Review-Symposium Piketty „Das Kapital im 21. Jahrhundert“

Cover
Titel
Das Kapital im 21. Jahrhundert.


Autor(en)
Piketty, Thomas
Erschienen
München 2014: C.H. Beck Verlag
Anzahl Seiten
816 S.
Preis
€ 29,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Gisela Hürlimann, Forschungsstelle für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, Universität Zürich / Institut für Geschichte, ETH Zürich

Thomas Piketty will sein Buch primär als eine Analyse der Vermögensungleichheit verstanden haben. Das macht er schon im ersten Satz klar: "Die Verteilung der Vermögen ist heutzutage einer der interessantesten und meist diskutierten Fragen" (S. 13). Im ersten Buchabschnitt steckt er auch das Feld für seinen Vermögensbegriff, seine Methoden und für seine historischen Bezüge ab. Die Referenz auf Marx’ Kapital lässt Vermögensungleichheit als Resultat einer immer extremeren Kapitalakkumulation erscheinen, die letztlich in die Katastrophe bzw. in den Zusammenbruch des Kapitalismus mündet. Nachdem dieser den Imperialismus und die Weltkriege überlebt hatte, verbreitete auch Simon Kuznets in den 1950er-Jahren mit seinem "secular downward swing of inequality" Zuversicht[1]. Die Erklärung: Durch Produktionswachstum, technischen Fortschritt und den sektoralen Wandel entfalte der fortgeschrittene Kapitalismus selber das Potenzial zur Verringerung von Ungleichheit. Leider wendete sich das Blatt wieder und besonders eindrücklich in den USA, denen Piketty in seinem Buch nebst Frankreich – die paradigmatischen "Zwei Welten" – besonders viel Platz einräumt. Wie hängt nun die Vermögensungleichheit mit Wirtschaftswachstum und Einkommensverteilung zusammen? Dazu gilt es zuerst zu verstehen, in welchem Verhältnis der Begriff des "Vermögens" zum Begriff "Kapital" steht, den das Buch im Titel führt.

Einleitend definiert Piketty das Kapital als "die Gesamtheit des Immobilienkapitals (Grundstücke, Häuser), das Wohnzwecken dient, und des Geld- und gewerblichen Kapitals (Gebäude, Ausrüstungen, Maschinen, Patente usw.), das von den Unternehmen und der öffentlichen Hand genutzt wird" (S. 70). Doch im weiteren Verlauf fokussiert er vornehmlich auf Immobilienkapital, Spar- und Kapitalanlagen sowie Wertpapiere – alles, was Kapitalrenditen für physische Personen abwerfen, vererbt werden und das Vermögen erweitern kann. "Der Einfachheit halber werden wir die Begriffe 'Kapital' und 'Vermögen' synonym verwenden", hält Piketty denn auch fest (S. 72). Von hier geht es weiter zum Kapitalstock, der in den nationalökonomischen Analysen – Piketty rast nebenbei durch die Geschichte der in letzter Zeit historisch aufgearbeiteten Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung[2] – des kurzen 20. Jahrhunderts vernachlässigt worden sei. Auch hier veranschaulicht er seine Argumentation anhand des durchschnittlichen Einwohners (oder der Einwohnerin) eines reichen Landes mit x Euro Jahreseinkommen und z Euro Vermögen in Form von Wertpapieren, Geschäftsanteilen, Sparplänen et cetera. Dieses Eindampfen des Kapitalbegriffs auf personalisierbares Vermögen macht natürlich Sinn, wenn es um die interpersonelle Vermögensverteilung und ihre historische Entwicklung geht. Trotzdem haben jene Kritiker/innen gute Argumente, die Piketty eine problematische Engführung des Kapitalkonzepts vorwerfen[3].

