Cover
Titel
Black Vienna. The Radical Right In The Red City, 1918–1938


Autor(en)
Wasserman, Janek
Erschienen
Anzahl Seiten
IX, 254 S.
Preis
€ 42,20
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Harald Gröller, Wien

Das „Rote Wien“ ist, ähnlich wie das Wien des Fin de Siècle, längst zu einer Marke geworden, die (zum Teil unabhängig von konkreten Inhalten) nicht zuletzt auch touristisch genutzt wird. Und so, wie beispielsweise um die Jahrhundertwende ein Max Winter der christlichsozial regierten Stadt in seinen Sozialreportagen eine andere, oftmals unbeobachtete gegenüberstellt hat, so rückt nun der US-Historiker Janek Wasserman – natürlich in einem anderen Kontext – das „Schwarze Wien“ der Zwischenkriegszeit in den Fokus. Er greift dabei vor allem das intellektuelle Milieu jener Zeit auf, welches außerhalb des vielbeachteten „Roten Wien“ lag und bisher in weit geringerem Maße Gegenstand von wissenschaftlichen Betrachtungen wurde. Während das „Rote Wien“ durch die veränderten Umstände in der Zweiten Republik zum Mythos und meist positiv besetzten Begriff der glorreichen Ära der österreichischen Sozialdemokratie avancierte und damit erfolgreich aus dem Schatten des Fin de Siècle-Wiens getreten ist, blieben andere Geistesströmungen dieser Zeit eher im Hintergrund. Dabei bildete das „Schwarze Wien“ lediglich einen vermeintlichen Gegenpol, da trotz aller Gegensätze auch durchaus Berührungspunkte zum „Roten Wien“ vorhanden waren. Die politische Entwicklung des Letzteren wird — vor allem was die Frühphase der sozialdemokratischen Stadtregierung unter Bürgermeister Jakob Reumann betrifft, partiell aber auch für die Amtszeit von Karl Seitz gilt – im vorliegenden Buch über weite Strecken nur auszugsweise thematisiert, steht doch ganz deutlich die Erörterung der geistigen Strömungen im Vordergrund. Aber natürlich setzten sich diese intellektuellen Auseinandersetzungen auch in verschiedenen Bereichen, sei es die Wirtschaft, sei es die Politik, fort.

Wasserman, der seine Studie chronologisch anlegt und abwechselnd „schwarze“ und „rote“ Kapitel anführt, erörtert zunächst die Entstehung des „Schwarzen Wien“ in den ersten Jahren nach Ende des Ersten Weltkriegs. Die Stadt war zu dieser Zeit intellektuell und ideologisch heftig umstritten. Und auch wenn man dort zunehmend rot wählte, so war die intellektuelle und kulturelle Szene doch mehrheitlich schwarz. Letztlich konnte die Sozialdemokratie nur Teilerfolge gegen die Opposition erzielen, die allerdings hauptsächlich im politischen Bereich der Stadtregierung zu verzeichnen waren. Wasserman differenziert sehr deutlich die Heterogenität dieses „Schwarzen Wien“, welches er im Kern als antisemitisch, deutschnational, völkisch autoritär mit anti-aufklärerischen und anti-modernen Tendenzen charakterisiert (vgl. S. 6). Intellektuelle, die vor dem Ersten Weltkrieg vor allem noch in der Frage des Deutschnationalismus bzw. der Rolle des Katholizismus im konservativem Milieu geteilter Meinung waren, vereinten sich nun im Kampf gegen den Sozialismus, den sogenannten „Judaismus“ und den Kapitalismus der Ersten Republik. Und auch wenn es zahlreiche Konflikte unter den Protagonisten des „Schwarzen Wien“ gab, so einte sich doch der Kampf gegen den gemeinsamen Gegner: die Erste Republik im Allgemeinen und das „Rote Wien“ im Speziellen. Wasserman arbeitet dabei sehr anschaulich die zunehmende Radikalisierung des „Schwarzen Wien“ infolge der wirtschaftlichen Verschlechterung und der vermehrt ungünstigeren politischen Rahmenbedingungen heraus.

Im zweiten Kapitel skizziert der Autor die austromarxistischen Bemühungen in den ersten Jahren der Republik „intellektuelle Arbeiter“ für die sozialistische Sache zu gewinnen. Außerdem erhofften sie nach den Erfahrungen der „österreichischen Revolution“ (Otto Bauer) von 1918 und dem Wahlsieg 1919 auch nicht-sozialistische Intellektuelle durch ihre Sozial- und Wirtschaftspolitik für sich zu gewinnen. Dieses Bemühen spiegelt sich unter anderem auch in den Artikeln des führenden theoretischen Journals „Der Kampf“ wider. Doch auch wenn die Austromarxisten zahlreiche Intellektuelle von „außen“ für ihre Sache gewinnen konnten – man denke etwa an die Unterstützungserklärung zahlreicher prominenter Geistesgrößen unterschiedlichster Profession für die Sozialdemokratie im Wahlkampf 1927 –, so erreichten sie doch niemals die intellektuelle Hegemonie, die sie sich erhofft hatten, weshalb im Verlauf der Jahre deren triumphaler Optimismus der Resignation wich und das intellektuelle Wien schwarz dominiert blieb.

Im Folgekapitel wird die enge Verbindung und aktive Interaktion zwischen Politik und Wissenschaft anhand der Darstellung der einflussreichsten und zugleich radikalsten Intellektuellengruppe im Wien der Zwischenkriegsjahre, des Spann-Kreises, erörtert. Dessen Ideologie rund um die Person Othmar Spanns fand nicht nur in den akademischen Kreisen Österreichs, des Sudetenlandes und Teilen Deutschlands Anklang, sondern auch bei radikalen politischen Bewegungen dieser Zeit, sei es bei der österreichischen Heimwehr, den italienischen Faschisten oder den Nationalsozialisten. Im Zuge dessen zeigt Wasserman auch die ungeheure Popularität faschistischer und autoritärer Ideen im Zentraleuropa jener Jahre sowie die relative Geschlossenheit der Wiener Konservativen in einer gemeinsamen Front gegen das „Rote Wien“.

