oder Verhärtung antijüdischer Vorstellungen bei. Ein letzter Abschnitt reflektiert Ritualmordvorwürfe, die um 1900 öffentlich wurden. Obwohl sie nicht mehr zu folgenreichen Prozessen führten, bildeten sie ein wichtiges Element antisemitischer Agitation. Dieses abschließende Kapitel macht deutlich, dass auch im parlamentarischen und publizistischen Diskurs um 1900 Antisemitismus als politische Haltung kulturell hegemonial (um es mit Gramsci zu sagen) geworden war.

Alles in allem ist die hier anzuzeigende Monographie also eine überaus gelungene Studie – auch wenn man nicht alle Schlussfolgerungen teilen möchte. Etwa, dass „Antisemitismus nicht als ein Bestandteil von Nationalismus angesehen werden kann und schon gar nicht nationale Gegensätze die Ursache für Judenfeindschaft waren“ (S. 336). Sicherlich sind Nationalismen ohne Antisemitismus theoretisch denkbar – dies scheint aber ein eher preziöses Argument. In der Formierung nationalistischer Diskurse und Bewegungen im Europa des 19. und 20. Jahrhunderts war die „Konstruktion der Nation gegen die Juden“[4] eine überaus folgenreiche Entwicklung, wie eine Vielzahl von Studien in den letzten zwanzig Jahren herausgearbeitet hat – unter anderem solche, die wie der hier besprochene Band in Rahmen des überaus produktiven Forschungskollegs zum Antisemitismus in Europa (1871–1914) am Berliner Zentrum für Antisemitismusforschung entstanden sind.[5] Insgesamt ist der Band sorgfältig redigiert, und der niedrige Anschaffungspreis versöhnt mit der zu geringen Auflösung der Illustrationen (insbesondere der Karten). Der Text ist durch eine (zu) große Zahl von Abschnittsüberschriften strukturiert, in deren Hierarchie man sich recht schnell verlieren kann – insbesondere, wenn sich diese Überschriften wiederholen (S. 246 und 261).

Anmerkungen:
[1] Siehe hierzu auch Larry Wolff, The Idea of Galicia. History and Fantasy in Habsburg Political Culture, Stanford 2010.
[2] Hierzu Werner Bergmann, Pogrome, in: Wilhelm Heitmeyer / John Hagan (Hrsg.), Internationales Handbuch der Gewaltforschung, Wiesbaden 2001, S. 441–460.
[3] Paul Brass, Introduction: Discourses of Ethnicity, Communalism, and Violence, in: ders. (Hrsg.), Riots and Pogroms, Basingstoke 1996, S. 1–55, hier S. 42f.
[4] Vgl. den richtungsweisenden Sammelband Peter Alter u.a. (Hrsg.), Die Konstruktion der Nation gegen die Juden, München 1999.
[5] Hier sind zu erwähnen: Michal Frankl, ‚Prag ist nunmehr antisemitisch‘: tschechischer Antisemitismus am Ende des 19. Jahrhunderts, Berlin 2011; Miloslav Szabó, ‚Von Worten zu Taten‘: die slowakische Nationalbewegung und der Antisemitismus 1875–1922, Berlin 2014.

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06.03.2015
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