Die Ausführungen zum Kapital und Kapitalstock sind wichtig für die zwei wichtigsten in diesem Buch ventilierten Relationen und Welterklärungsformeln: Die eine bezeichnet das Kapital-Einkommens-Verhältnis und damit die Bedeutung des Kapitalstocks im jährlichen "Nationaleinkommen" (Sozialprodukt) eines Landes. Die Verhältniszahl Beta sage zwar noch nichts über die Ungleichheit. Sie sei aber eine unerlässliche Voraussetzung für deren Untersuchung, weil sie die "Gesamtbedeutung des Kapitals in einer Gesellschaft" messe (S. 77f). Dort, wo der Kapitalstock gegenüber dem Sozialprodukt besonders mächtig ist, haben wir es mit einer hohen Sparquote und damit mit großen Vermögen zu tun und/oder mit einem schwachen Wirtschaftswachstum. Piketty formuliert zweitens ein fundamentales "Gesetz des Kapitalismus", das vom Anteil des Einkommens aus Kapital α am Nationaleinkommen handelt. Dieses Alpha sei das Produkt der Kapitalrendite r und der bereits definierten Kapital-Einkommensrelation Beta. Pikettys Kapitalrendite ist als eine Erweiterung der Marx’schen Profitrate zu verstehen und hat es in sich. Sie ist nämlich "die grundlegende divergenzfördernde Kraft" (S. 44) bzw. der "Mechanismus der Vermögensdivergenz" (S. 466). Entsprechend hat sich die Formel r > g, wobei g das Wirtschaftswachstum bezeichnet, in der Rezeption des Buchs schon fast bis zur Karikatur verselbständigt.

Entscheidend an dieser Darstellungsweise ist, dass Piketty dadurch die dynamische Kraft des Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstums auf den Prellbock des akkumulierten Vermögens stoßen lässt. Dadurch purzeln die Geschichte des langen 19. Jahrhunderts und seit den 1970er-Jahren zusammen und die Jahrzehnte von Boom und Egalisierung werden zur Episode. Denn liegt die Kapitalrendite dauerhaft deutlich über der Wachstumsrate, dann besteht die "große Gefahr, dass die Vermögensverteilung ungleicher" wird (S. 46). Genau das ist bis zum 19. Jahrhundert fast immer der Fall gewesen und wird "im 21. Jahrhundert höchstwahrscheinlich wieder zur Regel" (ebd.). Ob die tendenziell das Wachstum übersteigende Kapitalrendite nun wirklich eine "historische Realität" (S. 468) ex post oder eben doch eine Art zeitlose "logische Notwendigkeit" darstellt, wird nicht immer klar. Das liegt auch daran, dass Piketty zwischendurch doch mit ökonomischen Gesetzmäßigkeiten – die er an anderer Stelle zugunsten von Politik, Kontingenz und historischer Empirie relativiert – argumentiert. Doch zweifellos stützt diese Konstanz der (hohen) Kapitalrendite das Grundargument, wonach Kuznets, dessen Zeitreihen Piketty weitergerechnet hat[4], einem Märchen aufgesessen sei, weil eben vor allem die Kriege und Krisen zwischen 1914 und 1945 und die "politischen Strategien" im Gefolge dieser "Schocks" (S. 39 und S. 494ff.) die interpersonelle Vermögensungleichheit reduziert hätten.

Piketty gibt noch einen drauf, wenn er einen Abbau der Ungleichheit der Arbeitseinkommen in Frankreich und den USA zwischen 1900 und 1960 in Abrede stellt: "Der starke Rückgang der Einkommen insgesamt rührt im Wesentlichen vom Einbruch der hohen Kapitaleinkommen her" (S. 447). Also wieder: "It's wealth (and not income), stupid." Allerdings muss er sein eigenes Plädoyer für eine stark progressive Besteuerung[5] retten, indem er fiskalischen Maßnahmen wie überhaupt der Politik des keynesianischen Wohlfahrtsstaats eine die egalisierende Schockwirkung von 1914–1945 stützende und vertiefende Wirkung zuspricht – und den Änderungen in der Steuerpolitik seit den 1970er-Jahren entsprechende gegenläufige Effekte.[6]

Wie sich die Vermögensungleichheit historisch entwickelt hat, zeigt Piketty im Rahmen des dritten Buchteils "Die Struktur der Ungleichheit". In Kapitel 10 zeichnet er die Entwicklung der Vermögenskonzentration in Frankreich, Großbritannien, Schweden und den USA zwischen 1810 und 2010 nach. Dafür stützt er sich wenn möglich auf Statistiken der Erbschaft-, Nachlass- und Schenkungsteuer. Exzellent ist die Datenlage für Frankreich, wo die Revolution 1791 entsprechende Steuern und Nachlassregister produzierte. Für die anderen Länder bezieht Piketty sich auf Erhebungen, die seit den 1970er-Jahren von jenem Forschungskollektiv um den Doyen Anthony B. Atkinson, zu dem er selbst seit Jahren gehört, produziert werden[7]. Verlässliche Erhebung und Kalkulation vorausgesetzt[8], sind die Resultate aufschlussreich und in den Kurvendiagrammen und Verteilungstabellen anschaulich umgesetzt. Demnach besaß das oberste Dezil der Bevölkerung (bzw. der Steuerpflichtigen) in Europa um 1810 zwischen 80 Prozent (Frankreich) und knapp 85 Prozent (Schweden!) des Gesamtvermögens. Hundert Jahre später hielt das oberste Dezil in den drei europäischen Ländern 90 Prozent. Der Anteil des obersten Prozents zeigt, wie konzentriert das Vermögen auch am oberen Ende ist: Er nahm etwa in Großbritannien zwischen 1810 und 1910 von 55 auf 70 Prozent zu. Die USA erweisen sich dagegen um 1810 als vergleichsweise egalitär (zumindest die weiße Bevölkerung): Zwar nahm die Vermögenskonzentration bis 1910 stark zu, war aber auch dann noch geringer als in Europa.

