V. R. Berghahn: American Big Business in Britain and Germany

Cover
Titel
American Big Business in Britain and Germany. A Comparative History of Two "Special Relationships" in the 20th Century


Autor(en)
Berghahn, Volker R.
Erschienen
Anzahl Seiten
XII, 375 S.
Preis
$ 49.5; £ 34.95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Christian Kleinschmidt, Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Philipps-Universität Marburg

Der Begriff „Special Relationship“ bezieht sich im Allgemeinen auf die historisch bedingten, engen und außergewöhnlichen Beziehungen zwischen Großbritannien und den USA, zum Teil auch unter Einbeziehung Kanadas. Volker Berghahn widmet sich in seinem neuen Buch nun dem Dreiecksverhältnis zwischen den USA, Großbritannien und Deutschland, wobei er ausdrücklich auch Deutschland bzw. das amerikanisch-deutsche Verhältnis als eine „special relationship“ chararkterisiert. Das ist an sich nicht neu, hat doch Hans Wilhelm Gatzke sich bereits 1980 mit der Frage „Germany and the United States: a ‚special relationship?'„ auseinander gesetzt.[1] Allerdings konzentriert sich Berghahn hier vor allem auf die Wirtschaftsbeziehungen, und seine Darstellung mündet in der Pointe, dass – über den gesamten von ihm betrachteten Untersuchungszeitraum – die amerikanisch-deutschen Beziehungen die spezielleren „special relations“ darstellen, weil sie insgesamt erfolgreicher waren und, mit einigen Unterbrechungen, seit Ende des 19. Jahrhunderts eine ansteigende Kurve darstellen, während die amerikanisch-englischen Wirtschaftsbeziehungen langfristig eher im Abschwung begriffen waren.

Volker Berghahn kann mit dieser Arbeit an zahlreiche eigene Publikationen zu den amerikanisch-deutschen Beziehungen sowie zu dem von ihm seit den 1980er-Jahren mit initiierten „Amerikanisierungs“-Diskurs anknüpfen.[2] Inzwischen sind zahlreiche Arbeiten zum Thema „Amerikanisierung“ und zum Einfluss der amerikanischen Wirtschaft und der Unternehmen erschienen. Eine „Dreiecksgeschichte“ ist insofern innovativ, als sie den Bezugspunkt Amerika in vergleichender Perspektive analysiert und damit deutliche Erkenntnisfortschritte ermöglicht, ähnlich wie Egbert Klautkes Arbeit über die „Amerikanisierung“ in Deutschland und Frankreich im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts oder Harm Schröters Überblick über den amerikanischen Einfluss auf die europäische Wirtschaft seit dem späten 19. Jahrhundert.[3]

Berghahns Studie basiert nicht auf der Auswertung umfangreicher archivalischer Quellen, wie er einleitend betont. Dies hätte seiner Einschätzung nach die Sichtung einiger hundert Unternehmensarchive in drei Ländern mit sich gebracht und wäre dementsprechend kaum leistbar gewesen. Stattdesssen stützt er sich auf die Auswertung wissenschaftlicher Sekundärliteratur sowie auf zeitgenössische Zeitungen, Zeitschriften und Bücher, die ihm, wie etwa William T. Steads „The Americanisation of the World“ oder die Aufzeichnungen des Journalisten und Bankiers Frank A. Vanderlip[4], für den frühen Untersuchungszeitraum auch den methodischen Zugang weisen, wobei kulturhistorische Fragen nach gegenseitigen Wahrnehmungen und Verhaltensweisen sowie Fragen des Wirtschaftsklimas eine zentrale Rolle einnehmen. Beide zeitgenössischen Beobachter werden dementsprechend häufig von Berghahn zitiert.

Das amerikanisch-britisch-deutsche Dreiecksverhältnis wird für den Zeitraum zwischen 1900 und 1957 in fünf Abschnitte unterteilt, die zugleich die Schwerpunktkapitel des Buches bilden. In der ersten Phase (1902–1914) stellte Deutschland aus amerikanisch-unternehmerischer Perspektive im Vergleich zu Großbritannien den interessanteren, weil dynamischeren, offeneren und leistungsfähigeren Wirtschaftspartner dar, während die britische Wirtschaft bereits vor dem Ersten Weltkrieg als im Niedergang befindlich betrachtet wurde. Dementsprechend übernahm Deutschland in diesem Zeitraum die Rolle des wichtigsten Wirtschaftspartners und Konkurrenten der USA, die bis dahin Großbritannien eingenommen hatte. Dabei betont Berghahn mit Blick auf die amerikanische Anti-Trust-Politik sowie die Politik der Kartelle und Syndikate die sehr unterschiedlichen Wege, auf denen diese Wirtschaftserfolge erreicht wurden. Bereits vor einigen Jahren hatte Johann Peter Murmann aus institutionen- und evolutionsökonomisch-historischer Perspektive das amerikanisch-britisch-deutsche Dreiecksverhältnis anhand der Farbenindustrie analysiert[5], ohne dass dies allerdings von Berghahn rezipiert wird. Dabei wären seine Ergebnisse sowie die Berücksichtigung von soziopolitischen Aspekten und Fragen des ökonomischen Klimas sehr gut anschlussfähig an Murmanns Forschungsergebnisse.

