J. Schuch: Mosambik im pädagogischen Raum der DDR

Cover
Titel
Mosambik im pädagogischen Raum der DDR. Eine bildanalytische Studie zur „Schule der Freundschaft“ in Staßfurt


Autor(en)
Schuch, Jane
Erschienen
Anzahl Seiten
X, 245 S.
Preis
€ 39,95
Rezensiert für die Historische Bildungsforschung Online bei H-Soz-Kult von:
Marianne Krüger-Potratz, Institut für Erziehungswissenschaft, Westfälische Wilhelms-Universität Münster

Die Vergleichende Erziehungswissenschaft in der Bundesrepublik hat sich vor 1990 zwar kontinuierlich mit den Entwicklungen im Bildungssystem der DDR befasst, doch das Thema ‚ausländische Kinder und Jugendliche in der sozialistischen Schule‘ war nie Gegenstand ihres Interesses. Auch diejenigen, die sich in international vergleichender Perspektive mit der Integration von Kindern und Jugendlichen aus Zuwandererfamilien in der Bundesrepublik befasst haben, haben nicht ‚nach Osten‘ geschaut.[1] Denkbar sind mehrere Gründe für diese Forschungslücke vor den 1990er-Jahren: In Fragen von Migration und Bildung war der Blick in der Bundesrepublik nach ‚Westen‘ gerichtet, in den 1970er- und 1980er-Jahren vor allem auf der Suche nach interessanten Vorbildern für die als neu angesehene bildungspolitische und pädagogische Aufgabe. Doch selbst wenn es das Interesse gegeben hätte, der Zugang zum Forschungsfeld wäre aus zwei Gründen versperrt gewesen. Zum einen ist in der DDR zu diesem Thema nicht geforscht und wissenschaftlich publiziert worden. Somit gab es keine Texte, Dokumente oder gar Studien, auf die sich westdeutsche Forscherinnen und Forscher hätten stützen können. Zum anderen war es nicht möglich, eigenständig in der DDR bzw. in Kooperation mit ostdeutschen Pädagoginnen und Pädagogen empirisch zu forschen.

Nach der Wende galt das Forschungsinteresse vor allem den verschiedenen politisch-pädagogischen Solidaritätsaktionen der DDR, im Rahmen derer Kinder, zum Beispiel aus Vietnam, Mosambik und Namibia, in der DDR in eigenen Einrichtungen in unterschiedlich großen Gruppen für mehrere Jahre betreut, beschult und zum Teil auch beruflich ausgebildet worden sind.[2] Die größte und politisch ambitionierteste Einrichtung dieser Art war die „Schule der Freundschaft“ (SdF), die auch im Mittelpunkt der Studie von Jane Schuch steht.

Die SdF wurde 1982 gegründet. Sie war vom Umfang und von der Konzeption her ein einzigartiges politisch-pädagogisches Projekt der DDR-Regierung, geplant auf höchster Staatsebene in Zusammenarbeit mit der Akademie der Pädagogischen Wissenschaften. In einem speziell für dieses Projekt gebauten, in sich abgeschlossenen Komplex mit Schule, Ausbildungsstätten, Wohnhäusern, Einrichtungen zur Verpflegung, medizinischen Betreuung usw. lebten zwischen 1982 und 1988 900 Kinder und Jugendliche aus Mosambik. Sie wurden von Pädagoginnen und Pädagogen aus der DDR und aus Mosambik unterrichtet, betreut und ausgebildet. Von 1986 bis 1990 lebten in der SdF auch noch ungefähr 300 namibische Schüler und Schülerinnen, die jedoch extern in einer nahegelegenen Polytechnischen Oberschule unterrichtet worden sind. Für die Schülerinnen und Schüler der SdF waren vier Jahre allgemeinbildende Schule (nach der Grundschule) und zwei Jahre Berufsausbildung vorgesehen. Ziel war neben der fachlichen (Aus-)Bildung die Erziehung zur „[allseitig entwickelten] sozialistischen Persönlichkeit“ bzw. zum „neuen mosambikanischen Menschen“. Der Unterricht erfolgte nach einem speziell für die SdF entwickelten Curriculum; für bestimmte Fächer und Klassenstufen waren besondere Lehrbucheinheiten konzipiert worden.

