Sabrow, Martin; Saupe, Achim (Hrsg.): Historische Authentizität. . Göttingen  2016. ISBN 978-3-8353-1529-7

Bartetzky, Arnold (Hrsg.): Geschichte bauen. Architektonische Rekonstruktion und Nationenbildung vom 19. Jahrhundert bis heute. Köln  2017. ISBN 978-3-412-50725-1

Bernhardt, Christoph; Sabrow, Martin; Saupe, Achim (Hrsg.): Gebaute Geschichte. Historische Authentizität im Stadtraum. Göttingen  2017. ISBN 978-3-8353-3013-9

Rezensiert für H-Soz-Kult von
Alexandra Klei, Berlin

Dass Debatten um Rekonstruktionen in Deutschland, die sich prominent um den Wiederaufbau der Frauenkirche in Dresden (Realisierung 1996 bis 2005) oder des Stadtschlosses / Humboldt Forum in Berlin (Realisierung seit 2013) drehten, mit der von Winfried Nerdinger und seinen Mitarbeiter/innen initiierten Ausstellung 2010[1] zwar einen Höhepunkt, aber keinen Abschluss gefunden haben, zeigte im April 2018 ein Beitrag von Stephan Trüby in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung mit aller Deutlichkeit.[2] Der Architekturtheoretiker mit einer Professur an der Universität Stuttgart zeichnet darin nach, wie die Initiative für die Rekonstruktion der Frankfurter Altstadt (Realisierung 2012 bis 2018) zunächst von einem rechten Bündnis ausging. Darüber hinaus thematisiert er, dass sich Rekonstruktionsprojekte eignen, um zum einen Vorstellungen von einer ungebrochenen deutschen Nationalgeschichte zu präsentieren, und zum zweiten, um autoritäre, völkische und geschichtsrevisionistische Vorstellungen (wieder) in eine wahrnehmbare öffentliche Debatte zurück zu holen. Dass Trübys Artikel heftige Reaktionen erzeugte[3], kann nur verwundern, zumal die enge Beziehung zwischen Architektur-Rekonstruktionen und nationalen Identitäts-Konstruktionen und -Narrativen Gegenstand zahlreicher Forschungen und Publikationen in der Vergangenheit und Gegenwart war[4] und ist.

Auch die vom Kunsthistoriker und Architekturkritiker Arnold Bartetzky herausgegebene Publikation „Geschichte bauen“ widmet sich dieser Beziehung am Beispiel Osteuropas. Elf Autoren und fünf Autorinnen, überwiegend Kunsthistoriker/innen, Historiker/innen und Architekturkritiker/innen, zeichnen die Beziehungen zwischen Rekonstruktionsprojekten, nationalen Narrativen und Bedeutungszuschreibungen nach. Den Ausgangspunkt der Veröffentlichung bildete die Arbeit der Projektgruppe „Geschichte bauen“.[5] Bartetzky, der bereits seit einigen Jahren Beiträge zur Inszenierung nationaler Geschichte, staatlicher Repräsentation und Identität mit den Mitteln der Architektur, Denkmalpflege und Bildkünste publiziert[6], sieht in seiner Einführung Osteuropa in bisherigen Publikationen zu wenig beleuchtet. Dabei sei die Funktion von Rekonstruktionen für die Bildung von Nationen hier aber besonders gut darzustellen, da den Projekten eine „wichtige Rolle für nationale Bewusstseinsbildung, Emanzipation, Selbstbehauptung und oftmals auch Abgrenzung beigemessen“ werde (S. 10). Anspruch der Publikation ist es, ein „Überblickswerk zur Geschichte der architektonischen Rekonstruktion in der östlichen Hälfte Europas“ (S. 13) zu sein. Bis auf Polen mit vier Beiträgen ist den Ländern jeweils nur ein Text gewidmet. Dies und der Umstand, dass die Untersuchungen Projekte von der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis in die unmittelbare Gegenwart beleuchten, lässt einen geografisch und zeitlich weit gefassten Überblick entstehen.