Modernes Wirtschaftswachstum führte also zu einer Zunahme und nicht zu einer Abnahme der Vermögenskonzentration. Und: Steuern hatten anfänglich kaum einen Einfluss, weil sie erst ab 1914 wirklich progressiv wurden. In der Folge sank die Vermögenskonzentration in Europa auf historische Tiefstwerte, bevor ab 1970 eine Trendwende einsetzte. Aber nicht einmal Großbritannien erreicht heute ansatzweise die traurige Höhe des "Land of the Free". In den USA ist die Vermögensungleichheit um 2010 gar höher als um 1810. Eine weniger schlechte Nachricht hat Piketty aber noch: Zu den superreichen 1 oder 0,1 Prozent gesellt sich nun immerhin auch eine "vermögende Mittelschicht" (S. 460). Vor dem Hintergrund der Debatten, wie es um die Mittelschicht denn eigentlich steht und ob Guthaben aus Pensionskassen und privaten Vorsorgefonds auch zum Vermögen gerechnet werden sollen, böte sich hier ein wunderbarer Ausgangspunkt für weitere Forschungen.

Mit Perzentilen arbeitet Piketty bereits im Kapitel 9 zur Einkommensentwicklung, was Hartmut Kaelble[9] als zu eingeschränkt kritisiert. In Bezug auf die Vermögen mag das hingegen sachlich angebracht sein. Die methodologische Entscheidung, die sozioökonomische Ungleichheit über die Konzentration des Wohlstands bei den oberen Perzentilen zu definieren, ist vor allem auch Ausdruck von Pikettys politischem Wissenschaftsverständnis: An Indikatoren wie dem Gini-Koeffizienten kritisiert er, sie vermittelten einen "abstrakten und blutleeren Eindruck von der Ungleichheit", wogegen uns Perzentile und Verteilungstabellen dazu zwingen würden, "uns das Einkommens- und Vermögensniveau der verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen" vor Augen zu führen (S. 351). Plastizität und Empathie will Piketty auch durch eine andere Methode erreichen. Durchs ganze Buch mäandern Bezüge auf Werke des frühen literarischen Realismus, insbesondere auf Honoré de Balzacs Roman über den tragisch verarmenden Nudelfabrikanten Père Goriot und auf Jane Austens Werke über ländliche Junkertöchter mit geringer Mitgift. Ständig wird dort über Geld gesprochen, und zwar vorzugsweise in Form von Erbschaften oder von Zinsen – typisch für den Patrimonialkapitalismus des frühen 19. Jahrhunderts. Das ist aber nur möglich, weil der Wert des Vermögens sich aufgrund der geringen Inflation kaum verändert und die Leser/innen von den jährlichen Einkünften auf die Vermögenshöhe schließen können. An diese Stabilität der Kapitalrendite schließt Piketty dann in durchaus problematischer Weise selber an.