Nach der vielversprechenden wirtschaftlichen Entwicklung und Kooperation Deutschlands und der USA vor 1914 bedeutete der Erste Weltkrieg einen herben Rückschlag für die deutsch-amerikanischen Wirtschaftsbeziehungen und zugleich eine Wiederbelebung der amerikanisch-britischen Kontakte. Mittelfristig erwies sich dies jedoch nur als kurze Unterbrechung eines Beziehungsmusters, welches in friedlichen Zeiten einen Aufschwung und eine zunehmende Kooperation zwischen den USA und Deutschland erkennen lässt, während in Kriegs- und Krisenzeiten die USA und Großbritannien enger zusammenrückten. Nach dem Ersten Weltkrieg war aus amerikanischer Perspektive Deutschland erneut der dynamischere und interessantere Wirtschaftspartner, während die britische Wirtschaft als behäbig, in zahlreiche Arbeitskämpfe verstrickt und als wenig zukunftsfähig galt. Der Aufstieg des Nationalsozialismus führte wiederum zu einer Abkühlung und der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs schließlich weitgehend zum Abbruch der deutsch-amerikanischen Wirtschaftsbeziehungen, während es, vor allem nach dem amerikanischen Kriegseintritt 1941, zu einer Wiederannäherung, allerdings vor allem aus militärischen und ökonomisch-pragmatischen Gründen, zwischen den USA und Großbritannien kam.

So ist es kaum überraschend, dass es auch nach 1945 – nicht nur im Zuge des Marshall-Plans – zu einem Wiederanknüpfen an die kriegsbedingt unterbrochenen Wirtschafts- und Unternehmensbeziehungen zwischen den USA und (West-)Deutschland kam; wie Berghahn es formuliert, zu einem „survival of traditions and institutions that dated back to the late nineteenth century“ (S. 363) – während zeitgleich die amerikanisch-britischen Wirtschaftsbeziehungen einmal mehr an Bedeutung einbüßten. Der wirtschaftliche Wiederaufstieg beruhte demnach auf einer größeren Bereitschaft deutscher Unternehmen, amerikanische Ideen zu adaptieren, aber auch auf dem Stellenwert hochwertiger Arbeit und Produkte, einem effizienten Ausbildungssystem sowie kooperativen Arbeitsbeziehungen, die anders als in Großbritannien einen erfolgreichen Aufholprozess („catch up“) ermöglichten.

Insgesamt entwickelten sich also die amerikanisch-deutschen „special relations“, über den gesamten Untersuchungszeitraum betrachtet, intensiver und erfolgreicher als die amerikanisch-britischen. Berghahn kann überzeugend die Konjunkturen und die wiederkehrenden Muster dieses Dreiecksverhältnisses darstellen, die die wirtschaftliche Entwicklung der größten Volkswirtschaft der Welt und ihrer wichtigsten europäischen Partner prägten. Das Buch ist insofern eine Bereicherung für die bisherige „Amerikanisierungs“-Forschung. Ein wenig schade ist, dass für Berghahn das 20. Jahrhundert mit der Suez-Krise im Jahr 1956 endet, hätte doch die Betrachtung der Dreiecksgeschichte sowie der „special relations“ durchaus eine Fortführung verdient, die insbesondere im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts die Bedeutung Großbritanniens möglicherweise ein wenig rehabilitieren würde. Schade zudem, dass auf ein Quellen- und Literaturverzeichnis verzichtet wurde.

Anmerkungen:
[1] Hans Wilhelm Gatzke, Germany and the United States: a 'special relationship?', Cambridge 1980.
[2] Vgl. u.a. Volker Berghahn, Unternehmer und Politik in der Bundesrepublik Deutschland, Frankfurt am Main 1985; ders. / Paul J. Friedrich, Otto A. Friedrich, ein politischer Unternehmer. Sein Leben und seine Zeit, 1902–1975; ders., Industriegesellschaft und Kulturtransfer. Die deutsch-amerikanischen Beziehungen im 20. Jahrhundert, Göttingen 2010.
[3] Egbert Klautke, Unbegrenzte Möglichkeiten. „Amerikanisierung“ in Deutschland und Frankreich (1900–1933), Wiesbaden 2003; Harm G. Schröter, Americanization of the European Economy. A compact survey of American economic influence in Europe since the 1880s, Dordrecht 2005 .
[4] William Stead, The Americanisation of the World, London 1902; die „Vanderlip Papers“ sind als handschriftliche Notizen im Archiv der Columbia University vorhanden.
[5] Johann Peter Murmann, Knowledge and Competitive Advantage. The Coevolution of Firms, Technology, and National Institutions, Cambridge 2003.