M. Gabowitsch: Putin kaputt!?

Cover
Titel
Putin kaputt!?. Russlands neue Protestkultur


Autor(en)
Gabowitsch, Mischa
Reihe
edition suhrkamp 2661
Erschienen
Berlin 2013: Suhrkamp Verlag
Anzahl Seiten
441 S.
Preis
€ 16,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Heiko Pleines, Forschungsstelle Osteuropa, Universität Bremen

Das Buch von Mischa Gabowitsch analysiert die Protestwelle in Russland, die im Dezember 2011 nach den Parlamentswahlen begann. Auslöser für eine Reihe von Massendemonstrationen war die verbreitete Wahrnehmung, dass der russische Präsident Wladimir Putin seinen eigenen Machterhalt durch zynische Manipulationen sicherte, die Wahlen nur eine symbolische Funktion zuwiesen. Nach im Internet verbreiteten Dokumentationen von Wahlfälschungen erreichten die Demonstrationen schnell Teilnehmerzahlen, die in Zehntausenden gemessen wurden. Dadurch gewannen die Demonstrationen, wie Gabowitsch mit vielen Zitaten von Teilnehmern belegt, eine Eigendynamik, die vor allem darauf basierte, dass bei vielen Russen das Gefühl entstand, nicht als einzige mit der aktuellen Lage unzufrieden zu sein. Daraus ergab sich ein Interesse an öffentlichem Protest, das viele Ausdrucksformen fand und ein weltweites Medienecho auslöste.

Dafür, dass der Beginn dieser Protestwelle erst zwei Jahre zurückliegt, ist die wissenschaftliche Literatur zum Thema bereits sehr umfangreich. Dabei dominieren politikwissenschaftliche Ansätze, die auf politische Akteure schauen, häufig eine urbane Mittelschicht als Träger der Proteste identifizieren und die Proteste als Teil eines Machtkampfs im Kontext des russischen politischen Regimes konzeptualisieren.[1] Besondere Aufmerksamkeit erhält auch die Rolle von Internet und sozialen Medien, denen in der neueren Literatur nicht nur für Russland ein großes Mobilisierungspotential vor allem bei Jugendlichen zugeschrieben wird.[2]

Gabowitsch steht solchen politikwissenschaftlichen Zugängen skeptisch gegenüber: „Ausdrücke wie ‚Mittelklasse‘, ‚Generation‘ oder auch ‚Rentner‘ suggerieren real existierende kollektive Akteure, die aber erst dann in Erscheinung treten, wenn ihre vermeintlichen Mitglieder sich auch als solche verstehen und wenn es Institutionen gibt, die solche Konstrukte aufrecht erhalten. […] Im heutigen Russland ist dies selten der Fall.“ (S. 29)

Dementsprechend schlägt er einen Perspektivwechsel vor, den er am Begriff ‚Bewegung‘ festmacht, indem er erklärt: „Bewegung ist keine Gruppierung, sondern ein Zustand.“ (S. 30) Es geht Gabowitsch also nicht um Opposition in Russland, wie sie sich in politischen Parteien und zivilgesellschaftlichen Gruppen organisiert, sondern um den Protest als Handlungsform, buchstäblich als Bewegung im öffentlichen Raum.

Von dieser ‚Bewegung‘ soll ein „Zwischenbericht (mehr nicht!)“ (S. 31) erstellt werden. Für diesen Zwischenbericht hat Mischa Gabowitsch zusammen mit Kollegen eine sehr beachtliche Fülle an Quellen zusammengetragen. Neben hunderten von Interviews ist dabei eine Datenbank von zentraler Bedeutung, die über 600 Protestaktionen dokumentiert und über Fotos auch einen visuellen Eindruck vermittelt. Zusätzlich wurden 7.000 Protestslogans gesammelt. Ergänzend greift Gabowitsch in seinem Buch systematisch auf eine Vielzahl weiterer Quellen von der Medienberichterstattung über Meinungsumfragen bis zu Sekundärliteratur zurück.

Der Perspektivwechsel von Opposition zu Protestbewegung ist aber nicht nur eine Schwerpunktsetzung für das Buch, sondern zugleich eine Aussage über den Zustand der russischen Gesellschaft als atomisiert und über die unterschiedliche Relevanz der beiden Phänomene zum Verständnis der russischen Gesellschaft. Damit verschiebt Gabowitsch die Analyse von politischen Eliten, Machtkämpfen und organisierter Opposition zu einer „politischen Ökonomie der Gefühle“ (S. 70) größerer Teile der Bevölkerung.

Dabei geht er hermeneutisch vor und versucht die Lebenswelten und Emotionen verschiedener Protestteilnehmer, in seinen eigenen Worten eher das Protestmilieu und die Protestkultur, zu rekonstruieren. In einer breiten Perspektive beschränkt sich Gabowitsch nicht auf die Massendemonstrationen, sondern erfasst sowohl verschiedene Protestaktionen für alle Regionen des Landes mit einem umfangreichen Überblick ab 2004 als auch die Vielfalt der gesellschaftlichen Dimensionen der Proteste. Er beschreibt so „Wahlbeobachtung als soziale Bewegung“ (Überschrift S. 85), widmet ein Kapitel dem Fall Pussy Riot, behandelt dabei auch weitere Aktionskünstler und die Reaktion der orthodoxen Kirche, diskutiert verschiedene Aspekte der „transnationalen Dimension“ (Kapitel VIII) der Protestbewegung einschließlich der Korruptionsbekämpfung und beschreibt den politischen Kontext in Russland.

