J. Karp u.a. (Hrsg.) History of Judaism

Cover
Titel
The Cambridge History of Judaism. Volume 7: The Early Modern World, 1500–1815.


Herausgeber
Karp, Jonathan; Adam Sutcliffe
Reihe
The Cambridge History of Judaism
Erschienen
Anzahl Seiten
1152 S.
Preis
€ 187,32
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Cornelia Aust, Abteilung Geschichtswissenschaft, Universität Bielefeld

Das hier vorliegende Sammelwerk zur jüdischen Geschichte der Frühen Neuzeit aus der Reihe „The Cambridge History of Judaism“ fasst die Forschung der letzten 30 Jahre zusammen, die die Existenz einer eigenen frühneuzeitlichen Epoche auch für die jüdische Geschichte, zumindest in Europa und im Osmanischen Reich, herausgearbeitet hat. Das Ziel des Bandes ist es, die Tiefe und Breite neuerer Forschungen zur jüdischen Geschichte von der Renaissance und Reformation bis zu den Napoleonischen Kriegen abzubilden.

Dabei greift das Sammelwerk auf die Ideen von Jonathan Israel zurück, der in seiner Publikation European Jewry in the Age of Mercantilism[1] erstmals die Epoche zwischen ca. 1500 und 1800 als eigenständige frühneuzeitliche Epoche in der jüdischen Geschichte abgegrenzt hatte, vor allem basierend auf wirtschaftsgeschichtlichen Überlegungen. Jonathan Israels Idee der Neu-Periodisierung der jüdischen Geschichte setzte damit einen wichtigen Impuls und führte zusammen mit der Kritik an seiner Arbeit, vor allem in Bezug auf kulturgeschichtliche Fragestellungen, zu einer Ausweitung der Forschungsfragen und Themen in der Erforschung frühneuzeitlicher jüdischer Geschichte. Die Ergebnisse dieser Forschungen trägt das Sammelwerk in über vierzig Beiträgen von amerikanischen, israelischen und europäischen Autor/innen zusammen und spiegelt damit den aktuellen Forschungsstand zur jüdischen Geschichte in der Frühen Neuzeit in vielen Facetten wider. Damit wollen die Herausgeber Jonathan Karp und Adam Sutcliffe nicht nur die religiöse Geschichte des Judentums nachzeichnen, sondern auch die sozialen, politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen der jüdischen Bevölkerung in der Zeit sichtbar machen (S. 7).

Der Band ist dafür in drei Teile gegliedert. Im Folgenden soll exemplarisch auf einige der Beiträge verwiesen werden, um die thematische Vielfalt zu verdeutlichen. Im ersten und kürzesten Teil konzentrieren sich die Beiträge auf die Zeit zwischen 1500 und 1650 und befassen sich mit verschiedenen Themen, wie z.B. dem Verhältnis der katholischen wie protestantischen Kirche zum Judentum (Kenneth Stow, R. Po-chia Hsia) oder dem Aufstieg der jüdischen Gemeinden im Osmanischen Reich nach den Vetreibungen der Juden von der iberischen Halbinsel am Ende des 15. Jahrhunderts (Joseph R. Hacker). Darüberhinaus wird der rechtliche und politische Status (Andreas Gotzmann), die wirtschaftliche Situation der jüdischen Bevölkerung (Francesca Trivellato) sowie die Entwicklung der jüdischen Gemeinden und ihrer Institutionen in Europa zu Beginn der Frühen Neuzeit (Elisheva Carlebach) näher beleuchtet.