Lediglich für Polen ist eine dichtere Darstellung möglich. Keya Thakur-Smolarek widmet sich anhand von Warschau und Kalisz dem Wiederaufbau im und nach dem Ersten Weltkrieg und stellt dabei sowohl die „visuell-symbolische Entrussifizierung“ (S. 162) der deutschen Besatzer vor als auch die Bestrebungen polnischer Akteure, den Wiederaufbau mit der Frage nach einer polnischen Architektur zu verknüpfen. Die Erkenntnisse zu Kalisz werden mit dem Beitrag von Małgorzata Omilanowska vertieft, die sich der Wiederherstellung der im Ersten Weltkrieg von den Deutschen nahezu vollständig zerstörten Innenstadt widmet. Dagegen widmet sich Piotr Korduba Warschau und den zwei konkurrierenden Konzepten des Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg: eine Modernisierung, die mit einem Umbau des Stadtgrundrisses unter anderem frühere Probleme beheben will, versus dem Erhalt von Baudenkmalen, auch wenn sie zeitgenössischen Ansprüchen unter anderem an eine Verkehrsplanung entgegenstehen. Schließlich stellt Tomasz Torbus die Bedeutung eines polnischen Narrativs für die sogenannten wiedergewonnenen Gebiete im Westen des Landes dar. Auch er untersucht den Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg und verknüpft einzelne Städte und Regionen mit unterschiedlichen Aspekten, so unter anderem Danzig mit einer schöpferischen Rekonstruktion, Breslau mit der Frage nach einer „Polonisierung [...] nach Rezepten deutscher Denkmalpflege“ (S. 242) und eine modernistische Haltung zu Architektur und Stadtplanung mit Stettin.

Die vier im Zentrum des Bandes angeordneten Texte verdeutlichen übergreifend, wie Konzepte einer „polnischen Architektur“ in unterschiedlichen Kontexten und Zeiten Bedeutung entfalten können. Die anderen elf Beiträge bleiben im Vergleich dazu Einzeldarstellungen, die zwar jeweilige Entwicklungen der Bedeutung und Wahrnehmung darstellen (können), aber weniger unmittelbare Zusammenhänge erkennen lassen.

Eingeleitet wird die Publikation von Adamantios Th. Skordos, der sich dem Ausbau Athens widmet, das 1834 als Hauptstadt des vier Jahre zuvor gegründeten griechischen Nationalstaates bestimmt wurde und anschließend „Prozesse von nationaler Sinnstiftung und Selbstvergewisserung“ (S. 80) durchläuft. Elisabeth Crettaz-Stürzel rekonstruiert die Entwicklungen der im 13. Jahrhundert errichteten deutschen Ordensburg Marienburg (im heutigen polnischen Malbrok) ab den ersten Denkmalschutzbestrebungen um 1780 bis in die 1920er-Jahre als Bestandteil einer europäischen Burgenrenaissance. Radu Lupescu bleibt bei dieser Baugattung und untersucht die Rekonstruktion der mittelalterlichen ungarischen Burg Vajdahunyad (heute Rumänien), der als Ikone im 19. Jahrhundert eine besondere Stellung im ungarischen Nationsbewusstsein zugeschrieben wurde. Jonathan Blower konzentriert sich auf ein Episkopium im Zentrum von Split, um sich der Beziehung zwischen Politik und kulturellem Erbe Anfang des 20. Jahrhunderts zu widmen. Robert Born arbeitet heraus, wie das römische Erbe auf dem Gebiet Rumäniens ab der Mitte des 19. Jahrhunderts einen Referenzpunkt für den jungen Nationalstaat bildete.

