: Kriegslust und Fernweh. Deutsche Soldaten zwischen militärischem Internationalismus und imperialer Nation (1770–1870). Frankfurt am Main 2018: Campus Verlag , ISBN 978-3-593-50812-2, 414 S. € 39,95.

: Entgrenzte Gewalt in der kolonialen Peripherie. Die Kolonialkriege in "Deutsch-Südwestafrika" und die "Sioux Wars" in den nordamerikanischen Plains. Stuttgart 2019: Franz Steiner Verlag , ISBN 978-3-515-12436-2, 415 S. € 64,00.

Rezensiert für den Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung bei H-Soz-Kult von:
Christin Pschichholz, Universität Potsdam; Christin Pschichholz

Die Postcolonial Studies und die Diskussion über die Frage, inwieweit sich Kontinuitäten zwischen kolonialer Gewalt und Verbrechen während der NS-Zeit nachzeichnen lassen, hat in der Geschichtsforschung zu vielen kontroversen und produktiven Diskussionen geführt. Inzwischen sind zahlreiche Studien erschienen, die auch ohne den ganz großen Bogen zur NS-Geschichte auskommen und die Kolonialgeschichte des Deutschen Reichs im transnationalen Kontext behandeln. In diesen nun schon nicht mehr ganz so neuen Trend sind auch die zu besprechenden Arbeiten einzuordnen. Den Arbeiten von Christian Kamissek und Daniel Karch ist anzumerken, dass die Autoren die dynamischen Forschungsdiskussionen aufmerksam verfolgen, für ihre eigene Arbeit nutzen und sich darin verorten. Die Umsetzung ist den Autoren, das sei an dieser Stelle bereits vorweggenommen, sehr unterschiedlich gelungen.

Das Buch von Christoph Kamissek Kriegslust und Fernweh. Deutsche Soldaten zwischen militärischem Internationalismus und imperialer Nation (1770–1870) thematisiert die Motivation deutscher Soldaten im 18. und 19. Jahrhundert, die in imperialen Kriegen für die Interessen anderer Nationen kämpften. Da die deutsche Kolonialgeschichte kein exotisches Randgebiet mehr ist, wundert man sich bei dem Thema beinahe, dass es noch niemand vorher bearbeitet hat. Und so betreibt Kamissek eine „Archäologie der deutschen Kolonialgeschichte“, was man wohl in Anlehnung an Jürgen Zimmerers „Archäologie des genozidalen Gedankens“ verstehen soll.[1] Die Einleitung beginnt mit einer kenntnisreichen Zusammenfassung der Forschung und der Herleitung der Fragestellung, wie militärische und mentale Prägungen der Soldaten im Detail verstanden und welche Kontinuitäten im Denken und Handeln deutscher Offiziere durch den Einfluss der Globalisierung des 19. Jahrhunderts beschrieben werden können (S. 9).

Mit Blick auf die Motivation der scheinbar abenteuerlustigen Soldaten und Offiziere folgen vier Hauptkapitel, die zeitlich gegliedert sind: Militärischer Internationalismus im Weltkrieg der Revolutionsepoche (1776–1815), Die preußische „Waterloo-Generation“ zwischen geopolitischer Restauration und militärischem Imperialismus (1815–1835), Informeller Imperialismus: Die Kriegsjugendgeneration der Napoleonischen Kriege und Militärischer Imperialismus zwischen Vormärz und Reichsgründung. Ausgehend von Soldaten und Offizieren der deutschen Staaten, die im Rahmen der sogenannten Subsidienverträge tätig waren, führt Kamissek über Kriegsschauplätze Nordamerikas, des Osmanischen Reiches, des afrikanischen Kontinentes oder des Kaukasus und analysiert hauptsächlich Egodokumente aus Nachlässen, eine kleinere Menge Aktenbestände und zu einem ganz überwiegenden Teil publizierte zeitgenössische Berichte. Besonders die Tätigkeiten als militärische Beobachter und der Vorwand der Soldaten, auch als Forschende fremder Regionen im Einsatz zu sein, brachte eine Vielzahl an Publikationen hervor.

