test Rezension zu: J. Zeune: Ritterburgen | H-Soz-Kult. Kommunikation und Fachinformation für die Geschichtswissenschaften | Geschichte im Netz | History in the web
Cover
Titel
Ritterburgen. Bauwerk, Herrschaft, Kultur


Autor(en)
Zeune, Joachim
Reihe
C.H. Beck Wissen 2831
Erschienen
München 2015: C.H. Beck Verlag
Anzahl Seiten
Preis
€ 8,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Thomas Wozniak, Seminar für mittelalterliche Geschichte, Eberhard Karls Universität Tübingen

Es ist ein erklärtes Ziel des hier zu besprechenden Bandes des promovierten Mittelalterarchäologen Joachim Zeune, den verbreiteten Klischees, Irrtümern und Anachronismen in Bezug auf Burgen zu begegnen. Unglücklicherweise sorgt der Titel des Buchs selbst dafür, dass der irreführende Begriff „Ritterburg“ weiter zementiert wird, auch wenn im Buchvorsatz der Hinweis eingedruckt ist, dass der Buchtitel „einen historisierenden, inhaltlich problematischen Begriff birgt, [was] sowohl dem Autor als auch dem Verlag bewusst“ (S. 4) sei. Während die alternativ vorgeschlagenen Begriffe „Adelsburg“ oder „Feudalburg“ nur Teilaspekte des Buchinhaltes treffen, hätte dieser vielleicht am ehesten mit „Burgen und Befestigungen“ betitelt werden sollen.

Burgeninteressierte werden im Kapitel „1. Hogwarts und Camelot: Unser Leben mit dem Mittelalter“ (S. 6-11) mit den gängigsten Bildern moderner Mittelalterrezeption konfrontiert. Ausgehend von der fiktiven Burg „Hogwarts“ aus den Harry Potter-Romanen über weitere Romane, Comicserien und die Möglichkeiten des „Erlebens“ von Burgen werden die mannigfaltigen Irrtümer der traditionellen Burgenforschung herausgestellt, um über die Aufzählung der allgemeinen Innovationen des Mittelalters zum Kapitel „2. Graben, Mauern, Türme und Zinnen“ (S. 11-18) hinüberzuleiten. Dass Burgen heutzutage von Jüngeren oft über die Darstellung in Computerspielen rezipiert werden, fehlt allerdings. Der folgende „Versuch einer Definition“ (S. 11-13) kann letztlich nur wenig über Johann Nepumuk Cori[1] und Otto Pieper[2] hinausgehen. Die definitorischen Schwierigkeiten (bereits der Zeitgenossen), was genau unter einer Burg zu verstehen ist, hätten noch stärker chronologisch sortiert werden können.

Das Kapitel „3. Bereit ze turneie und ze strite: Der Adel als Träger des Burgenbaus“ (S. 18-33) enthält eine Darstellung zu mit dem Burgenthema verwandten Bereichen wie „Lehnswesen“, „(Raub-)Rittertum“, „Ministerialen“, „Reichsburgmannen“, „höfische Kultur“, „höfische Ritterromane zum Gral“, „Turniere“ und „Jagd“, allesamt Felder, die in den letzten Jahren viele Forschungsumbrüche erlebt haben. Das Kapitel endet mit der Einstufung des 14. Jahrhunderts als „Katastrophenjahrhundert des Mittelalters“ (S. 29) aufgrund eines Bestsellers von Barbara Tuchmann.[3] Die dabei gezeigten Erklärungsmodelle – so zum in den letzten Jahren verstärkt diskutierten Lehnswesen – entsprechen nicht immer dem derzeit aktuellen Forschungsstand der Geschichtswissenschaft.[4]

Zeune betont im folgenden Kapitel „4. Die Burg als Machtsymbol und Herrschaftsinstrument“ (S. 33-45) zu Recht die psychologischen Faktoren „Motivation“ und „Moral“ bei der Deutung von Burgen. Ob aber „[in] einer unaufgeklärten Welt […] die Symbolhaftigkeit über die Funktionalität dominier[te]“ (S. 36), scheint doch fraglich.

