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Titel
Feminismen. Die deutsche Frauenbewegung in globaler Perspektive


Autor(en)
Marx Ferree, Myra
Reihe
Politik der Geschlechterverhältnisse
Erschienen
Frankfurt 2018: Campus Verlag
Anzahl Seiten
368 S.
Preis
€ 34,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Ulla Bock, Institut für Soziologie, Freie Universität Berlin

Weder Anfang noch Ende einer sozialen Bewegung sind mit einem genauen Zeitpunkt zu bestimmen, aber es gibt prägnante Ereignisse, die sich in unserer Erinnerungskultur als Marksteine festsetzen. "Am 13. September 1968 nach der Mittagspause ging es los." (S. 83). Mit diesem Datum markiert Ferree den Beginn der neuen Frauenbewegung in Westdeutschland. Es ist der Tag, an dem die Studentin Sigrid Rüger Tomaten in Richtung Vorstand des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) warf. Hinter diesem Tomatenwurf lag der geballte Unmut von Frauen über die "Genossen", die in gewohnter Manier die Anliegen der Frauen überhörten, die Helge Sander vom "Aktionsrat zur Befreiung der Frauen" kurz zuvor in ihrer Rede auf der 23. Delegiertenkonferenz des SDS vorgetragen hatte.

Passend zum 50. Jahrestag dieser inzwischen legendären Protestaktion erschien die Studie "Feminismen"[1] der US-amerikanischen Soziologin und Geschlechterforscherin Myra Marx Ferree aus dem Jahr 2012 in deutscher Übersetzung. Darin vergleicht die Autorin 50 Jahre Frauenbewegung in den USA mit dem Pendant in West- und Ostdeutschland.

Für die transnationale und komparative Perspektive ist Ferree gut ausgewiesen. Sie ist Professorin für Soziologie und Direktorin des Zentrums für deutsche und europäische Studien an der University of Wisconsin-Madison sowie Mitglied des dortigen Women's Studies Program. Mit der deutschen feministischen Bewegung ist Ferree nicht nur durch das Studium der Literatur vertraut, sondern auch durch zahlreiche Gespräche, die sie mit Kolleginnen in Deutschland führte. In den drei Jahrzehnten, in denen sie Einblick in die Entwicklung des deutschen Feminismus gewinnen konnte, publizierte sie bereits zahlreiche Artikel über feministische Organisationen in den USA und Deutschland im Vergleich, sodass die nun vorliegende Publikation als Zusammenschau ihres Wissens "bezüglich der Ähnlichkeiten und Unterschiede in unseren Standpunkten zu Frauenrechten, Interessenslagen und Organisationsfragen" (S. 9) gelesen werden kann.

Ferree strukturiert das detailreiche Material in acht Kapiteln, die jeweils mit einem Fazit enden. Im ersten Kapitel stellt sie ihr erkenntnistheoretisches Werkzeug vor. Sie folgt dem sozialwissenschaftlichen Konzept der Intersektionalität mit der Grundannahme, dass die Geschlechterverhältnisse nur als "Teil eines komplexen, mehrdimensionalen Systems von Ungleichheiten" (S. 28) zu analysieren und zu verstehen seien. Dabei misst sie den theoretischen Diskursen wie den materiellen Bedingungen der Frauenbewegung gleiche Bedeutung bei. In diesem Sinne begreift Ferree den relationalen Realismus als praktische Theorie für den Feminismus. "Anstelle von methodischem Individualismus liegt der Fokus auf den Beziehungen zwischen Personen, Institutionen und Konzepten, auf Relationen also, die sich als Machtverhältnisse in historisch verwirklichten sozialen Interaktionen immer wieder neu konstituieren" (S. 29).