Dem Autor gelingt es in den Hauptkapiteln sehr gut, mit zeitlichen und geografischen Schwerpunkten die höchst unterschiedlichen Kampfhandlungen und Konstellationen inhaltlich dicht abzuhandeln und gleichzeitig seine Kernfragen im Blick zu behalten. Kamissek folgt biografischen Ansätzen, zeichnet Abenteuerreisen sowie koloniale Utopien deutscher Offiziere nach und bettet dies in die Globalisierungsdynamik des 19. Jahrhunderts ein. So unterschiedlich die Kriegskonstellationen waren, die Teilnahme am Krieg blieb bei den Offizieren „in erster Linie intrinsisch motiviert“ (S. 347). Es bestand, so Kamissek, der „Wunsch nach der Teilnahme am militärischen Kampf als solchem“ (ebd.). Dies sei weniger auf Abenteuerlust und Draufgängertum zurückzuführen als vielmehr auf den „verinnerlichten Habitus der sozialisierenden Institution Militär“. Materielle oder ideologische Aspekte spielten nur eine untergeordnete Rolle, allerdings führte die Gewalterfahrung zu einer „Vergemeinschaftung“ einzelner Gruppen innerhalb des Militärs, die unterschiedliche militärische Generationen prägen konnte. Insbesondere in längeren Friedenszeiten verbanden sich die Funktionsbedürfnisse des Militärs mit der Dynamik des globalen Imperialismus des 19. Jahrhunderts und verstärkten sich gegenseitig. Das Phänomen war sicher kein ausschließlich deutsches. Allerdings bestätigt Kamissek mit seinen Ausführungen schlüssig die Besonderheit des deutschen Imperialismus, der sich im wirtschaftlichen Bereich in einer spezifischen Weise mit der Auswanderungs- und Siedlungsfrage verknüpfte, auch aus militärischer Perspektive (S. 348).

Kamissek sieht das Ergebnis der Arbeit auch als Möglichkeit, Isabel Hulls These von spezifischen deutschen Kontinuitäten der „military culture“, die Hull ab 1870 bis zu den nationalsozialistischen Eroberungsplänen nach 1933 nachzeichnet, weiter an ihren Ursprung zurückzuverfolgen.[2] Die letzten Seiten nutzt der Autor entsprechend für das Nachzeichnen weitreichender Kontinuitäten. Dieser Abschnitt, der auch mit kürzeren Passagen in der Einleitung korreliert, ist leider der kleine Wermutstropfen dieser sonst sehr stringenten Arbeit. Hier hinterlässt sie den Eindruck, dass Kamissek bei der Erarbeitung des Themas zunächst einen anderen Zeitraum im Blick hatte. Bereits in der Einleitung wird der im Buchtitel genannte Zeitraum bestätigt bzw. auf die 1880er-Jahre verlängert (S. 19), aber auch noch einmal auf die Zeit „vor den Ersten Weltkrieg“ erweitert (S. 15), um dann Überlegungen zur „Archäologie des kolonialen Gedankens“ im deutschen Militär des 19. und 20. Jahrhunderts zu behandeln. Und so verfolgt Kamissek am Schluss in sehr groben Zügen die erarbeiteten Motive von „Kriegslust und Fernweh“ bis zu Wehrmachtssoldaten. Das ist zwar stärker auf Thesen und Ausblick formuliert, wirkt aber eben doch recht oberflächlich, da die eigentlich empirische Grundlage der Arbeit verlassen wird. Auch archäologische Entdeckungen, um im Bild des Autors zu bleiben, haben doch vor allem den Aussagewert zunächst für den entsprechenden Untersuchungszeitraum. Und Kamissek liefert in den Hauptkapiteln ja auch einen wesentlichen Beitrag zu der inzwischen weit ausdifferenzierten Forschungsdiskussion um Kontinuität und Kolonialismus.

