P. Knepper u.a. (Hrsg.): Handbook of the History of Crime

Cover
Titel
The Oxford Handbook of the History of Crime and Criminal Justice.


Herausgeber
Knepper, Paul
Reihe
Oxford Handbooks in Criminology and Criminal Justice
Erschienen
Anzahl Seiten
X, 707 S.
Preis
£ 112.50
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Maurice Cottier, Historisches Institut, Universität Bern

Gesellschaften mit Blick auf abweichendes oder kriminelles Verhalten zu analysieren, hat in der Geschichtswissenschaft weiterhin Konjunktur. Dies belegt das von Anja Johansen und Paul Knepper herausgegebene „Oxford Handbook of the History of Crime and Criminal Justice“. Die Historikerin Johansen ist bekannt für ihre Expertise in der Polizeigeschichte, zudem fungiert sie als Herausgeberin der Zeitschrift Crime, History and Societies, der wichtigsten europäischen Fachzeitschrift im Bereich der historischen Kriminalitäts- und Strafjustizforschung. Paul Knepper ist Kriminologe und spezialisiert auf die Zusammenhänge von Kriminalität und Sozialpolitik sowie die Geschichte des Gefängniswesens. Dementsprechend ist das Handbuch auch interdisziplinär ausgerichtet und umfasst Beiträge von HistorikerInnen sowie soziologisch und historisch argumentierenden KriminologInnen.

Die Beiträge setzen sich mit den verschiedenen Methoden, Theorien und empirischen Forschungsthemen der historischen Kriminalitätsforschung auseinander. Dabei umfasst der Band größtenteils Beiträge aus der britischen und US-amerikanischen Historiographie. Es finden sich aber auch Artikel zu Kontinentaleuropa sowie ein Beitrag von Magaly Rodriguez Garcia zu Prostitution aus globalhistorischer Perspektive. Aus deutschsprachiger Perspektive fällt auf, dass die reichhaltige hiesige Forschungstradition nur mit einem Beitrag von Joachim Eibach vertreten ist. Zeitlich beschränken sich die Beiträge auf das 18., 19. und 20. Jahrhundert.

Inhaltlich ist das 720 Seiten starke Werk in acht Sektionen mit insgesamt 34 Beiträgen gegliedert: Historians, Interpretations, Methodologies; Forms of Crime; Crime, Gender, and Ethnicities; Cultural Representations of Crime; Rise of Criminology; Law Enforcement and Policing; Law, Courts, and Criminal Justice; Punishment and Prisons.

Besonders lesenswert sind die Beiträge der ersten Sektion, die einen bündigen Einblick in die verschiedenen Methoden und theoretischen Zugänge der historischen Kriminalitäts- und Strafjustizforschung geben. Daneben erhellt Paul Lawrences Beitrag die Geschichte des britischen Forschungsfeldes. Hier zeigt sich, dass die anglophone historische Forschung in der Vergangenheit entscheidend durch kriminologische und soziologische Fragestellungen inspiriert wurde. Dies ist ein wichtiger Unterschied zur historischen Kriminalitätsforschung aus dem deutschsprachigen Raum, die sich weit stärker an mikro- und sozialanthropologische Ansätze anlehnt. Interessant ist auch Lawrences Ausblick auf die Chancen für die künftige Forschung durch die Digital Humanities; die umfassende Digitalisierung großer Quellenbestände wie etwa Urteilsregister dürfte neue Perspektiven eröffnen.

Bei der Lektüre der zweiten und dritten Sektion zeigt sich, dass das anglophone Forschungsfeld – wie die deutschsprachige historische Kriminalitätsforschung auch – in zwei unterschiedliche Zweige gegliedert ist. Die eine Stoßrichtung nimmt die kriminellen Handlungen in den Blick. Hier fällt auf, dass der quantitativen Erforschung tödlicher Gewalt in der anglophonen Forschung ein besonderer Stellenwert zukommt. Zwar finden sich auch Beiträge zu organisiertem Verbrechen, Ladendiebstahl und Drogenhandel, der Fokus auf Tötungsgewalt dominiert aber klar. Dies hat in erster Linie damit zu tun, dass in der englischsprachigen Forschung seit den 1960er-Jahren die Rekonstruktion von sogenannten Tötungsraten (homicide rates) die Auseinandersetzung mit dem Phänomen der interpersonalen Gewalt bestimmt. Dieser Impuls stammt ursprünglich aus der quantitativ arbeitenden Kriminologie und wurde zuletzt durch Evolutionspsychologen wie Steven Pinker weitergetragen. Unter Rückgriff auf Norbert Elias’ Zivilisierungstheorie lautet die These, dass die zunehmende Fähigkeit zur Affektkontrolle über die vergangenen Jahrhunderte zu einem Rückgang von Tötungsgewalt geführt habe. Wie der Beitrag von Richard MacMahon zeigt, tragen Historiker durch detaillierte Fallstudien zur Differenzierung bzw. Problematisierung dieser generellen Aussage bei. Trotzdem ist Norbert Elias in der anglophonen Forschung – weit stärker als in der deutschsprachigen – weiterhin der wichtigste theoretische Referenzpunkt in der Gewaltforschung.

