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Titel
The Weimar Century. German Emigrés and the Ideological Foundations of the Cold War


Autor(en)
Greenberg, Udi
Erschienen
Anzahl Seiten
276 S.
Preis
€ 32,82
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Frank Schale, Institut für Politikwissenschaft, Technische Universität Chemnitz

Für zahlreiche Emigranten waren der Niedergang der ersten deutschen Demokratie, die nationalsozialistische Vernichtungspolitik, der stalinistische Terror und die nicht über jeden Zweifel erhabene Politik der demokratischen Staaten gegenüber diktatorischen Systemen niederschmetternde Erlebnisse. Viele fanden in dieser „totalitären Erfahrung“ den entscheidenden Maßstab für ihr politisches Koordinatensystem. Die Zweifel gegenüber den eigenen politischen Ideen machte einige zu Kalten Kriegern. Aber nicht alle. Zugleich versorgten sie in einem historisch einmaligen „brain drain“ die asylgewährenden Staaten, allen voran die USA, mit neuen Ideen und theoretischen Konzepten. An diese Überlegung knüpft Udi Greenberg an. Er möchte zeigen, dass die intellektuellen Grundlagen der westdeutschen und amerikanischen Nachkriegspolitik in den politischen Debatten der Weimarer Republik liegen. Hierzu stellt Greenberg Leben und Werk der Politikwissenschaftler Carl J. Friedrich, Ernst Fraenkel, Waldemar Gurian, Karl Loewenstein und Hans Morgenthau vor. Dass deren Arbeiten paradigmatisch für den prodemokratischen Protestantismus, Sozialismus, Katholizismus, Liberalismus und das Völkerrechtsdenken gewesen seien, ist eine gleichermaßen herausfordernde wie diskussionswürdige Prämisse.

Das Faszinierende an Greenbergs Untersuchung ist die Verknüpfung der demokratiepolitischen Debatten der Weimarer Republik mit den politischen Ordnungsvorstellungen der Nachkriegszeit sowie die Akzentuierung des beginnenden Ost-West-Konfliktes im Gefolge der Oktoberrevolution als Nukleus des Kalten Kriegs. Ähnliche Motive ließen sich auch in Nachbardisziplinen finden, man denke daran, wie viel Friedrich A. Hayeks „Road to Serfdom“ (1944) Ludwig von Mises’ „Die Gemeinwirtschaft“ (1922) verdankt. Dass Greenberg jene Ökonomen nicht in den Blick nimmt, liegt nicht nur an seiner politikwissenschaftlichen Fokussierung, sondern auch daran, dass die genannten Ökonomen skeptisch gegenüber den zahlreichen staatlichen Beratungsagenturen der Roosevelt-Administration blieben.

Solche Berührungsängste hatte Carl J. Friedrich nicht. Sein Werk ist voller politischer Eingriffe, sei es als Berater bei der Entstehung des Grundgesetzes oder als Verfasser einflussreicher Studien zur US-amerikanischen Sowjet- und Lateinamerikapolitik. Mit seiner Orientierung an Institutionen, am Verfassungsstaat und an Eliten ist er ein Politiktheoretiker, an dessen Werk sich die These des Buches gut bestätigen lässt. Ob deshalb jede Einschätzung Greenbergs zutrifft, steht auf einem anderen Blatt. Nur mit Wohlwollen kann man Friedrichs Position in Weimar als „pro-democratic theory of religion and politics“ (S. 26) deuten, denn seine Verteidigung des Verfassungsstaates kannte durchaus Maßnahmen einer kommissarischen Diktatur. Fraglich ist auch, wie entscheidend sein Beitrag für den „War Effort“ der Harvard University oder die politischen Entscheidungen der amerikanischen Deutschlandpolitik tatsächlich war.

Noch heikler ist die Charakterisierung des katholischen Intellektuellen Waldemar Gurian. In Gurians Weimarer Schriften kann nur derjenige einen „embrace of democracy“ (S. 130) erkennen, der dessen antiparlamentarische Reichsidee aus „Um des Reiches Zukunft“ (1932) ignoriert. Wie bei Friedrich dürfte Gurians antikommunistischer Antitotalitarismus mit wesentlichen Zielen der amerikanischen Nachkriegspolitik übereingestimmt haben. Ob jedoch ein Politikwissenschaftler, der sowohl in Weimar als auch später in der Emigration nur innerhalb eines kleinen Kreises anschlussfähig für die Zunft gewesen war, als maßgeblicher politischer Einflussfaktor herhalten kann, erscheint fraglich. Gerade seine opake geisteswissenschaftliche Philosophie musste jeder politischen Administration verdächtig bleiben.

Solche Grenzen der Interpretation räumt Greenberg bei der Darstellung von Ernst Fraenkel durchaus ein. Eigentlich könnte Fraenkel aufgrund seiner Funktion als Berater amerikanischer Behörden in Korea, als Mitbegründer der Politikwissenschaft in Deutschland sowie angesichts seiner politiktheoretisch stark am Konsens orientierten Position als Paradebeispiel eines Apologeten der deutschen und amerikanischen Nachkriegsdemokratie gelten. So nahmen ihn ja auch die Berliner Studenten 1968 wahr. Fraenkels Forderung, zu jeder Demokratie gehöre auch das Streben nach sozialer Gerechtigkeit, passten jedoch, wie Greenberg bemerkt, nicht so recht in die amerikanische Nachkriegspolitik. Zudem wird in der Nachzeichnung von Fraenkels Engagement in der amerikanischen Koreapolitik nicht nur deutlich, wie schwer es dem Emigranten fiel, das eigene Politikverständnis auf neue politische Ordnungen zu übertragen. Er war auch nicht bereit, jeden als strategisch notwendig angesehenen Schritt der US-amerikanischen Außenpolitik mitzugehen. Fraenkels politisches Denken fügte sich nicht widerspruchslos in die Logik des Kalten Krieges ein.