Das ist auch das Ziel der im Umfang fast identischen Arbeit von Daniel Karch mit dem Titel Entgrenzte Gewalt in der kolonialen Peripherie. Die Kolonialkriege in „Deutsch-Südwestafrika“ und die „Sioux Wars“ in den nordamerikanischen Plains. Die Frage von Kontinuitäten kolonialer Gewalt soll in der vorliegenden Arbeit vor allem „anhand eines analytischen, transnational angelegten Vergleichs zweier asymmetrischer, transkultureller Konflikte, im Dienste der Expansion bzw. einer Konsolidierung der Herrschaft, Erklärungen für das historische Phänomen entgrenzter Gewalt gegen indigene Bevölkerungen in vormodernen, staatsfernen Räumen entwickelt werden.“ (S. 50). Im Mittelpunkt steht der Vergleich von Siedlungskolonien, die in der Forschung zu Genoziden und Massengewalt bereits verschieden in den Blick genommen wurden und an deren Beispielen bereits vielfältig die Sinnhaftigkeit des Genozidbegriffs diskutiert wurde. Anders als bei Kamissek gelingt es Karch allerdings nicht, die vielfältigen Forschungsdiskussionen zu bündeln und anhand einer prägnanten Fragestellung einzubinden. Es fällt daher schwer, einen roten Faden in der Arbeit oder eine eigenständige Herleitung einer These zu erkennen.

Karch beginnt seine Arbeit mit Vorbemerkungen zur Terminologie, die eigentlich in der Einleitung gut aufgehoben gewesen wären. Diese wiederum stellt weitläufige Bezüge zur Gewaltforschung her. Eine Erklärung für die koloniale Gewalt soll anhand der im Titel genannten zwei Beispiele gefunden werden und das Wie, als Erklärung für die extreme Gewaltentgrenzung, in den Fokus gerückt werden. Karch möchte dies anhand von „motivationale(n), personelle(n) sowie institutionelle(n) Entscheidungszusammenhänge(n) unter Einbeziehung strukturanalytischer, sozialgeschichtlicher und sozialpsychologischer Herangehensweisen“ vertiefen (S. 50).

Die Auswahl der beiden Fallbeispiele begründet der Autor mit einer möglichen „Konturierung der Ähnlichkeiten und Unterschiede, der Konvergenzen und Divergenzen in zwei diachronen Vergleichs- und Zeiträumen“ (ebd.), bei welchen sich ein gemeinsamer Ursprung und gegenseitige Beeinflussung weitgehend ausschließen ließen. Dabei steht die Arbeit auch in der Tradition des „verstehenden und gleichzeitig distanzierenden Vergleichs, der andere Länder durch den historischen Vergleich mit dem eigenen Land besser zu verstehen versucht“ (ebd.).

Die Studie geht von der Annahme aus, dass die Entgrenzung von Gewalt – gerade in kolonialen Kontexten – zumeist nicht das Ergebnis gezielter Planung war. Entgegen einer rein intentionalistischen Deutung genozidaler Gewalt denkt diese Studie also in den Kategorien von Radikalisierung und Eskalation. Demnach vollzog sich eine Entgrenzung wie in den nördlichen Plains und Südwestafrika nicht geradlinig, sondern in Konjunkturen, die von besonderen lokalen, institutionellen, systemischen und sozialen Bedingungen, von sozialpsychologischen Aspekten und den oft komplizierten Interaktionen zwischen den Gewaltakteuren abhängig waren. Mit Blick auf die Fallbeispiele sollen einzelne, lokale Entscheidungssituationen auf Legitimationsstrategien und Rechtfertigungsdiskurse hin analysiert werden. Die Arbeit sei somit erfahrungsgeschichtlich und „auch sozialpsychologisch ausgerichtet“ (S. 51). Dem eigentlichen Hauptteil ist dann noch einmal ein Kapitel namens „Völkermorde“? Terminologische Grundüberlegungen“ vorgeschoben, in dem der Autor über das Völkerrecht, Raphael Lemkin und die UN Genozidkonvention referiert. Dieses Kapitel endet mit einem Resümee, das erneut den Genozidbegriff problematisiert und auf alternative Konzepte wie etwa von Christian Gerlach sowie Überlegungen von Jan-Philipp Reemtsma und Alexander Korb verweist (S. 85). Spätestens hier kommen deutliche Zweifel an der Arbeit auf, denn ein 30 Seiten langes Kapitel über die terminologischen Grundlagen des „Völkermord“-Begriffs ergibt keinen Sinn, wenn diese Form des Genozidbegriffs für die Arbeit doch gar nicht relevant sein soll.