Nach diesem ersten Teil, in dem der Autor kaum seine fachlichen Stärken ausspielen kann, weil er sich teilweise zu sehr auf populäre Darstellungen verlässt, wird der Band stärker. Die Dynamik der sich beständig an die sich wandelnden Erfordernisse anpassenden Burgen wird im Kapitel „5. Die ewige Baustelle“ (S. 45-80) deutlich herausgestellt. Besonders die Innovationen der Waffen- und Kriegstechnik, aber auch die allgemeinen technischen Entwicklungen der Bau- und Gerätetechnik führen zu immer neuen baulichen Veränderungen. Hinzu treten die Notwendigkeiten, nach Naturereignissen (S. 75-80) (der „Katastrophen“-Begriff wird völlig unreflektiert verwendet), wie bspw. Erdbeben oder Überschwemmungen, die Burgen wieder instand zu setzen und den Erfordernissen anzupassen. So zeigt etwa die Erneuerung der Brücke der Burg Hohenfreyberg, die alle drei Jahre erforderlich war (S. 74), eine dynamische Bauanpassung.

Im Kapitel „6. Stets im Wandel: Von der Burg über das Burgschloss zum Schloss“ (S. 80-118) wird diese Adaption der Burgen anhand der chronologischen Darstellung von Burgelementen, ihrem Auftreten und ihren Blütezeiten noch weiter deutlich gemacht. Bemerkenswert sind die langsame Entwicklung und Verbreitung der Mörteltechnik im 10. und 11. Jahrhundert (S. 82) sowie die lange Zeit des parallelen Auftretens von hölzernen und steinernen Burganlagen. Daneben wird deutlich, wie sehr staufische Anlagen die heutigen Bilder von Befestigungen im Früh- und Hochmittelalter anachronistisch verstellen. Eindrucksvolle Beispiele, wie vor der Stauferzeit Befestigungen errichtet wurden, finden sich beispielsweise in den beschriebenen archäologischen Befunden der slawischen Burgwälle, die aus gewaltigen Holzkästen baukastenartig zusammengesetzt worden waren (S. 84 f.).

Mit vielen Klischees und romantisierenden Vorstellungen der früheren Burgenforschung muss Zeune aufräumen, wie dem Bergfried als letztem Zufluchtsort. Er betont dessen stark symbolische Funktion in der Fernsicht, überzeugender scheint aber die ebenfalls genannte Funktion als feuerfestes Depot für Wertgegenstände und rechtsrelevante Dokumente (S. 96-98).

Zwei Herrscher werden immer wieder genannt: Heinrich I. und seine so genannte Burgenordnung, die etwas überbetont erscheint, und Friedrich I. Barbarossa als wichtigster Burgenbauer (S. 94 f.), dessen aus Buckelquader errichtete Burgen zwar über steinerne Ringmauern, Torbauten und Mauertürme (S. 106) verfügten, dessen Tortürme aber kaum wehrhaft gewesen seien (S. 106 f.). Aus den vielen Beispielen Zeunes zur Entwicklung von Wehrelementen im Burgenbau seien nur zwei genannt: So wird auf die Verbreitung von Bliden in unterschiedlichen Größen ab 1200 (S. 112) mit der Schildmauer reagiert, deren Blütezeit von 1250 bis 1350 angegeben wird. Im 15. Jahrhundert lässt sich eine große Vielfalt an Schießscharten beobachten, bevor sich dann zwei Arten von Scharten durchsetzten. Die Reaktion auf die Innovationen in der Militärtechnik, wie Batterietürme und Rondelle, die sich ab 1500 verbreiteten (S. 116), musste auch finanziert werden, was sich viele Städte in der Frühen Neuzeit aber nicht immer leisten konnten.