Auch Karl Loewenstein, dem der Autor die geringste Sympathie zuteilwerden lässt, ist nur auf den ersten Blick ein idealer Kandidat für die These des Buches. Loewensteins Darstellung der autoritären Regime Lateinamerikas, die er im Auftrag der US-amerikanischen Administration verfasste hatte, liest sich aufgrund ihres beschönigenden Charakters mehr als beklemmend. Jedoch bleibt Greenbergs Schluss unbewiesen, die Politik der USA gegen bestimmte „Demokratiefeinde“ sei ein direktes Ergebnis von Loewensteins Tätigkeit als Analytiker und Berater gewesen. Noch problematischer ist die Darstellung des politischen Denkens Loewensteins. Dessen liberale Skepsis gegenüber einer radikalen Demokratie deutet Greenberg als Elitismus, wie man ihn vor allem bei Friedrich finden kann. Doch während Friedrich für eine starke, niemals der parlamentarischen Kontrolle völlig unterworfene Verwaltung plädierte, bewegte sich Loewensteins Votum für die Repräsentation in den Bahnen der demokratietheoretischen Überlegungen Tocquevilles, Freiheit und Gleichheit in ein richtiges Verhältnis zu setzen.

Greenbergs Vorwurf, der Antitotalitarismus der genannten Politologen basiere maßgeblich auf einem moralisch-ideologischen Politikverständnis, lässt den „Realismus“ Hans Morgenthaus, der solch demokratiedidaktischen Konzepte nur mit Argwohn betrachtete, umso positiver hervortreten. So ungewöhnlich Morgenthaus aufgeschlossene Haltung gegenüber der 1968er-Protestbewegung war, Greenbergs Lob verhindert eine kritische Würdigung. Über seinen tatsächlichen Einfluss auf den Kalten Krieg liest man bei ihm nur wenig. Könnte der bei den anderen Autoren diagnostizierte Elitismus nicht auch in Morgenthaus Plädoyer für die klassische Diplomatie der großen Männer wiedergefunden werden? Bedeutet sein geistesgeschichtlich begründeter Realismus nicht ebenfalls eine Absage an radikale Demokratievorstellungen?

Die Wertschätzung von Morgenthau macht deutlich, wogegen Greenberg anschreibt. Wenn die Emigranten mit ihrem moralischen Politikverständnis Demokratie ausgehend von bestimmten unhintergehbaren Werten begründeten, dann musste ihnen die pathetisch-pädagogische Verteidigung des „Westens“ mehr als natürlich erscheinen. Ihr „crusade“ (S. 254) für eben jene Werte – der zeitkritische Unterton Greenbergs ist hier kaum zu überlesen – muss gegen jeden, der die ein für alle Mal als richtig angesehenen Werte kritisierte, geführt werden. Folglich rügt Greenberg, dass der Antitotalitarismus der Emigranten Wasser auf die Mühlen eines sich wandelnden Antikommunismus war: Einst verhasste Feinde wurden zu neuen Alliierten und die Verteidigung von Demokratie und Freiheit verlangte von den Emigranten die Billigung autoritärer politischer Praktiken. Diese Tragödie anhand zahlreicher Analysen und Memoranden dokumentiert zu haben, ist Greenbergs Verdienst. Sein illusionsloser Blick temperiert manche Überhöhung der für „Freedom and Democracy“ kämpfenden Emigranten.

Und doch täuscht sich Greenberg: Die Emigranten fanden keineswegs Einigkeit darin, was die pathetisch proklamierten Begriffe wie „Demokratie“, „Rechtsstaat“ und „Freiheit“ konkret meinten. Die westlichen Demokratien erschienen ihnen keineswegs als das gelobte Land. Ihre Dankbarkeit gegenüber den USA, sie vor der Vernichtung gerettet zu haben, enthob das Gastland keineswegs der Kritik. Sie wussten durchaus um die mannigfaltigen politischen und sozialen Probleme der Nachkriegsordnung – eine andere Autorenauswahl, zu denken wäre an Hannah Arendt, Herbert Marcuse oder Franz L. Neumann, hätte dies noch deutlicher werden lassen. Insbesondere die abgebrochene Denazifizierung blieb für viele schmerzhaft und markiert die Grenze, als Parteigänger im Kalten Krieg am Wiederaufbau Deutschlands mitzuwirken. Entsprechend war ihr Antikommunismus mitunter subtiler als behauptet, wenn er nicht gar einem „Anti-Anti-Kommunismus“ wich. Daher greift Greenbergs Fazit zu kurz, die Emigranten hätten sich als intellektuelle Kalte Krieger einem dualistischen Weltbild hingegeben, dem erst die Studentenbewegung ein Ende gemacht habe.

In der Illusionslosigkeit zahlreicher Emigranten und ihrem Plädoyer für den Status quo als noch erträglichem Zustand im Zeitalter des organisierten Massenmordes liegt ihre Tragik. Aber eine Tragödie lässt sich nicht als moralische Abrechnung schreiben. Wer von Schuld spricht, muss über die Frage nach der tatsächlichen Verantwortung im administrativen Prozess nachdenken. Greenbergs mitunter scharfe Kritik an den Emigranten könnte so auch als Entlastung der politischen Verwaltungseliten verstanden werden.

Redaktion
Veröffentlicht am
10.06.2016
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