Unter der Überschrift "Aus Frauen werden Staatsbürgerinnen" rekapituliert die Autorin im zweiten Kapitel geschichtliche Etappen der Frauenemanzipationsbewegung von 1848 bis 1968 in den USA und Deutschland. In den beiden folgenden Kapiteln beschreibt sie die spezifische Ausprägung der "autonomen Frauenbewegung" in West-Deutschland. Sie stellt zunächst zahlreiche Themen, theoretische Diskurse und Aktionen der Jahre 1968 bis 1978 vor (Kontrolle über Reproduktionsmittel, Lebensalltag von Müttern, Paragraphen 218, Sozialisation, Kinderläden, Erwerbsarbeit, Kritik am patriarchalen Sprachgebrauch) und benennt anschließend die selbstorganisierten Projekte (Frauenzentren, Frauenhäuser, Zeitschriften, Buchläden, Verlage, Selbsterfahrungsgruppen), die in den Jahren 1975 bis 1980 ins Leben gerufen wurden.

Im fünften Kapitel geht es um den Zeitraum 1982 bis 1990. Ferree schildert, wie feministische Themen Eingang in etablierte Parteien fanden, Frauen zunehmend Ämter und Positionen übernahmen und ihre Interessen in Landes- und Kommunalregierungen vertraten. Dass westdeutsche Feministinnen auf Staat und Regierung zugingen, während sie in den 1970er-Jahren auf die Unabhängigkeit vom Staat bestanden hatten, interpretiert Ferree als bedeutsamen Richtungswechsel, mit der die westdeutsche Ära der "autonomen" Frauenbewegung zu Ende ging. Diese Phase fällt zusammen mit der Mobilisierung der Frauen in Ostdeutschland Anfang der 1990er-Jahre. Ferree thematisiert die Schwierigkeiten der Frauen in Ost- und Westdeutschland, eine gemeinsame Sprache zu finden und beschreibt ausführlich die konflikthaften Annäherung von Frauen in Ost und West in der Zeit von 1990 bis 1995.

Das siebte Kapitel umfasst die Zeit von 1995 bis 2005, in der die Anerkennung von Unterschieden zwischen Frauen wie der Differenzen hinsichtlich der Vorstellung vom "richtigen" Weg der Emanzipation zu einem dringlichen Anliegen wurden. Die poststrukturalistische Denkweise, Gender performativ zu verstehen (Judith Butler), führte zu einem radikalen Umdenken in der feministischen Bewegung sowohl in den USA als auch in Deutschland. Diversität wurde zum Schlüsselbegriff und die "Frauenfrage" zur "Genderfrage". Damit sieht Ferree die Grundlage für eine Staaten übergreifende "Politik der Vielfalt" gelegt, die der Globalisierung und Europäisierung der Frauenbewegung im 21. Jahrhundert vorausgeht.

Ferree hat mit "Feminismen" eine materialreiche Studie über die Entwicklung insbesondere der deutschen Frauenbewegung in den vergangenen 50 Jahren vorgelegt. Das dazu vorhandene Material[2] wurde von ihr zusammengestellt, (chronologisch) geordnet und durch Informationen, die sie mit eigenen Interviews hinzugewonnen hat, ergänzt.[3] Der Wert dieser Arbeit liegt für ein deutsches Fachpublikum sicher nicht im Nachlesen der vielfältigen Ereignisse im Verlauf der feministischen Bewegung in West- und Ostdeutschland, die weitgehend bekannt sein dürften, sondern in der Darstellung der Unterschiede. So sieht Ferree beispielsweise einen "fundamentalen" Unterschied darin, dass in den US-amerikanischen Antidiskriminierungsdebatten zunächst die Kategorie Rasse im Vordergrund stand und erst später Geschlecht und anderen Merkmalen der Ungleichheit in den Fokus gerückt wurden, während in Deutschland die Kategorie Geschlecht analog zur Kategorie Klasse verhandelt wurde. Ferree folgert, dass aus diesem Grunde den deutschen Feministinnen die Hinzunahme von weiteren Differenzmerkmalen Probleme bereitet habe. Anhand dieser und weiterer Unterschiede macht Ferree deutlich, wie stark die Wahl der Themen, die Formulierung von Forderungen und die Strategieentscheidungen einer Emanzipationsbewegung ineinandergreifen und von den politischen und kulturellen Bedingungen einer Gesellschaft bestimmt werden und verweist auf das in den Sozialwissenschaften gängige Konzept der Pfadabhängigkeit.

