J. Hacke: Existenzkrise der Demokratie

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Titel
Existenzkrise der Demokratie. Zur politischen Theorie des Liberalismus in der Zwischenkriegszeit


Autor(en)
Hacke, Jens
Erschienen
Berlin 2018: Suhrkamp Verlag
Anzahl Seiten
455 S.
Preis
€ 24,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Alexander Gallus, Institut für Politikwissenschaft, Technische Universität Chemnitz

Weimar ist wieder en vogue. Einhundert Jahre nach Novemberrevolution und Gründung der Weimarer Republik finden die Jahre zwischen 1918 und 1933 eine verstärkte Aufmerksamkeit. Dabei haben sich Historiographen ebenso wie intellektuelle Streiter in der Öffentlichkeit vom lange vorherrschenden „Weimar-Komplex“[1] befreit, der letztlich auf eine zum Ritual verfestigte Abgrenzung der bundesdeutschen Demokratie von ihrer Vorgängerin hinauslief. Nunmehr wird Weimar vielfältiger gewürdigt, nicht nur als Scheiternsgeschichte mit „1933“ als Kulminationspunkt, sondern auch als Teil einer international vergleichenden wie zäsurübergreifenden Demokratiegeschichte. Aus der Sicht einer Intellectual History fordert dies dazu heraus, Schichten des damaligen liberalen und demokratischen Denkens freizulegen. Mit großer Akribie und Kennerschaft hat dies nun Jens Hacke mit seiner Berliner Habilitationsschrift geleistet.

Hacke begegnet zugleich einem erheblichen Nachholbedarf, weil sich die politische Ideengeschichte zunächst vor allem den extremen Flügeln des politischen Denkens widmete. Lange Zeit gerieten – berechtigterweise – vor allem die Rechtsintellektuellen in den Blick, die sich ganz offensiv als Antidemokraten und Republikgegner verstanden. Die Frage, wie man die „Konservativen Revolutionäre“ jener Jahre bewertet, hängt wesentlich davon ab, ob man in ihnen geistige Wegbereiter des Nationalsozialismus erkennt oder nicht. Kurt Sontheimers Grundlagenwerk hat hier vor vielen Jahrzehnten einen Markstein gesetzt.[2] Es war derselbe Autor, der später die Untersuchung jener linken Bestrebungen anmahnte, die sich gegen die Weimarer Staats- und Verfassungsordnung richteten, selbst wenn damit die Forderung nach einer besseren, bisweilen „wahren“ Demokratie verbunden war. Der Kampf von links gegen Weimar hat mittlerweile ebenfalls eine fast enzyklopädisch genaue Aufarbeitung erfahren.[3]

Hinzu traten Studien, die jene scheinbar so klar auf Seiten einer politischen Rechten oder politischen Linken verortbaren Intellektuellendiskurse vielmehr der „politischen Kultur einer Gemengelage“ zurechneten.[4] Manfred Gangl und Gérard Raulet sensibilisierten für die vielfältigen Ambivalenzen und Austauschdiskurse jener Jahre. Sie mahnten an, dass die gängigen politischen Zuordnungen der „Komplexität des diskursiven Laboratoriums der zwanziger Jahre“ nicht gerecht würden.[5]

Verglichen mit Ideenwelten und Denkstilen, die zur Radikalität neigten, ist einem gemäßigten demokratischen Denken erst in jüngerer Zeit eine größere Aufmerksamkeit zuteil geworden.[6] Hierzu gehören Anstrengungen, die den Begriff des „Vernunftrepublikanismus“ mit neuem Leben erfüllen wollen, aber auch jene, die die Demokratisierung während der Zwischenkriegszeit als einen – im internationalen Vergleich – ebenso „normalen“ wie „fragilen“ Vorgang herausstellen.[7] Dies bedeutet zugleich einen Abschied von deutschen Sonderwegsvorstellungen wie von fixen Demokratiemodellen, die sich damals erst in einem widersprüchlichen Prozess herauszubilden begannen.