In den fünf Texten, die sich dem Schwerpunkt zu Polen anschließen, beschäftigt sich der Beitrag von Jan Randàk zunächst noch mit der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, wendet sich aber der Tschechoslowakei zu, genauer gesagt Prag, um anhand der Rekonstruktion der Bethlehemskapelle Konstruktionen nationaler Traditionen nachzugehen. Zeitlich gibt es anschließend einen größeren Sprung zu den nationalen Bestrebungen nach 1990. Der Mediävist Ernö Marosi geht den Umbrüchen der Denkmalpflege, der kunsthistorischen Forschung und der Museumstätigkeit in Ungarn nach. Sein Blick reicht bis in die unmittelbare Vergangenheit und zeichnet dabei für die Denkmalpflege ein ernüchterndes Bild. Die sich anschließenden Texte wenden sich postsowjetischen Staaten zu (Aleksandr Musin der Ukraine und Russland, Andreas Fülberth Litauen und Lettland) sowie Mazedonien (Evelyn Ivanova-Reuter).

Deutlich wird mit all diesen Beispielen, dass Rekonstruktionsprozesse längere Zeiträume umfassen, in denen die Bedeutung eines Bauwerkes erst wiederhergestellt sowie ein Narrativ entwickelt und etabliert werden muss, bevor sich mit der konkreten Realisierung befasst werden kann. Diese können wiederum von Fragen nach Quellen für die Umsetzung, Denkmalwert, Zeitschichten etc. begleitet werden. Die Beiträge zeigen aber auch auf, welchen Einfluss politische Umbrüche auf derartige Projekte haben können, wie Narrative an Bedeutung gewinnen und wieder verlieren können.

Christoph Bernhardt, Martin Sabrow und Achim Saupe haben mit „Gebaute Geschichte“ einen Band herausgegeben, in dem sie gemeinsam mit zehn weiteren Autoren und fünf Autorinnen einer Zuschreibung nachgehen, die im Kontext architektonischer Rekonstruktionen von herausragender Bedeutung ist, da mit ihr Kategorien von echt und unecht bestimmt und damit Legitimationen hergestellt werden. Das Buch ist Ergebnis zweier Tagungen des Leibniz-Forschungsverbunds „Historische Authentizität“.[7] Um es bereits an dieser Stelle vorweg zu nehmen: Der Band erfüllt das Versprechen einer „breiteren, disziplinübergreifenden Perspektive“ (S. 10), die die Herausgeber in der Einleitung ankündigen, auf das treffendste. Die Bedeutung des Begriffes Authentizität wird für jede der beteiligten Disziplinen zentral in den einzelnen Beiträgen behandelt. Es entsteht in der Summe eine Zusammenstellung, die eine Vielfalt in der Begriffsgeschichte, Anwendung und Bedeutung im Kontext von Denkmalpflege, Architektur- und Stadtbaugeschichte präsentiert und ein tieferes Verständnis von der Komplexität im Gebrauch, in Zuschreibungen und in der Begriffsgeschichte und -anwendung ermöglicht.