Zur SdF liegen inzwischen verschiedene Publikationen vor: Bücher und Artikel aus Forschungsprojekten, insbesondere aus dem von der DFG geförderten und von Lutz-Rainer Reuter und Annette Scheunpflug geleiteten Projekt „Geschichte der ‚Schule der Freundschaft‘ in Staßfurt (DDR)“, in dem auch die Autorin zeitweise mitgearbeitet hat. Darüber hinaus gibt es Filmmaterial, Interviews mit Zeitzeugen bzw. autobiografische Darstellungen und zeitgenössische Presseausschnitte.[3]

Das Besondere an der Arbeit von Schuch sind der Forschungsansatz, die seriell-ikonografische Fotoanalyse nach Mietzner und Pilarczyk[4], und das einzigartige Quellenkorpus: 1780 offizielle wie private Fotografien, ein erster Teil stammt aus dem DFG-Projekt, alle weiteren hat die Autorin durch eigene Recherchen und Kontakte ermittelt. Die Bilder stammen von professionellen Fotografen wie auch von Fotoamateuren. Die professionellen Fotos waren zur Dokumentation des politisch-pädagogischen Projekts nach außen und zur Illustration der schon erwähnten, speziell für die SdF konzipierten Lehrmaterialien gedacht. Die Bilder der Fotoamateure sind aus unterschiedlichen Motiven entstanden: Die Fotos des pädagogischen Personals waren mehrheitlich zur Dokumentation der pädagogischen Arbeit und des ‚sozialistischen Lebens‘ in der SdF gedacht, aber auch zur privaten Erinnerung. Eher privaten Charakter haben die Fotos anlässlich der Besuche der Schülerinnen und Schüler zu bestimmten Feiertagen in ausgewählten Gastfamilien und die Bilder, die die Kinder und Jugendlichen zum Teil im Rahmen von Foto-Arbeitsgemeinschaften selbst aufgenommen haben, Letztere zeigen nicht nur das Leben in der SdF aus ihrer Perspektive, sondern auch, wie die jungen Fotografinnen und Fotografen sich selbst sahen, wie sie auch widerständig-selbstbewusst auf das „zu Anderen gemacht zu werden“ reagiert und „das weiß konstruierte Andere (Bild von Anderen) zu ihrem Eigenen“ gemacht haben (S. 226). Nicht einbezogen werden konnten die Bilder, die die Kinder und Jugendlichen nach Hause geschickt haben, so dass dieser Blick auf ihr Leben in der SdF ausgespart bleiben musste.

Die von Schuch vorgelegte Studie stellt nicht einfach eine Ergänzung zu den bisherigen Publikationen über die SdF dar, sondern aufbauend auf den Ergebnissen der anderen, vor allem auf schriftlichen Quellen beruhenden Forschung ermöglicht sie den Leserinnen und Lesern einen neuen, mehrperspektivischen Blick auf das politisch-pädagogische Experiment SdF: auf den Alltag, den Unterricht und die pädagogische Arbeit in der Schule, auf Feiern, Arbeitseinsätze in der Umgebung usw. Ermöglicht wird ein neuer Blick „auf die Schule und ihre Akteure“, auf „die Erziehungsverhältnisse in der DDR“ und insbesondere auf „den Umgang mit Fremdheit in einem Land der postulierten ‚internationalen Solidarität‘“ (S. 20) unter der Leitidee der Erziehung des neuen Menschen.

Jane Schuch hat ihre Studie klar gegliedert: Im ersten Kapitel geht es – angemessen knapp – um die Vorstellung und die Einordnung des Untersuchungsgegenstands. Im Zentrum des zweiten Kapitels stehen Gegenstand und Methode der Untersuchung: eine ausführliche Präsentation der Quellen wie der vorgenommenen Systematisierung und eine informative Vorstellung der seriell-ikonografischen Fotoanalyse. Mit Blick auf das dritte Kapitel erfolgt eine erste, noch nicht ins Detail gehende Auseinandersetzung mit den Quellen unter drei Aspekten: die „Konstruktion des Anderen“ mittels der Bilder, der „Andere im Bild“ und das europäische Bild von Afrika und schließlich die Frage nach der „anderen Fotografie“, das heißt nach der Fotografie in Afrika und speziell in Mosambik. Der letzte Abschnitt zum „kolonialen Blick“ leitet zum dritten Kapitel über, zu der detaillierten und intensiven Auseinandersetzung mit einigen ausgewählten Fotografien, die unter verschiedenen Aspekten analysiert werden. Die leitenden Fragestellungen beziehen sich auf das mit dem politisch-pädagogischen Konzept der SdF erzeugte „Spannungsfeld zwischen Anpassung und Verweigerung, Nähe und Distanz, kultureller und politischer Differenz“ (S. 38) und auf die Frage nach Kontinuitäten und Diskontinuitäten des kolonialen Blicks, wie er sich in den Fotografien und deren Arrangement zeigt, und er in den Bildern der Schülerinnen und Schüler zurückgespiegelt wird.

