R. Ahrens u.a. (Hrsg.): Die „Deutschland AG“

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Titel
Die „Deutschland AG“. Historische Annäherungen an den bundesdeutschen Kapitalismus


Herausgeber
Ahrens, Ralf; Gehlen, Boris; Reckendrees, Alfred
Reihe
Bochumer Schriften zur Unternehmens- und Industriegeschichte 20
Erschienen
Anzahl Seiten
377 S.
Preis
€ 39,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Bernhard Dietz, Neueste Geschichte, Johannes Gutenberg-Universität Mainz / Georgetown University, Washington D.C.

Der Perspektivwechsel der Zeitgeschichte zu einer Vorgeschichte der Gegenwart wurde nicht allein von der globalen Finanzkrise von 2007/2008 ausgelöst, von dieser aber erheblich verstärkt. Seither wird intensiv nach den tieferen Ursachen und Auswirkungen jenes „Strukturbruchs“ geforscht, der die unsere Gegenwart prägenden Veränderungen einleitete. Eine schnell wachsende Zahl von Veröffentlichungen zu den 1970er- und 1980er-Jahren als Umbruchphase widmet sich dabei ganz explizit sozio-ökonomischen Problemen, um die Zeit „nach dem Boom“ zu erforschen.[1] Ob man schon von einem neuen Primat der Ökonomie sprechen kann, sei dahingestellt, jedenfalls genießen wirtschaftsgeschichtliche Fragestellungen – in der Geschichtswissenschaft, aber auch in der breiteren Öffentlichkeit – eine so große Aufmerksamkeit wie schon lange nicht mehr. Umso interessanter sind in diesem Zusammenhang die einschlägigen Forschungen der Wirtschaftsgeschichte im engeren Sinne wie der hier zu besprechende Sammelband, der auf eine gemeinsame Tagung des Arbeitskreises für Kritische Unternehmens- und Industriegeschichte (AKKU) und des Zentrums für Zeithistorische Forschung Potsdam im November 2011 in Potsdam zurückgeht.

Nach dem gängigen zeitgeschichtlichen Narrativ löste sich die keynesianisch geprägte Nachkriegsordnung in den 1970er-Jahren auf, die Zeit des Booms war ebenso zu Ende wie die Zeit der liberal-wohlfahrtsstaatlichen Konsensideologie. Die neuen Ordnungsvorstellungen und das neue sozio-ökonomische Regime, das sich in den 1980er-Jahren etablierte und in den 1990er-Jahren zum vollen Durchbruch gelang, werden gemeinhin mit den Begriffen „Neoliberalismus“ oder „digitaler Finanzmarktkapitalismus“ beschrieben. Aber wie erforscht man eigentlich einen solchen epochenprägenden polit-ökonomischen Paradigmenwechsel konkret? Auf diese Frage bieten die Herausgeber Ralf Ahrens, Boris Gehlen und Alfred Reckendrees eine überzeugende Antwort, indem sie mit der Historisierung der „Deutschland AG“ einen analytischen und empirischen Fokus anbieten, der es erlaubt, etablierte „makrohistorische Strukturbeschreibungen“ mit unternehmenshistorischer Expertise zu verbinden.

Der Metapher „Deutschland AG“ mutet zunächst wenig wissenschaftlich an. Und in der Tat wurde der Begriff ab Ende der 1990er-Jahre meist pejorativ popularisiert: Unter „Deutschland AG“ wurde eine reformfeindliche korporatistische Struktur der deutschen Wirtschaft und insbesondere die enge Verflechtung der „Altherrenriege“[2] in den Aufsichtsräten deutscher Unternehmen verstanden. Gleichzeitig verweist der Begriff aber auch auf einen wichtigen und bisher vernachlässigten historischen Forschungsgegenstand. Denn „Deutschland AG“ bezeichnet ein zentrales Strukturelement der deutschen Wirtschaft und der politischen Ökonomie der Bundesrepublik, nämlich eine „historisch gewachsene Verflechtungsstruktur“, die charakterisiert ist durch: „die wechselseitigen großen Kapitalbeteiligungen – nicht selten Sperrminoritäten – von Banken, Versicherungen, Industrie und Handel, die Personalverflechtungen in den Aufsichtsräten und die Finanzierung der Großunternehmen durch langfristige Bankkredite“ (S. 7). Aus wirtschaftshistorischer Sicht bezeichnet „Deutschland AG“ also eine spezifische Form der Unternehmenskontrolle, ein Netzwerk aus Personen und Kapitalbeteiligungen, das im Vergleich zum angloamerikanischen Modell entschleunigend und risikomindernd wirkte. In diesem Sinne war diese Verflechtungsstruktur ein zentrales Element jener koordinierten Wirtschaftsordnung, die besonders für die Zeit von 1960 bis 1990 prägend war und als „rheinischer Kapitalismus“ bekannt geworden ist.[3]