Jens Hacke leistet einen wichtigen Beitrag, um diesen Formungs- und Wandlungsprozess besser verstehen zu können, auch indem er das spannungsreiche Wechselverhältnis zwischen liberalem und demokratischem Denken erkennbar werden lässt. Das liberal-demokratische Konsens-Kompositum, wie es ab der Zeit des Kalten Krieges nach 1945 selbstverständlich wurde, war es zu Weimars Zeiten keineswegs. Der Liberalismus befand sich am Ende des Ersten Weltkriegs in einer paradoxen Situation: Zum einen hatte er einen Tiefpunkt erreicht und galt als kaum wiederbelebungsfähig, zum anderen wurde in Deutschland wie andernorts erstmals das begründet, was sich – mindestens im Rückblick – als „liberale Demokratie“ bezeichnen lässt. Tiefpunkt und Triumph waren miteinander verquickt. Die Dauerhaftigkeit des Triumphs hing wesentlich davon ab, wie überzeugend es gelingen sollte, die Verbindung aus Demokratie und Liberalismus zu begründen. Jens Hacke zeigt, dass es an Versuchen dazu, an Lern- und Anpassungsleistungen nicht gemangelt hat. Er zeigt aber gleichfalls, mit wie vielen Reibungsverlusten dieser Vorgang verbunden war. Ungeachtet aller Krisenanfälligkeit identifiziert er mit der Zwischenkriegszeit die „konstitutive Epoche einer pluralistischen, demokratischen und nicht zuletzt liberalen Welt, wie wir sie heute kennen“ (S. 16).

Jens Hacke wählt einen Ansatz, der Politik- und Geschichtswissenschaft wieder einander näher zu bringen sucht. Schließlich hält er wenig davon, Theoriegeschichte „ahistorisch“ zu schreiben. Er will sie vielmehr in ihrer ganzen Dynamik als „Reflexions- und Erfahrungsgeschichte“ (S. 20f.) lebendig werden lassen. Umso wichtiger ist ihm die konkrete Auswahl von Autoren und ihrer Gegenstandsbestimmung. Nicht das abstrakt-universalisierbare Ansinnen systematischer Theoretiker interessiert ihn, sondern der Liberalismus als „Modus eines konstellationsabhängigen Denkens“ (S. 29). Dabei ist Hacke mit den theoretischen Positionen, die weit über seinen Untersuchungsgegenstand hinausweisen, bestens vertraut, wie immer wieder fein eingestreute Querverweise und Vergleiche regelmäßig zeigen.

Hacke benennt klar Ross und Reiter und leuchtet Debattenkontexte aus. Konturen des keineswegs einheitlichen liberalen Denkens, das sich nicht zu einem Syndrom fixer Ideologeme bündeln lässt, werden in vier Schritten respektive Kapiteln erkennbar. Das erste Hauptkapitel ist den „Ausgangslagen“ nach dem Ersten Weltkrieg gewidmet. Hier kommen Leitfiguren wie Hugo Preuß, Leopold von Wiese und Max Weber, aber auch Ernst Troeltsch und Friedrich Meinecke zu Wort, bei denen er eine „Rhetorik der Illusionslosigkeit“ (S. 73) ausmacht. Die große Emphase der Demokratiegestaltung schien noch blockiert angesichts von Massenskepsis und liberalem Elitedenken, die zusammen bisweilen eine Annäherung an kulturpessimistische und konservativ-revolutionäre Denkrichtungen beförderten.

Im zweiten Kapitel steht die Herausforderung von weit rechts, durch den Faschismus, als Versuchung und Gefahr zugleich, im Mittelpunkt. Eine Stärke des gesamten Buches tritt in diesen Passagen deutlich hervor: nämlich die Auseinandersetzung mit liberalen Denkern, deren geistiges Erbe verschüttgegangen ist und das Jens Hacke gleichsam wieder zum Leben erweckt. An vorderster Stelle ist Moritz Julius Bonn zu nennen, der als liberaler Wissenschaftler und Intellektueller, dabei ein undogmatischer Pragmatiker und „ironischer Skeptiker“ (S. 161), wirkte. Er teilte die unter Liberalen so verbreitete Skepsis gegenüber einer „Massendemokratie“, glaubte sie aber durch „institutionelle Vermittlung und Repräsentation“ und die „Verbindung zu liberalen Ideen“ zum Erfolg führen zu können (S. 163). Zugleich wirkte für Bonn der Faschismus als Mischung aus Willkür und Gewalt abschreckend. Hacke erinnert außerdem an den Redakteur der „Frankfurter Zeitung“ Fritz Schotthöfer, der eine „Frühform der Totalitarismustheorie“ (S. 142) entwickelte und energisch für den Erhalt und die Stärkung einer liberalen Demokratie eintrat.