Der Band ist in vier Schwerpunkte gegliedert. Der erste – Disziplinäre Zugänge – erlaubt eine Bandbreite von Zugängen zum Begriff der Authentizität in der Denkmalpflege (Frank Pieter Hesse), in dem seit den 1970er-Jahren etablierten städtebaulichen Konzept der „Kritischen Rekonstruktion“ (Harald Bodenschatz), mit Blick auf die Nachkriegsmoderne (Olaf Gisbertz) und in der Baugeschichtsforschung (Klaus Rheidt). Hesse stellt dar, dass als Leitbild in der Denkmalpflege Authentizität „als die dingliche Eigenschaft der Echtheit verstanden [wird], die einem historischen Artefakt unter Sach- und Fachkundigen weitgehend übereinstimmend zuerkannt wird, das relativ ungestört an Ort und Stelle mit ursprünglichem Material in ursprünglicher Erscheinung überliefert ist“ (S. 25). Dies setzt einen engen Rahmen für die Verwendung, die dem tatsächlichen Gebrauch der Zuschreibung nicht entspricht. Als Beispiele dienen ihm unter anderem das Neue Museum in Berlin, bei dessen Wiederherstellung ab den 1990er-Jahren, dem ruinösen Zustand infolge des Zweiten Weltkriegs „eine eigene Wertstellung“ zugemessen wurde (S. 32). Bodenschatz stellt anhand internationaler Beispiele – mit einem Schwerpunkt auf Berlin – das Konzept der kritischen Rekonstruktion und seine Auslegung vor. Er verdeutlicht, dass Authentizität dabei, ebenso wie im städtebaulichen Diskurs, keine Rolle spielt, auch dann nicht, wenn von „historischer Stadt“ die Rede ist und die Vorstellung einer europäischen Stadt als allgemeines Bild verwendet wird. Gisbert geht unterschiedlichen Formen von „Authentisierungsprozessen zwischen Fiktion und Realität“ am Beispiel von Braunschweig nach (S. 59). Er legt dar, dass Architektur zwangsläufig Wahrnehmungsprozessen unterliege, bei denen eine unreflektierte Authentisierung des Gebauten stattfände. Damit sei die Gefahr gegeben, dass rekonstruierter Architektur nach und nach authentische Merkmale zugeschrieben werden. In der Bauforschung sei Authentizität eine selbstverständliche Eigenschaft der untersuchten Objekte, legt Rheidt dar. Bauforscher seien „Authentifizierer“. Er zeigt, dass „Authentizität im Sinne von ‚Echtheit’“ in der Bauforschung keine Rolle spielt (S. 80), da alle Schichten eines Gebäudes als echt gelten, unabhängig davon, zu welchem Zeitpunkt sie an- oder eingefügt wurden.

Der zweite Komplex des Bandes wendet sich mit Authentizitätskonflikten stärker Debatten zu. Carola Neugebauer untersucht historische Authentizität „als Merkmal baukulturellen Erbes und denkmalpflegerisch-stadtplanerischer Anliegen“; als „ein theoretisch wertvolles wie handlungsrelevantes Konzept“ (S. 97), das besondere Bedeutung im Programm des UNESCO-Weltkulturerbes erlangt hat. Sie arbeitet anhand von Konfliktkonstellationen in Stralsund, Wismar und St. Petersburg drei Konzepte heraus: Authentizität als Wertbegriff, als objekt- und personenbezogene Konstruktionen und als Konflikt. Die Debatte um die Rekonstruktion des Stadtschlosses Potsdam dient Kathrin Zöller als Grundlage, um baupolitische ebenso wie künstlerische Muster in der Auseinandersetzung und in der Sinnschreibung auf Seiten der involvierten Bürgerinitiativen sichtbar zu machen. „Authentisch“ wird hier zu einer Zuschreibung in politischen, stadtgesellschaftlichen und kulturellen Argumentationen. Andreas Butter hingegen untersucht Dessau mit drei Zugängen: einer zeitlich-räumlichen Analyse der Kulturregion, der Herausarbeitung von Gruppen gegenwärtiger Akteure und ihrer historischen Bezugsebenen im kollektiven Gedächtnis sowie hinsichtlich von Authentifizierungsprozessen.