Im letzten Kapitel setzt sich Schuch noch einmal mit der Relevanz und der Aussagekraft des Quellenkorpus auseinander. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass die Analyse der Bilder „analog zu bisherigen Forschungsergebnissen […] die Grenzen von politisch indoktrinierender Pädagogik“ (S. 220) aufzeigen. In den Bildern werde sichtbar, dass es nicht gelungen sei, das Konzept der „einheitlichen Form der Erziehung und Bildung“ umzusetzen. Nicht nur die Schülerinnen und Schüler hätten sich nicht einpassen lassen, sondern auch Pädagoginnen und Pädagogen hätten „trotz der Intention einer ‚durchherrschten‘ Schule“ Spielräume geschaffen. Die „bewussten und unbewussten Körperinszenierungen“ der Schülerinnen und Schüler, wie sie in den Bildern sichtbar sind, ließen zudem erkennen, dass sie sich diesem staatlich-pädagogischen Zugriff auch zu verweigern wussten. Sichtbar werde aber auch, insbesondere in den Bildern von professionellen Fotografen, das Fortwirken des kolonialen Blicks, „tradierte rassistische Klischees […], indem die mosambikanischen Schüler/innen in der fotografischen Abbildung infantilisiert und als ‚unzivilisiert‘ und ‚exotisch‘ imaginiert werden“ (S. 223).

Die Studie, insbesondere Kapitel 3, bedarf einer sehr aufmerksamen Lektüre. Die Autorin analysiert die in den Text eingefügten – leider nicht immer gut ‚lesbaren‘ – Fotos unter verschiedenen Aspekten und Blickwinkeln. Die Leserin bzw. der Leser ist immer wieder gefordert, sich mit den unterschiedlichen Blicken der Autorin und mit der eigenen Wahrnehmung auseinander zu setzen. Jane Schuch – so kann man zusammenfassen – ist mit ihrer Untersuchung das gelungen, was sie eingangs als Hoffnung anspricht: Sie hat eine nachvollziehbare Forschungsleistung vorgelegt, ohne zu verdecken, dass die Bilder für diejenigen, die auf ihnen dargestellt sind, oder für die, die sie aufgenommen und in Alben zusammengestellt haben, eine eigene Bedeutung haben, die von dieser Forschung nicht erfasst wird bzw. werden kann.

Anmerkungen:
[1] Z.B. Ursula Boos-Nünning / Manfred Hohmann / Hans-H. Reich, Aufnahmeunterricht, Muttersprachlicher Unterricht, interkultureller Unterricht. Ergebnisse einer vergleichenden Untersuchung zum Unterricht für ausländische Kinder in Belgien, England, Frankreich und den Niederlanden, München 1983.
[2] Z.B. Susanne Timm, Namibische Flüchtlingskinder im Kinderheim Bellin/DDR, Dissertation an der Universität Erlangen 2006; oder Lutz-Rainer Reuter / Annette Scheunpflug, Die Schule der Freundschaft, Bildung in Umbruchsgesellschaften 6, Münster 2006.
[3] Aufzufinden unter den einschlägigen Schlagworten, z.B. „Staßfurt Schule der Freundschaft“. Zum Engagement der DDR in den sogenannten „jungen Nationalstaaten“ und zur Erinnerung daran, siehe Thomas Kunze / Thomas Vogel (Hrsg.), Ostalgie international. Erinnerungen an die DDR von Nicaragua bis Vietnam, Berlin 2010.
[4] Ulrike Pilarczyk / Ulrike Mietzner, Das reflektierte Bild. Die seriell-ikonografische Fotoanalyse in den Erziehungs- und Sozialwissenschaften, Bad Heilbrunn 2005.

Redaktion
Veröffentlicht am
12.10.2015
Redaktionell betreut durch
Kooperation
Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit der Historischen Bildungsforschung Online. (Redaktionelle Betreuung: Philipp Eigenmann, Michael Geiss und Elija Horn). https://bildungsgeschichte.de/
Klassifikation
Epoche(n)
Region(en)
Mehr zum Buch
Inhalte und Rezensionen
Verfügbarkeit
Weitere Informationen
Sprache Publikation
Sprache Beitrag