Schließlich zeigt sich in diesen Abschnitten, wie sehr Hacke auch zum Streit anregen will: Denn seine Zuordnung des Sozialdemokraten Hermann Heller zu den Liberalen wird nicht jeder teilen, ebenso wenig wie vermutlich der eine oder andere dessen nationale Wendungen gegen Ende der Republik vorrangig mit einer entsprechend aufgeladenen zeittypischen Sprechweise erklären möchte. Hacke würdigt insbesondere Hellers Beiträge in der „Neuen Rundschau“, die er als „das repräsentative Organ eines intellektuellen Liberalismus“ (S. 180) bezeichnet. Eine andere Interpretation hätte möglicherweise die Lektüre von Hellers für nationale Integration und Homogenität plädierenden Texten in den „Neuen Blättern für den Sozialismus“ ergeben. Die vor einigen Jahren daran geknüpfte, recht heftig geführte Debatte über eine „junge Rechte“ unter den Weimarer Sozialdemokraten[8] streift Jens Hacke in diesem Zusammenhang lediglich. Anders als dessen Kritiker benennt er Hellers „Kernanliegen“ ganz unumwunden: „die Entwicklung hin zum sozialen Rechtsstaat“ (S. 178). Ungeachtet dieses Streitfalls kann Jens Hacke überzeugend darlegen, in wie analytisch-genauer und kritisch-kämpferischer Weise eine Reihe liberaler und nicht nur linker Akteure dem Faschismus begegneten.

Das nächste Kapitel erörtert gedankliche Anstrengungen zur Verteidigung der parlamentarischen Demokratie, die Hacke nicht auf die regelmäßig zitierten Überlegungen Karl Loewensteins zur „militant democracy“ reduziert sehen will. Er kann vielmehr zeigen, dass sich frühzeitig ein breiter liberal-demokratischer Diskurs angriffslustiger Natur herausgebildet hat, ohne den sich wohl der spätere Drang zu „eingehegten Demokratien“[9] nach 1945 nicht vollständig erklären ließe. Hacke erinnert selbst an heute so unbekannte Vorkämpfer einer wehrhaften Demokratie wie den Prager Journalisten und Philosophen Felix Weltsch (der 1936 das Buch „Das Wagnis der Mitte“ veröffentlichte) oder den litauisch-deutschen Publizisten Wladimir Astrow (der 1939 einen Großessay über die „Grenzen der Freiheit in der Demokratie“ schrieb). Überaus wertvoll ist es auch, wie Jens Hacke den oft ob seiner „Reinen Rechtslehre“ als Total-Positivist abgestempelten Hans Kelsen uns als couragierten demokratischen Intellektuellen vor Augen führt. Kelsen habe „dem heutigen Verständnis einer pluralistischen Parteiendemokratie mit parlamentarischem Repräsentativsystem am nächsten“ gestanden (S. 222). Hier zeigt sich im Übrigen besonders eindrücklich, wie sehr sich eine Erfahrungs- und Reflexionsgeschichte vor dem Hintergrund konkreter Zeitläufte von einer bisweilen hermetisch erscheinenden Theoriegeschichte unterscheidet.

Das letzte Hauptkapitel ist der Frage nach einer Einhegung des Kapitalismus gewidmet. Erneut kommt der „Keynes-Sympathisant der ersten Stunde“ (S. 291) Moritz Julius Bonn als gar nicht so heimlicher Held in Hackes Werk zu Wort. Ebenso ins Blickfeld geraten frühe Debatten eines Ordoliberalismus, der andernorts gelegentlich erst wie aus dem nichts in der frühen Bundesrepublik als quasi-revolutionäre Konstruktion der sozialen Marktwirtschaft auftaucht. Auch hier liegen die Wurzeln tiefer und erfordern eine Kenntnis der Zwischenkriegszeit, als liberale Ökonomen und liberale Demokraten in ihren gesellschaftlichen Leitbildern meist noch weit auseinanderlagen. Am Schluss steht eine einordnende Bilanz, die das liberale Denken in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zwischen „Ernüchterung und Erneuerung“ zu lokalisieren sucht. „Das Drama Weimars“, so lautet ein Fazit von Hackes weit ausgreifender und vielschichtiger Analyse, „bescherte Liberalen die Einsicht, dass die wirtschaftliche Ordnung nicht ohne Berücksichtigung demokratischer Politik und die liberale Demokratie nicht ohne Rahmensetzung für den Kapitalismus gedacht werden können“ (S. 394).