Zusätzlich zur Analyse kriminellen Verhaltens in vergangenen Gesellschaften fokussiert das Handbuch vor allem auch auf die Erforschung der gesellschaftlichen Wahrnehmung von und den Umgang mit Kriminalität durch Wissenschaft, Justiz, Zeitungen und Literatur. Dies steht in den Sektionen vier bis acht im Vordergrund. Teilweise finden sich zu Beginn der einzelnen Sektionen Überblicksartikel, größtenteils handelt es sich jedoch um Fallstudien. Hier zeigt sich der tiefgreifende Einfluss von Foucaults Arbeiten. Sowohl die Forschungsarbeiten zur Strafjustiz, zur forensischen Psychiatrie, zur Polizei als auch zur medialen und fiktionalen Aufbereitung und Vermittlung von Gerichtsfällen stützen sich häufig – explizit oder implizit – auf Foucaults Verständnis von diskursiver und institutioneller Macht. Ältere, meist marxistisch ausgerichtete Ansätze zum Thema Klassenjustiz, die bei der Formierung der kritischen Strafjustizforschung eine bedeutende Rolle gespielt haben, scheinen trotz der bedeutenden anglophonen Tradition um Edward P. Thompson und Eric Hobsbawm zurzeit kaum noch relevant zu sein.

Es ist bemerkenswert, dass die versammelten AutorInnen ohne das theoretische Werkzeug von Pierre Bourdieu (Ehre, Habitus, Feld) auskommen. Dies ist ein Unterschied zur deutschsprachigen Gewalt- und Kriminalitätsforschung, bei der sich insbesondere der Rückgriff auf das Ehr- und Habituskonzept als gewinnbringend zur sozial-und kulturhistorischen Analyse von delinquentem Verhalten erwiesen hat. Bezeichnenderweise geht von den AutorInnen einzig Joachim Eibach näher auf den französischen Soziologen ein; er verweist darauf, dass interpersonale Gewalt in der Geschichte nicht selten der Einübung und Versicherung eines männlichen Habitus diente und daher bis zu einem gewissen Grad sozial akzeptiert war.

In der Gesamtschau lässt sich fragen, ob das Forschungsfeld zur Geschichte von Kriminalität und Strafjustiz nicht bereits zu umfangreich und vielfältig für die angestrebte Bündelung ist. Vermutlich ließen sich bereits Handbücher zu einzelnen Teilaspekten wie der Geschichte der interpersonalen Gewalt, der medialen Aufbereitung von Verbrechen oder zum Gefängnis- oder Polizeiwesen herausgeben. Gleichzeitig sind wichtige Forschungstraditionen aufgrund des breiten Spektrums gezwungenermaßen stark unterrepräsentiert. Vom fast gänzlichen Fehlen der deutschsprachigen Forschung war bereits die Rede. Während diese Tatsache der Sprachbarriere geschuldet sein mag, erstaunt es, dass die feministische Forschung zur sexuellen Gewalt, bei der gerade die britische Forschung eine Pionierrolle gespielt hat, nur am Rande erwähnt wird. Weiter wird die aktuell in der US-amerikanischen Soziologie intensiv diskutierte mass incarceration und die damit zusammenhängende Vergrößerung der Gefängnispopulation in den letzten vier Jahrzehnten nicht berücksichtigt.

Diese Einwände sollen die Relevanz der geleisteten Arbeit und die Qualität der einzelnen Beiträge, die allesamt höchsten Ansprüchen genügen, in keiner Weise schmälern, sondern lediglich zeigen, dass das Handbuch – anders als es die HerausgeberInnen ankündigen – keinen vollständigen Überblick über die Kriminalitäts- und Strafjustizforschung vermittelt. Dennoch enthält der Band sowohl für fundierte KennerInnen der historischen Kriminalitätsforschung als auch für NeueinsteigerInnen eine Reihe an äußerst anregenden Einblicken; er bietet gerade Forschenden aus dem deutschsprachigen Raum eine wichtige Orientierungshilfe für die äußerst reichhaltige britische und US-amerikanische Historiographie.