"… was weiß man wirklich über ihre langfristige Entwicklung?", fragt Piketty im ersten Satz in Bezug auf die Verteilung der Vermögen. Auf die ärgerlichen Extrapolationen und Prognosen bis ins Jahr 2200 im vierten Buchteil soll hier nicht eingegangen werden. Relevanter ist, was wir denn wirklich wissen können. Denn eine der Hauptquellen, die Steuerstatistik, offenbart die wahren Vermögensverhältnisse kaum. Nebst atemberaubenden legalen Optimierungsmöglichkeiten sind die systematisch unterbewerteten Immobilien und die dem Fiskus verschwiegenen Vermögensbestandteile in Rechnung zu stellen. Auf letztere können teilweise Kapitalverkehrssteuern und, nebst den Zentralbankstatistiken, auch die Daten und Kalkulationen von globalen Vermögensverwaltern und des investigativen Businessjournalismus Hinweise geben. Piketty diskutiert solche Quellenprobleme ausführlich und problematisiert auch die Tatsache, dass Unternehmen wie die Credit Suisse oder Merill Lynch die staatlichen Statistikämter in der Akkuratesse der Vermögensschätzungen überholen könnten. Insofern sieht er sein Buch auch als Beitrag und als Aufruf an die Wissenschaft und die staatlichen Akteure, die Dokumentierbarkeit der Vermögen zu verbessern. Eine globale Kapitalsteuer scheint ihm auch dafür ein Mittel zu sein, wie seinerzeit in der französischen Revolution.

Überhaupt ist Pikettys Buch vor allem auch als Plädoyer für die Repolitisierung – oder Remoralisierung – der Sozialwissenschaften zu lesen, und zwar nicht erst ab dem vierten Teil mit seinen umstrittenen Prognosen und Empfehlungen (und der schönen Schlussbetrachtung). Immer wieder greift Piketty die scheinbar unpolitischen Modellvorstellungen der Ökonom/innen an und denunziert die Überflieger der eigenen Zunft genüsslich als interessegeleitete Mitglieder des obersten Einkommensdezils. Doch: So sehr Piketty Ungleichheit auch anschaulich machen will, so bleiben seine Einkommens- und Vermögensgruppen selber etwas anämisch, wenn man einmal von Balzacs und Austens Held/innen und den versprengt genannten Superreichen des 19. und 20. Jahrhunderts absieht. Mit seiner nonchalanten und zeitstabilen Schichtungssoziologie (S. 326–328) wagt sich der Ökonom ohnehin auf heikles Terrain. Aber Hut ab vor dem, der etwas wagt und damit zu Debatten einlädt, statt sich nur im eigenen Saft zu wälzen.

Anmerkungen:
[1] Simon Kuznets, Economic Growth and Income Inequality, in: The American Eonomic Review 45/1 (1955), S. 1–28.
[2] Daniel Speich-Chassé, Die Erfindung des Bruttosozialprodukts. Globale Ungleichheit in der Wissensgeschichte der Ökonomie, Göttingen 2013; Philipp Lepenies, Die Macht der einen Zahl. Eine politische Geschichte des Bruttoinlandsprodukts, Berlin 2013. Siehe die HSozKult-Sammelrezension von Roman Köster: <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-21582>.
[3] Mary O'Sullivan, Capital: The Blind Spot of Capitalism. A Review of Capital in the 21st'Century by Thomas Piketty, 6.10.2014, veröffentlicht auf der Website: <http://www.unige.ch/sciences-societe/inhec/files/5714/1683/5648/Piketty061014.pdf>, erscheint in der American Historical Review.
[4] Simon Kuznet, Shares of Upper Income Groups in Income and Savings, New York 1953.
[5] Vgl. Buchteil IV und den Beitrag von Marc Buggeln über Piketty, Thomas: Das Kapital im 21. Jahrhundert. München 2014, in: HSoz-
Kult 06.03.2015,< http://www.hsozkult.de/review/id/rezbuecher-22855>.
[6] Simon Kuznets sollte man übrigens zugutehalten, dass er die Möglichkeit, sozialstaatliche und fiskalpolitische Maßnahmen könnten einen noch größeren Effekt auf die Abnahme der Ungleichheit ausüben als Wachstum und sektoraler Strukturwandel, ernsthaft erwog.
Simon Kuznets, Economic Growth and Income Inequality, in: The American Economic Review 45/1 (1955), S. 1–28, hier S. 18f.
[7] Anthony Atkinson / Anne Harrison, Distribution of Personal Wealth in Britain, 1923–1972, London 1978.
[8] siehe dazu den Beitrag von Jochen Streb über Piketty, Thomas: Das Kapital im 21. Jahrhundert. München 2014, in: H-Soz-Kult 03.03.2015, <http://www.hsozkult.de/review/id/rezbuecher-22841>.
[9] Hartmut Kaelble über Piketty, Thomas: Das Kapital im 21. Jahrhundert. München 2014, in: H-Soz-Kult 04.03.2015, <http://www.hsozkult.de/review/id/rezbuecher-22840>.

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05.03.2015
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