Mit dem dritten Schwerpunkt werden internationale Perspektiven versammelt. Tino Mager wendet sich der Verortung von Authentizität jenseits materieller Substanz in Bauwerken am Beispiel der ISE-Schreine in Japan zu, bei denen „eine historische Authentizität als unabhängig von ihrer baulichen Substanz gilt“ (S. 174). Daneben, und dies macht seinen Beitrag so wichtig für den Band, untersucht er die Verwendung des Begriffs Authentizität seit der Antike. Er kann aufzeigen, dass dieser bis in die Mitte des vergangenen Jahrhunderts kaum gebräuchlich war und seine Popularität dann parallel zur Postmoderne relevant wurde. Für das Weltkulturerbe erlangte dieser erst mit der „Nara Conference on Authenticity“ 1994 Bedeutung. Ulrike Freitag verfolgt die Diskussionen um die Erhaltung der historischen städtischen Landschaften von Dir’iyya (Vorort der Hauptstadt Riyadh) und al-Balad (historisches Zentrum der Hafenstadt Dschidda) in Saudi-Arabien. Sie stellt dabei fest, dass Auseinandersetzungen um Erhalt, Rekonstruktion und Authentizität mit der Frage einer als islamisch definierten Identität zusammengingen. Der Blick von Nora Lafi geht nach Aleppo in Syrien. Sie zeigt auf, dass das Konzept von Authentizität, das die „Nara Konferenz“ entwickelte, für die Konservierung und Rekonstruktion zerstörter Städte nicht geeignet ist und legte nahe, dass die Wiederherstellung von Aleppo ein neues Konzept von Authentizität hervorbringen könnte, das nicht allein auf die Authentizität der gebauten Substanz abzielt, sondern – neben der Vermeidung vager Begriffe – den zivilen Prozess der Rekonstruktion selbst in den Blick nimmt. Florian Riedler zeigt anhand der Ausgrabung, Restaurierung und Rekonstruktion des Sultanspalasts in Edirne (Türkei) einen Prozess der Authentifizierung als Denkmal auf, der „vor allem auf die Aufwertung der osmanischen Epoche in der türkischen Geschichtspolitik, in der populären Kultur und für den Tourismus zurückgeführt werden“ kann (S. 145). Andreas Fülberth wendet sich für diesen Band erneut der Bebauung des Rathausplatzes in Riga mit der Rekonstruktion des Schwarzhäupterhauses zu und vergleicht diese mit der rekonstruierenden Bebauung des Rathausplatzes im ostdeutschen Halberstadt. Während die Auswahl der Beispiele auf den ersten Blick irritiert, kann Fülberth nachzeichnen, dass die städtebaulichen Gegebenheiten „überraschend gering“ (S. 264) ausfallen.

Der vierte Schwerpunkt versammelt schließlich Beiträge zu Authentizitätskonstruktionen im Geschichtstourismus. Angela Schwarz folgt in ihrem Beitrag der Entwicklung des Ruhrgebiets „vom Nicht-Ort zum Reiseziel“ und zeigt die Bedeutung einer „Konstruktion des Authentischen“ (S. 271) nach. Hanno Hochmuth wendet sich Berlin zu und erläutert die Ursprünge eines gegenwärtig so erfolgreichen und präsenten Berlin-Tourismus, der sich mit historischer Authentizität vermarktet. Dabei stellt er die Verbindung zwischen einem alternativen Geschichtstourismus seit dem Beginn der 1980er-Jahre und der Geschichtswerkstattbewegung dar. Abschließend wendet sich Hasso Spode mit seinem Beitrag „Lesarten des Authentischen“ noch einmal stärker theoretischen Überlegungen zu und plädiert dabei für eine Tourismusforschung, die stärker auf Komplexität setzt.

Bereits 2016 haben Martin Sabrow und Achim Saupe für den Leibniz-Forschungsverbund eine Publikation zu „Historischer Authentizität“ herausgegeben, die nicht nur zeitlich, sondern auch inhaltlich als Vorgänger verstanden werden kann. Der schmale Band bietet nicht nur eine Annäherung an das Thema an, sondern verdeutlicht vor allem, dass der Begriff Authentizität auch für Kontexte des Alltages sowie für weitaus mehr wissenschaftliche Disziplinen als die Architektur oder Denkmalpflege Relevanz besitzt. Sabrow und Saupe stellen in ihrer Einleitung Problemhorizonte, Leitfrage und Themenfelder der Forschung zu Historischer Authentizität dar und betonen damit auch die notwendige Interdisziplinarität der Ansätze und Zusammenarbeit.