Es schließt sich dann das umfassende Kapitel „Staatenbildung als Gewaltakt“ an mit den zwei umfangreichen Fallanalysen Deutsch-Südwestafrika und USA. Für beide Fallbeispiele verweist Karch auf die zumeist aktuelle Forschungsliteratur und ergänzt diese mit eigenem Quellenmaterial. Es sind zwei detaillierte Darstellungen, die einer Zusammenfassung des Forschungsstandes gleichkommen, bei der aber nicht klar wird, warum der in der Kapitelüberschrift gewählte Begriff „Staatenbildung“ relevant ist.

In Kapitel vier folgt „Vergleich und Vergegenwärtigung. Zur Kultur und Dynamik extremer Gewalt“, das aber in dem ersten Unterkapitel einen Schwenk zur Erinnerungskultur vollzieht, ohne dass methodische Überlegungen oder ein Bezug zur Fragestellung vorgeschaltet sind. Das Ergebnis dieses erinnerungspolitischen Ausfluges ist, dass es Zusammenhänge zwischen wissenschaftlicher Entwicklung und politischer Auseinandersetzung gibt. Im letzten Unterkapitel geht es Karch dann um vergleichende Aspekte und erneut um „Erklärungsversuche“ von entgrenzter Gewalt. Auch hier referiert der Autor wiederum verschiedene aktuelle Forschungsansätze etwa zur imperialen Kriegführung.[3] Es folgt ein Anhang mit der Überschrift „Abbildungen, Bildanalysen und diskursanalytische Schlaglichter“. Von 54 Abbildungen sind 19 mit einer etwas ausführlicheren Bildunterschrift versehen.

Die Arbeit von Daniel Karch ist leider durch und durch problematisch. Es beginnt mit der Umsetzung der Fragestellung: In der Einleitung wird der Genozidbegriff, wie schon in der eben nicht ganz so jungen Forschungsrichtung der Genocide Studies geschehen, ausgiebig problematisiert. Es gibt ohne Zweifel gute Gründe dafür, zu anderen Konzepten zu greifen, um Fallbeispiele zu analysieren und die Gewaltentwicklung möglichst präzise zu beschreiben und so Konzepte der Gewalterklärung weiter zu entwickeln. Aber in Kapitel 4 hält Karch als ein Ergebnis der Arbeit fest, dass Entscheidungssituationen, die Heterogenität der Siedler, Soldaten sowie Indigenen zu einer besonderen Dynamik mit situativen Aspekte führten. Dies schuf sehr unterschiedliche normative Rahmenbedingungen, auf die der Genozidbegriff, wenn man ihn eng an der UN-Konvention auslegen möchte, nicht anwendbar ist. Aber das steht ja bereits in den Einleitungskapiteln mit den entsprechenden Verweisen auf zahlreiche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die sich dazu erklärt haben. Das Buch ist also eine Aneinanderreihung von Referaten unterschiedlicher Forschungsmeinungen in Kapiteln, die nicht so recht korrespondieren möchten. Dazwischen befinden sich aktuelle Bezüge durch Verweise auf Bundestagsdebatten (z.B. S. 327) oder es werden gut bebilderte Broschüren des National Park Service in den USA beworben (S. 214, Anm. 723).

Karch stellt als Ergebnis seiner Arbeit dar, dass es zielführender sei, koloniale Gewalt anhand einer „phänomenologische(n) und psychoanalytisch angeleitete(n) Beschreibung der genauen Umstände“, vorzunehmen. Ohne ihn zu nennen, spielt Karch vermutlich auf das von Clifford Geertz angeregte kulturtheoretische Konzept der dichten Beschreibung an.[4] Dass die dichte Beschreibung auch für die Analyse von Massengewalt hilfreich sein kann, ist ebenfalls schon erprobt. Warum das in dieser Arbeit als neue Erkenntnis auf Seite 293 steht und nicht am Anfang der Arbeit festgestellt und dann anhand der Fallbeispiele vollzogen wird, bleibt offen.