Im Kapitel „7. Das Nachleben der Burg“ (S. 118-122) zeigt Zeune anhand der im Jahr 1410 erbauten Burgen Hohenfreyberg und Ludwigstein, wie in dieser Zeit der frühen Artilleriebefestigungen anachronistisch auf staufische Bauformen zurückgegriffen wurde (S. 119). In Kapitel „8. Die Burg als lebendiges Denkmal“ (S. 122-126) hätten einige Redundanzen zu Kapitel 1 eingespart werden können. Dann wäre auch mehr Platz für eine etwas größere Schrift in Kapitel „9. Statt eines Nachworts: Die zwölf schlimmsten Irrtümer über Burgen“ (S. 126f.) gewesen, das die Quintessenz des kleinen Bändchens darstellt, das leider etwas abrupt mit dem Bildnachweis (S. 128) abbricht. Ein Literaturverzeichnis ist zwar derzeit im Internet zu finden[5], die Nachhaltigkeit solcher Web-Link-Angebote ist aber erfahrungsgemäß oft nur kurz, sodass eine gedruckte Auswahl wichtiger Titel langfristig sinnvoller gewesen wäre. Zudem wäre statt der online angegebenen zwölfseitigen „Bibliographie Joachim Zeune (Auswahl)“ die Angabe der benutzten und teilweise zitierten Literatur, als Beispiele seien genannt Ehlers (S. 32)[6], Meyer (S. 48)[7], Schmaedecke (S. 49)[8], hilfreicher gewesen.

Fazit: Unter dem irreführenden historisierenden Titel „Ritterburgen“ werden hier viele Anachronismen und romantische Vorstellungen früherer Burgenforscher dekonstruiert und durch moderne, überwiegend archäologisch-bauforscherische Erkenntnisse ersetzt. Für die akademische Lehre setzt das erste Drittel des Bändchens zu viel Vorwissen über die Fallstricke der behandelten geschichtswissenschaftlichen Themenfelder voraus, während die beiden folgenden Drittel einen kompakten und schnellen Einstieg in die moderne Burgenkunde ermöglichen.

Anmerkungen:
[1] Nepomuk Cori, Bau und Einrichtung der deutschen Burgen im Mittelalter, Darmstadt 1899.
[2] Otto Piper, Burgenkunde. Bauwesen und Geschichte der Burgen. 3. Aufl., München 1912 (1. Aufl. München 1895).
[3] Barbara Tuchmann, Der ferne Spiegel. Das dramatische 14. Jahrhundert. Dt. von Ulrich Leschak und Malte Friedrich, 17. Aufl., München 2001 (1. Aufl. München 1978).
[4] Zum Lehnswesen vgl. etwa Jürgen Dendorfer / Roman Deutinger (Hrsg.), Das Lehnswesen im Hochmittelalter. Forschungskonstrukte – Quellenbefunde – Deutungsrelevanz, Ostfildern 2010; Steffen Patzold, Das Lehnswesen, München 2012; Karl-Heinz Spieß (Hrsg.), Ausbildung und Verbreitung des Lehnswesens im Reich und in Italien im 12. und 13. Jahrhundert, Ostfildern 2013.
[5] Zu finden unter den „Leseproben“ auf: <http://www.chbeck.de/go/Ritterburgen> (28.12.2015).
[6] Joachim Ehlers, Die Ritter. Geschichte und Kultur, 2. Aufl., München 2009 (1. Aufl. München 2006).
[7] Werner Meyer, Der frühe Burgenbau im südwestlichen deutschen Sprachraum, in: Mittelalter, in: Zeitschrift des Schweizerischen Burgenvereins 4 (1999), S. 15-22.
[8] Michael Schmaedecke, Bemerkungen zur Standortwahl von Burgen im südlichen und südöstlichen Hinterland der Stadt Basel, in: Gründung im archäologischen Befund, bearb. von Andreas Diener, Paderborn 2014, S. 237-246.

Redaktion
Veröffentlicht am
10.02.2016
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