Mischa Gabowitsch setzt mit der Datenfülle und einer detaillierten Darstellung Maßstäbe bei der empirischen Beschreibung der russischen Proteste, wobei der wissenschaftliche Leser allerdings an etlichen Stellen Belege vermissen wird. Das Buch hat dabei – zumindest aus der Sicht eines politikwissenschaftlichen Rezensenten - auch zwei Schwächen. Durch die Schwerpunktsetzung sowohl bei der Quellensammlung als auch bei der analytischen Ausrichtung auf die Wahrnehmungen der Protestierenden wirkt die Darstellung des politischen Regimes (Kapitel I) und des „staatlichen Gewaltapparats“ (Kapitel VII) vergleichsweise holzschnittartig. Neuere politikwissenschaftliche Literatur zur Funktionsweise „hybrider“ Regime zwischen Demokratie und Diktatur, die z.B. mit dem Konzept des competitive authoritarianism unter expliziter Einbeziehung Russlands den Umgang mit Opposition thematisiert,[3] wird von Gabowitsch nicht berücksichtigt. Das ist in Anbetracht des von ihm vorgeschlagenen Perspektivwechsels durchaus legitim. Konsequenterweise hätte er aber dann das politische Regime und den staatlichen Gewaltapparat einfach nur aus der Perspektive der von ihm betrachteten Protestteilnehmer schildern können. „Putin kaputt!?“ wäre dann eindeutig der Gefühlswelt der Protestierenden zuzuordnen und nicht der analytischen Einschätzung von Mischa Gabowitsch.

Erschwert wird die wissenschaftliche Interpretation der Darstellung durch den populärwissenschaftlichen Anspruch von Mischa Gabowitsch. „Um die Ereignisse einem breiten Leserkreis verständlich zu machen, habe ich auf längere begriffliche, theoretische und methodologische Erörterungen […] verzichtet.“ (S. 31) Im ersten Kapitel zum „System Putin“ schafft es Gabowitsch dann, in nur einem Abschnitt Russland unter Putin als „autoritär“, „korporatistisch“, „hybrid“ (alle S. 54), „korporativ“ (S. 55), „neofeudal“ (S. 58) und „neopatrimonial“ sowie als „Präbendalismus“ und „Pfründenwirtschaft“ (alle S. 60) zu bezeichnen. Ohne begriffliche Erörterungen dürften diese in der wissenschaftlichen Forschung kontrovers diskutierten Konzepte bei einem breiteren deutschen Leserkreis wohl eher Assoziationen an ein halb in der Vormoderne steckengebliebenes Russland erwecken, als dass sie einen analytischen Rahmen zum Verständnis des politischen Kontextes der Protestbewegung bieten.

Die Ambivalenz des populärwissenschaftlichen Zugangs zeigt sich bereits bei der Einschätzung des Titels „Putin kaputt!?“. Der Slawist Ulrich Schmid vermutet in seiner Rezension, dass Gabowitsch wahrscheinlich „lange über die Interpunktion im Titel seines neuen Buches gegrübelt“ habe.[4] Jens Siegert, Leiter des Büros der Heinrich-Böll-Stiftung in Moskau, kommentiert in seiner Rezension hingegen lapidar: „Es ist, trotz des irreführenden Titels (ich weiß: der Verlag!), eines der besten Bücher über die russische Gesellschaft“.[5] So sollte es wohl auch gelesen werden, als materialreiche, hermeneutisch angelegte Beschreibung der Lebenswelten und Emotionen von den Teilen der russischen Gesellschaft, die sich an der Protestbewegung 2011/12 beteiligt haben, und als Dokumentation einer neuen Protestkultur in Russland.[6] In dieser Leistung dürfte es auf absehbare Zeit nicht übertroffen werden.

Anmerkungen
[1] Exemplarisch: Vladimir Gel'man: Cracks in the Wall. Challenges to Electoral Authoritarianism in Russia, in: Problems of Post-Communism 60,2 (2013), S. 3–10; Graeme Robertson: Protesting Putinism: The Election Protests of 2011–2012 in Broader Perspective, in: Problems of Post-Communism, 60,2 (2013), S. 11–23; Karrie J. Koesel / Valerie J. Bunce (2012): Putin, Popular Protests, and Political Trajectories in Russia. A Comparative Perspective, in: Post-Soviet Affairs 28,4 (2012), S. 403–423.
[2] Zu Russland auch Mischa Gabowitsch: Social Media, Mobilization and Protest Slogans in Moscow and Beyond, in: Digital Icons 7 (2012), S. 213–225 sowie Nicole Bode / Andrey Makarychev: The New Social Media in Russia. Political Blogging by the Government and the Opposition, in: Problems of Post-Communism 60,2 (2013), S. 53–62; Galina Nikiporets-Takigawa: Tweeting the Russian Protests, in: Digital Icons 9 (2013) S. 1–25; Stephen White, Ian McAllister: Did Russia (nearly) have a Facebook Revolution in 2011? Social Media's Challenge to Authoritarianism, in: Politics, forthcoming (early online publication).
[3] Steven Levistky / Lucan A. Way: Competitive Authoritarianism: Hybrid Regimes after the Cold War. Cambridge University Press 2010.
[4] Ulrich M. Schmid: Wie kaputt ist Putin?, in: Neue Zürcher Zeitung 17.7.2013, <http://www.nzz.ch/aktuell/feuilleton/literatur/wie-kaputt-ist-putin -1.18117710> (14.01.2014).
[5] Jens Siegert: „Putin kaputt?!“ – ein Buch von Mischa Gabowitsch, in: Russland-Analysen Nr. 261, 12.07.2013, S. 21–23. [Falsche Interpunktion des Buchtitels bezeichnenderweise im Original.]
[6] Dies betont die Rezension von Andrey Makarychev: The Culture of Protest. Counter-hegemonic Performances in Putin’s Russia, in: The Russian Review 72 (2013), S. 653–657.

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Veröffentlicht am
29.01.2014
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