Das alles lässt die Rezensentin schon fragend zurück. Allerdings wird das noch einmal gesteigert beim Blick auf das beeindruckende, über neun Seiten lange Verzeichnis der archivalischen Text- und Bildquellen. Diese, so war zumindest der Eindruck beim ersten Lesen der Arbeit, spiegelt sich nicht in den Anmerkungen wider. Sind diese aufgeführten Quellen denn überhaupt für die Arbeit verwendet worden? Nein. Nur ein Beispiel: von den auf einer ganzen Seite (S. 368) aufgeführten Aktenbeständen aus dem Militärarchiv Freiburg PH 1 (Militärkabinett), RM 5 (Admiralstab der Marine) und RM 121-I (Landstreitkräfte der kaiserlichen Marine) ist nur die Quelle RM 121-I 419 zitiert (S. 133, Anm. 246). Auf den nächsten acht Seiten des Quellenverzeichnisses sieht die Trefferquote ähnlich aus. Hier wurden die Grundlagen des wissenschaftlichen Arbeitens missachtet. Wie kann das bei einer Qualifikationsarbeit passieren und wie kann diese dann so unkritisch in die Reihe „Beiträge zur Europäischen Überseegeschichte“ aufgenommen werden?

Stellt man die beiden Buchtitel von Kamissek und Karch nebeneinander, so laden diese zu einer Sammelrezension geradezu ein, da mit einer großen geografischen Bandbreite Kolonialgeschichte beschrieben wird. Beide Titel lassen auch die Anschlussfähigkeit an das breite Spektrum der Forschungsdiskussionen über Kolonialismus und Kontinuitätslinien erahnen. Der direkte Vergleich der Arbeiten verdeutlicht aber, dass die Emanzipation von einer so leidenschaftlich geführten Debatte auch notwendig ist, um den Erkenntnisgewinn nicht aus den Augen zu verlieren.

Anmerkungen:
[1] Jürgen Zimmerer, Holocaust und Kolonialismus. Beitrag zu einer Archäologie des genozidalen Gedankens, in: Ders. (Hrsg.), Von Windhuk nach Auschwitz? Beiträge zum Verhältnis von Kolonialismus und Holocaust, Münster 2011, S. 140–171.
[2] Isabel V. Hull, Absolute Destruction. Military Culture and the Practices of War in Imperial Germany, Ithaca 2005.
[3] Z.B. Tanja Bührer / Christian Stachelbeck / Dierk Walter (Hrsg.), Imperialkriege von 1500 bis heute. Strukturen – Akteure – Lernprozesse, Paderborn 2011.
[4] Clifford Geertz, Dichte Beschreibung. Beiträge zum Verstehen kultureller Systeme, Frankfurt am Main 2003.

Kommentare

Replik von D. Karch auf die Rezension von Ch. Pschichholz

Von Karch, Daniel16.02.2021

Dass Christin Pschichholz mein Buch zum Teil sehr scharf kritisiert, ist das gute Recht einer Rezensentin. Einer Richtigstellung bedarf in diesem Zusammenhang jedoch die pauschale Behauptung am Ende ihrer Besprechung, wonach ich die Grundlagen wissenschaftlichen Arbeitens missachtet hätte.

Die Rezensentin schreibt: „[V]on den auf einer ganzen Seite (S. 368) aufgeführten Aktenbeständen aus dem Militärarchiv Freiburg […] ist nur die Quelle RM 121-I 419 zitiert (S. 133, Anm. 246).“ Diese Aussage ist unzutreffend. Aus den auf der Seite 368 benannten Beständen wird durchaus, auch mehrfach, zitiert und darauf verwiesen:

- RM 2 (Kaiserliches Reichsmarine-Kabinett): S. 127, 129, 135, 137, 151
- RM 3 (Kaiserliches Reichsmarine-Amt): S. 124, 127, 129, 132, 133, 141
- RM 121 (Landstreitkräfte der Kaiserlichen Marine): S. 133 (die einzige Stelle, die Frau Pschichholz mir zugesteht)

Und natürlich wurden alle auf den Seiten 368 ff. benannten Bestände des Bundesarchiv-Militärarchivs Freiburg nicht nur gesichtet, sondern auch für die Arbeit verwendet. Dass dabei nicht aus allen direkt zitiert wurde bzw. werden konnte, stimmt – liegt aber auch auf der Hand, nachdem es sich etwa bei PH 1 (Militärkabinett) oder RM 5 (Admiralstab der Marine) nur (noch) um ein Verzeichnis verliehener Orden und die Kopie eines Jahresberichts handelt; das steht auch so im Verzeichnis.