Das klingt nach einer mahnenden Erkenntnis, wie sie auch in jüngerer Vergangenheit erneut geäußert worden ist. Geschichte scheint dann in den Wiederholungsmodus zu geraten. Motiviert durch gegenwärtige Zeitdiagnostik hat der Verlag vermutlich den geschickten Titel „Existenzkrise der Demokratie“ gewählt. Demgegenüber ist es geradezu wohltuend, wie behutsam Hacke selbst mit aktuellen Bezügen hantiert. Nicht in der vermeintlichen oder tatsächlichen Krisenanalogie liegt der Wert dieser Studie, sondern vielmehr in der intensiven Quellenarbeit und Ideenarchäologie, insbesondere auch zu Denkern und Ideenverbreitern aus der zweiten Reihe, die Neuigkeitswert besitzt und von dauerhaftem Bestand sein dürfte. Nicht zuletzt auch, indem Jens Hacke einen Intellektuellen wie Moritz Julius Bonn der Vergessenheit entreißt, gelingt es ihm, liberale Positionen und Denkweisen mit Innovationspotential freizulegen, die gewissermaßen ihrer Zeit voraus waren. Am Ende steht ein nüchternes, abwägendes Urteil, das weder eine Ehrenrettung der liberalen Denker zwischen den Kriegen leistet, noch diese zu Sündenböcken stempelt.

Hacke legt stattdessen das vielfach verknotete Geflecht eines Liberalismus frei, den er nicht als Entität verstanden wissen will. Er hält nicht viel davon, Idealkonstruktionen in Papierform von geradezu zeitloser Schönheit aufzuspüren. Auch die Ideen- und Theoriearbeit der liberalen Intellektuellen der Zwischenkriegszeit lässt sich nur in ihren spezifischen Ausprägungen, in konkreten Konstellationen und Kontexten verstehen. Freilich findet Hacke auch Grundüberlegungen, die erst später, in der langen Sicht Wirkung entfalteten und die Genese jenes Konsensliberalismus zu entschlüsseln helfen, der als gedankliches Konstrukt nicht allein mit dem voll entfalteten Ost-West-Konflikt zu erklären ist. Dies mag, nebenbei bemerkt, gleichsam ex post einen weiteren Ansatz bieten, um einen Autor wie Hermann Heller in das liberale Spektrum einzufügen. Schließlich kennzeichnete es den späteren Konsensliberalismus ganz besonders, auch in konservative und sozialdemokratische Milieus einzudringen und dort einen Grundton vorzugeben. Apropos Grundton: Jens Hacke hat einen solchen für die deutsche Ideen- und Theoriegeschichte des Liberalismus in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in eindrucksvoller Weise gesetzt. Dieser Grundton dürfte auch in künftigen intellektuellengeschichtlichen Werken zum Thema durchklingen.

Anmerkungen:
[1] Sebastian Ullrich, Der Weimar-Komplex. Das Scheitern der ersten deutschen Demokratie und die politische Kultur der frühen Bundesrepublik 1945-1959, Göttingen 2009.
[2] Kurt Sontheimer, Antidemokratisches Denken in der Weimarer Republik. Die politischen Ideen des deutschen Nationalismus zwischen 1918 und 1933, 3. Aufl., München 1992 (1. Aufl. 1962).
[3] Riccardo Bavaj, Von links gegen Weimar. Linkes antiparlamentarisches Denken in der Weimarer Republik, Bonn 2005.
[4] Manfred Gangl / Gérard Raulet (Hrsg.), Intellektuellendiskurse in der Weimarer Republik. Zur politischen Kultur einer Gemengelage, Frankfurt am Main 1994.
[5] Dies., Einleitung, in: ebd., S. 9–53, hier: S. 27.
[6] Christoph Gusy (Hrsg.), Demokratisches Denken in der Weimarer Republik, Baden-Baden 2000.
[7] Andreas Wirsching / Jürgen Eder (Hrsg.), Vernunftrepublikanismus in der Weimarer Republik. Politik, Literatur, Wissenschaft, Stuttgart 2008; Tim B. Müller / Adam Tooze (Hrsg.), Normalität und Fragilität. Demokratie nach dem Ersten Weltkrieg, Hamburg 2015.
[8] Stefan Vogt, Nationaler Sozialismus und Soziale Demokratie. Die sozialdemokratische Junge Rechte 1918-1945, Bonn 2006; siehe auch das abwägende Urteil bei Axel Schildt, National gestimmt, jugendbewegt und antifaschistisch – die Neuen Blätter für den Sozialismus, in: Michel Grunewald (Hrsg.), Das linke Intellektuellenmilieu in Deutschland, seine Presse und seine Netzwerke (1890-1960), Bern 2002, S. 363–390.
[9] Martin Conway, Democracy in Postwar Western Europe. The Triumph of a Political Model, in: European History Quarterly 32 (2002), S. 59–84; ders., The Rise and Fall of Western Europe’s Democratic Age, 1945-1973, in: Contemporary European History 13 (2004), S. 67–88; Jan-Werner Müller, Das demokratische Zeitalter. Eine politische Ideengeschichte Europas im 20. Jahrhundert, Berlin 2013.

Redaktion
Veröffentlicht am
22.05.2019
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