Allerdings war die „Deutschland AG“ – das machen die Herausgeber mehrfach deutlich – „kein Produkt eines Masterplans“ (S. 38), sondern „das Ergebnis institutioneller Pfadabhängigkeiten und historisch kontingenter, ja bisweilen zufälliger Entscheidungen in und von Unternehmen, die weit überwiegend einer betriebswirtschaftlichen Eigenlogik und nicht einer gesamtwirtschaftlichen Verantwortungslogik entsprungen waren“ (S. 23). Man muss die „Deutschland AG“ also historisch verstehen und dieses Programm wird in dem Band in drei Schritten angegangen: in der ersten Sektion „Strukturen, Modell und historische Wurzeln“ widmen sich die Beiträge von Jürgen Beyer, Alfred Reckendrees, Karoline Krenn und Roman Köster den spezifischen Strukturelementen der „Deutschland AG“ und ihrer historischen Genese seit dem 19. Jahrhundert. In der zweiten Sektion „Unternehmenskontrolle in der Bundesrepublik“ analysieren die Beiträge von Gerold Ambrosius, Boris Gehlen, Ralf Ahrens, Friederike Sattler und Christian Marz die Hochphase der „Deutschland AG“. Nach Aufstieg und Blüte folgt Niedergang und so ergründen die vier Beiträge der dritten Sektion von Peter Kramper, Heiko Braun, Saskia Freye und Jörg Lesczenski: „Alternative Arrangements und Auflösung der Deutschland AG“.

Die Beiträge sind allesamt lesenswert und auch wenn der Band keine Synthese anbietet, ergeben die Einzelteile ein Gesamtbild, gerade weil sich die Beiträge zur Makroebene der ökonomischen Leitvorstellungen mit solchen zur Mikroebene von Beispiel-Unternehmen gut ergänzen. Dass aber auch die unternehmenshistorischen Fallbeispiele nicht nur für Wirtschaftshistoriker relevant, sondern auch für Allgemeinhistoriker von großer Bedeutung sind, lässt sich exemplarisch am instruktiven Beitrag von Friederike Sattler zu Alfred Herrhausen demonstrieren. Herrhausen – seit 1970 im Vorstand der Deutschen Bank und ab 1985 Vorstandssprecher – avancierte durch seine vielen Aufsichtsratmandate in der Industrie zur „herausragenden Symbolfigur“ (S. 222) der „Deutschland AG“ und insbesondere für die von der Öffentlichkeit immer kritischer gesehene „Macht der Banken“. Die Pointe von Sattlers Aufsatz liegt nun darin, dass Herrhausen die Verflechtung zwischen Großbanken und Industrie aufrechterhalten wollte und gegen lautstarke Kritik verteidigte, gerade weil er in ihr eine Chance sah, die Internationalisierung und den damit verbundenen härteren Konkurrenzkampf besser meistern zu können. Die Banken könnten auch ohne Industriebeteiligungen leben und sich stärker dem internationalen, kapitalmaktorientierten Investmentbanking widmen, aber auf den „Luxus“ des kompetenten Sachverstand durch Bankiers in den Aufsichtsräten der Industrie solle man besser nicht verzichten, so Herrhausen. Nun soll sicher nicht der Eindruck erweckt werden, die deutsche Öffentlichkeit und Politik habe die Deutsche Bank vom (industriellen) Hof gejagt und zum internationalen Investmentbanking geradezu gezwungen, aber das Beispiel zeigt eindrücklich, dass die hier beschriebenen historischen Wandlungsprozesse viel komplexer waren, als es Formeln vom „Siegeszug des Neoliberalismus“ suggerieren. Die „Deutschland AG“ ist nicht geplant entstanden, die genauen Umstände ihres Untergangs gilt es erst noch zu erforschen, aber schon jetzt zeigt sich, dass sie mehr und andere Gegner hatte, als sich so mancher Nostalgiker heute vorstellen möchte.

Es sollte deutlich geworden sein, dass es sich hier alles in allem um einen sehr gelungenen Sammelband handelt, der für jeden Zeithistoriker von Bedeutung ist, der sich mit sozio-ökonomischem Wandel in Deutschland beschäftigt. Die Herausgeber haben ein grundlegendes Buch vorgelegt, das weitere Forschungen anregen wird, und auch die (gerade bei Sammelbänden selten einfache) Frage des Titelbilds haben sie äußerst anschaulich gelöst.

Anmerkungen:
[1] Anselm Doering-Manteuffel / Lutz Raphael / Thomas Schlemmer (Hrsg.), Vorgeschichte der Gegenwart. Dimensionen des Strukturbruchs nach dem Boom, Göttingen 2016; Morten Reitmayer / Thomas Schlemmer (Hrsg.), Die Anfänge der Gegenwart. Umbrüche in Westeuropa nach dem Boom, München 2014; Anselm Doering-Manteuffel / Lutz Raphael, Nach dem Boom. Perspektiven auf die Zeitgeschichte seit 1970, 2. überarb. Aufl. Göttingen 2010 (1. Aufl. 2008).
[2] Arne Stuhr, Die Deutschland AG, in: Manager Magazin, 16.11.2001.
[3] Hans Günter Hockerts / Günther Schulz (Hrsg.), Der “Rheinische Kapitalismus” in der Ära Adenauer, Paderborn 2016.

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Veröffentlicht am
16.02.2017
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