Martin Sabrow geht im ersten Beitrag in historischer Perspektive der „Aura des Authentischen“ (S. 29) nach. Diese formuliert er als „einen Mythos der Moderne [...], in dem die von Reinhart Koselleck formulierte Differenz von Erfahrung und Erwartung in Deckung gebracht und die Vergänglichkeit der Zeit aufgehoben wird“ (S. 30). In seinen Betrachtungen zur Geschichte des Begriffs und seiner Anwendung führt Sabrow an, dass die „Sehnsucht nach dem Authentischen“ (S. 35) an die Entwicklungen der letzten 40 Jahre und dabei auch an die steigende Bedeutung der Sachzeugnisse aus der NS-Zeit für die Erinnerung und Vermittlung gebunden ist. Auf die Bedeutung der Beziehung zwischen dem Begriff authentisch und der im Kontext der KZ-Gedenkstätten wichtigen Bewegung der „Spurensicherung“ war bereits in der Einleitung eingegangen worden. Vor diesem Hintergrund verwundert es, dass der inflationären Verwendung des Terminus „authentischer Ort“ als Zuschreibung für vormalige NS-Lagerstandorte in den deutschen Erinnerungsdebatten im Kontext von Publikationen zu KZ-Gedenkstätten Aufmerksamkeit gewidmet wird[8], nicht aber in einer interdisziplinären Perspektive zum Begriff und seiner Anwendung.

Susanne Knaller geht in ihrem Beitrag der aktuell wirksamen hohen Bedeutung von Authentizität als ein branding / Markenzeichen in der Kunst nach und auf Verwendungsweisen von Authentizität im Kunstsystem anhand des Zusammenhanges von Original, Kopie und Fälschung ein. Zum Abschluss stellt sie die Arbeit der englischen Künstlerin Rachel Whiteread vor, in deren auf öffentliche Orte konzentrierten Arbeiten Authentizität „als empirisches Referenzmoment in Form von sozialen Verhältnissen, historischen Fakten, biografischen Narrativen und Identitätstypologien“ auftritt (S. 57).

Stefan Laube geht zurück in das 13., 17. und 19. Jahrhundert und widmet sich drei Artefakten – dem Finger des Heiligen Nikolaus, der Totenmaske von Martin Luther und dem Gipsabguss des Junius-Bassus-Sarkophags –, um den Zusammenhang zwischen einer „in materiellen Zeitkapseln“ angehaltenen Geschichte als sich verändernde Projektionsfläche „gegenüber Wünschen und Bedürfnissen der jeweiligen Zeitgenossen“ (S. 62) darzustellen. Thomas Thiemeyer wendet sich mit den „Museumsdingen“ einem Feld zu, für das Zuschreibungen von Authentizität, Aura, Echtheit etc. elementar sind.[9] Sein Aufsatz stellt mit dem Werk, dem Exemplar und dem Zeugen drei „Ding-Kategorien“ vor, anhand derer Authentizität zum einen je anders definiert wird und zum anderen der Frage nachgegangen werden kann, „warum das Museum überhaupt Dinge exponiert und warum Originalität und Authentizität für den Wert, den man Dingen zuschreibt, wichtig zu sein scheinen“ (S. 80). Mit dem letzten Artikel des Bandes leisten Andrea Rehling und Johannes Paulmann einen weiteren Beitrag zu einer historischen und einer theoretischen Einordnung der Bedeutung, Funktion und Verwendung des Terminus Authentizität. Sie wenden sich dabei unter anderem auch einem ehemaligen NS-Vernichtungsort ausführlich zu, dem National Museum of Auschwitz Birkenau / Państwowe Muzeum Auschwitz-Birkenau, das 1979 in die UNESCO-Weltkulturerbeliste aufgenommen wurde. Dem Ort wurde dabei nicht aufgrund künstlerischer oder kunsthistorischer Aspekte Bedeutung zugemessen, sondern aufgrund der historischen Ereignisse, die ihn in der Gegenwart zudem nicht zu einem Museum, sondern zu einem „Zeugnis“ machen. Historische Authentizität begründe sich hier nicht auf materielle Ursprünglichkeit von Gebäuden, sondern auf weitere Authentifizierungen, wie die historischen und juristischen Nachweise des Leidens und Sterbens an diesem Ort.