Gerade das Archivmaterial zur einstigen „Schutztruppe“, allen voran der auf Seite 369 benannte Bestand RW 51 (Kaiserliche Schutztruppe), ist ja sehr überschaubar bzw. seit 1945 nur noch rudimentär erhalten. Glücklicherweise findet sich Material aus den deutschen Kolonien und dem Krieg der Jahre 1904 ff., das in Freiburger Beständen allenfalls noch bruchstückhaft erhalten ist, auch im Bestand der Kolonialabteilung (R 1001) – woraus vielfach zitiert wird. Auf diese mitunter verworrenen und gedoppelten Strukturen (auch bei den US-Beständen) weise ich in meiner Arbeit hin.

Selbstverständlich wurden die noch erhaltenen und in Freiburg vorhandenen Kriegstagebücher, Berichte, Telegramme, Briefe etc. ebenfalls eingesehen, mit den Unterlagen aus Berlin oder Koblenz verglichen und damit für die Fallanalyse verwendet. Dass die Rezensentin etwas anderes behauptet und dabei auch überhaupt nicht auf die entsprechenden Passagen in den beiden Fallanalysen eingeht, ist für mich nicht nachvollziehbar.

Die gesichteten (gedruckten und ungedruckten) Quellen aus deutschen und US-amerikanischen Archiven auch im Verzeichnis zu benennen, nachdem ich sie ausgewertet, für die Fallanalysen verwendet und auch schon in der Einleitung darauf verwiesen habe, ist keineswegs ein Verstoß gegen die Grundsätze des wissenschaftlichen Arbeitens, sondern ein Gebot der Transparenz. Ich erachte es als wichtige Aufgabe eines jeden Autors, das gesamte von ihm verwendete Quellenmaterial im Verzeichnis offen zu legen – auch wenn daraus nicht (gewinnbringend) zitiert werden konnte. Schließlich soll dem Leser, vor allem Forschern, die ähnliche Themen bearbeiten, auf diese Weise verdeutlicht werden, dass man keine einschlägigen Bestände übergangen bzw. übersehen hat.

Insofern trifft die Behauptung der Rezensentin, ich hätte nahezu überhaupt keine der von mir benannten Bestände gesichtet oder für meine Arbeit verwendet, nicht zu.


Replik von Ch. Pschichholz auf die Erwiderung von D. Karch

Von Pschichholz, Christin16.02.2021

Ein Quellenverzeichnis soll aufzeigen, welche Quellengrundlage eine wissenschaftliche Arbeit hat. Das ist bei der Arbeit von Daniel Karch „Entgrenzte Gewalt in der kolonialen Peripherie“ leider nicht der Fall. Das bedeutet nicht, dass gar keine der aufgelisteten Archivbestände in der Arbeit verwendet wurden. Aber es ist nur ein sehr viel geringerer Teil als angegeben, der auch nicht gesondert gekennzeichnet ist. Es ist das Gegenteil von transparent, in der Einleitung zu schreiben, dass beispielsweise der Nachlass von Paul von Lettow-Vorbeck sich als sehr aufschlussreich erwiesen hat (S. 45), diesen allerdings in der Arbeit nicht zu zitieren, gleichwohl aber im Quellenverzeichnis in die einzelnen Rubriken unterteilt aufzulisten. Viele weitere ähnliche Beispiele lassen sich finden, deren Deutung im Detail anderen Rezensent/innen überlassen bleiben mag.


Redaktion
Veröffentlicht am
27.01.2021
Redaktionell betreut durch
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit dem Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung. (Redaktionelle Betreuung: Jan Hansen, Alexander Korb und Christoph Laucht) http://www.akhf.de/
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