Worauf Ferree nicht eingeht, ist die Frauenbewegung in der Wissenschaft. Es waren studierende, lehrenden und forschende Frauen, die seit Mitte der 1970er-Jahre die Themen der "autonomen Frauenbewegung" in die wissenschaftlichen Institutionen hineingetragen haben. Die Frauenbewegung in der Wissenschaft hat wesentlich dazu beigetragen, den praktischen Feminismus theoretisch zu fundieren. Dass Ferree diesem akademischen Zweig der Frauenbewegung so wenig Bedeutung beimisst, verwundert, ist sie selbst doch Teil dieser Bewegung.

Ursprünglich wollte Ferree das Buch nur für ihre US-amerikanischen Studierenden schreiben, kam aber zu dem Schluss, dass es auch für deutsche Studentinnen und Studenten informativ sein könnte. Damit hat sie sicher Recht, denn für die junge Generation, die heute an deutschen Hochschulen studiert, ist die neue Frauenbewegung längst Geschichte. Nahezu zeitgleich mit "Feminismen" von Ferree erschien "Das andere Achtundsechzig" von Christina von Hodenberg.[4] Diese Studie hat in Deutschland weit mehr mediale Aufmerksamkeit erzielt, als die Arbeit von Ferree, weil von Hodenberg das wiederholte Narrativ über die "68er" entschieden in Frage stellt. Demnach werden die Aktivisten jener Zeit als eine männlich konnotierte politische Generation wahrgenommen, die gegen die nationalsozialistische Belastung der Eltern und ihr Schweigen rebellierten, während die aktiven Frauen, die sich vor allem gegen patriarchale Autoritäten, Bevormundung und Fesselung an Küche und Kind auflehnten, im Dunkel bleiben. "Weil das Private politisch wurde, waren die Achtundsechziger die erste politische Generation der deutschen Geschichte, die Männer und Frauen umfasste." (S. 159) Die ländervergleichende Perspektive, mit der Ferree die Unterschiede zwischen der Frauenbewegung in den USA und in Ost- und Westdeutschland herausgearbeitet hat, bietet eine gute Grundlage für das Verstehen der aktuellen globalen feministischen Bewegung wie für einen Dialog über die Differenzen und Unterschiede hinweg. Am Rande bleibt zu erwähnen, dass die Publikation eine sorgfältigere Übersetzung verdient hätte.

Anmerkungen:
[1] Ferree wählte den Plural des Begriffs Feminismus, weil es ihr um die Darstellung der vielfältigen Formen des Feminismus, der Frauenbewegungen und der praktischen Geschlechterpolitik geht.
[2] Hier ist anzumerken, dass die Quellen, die Ferree zu einem Streit unter deutschen und US-amerikanischen Historikerinnen in den 1980er-Jahren, ob Frauen im Nationalsozialismus Opfer oder Täterinnen waren, heranzieht (S. 140f. und Anm. 54, S. 319), nicht dienlich sind. Vgl. dazu die differenzierte Position von Gisela Bock in ihrem Text "Ganz normale Frauen: Täter, Opfer, Mitläufer und Zuschauer im Nationalsozialismus", Erstdruck 1997, neu abgedruckt in: Gisela Bock, Geschlechtergeschichten der Neuzeit. Ideen, Politik, Praxis, Göttingen 2014, S. 327–355.
[3] Ferree spricht von "zirka sechzig formalen Interviews" (S. 18), die sie in den Jahren unmittelbar nach dem Mauerfall führte. Genauere Informationen über diese Form der Datenerhebung gibt sie nicht (S. 159).
[4] Christina von Hodenberg, Das andere Achtundsechzig. Gesellschaftsgeschichte einer Revolte, München 2018.

Redaktion
Veröffentlicht am
30.08.2018
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