Authentizität hat sich als Begriff in unserem Alltag etabliert, genauso wie Rekonstruktionen in der Architektur zum selbstverständlichen Repertoire geworden sind. Ihre Wirkungsweisen zu untersuchen und zu hinterfragen sind Verdienste der hier vorgestellten Sammelbände. Der Leibniz-Forschungsverbund hat dabei mit den beiden genannten sowie zahlreichen weiteren Publikationen eine beindruckende Fülle von Artikeln zusammengetragen, die die Komplexität eines in unserem Alltag allgegenwärtigen Begriffes in seiner Geschichte, Anwendung und Bedeutung vermitteln. Die verantwortlichen Herausgeber konnten dabei auch den Gewinn aus einer interdisziplinären Zusammenarbeit eindrucksvoll demonstrieren. Die Veröffentlichung von Bartetzky lenkt den Fokus auf die Funktionen, die architektonische Rekonstruktionen für die Konstruktion von Geschichte, Bedeutung und nationalen Ideen haben. Dass dies eine Relevanz in Deutschland besitzt und auch hier als Debatte immer wieder geführt werden muss, zeigte nicht zuletzt die Auseinandersetzung um den eingangs erwähnten Artikel von Stefan Trüby. Besonders im Kontext erstarkender rechter Diskurse bleibt die Übertragung von positiv bestimmten nationalen Identitätsnarrativen auf eine Gestaltung von Geschichte im öffentlichen städtischen Raum ein Thema unserer unmittelbaren Gegenwart.

Anmerkungen:
[1] Winfried Nerdinger (Hrsg.), Geschichte der Rekonstruktion – Konstruktion der Geschichte, München 2010. Publikation zur Ausstellung des Architekturmuseums der Technischen Universität München in der Pinakothek der Moderne, 22. Juli bis 31. Oktober 2010. Rezension: Rudolf Fischer, in: H-Soz-Kult, 23.10.2010, https://www.hsozkult.de/exhibitionreview/id/rezausstellungen-141 (21.01.2019).
[2] Stephan Trüby, Wir haben das Haus am rechten Fleck. Neue Frankfurter Altstadt, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.04.2018, S. 46.
[3] Dankwart Guratzsch, Ist Fachwerk faschistisch?, in: Die Welt, 23.04.2018, S. 21.
[4] Exemplarisch mit Blick auf die Rolle der Denkmalpflege in: Michael S. Falser, Zwischen Identität und Authentizität. Zur politischen Geschichte der Denkmalpflege in Deutschland, Dresden 2008.
[5] Die Projektgruppe „Geschichte bauen. Architektonische Rekonstruktionen und Nationenbildung (19.–21. Jahrhundert)“ war ab 2014 am Geisteswissenschaftlichen Zentrum Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas an der Universität Leipzig und ab 2017 am Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa angesiedelt.
[6] Arnold Bartetzky, Nation – Staat – Stadt. Architektur, Denkmalpflege und Geschichtskultur vom 19. bis zum 21. Jahrhundert, Wien 2012.
[7] Die Tagungen des Leibniz-Forschungsverbunds „Historische Authentizität“ fanden 2014 am Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam und 2015 am Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung in Erkner statt.
[8] Achim Saupe, Authentizität als problematische Kategorie von Gedenkstätten, in: Alexander Kraus / Aleksandar Nedelkovski / Anita Placenti-Grau (Hrsg.), Ein Erinnerungs- und Lernort entsteht. Die Gedenkstätte KZ-Außenlager Laagberg in Wolfsburg, Frankfurt am Main 2018, S. 39–54.
[9] Diese Beziehung wird in einer weiteren Publikation des Forschungsverbandes ausführlich beleuchtet: Thomas Eser u. a. (Hrsg.), Authentisierung im Museum. Ein Werkstatt-Bericht, Mainz 2017.

Redaktion
Veröffentlicht am
19.02.2019
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