Im vierten Kapitel wird dem Spann-Kreis der Verein Ernst Mach gegenübergestellt. Dieser Verein, in dessen Rahmen Mitglieder des Wiener Kreises des Logischen Empirismus in der Volksbildung aktiv waren, sollte eigentlich – so Moritz Schlick – völlig unpolitisch sein. Wasserman zeigt jedoch, dass dies in der Realität nicht zutraf, engagierten sich doch viele Vereinsmitglieder im sozialen und politischen Kampf gegen die Hegemonie der „metaphysischen und theologisierenden Neigung“ des „Schwarzen Wien“, wobei sie sich in den späten 1920er-Jahren als Reaktion auf die konservative Dominanz – nicht zuletzt des Spann-Kreises – an den Universitäten und Hochschulen (vor allem im Geistes- und Sozialwissenschaftlichen Bereich), an der Akademie der Wissenschaften sowie im Staat insgesamt zunehmend radikalisierten.

Der Folgeabschnitt skizziert in groben Zügen die Entstehung der monarchistischen Bewegung in Österreich, der „Österreichischen Aktion“. Diese wurde ja traditionell als eher moderate politische Kraft in Österreich charakterisiert. Der Autor hält dem entgegen, dass sie tatsächlich den Ideen zur Schaffung einer neuen konservativen Bewegung beispielsweise der protofaschistischen „Action Française“ und der italienischen Faschisten nahe stand. Im Zuge der anti-Preußen- und pro-Habsburg-Rhetorik im Sinne einer deutschen Vorherrschaft in Zentraleuropa überlappten sich die deutschnationalen und die katholisch-konservativen Sichtweisen zunehmend. Wasserman konstatiert, dass man daher erst in der Zeit von 1929 bis 1931 — als die Monarchisten tatsächlich synonym für anti-nationalsozialistisch und österreichpatriotisch standen — von drei wirklich verschiedenen Lagern sprechen kann (vgl. S. 153), womit er die „natur- oder gottgewollte Dreiteilung Österreichs“, wie es Adam Wandruszka aus einer ex post-Perspektive für die Erste Republik genannt hat, revidiert.

Das vorletzte Kapitel erörtert den Aufstieg und Niedergang des sozialen und politischen Engagements progressiver Intellektueller im „Roten Wien“ in den Jahren von 1927 bis 1934. Nachdem diese Intellektuellen zunächst die Zeit reif für Transformationen hielten und ihnen die Sozialdemokraten ein vielversprechendes Angebot machten, diese umzusetzen, wich deren Anfangseuphorie nach und nach der Resignation. Vor dem Hintergrund der politischen und wirtschaftlichen Verschärfung und den wiederholten Rückschlägen der Austromarxisten gegen Ende der 1920er- und zu Beginn der 1930er-Jahre wurden diese Intellektuellen zunehmend kritischer und distanzierten sich vermehrt von der sozialdemokratischen Bewegung. Wasserman stellt dabei aber auch sehr anschaulich die Idee einer unpolitischen Wissenschaft im Wien der Zwischenkriegszeit infrage.

Das Schlusskapitel erörtert die zunehmende Zersplitterung des „Schwarzen Wien“ nach dem „Wegfall“ der Sozialdemokratie als politischer Gegner und es zeigt den Triumph von dessen radikalsten Mitgliedern in der Zeit des Ständestaates. Wasserman richtet seinen Fokus dabei auf dem Kampf zwischen den Radikalen rund um Joseph Eberle und den eher moderaten Denkern rund um Dietrich Hildebrand. Letzten Endes macht der Autor anschaulich, dass viele Persönlichkeiten des „Schwarzen Wien“ seit den frühen 1930er-Jahren den Weg zum Faschismus und zum sogenannten „Anschluss“ mitgegangen sind. Viele haben dabei zwar die Nationalsozialisten nicht aktiv unterstützt, aber sie haben ihnen zumindest den Weg bereitet. In diesem Abschnitt wie auch in der Conclusio untersucht Wasserman die Auswirkungen des schwarzen Triumphs in der Ersten und Zweiten Republik auf das kollektive österreichische Gedächtnis. Diesbezüglich attestiert er, dass der relative Mangel an Aufmerksamkeit bezüglich der problematischen Aspekte im Wien der Zwischenkriegszeit letztlich zu einer langsamen resp. verlangsamten Vergangenheitsbewältigung geführt bzw. mit dazu beigetragen hat.

Alles in allem legt der Autor hier eine sehr interessante Milieustudie vor, die dem interessierten Leser einen guten Überblick über die behandelte Thematik bietet. Vieles des hier Dargestellten ist bereit in Einzelstudien publiziert worden, manche Zusammenhänge wurden hier allerdings erstmalig aufgezeigt. Aufgrund der hohen Komplexität der behandelten Materie war es Wasserman, dessen Beeinflussung z.B. durch die Arbeiten eines Edward Timms man zu erkennen meint, wohl nicht möglich sämtliche Aspekte, wie etwa jenen des „Deutschen Klubs“ zu berücksichtigen, was aber der Exzellenz der Darstellung dieses stilistisch sehr ansprechendes Werkes keinen Abbruch tut.

Redaktion
Veröffentlicht am
21.06.2016
Redaktionell betreut durch