M. Borgolte u.a. (Hrsg.): Maritimes Mittelalter

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Titel
Maritimes Mittelalter. Meere als Kommunikationsräume


Herausgeber
Borgolte, Michael; Jaspert, Nikolas
Reihe
Vorträge und Forschungen 83
Erschienen
Stuttgart 2016: Jan Thorbecke Verlag
Anzahl Seiten
348 S.
Preis
€ 49,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Kristjan Toomaspoeg, Dipartimento dei beni delle arti e della storia, Università degli studi di Lecce

In diesem Band werden die Vorträge der im September 2012 auf der Reichenau veranstalteten Tagung des "Konstanzer Arbeitskreises für mittelalterliche Geschichte" veröffentlicht. Die Thematik wird in einer von beiden Herausgebern geschriebenen Einleitung (S. 9–34) ausführlich erklärt, in der die polyvalente Bedeutung des Meeres und das starke Potenzial dieses Forschungsfelds deutlich werden. Die Aufsätze betrachten vier der in der mittelalterlichen Geschichte Europas besonders wichtigen Meere (Mittelmeer, Ostsee, Nordsee, Schwarzes Meer) sowie den Atlantik und den Indischen Ozean. Jan Rüdiger (S. 35–58) widmet sich der Frage nach mittelalterlichen Thalassokratien und untersucht Beispiele von Skandinavien bis Venedig, um in diesem Kontext grundlegende (und forschungsgeschichtlich durchaus problematische) Begriffe wie 'Herrschaft' und 'Seeherrschaft' zu diskutieren. Sebastian Kolditz (S. 59–108) konzentriert sich auf den Mittelmeerraum und fragt nach verschiedenen Modalitäten, nach Wandel und Kontinuität sowie nach bestimmten Räumen (z.B. Häfen und Handelsmetropolen) und Personengruppen, anhand derer maritime Konnektivität erfasst werden kann. Ruthy Gertwagen (S. 109–148) stellt die Frage, wie die Schiffbautechnologie die Navigation und damit auch die Erweiterung des Horizonts und die Entwicklung der ganzen Mittelmeergesellschaft beeinflusst hat. Jenny Rahel Oesterle (S. 149–180) untersucht arabische Darstellungen des Mittelmeers in Historiographie und Kartographie, die deutlich werden lassen, dass das Mittelmeer für Muslime nicht ein Zentralgebiet gewesen ist, sondern vielmehr als Peripherie betrachtet wurde. Michel Balard (S. 181–194) bemerkt, dass die Schwarzmeerregion noch in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts eine sehr begrenzte wirtschaftliche Bedeutung besaß, dann aber, dank der Ausdehnung der Mongolenherrschaft im Osten, zu einem zentralen Handelsgebiet aufstieg. Die genauen Modalitäten des Schwarzmeerhandels, z.B. die benutzten Schiffe und transportierten Waren, nimmt Balard dabei genauso in den Blick wie die Rolle einzelner Akteure wie der Venezianer, Genuesen, Pisaner oder auch Katalanen. Carsten Jahnke (S. 195–211) konzentriert sich nicht auf die Nordsee im heutigem Sinn, sondern auf die "Westsee", also das Gebiet vom Ärmelkanal bis nach Skagen, und untersucht besonders das lokale Klima, die historischen Landräume, aber auch die Rolle der „Westsee“ für einzelne Gruppen. Die Westsee war keineswegs beherrschbar, bildete aber einen nützlichen Kommunikationsweg für die angrenzenden Länder. Nils Blomkvist (S. 213–232) erinnert daran, dass die Ostsee als Innensee Europas zu betrachten ist, und beobachtet deren Wahrnehmung durch die Zeitgenossen sowie deren historisch-wirtschaftliche Entwicklung vom 6. bis zum 15. Jahrhundert. Im Spätmittelalter gehörte das Ostseegebiet einerseits zum europäischen Zentrum-Peripherie-System, anderseits bildete es aber, zusammen mit der Nordsee, eine eigene wirtschaftliche Einheit.

Im Anschluss an diese Beiträge wird der Blick auf außereuropäische Seeräume geweitet. Benjamin Scheller (S. 233–260) studiert die Quellen über die ersten Reisen im Atlantik und besonders die Wissensproduktion über das "Fremde" und zeigt dabei auf, dass nur zwei Texte – das Werk "De Canaria et insulis reliquis" aus der Mitte des 14. Jahrhunderts und der Bericht des Venezianers Alvise Cadamosto über seine Reisen in Westafrika 1455–56 („Navigazioni Atlantiche") – als ethnographische Beobachtungen betrachtet werden können, die über das bis dahin begrenzte Wissen über fremde Welten hinausgingen. Georg Christ (S. 261–282) bietet eine Untersuchung zum Verhältnis von Kreuzzug und Seeherrschaft am Beispiel des Handelsembargos von 1308, das Papst Clemens V. im Vorfeld seiner Kreuzzugsvorbereitungen gegen alle Seestädte verhängte, vor allem aber für Venedig und dessen Handel mit den Mameluken Konsequenzen hatte. In der Praxis, so kann Christ zeigen, führte das „pragmatische Embargo“ (S. 281) allerdings nicht zu einer vollständigen Handelssperre, sondern zu einer Kontrolle des Handels, durch die es der päpstlichen Finanzverwaltung ermöglicht wurde, an Gewinnen des interkontinentalen Handels zu partizipieren. Annette Schmiedchen (S. 283–302) stellt die Akteure der mittelalterlichen Kommunikation im Indischen Ozean vor und betont, dass nicht nur Handelsgüter und Waren, sondern auch Wissen, soziale Vorstellungen und religiöse Traditionen über eine Verbindung von zentralasiatischer Seidenstraße und „maritimer“ Seidenstraße in Umlauf gerieten. Die Zusammenfassung der Tagung von Daniela Rando (S. 303–320) diskutiert abschließend Raumkonstruktionen und Raumerfassung der Meere, die mentale, wirtschaftliche und politische Aneignung der See, das Verhältnis von Innovation, Invention und Seewirtschaft, die Begriffe Seeherrschaft und Seemacht, die Häfen als Element der Kommunikation und Interaktion mit dem Hinterland, die Frage religiöser Konnektivität sowie die Meerengen, aber auch Flüsse, Mündungen und Küstenregionen als Scharnierstellen. Ein Personen- und Ortsregister beschließt den Band.

Insgesamt bietet der Band eine neue Perspektive auf die Seegeschichte, indem die klassische Geschichte des Handels, der Seefahrt und der militärischen Eroberungen nun mithilfe theoretischer Überlegungen zu Konnektivität, Translokalität oder auch Herrschaft neu erzählt wird. Dieses neue interdisziplinäre Interesse an dieser Thematik, das auch andere Initiativen dokumentieren[1], ist herzlich zu begrüßen. Besonders gut gelungen sind im vorliegenden Band die Beiträge von Balard, Christ, Gertwagen, Oesterle, Scheller und Schmiedchen, die das konzeptionelle Fundament der Tagung mit einer auf den Quellen basierenden historischen Analyse verbinden.

Anmerkung:
[1] Vgl. etwa das Projekt „Océanides“ in Frankreich: http://oceanides-association.org/themes-de-recherche/ (04.11.2016).