Der zweite und längste Teil des Bandes vereint Beiträge mit einem starken thematischen Fokus. Während manche Aufsätze einen geographischen Fokus, wie z.B. auf Osteuropa und die polnisch-litauische Adelsrepublik (Israel Bartal, Adam Teller, Glenn Dynner) oder die sephardische Diaspora in Westeuropa (Yosef Kaplan) haben, beschäftigen sich andere Beiträge mit der Entwicklung von Jiddisch und Ladino (Jean Baumgarten, Matthias B. Lehmann), jüdischer Buchkultur (Emile G.L. Schrijver) oder neuen religiösen Bewegungen wie dem Sabbatianismus und dem Chassidismus (Matt Goldish, Moshe Rosman). Darüber hinaus diskutieren weitere Beiträge die Rolle der Homiletik, rabbinischen Kultur und Halakhah (jüdisches Recht), jüdischen Mystik sowie der Aufklärung und Haskalah, d.h. der jüdischen Aufklärung (Jay R. Berkovitz, Marc Saperstein, J.H. Chajes, Edward Breuer).

Im dritten und letzten Teil zeichnen die Beiträge die Entwicklungen der jüdischen Gemeinden für die Jahre 1650 bis 1815 nach. Die Beiträge in diesem Teil sind wieder stärker geographisch geordnet und decken alle europäischen Regionen mit jüdischen Gemeinden in der Frühen Neuzeit ab. Dazu geben weitere Artikel Einblicke bzw. Überblicke über die jüdische Geschichte in der Karibik und der atlantischen Welt (Wim Klooster), Nordamerika (William Pencak), dem Iran (Vera B. Moreen) sowie Afrika und Asien (Tudor Parfitt).

Die umfangreichen Beiträge im Band, die von ausgewiesen Expert/innen des jeweiligen Forschungsfeldes stammen, können im Rahmen dieser Rezension nicht alle tiefergehend besprochen werden. Vielmehr sollen exemplarisch zwei theoretisch nachgelagerte Artikel diskutiert werden, um den Rahmen der jüdischen Frühen Neuzeit genauer zu bestimmen. Die beiden stärker theoretisch ausgerichteten Beiträge schließen den Gesamtband umrahmend ab. Adam Sutcliffe diskutiert in seinem Beitrag die Rolle der Judenemanzipation, die meist als zentral für das Entstehen einer jüdischen Modernität angesehen wird (S. 1058). Basierend auf den im Band versammelten Beiträgen, argumentiert er, dass nur die sich in der Frühen Neuzeit entwickelnden regional-spezifischen und komplexen Interaktionen zwischen Juden und Christen die Herausbildung verschiedener Wege zur rechtlichen Gleichheit und sozialen Integration erklären. Dieser Prozess verlief – so Sutcliffe – auf sehr unterschiedliche Weise in Europa. Während Historiker/innen lange die Berliner Haskalah mit ihren starken Reformansätzen als paradigmantisch wahrgenommen haben, argumentiert Sutcliffe, dass diese Form der Haskalah und die damit verbundenen Emanzipationsdebatten und rechtlichen Entwicklungen in Preußen die Ausnahme waren. Die intensiven innerjüdischen und jüdisch-christlichen Debatten der 1780er-Jahre waren eher eine kurze Episode in einem länger anhaltenden Prozess sozialer und politischer Veränderungen: "The social and political place of Jews was established most fundamentally in their lived encounters with their non-Jewish neighbors" (S. 1086). So lagen die Wurzeln der jüdischen Emanzipation – vor allem in London, Amsterdam und der atlantischen Welt – in den Prozessen sozialer Integration in die nicht-jüdische Gesellschaft seit dem späten 17. Jahrhundert. In Polen enstand die Debatte um den Status der jüdischen Bevölkerung vor allem im Rahmen der allgemeinen Reformdebatten in der bedrängten Adelsrepublik.

Im abschließenden Artikel stellt David B. Ruderman seine fünf Merkmale einer transregionalen frühneuzeitlichen jüdischen Kultur vor und betont damit die Gemeinsamkeiten der jüdischen Erfahrungen in der Frühen Neuzeit. Zu seinen fünf Merkmalen zählen die beschleunigte Mobilität (accelerated mobility), der Zusammenhalt der jüdischen Gemeinden (communal cohesiveness), ein massiver Anstieg an Wissen (knowledge explosion), eine daraus folgende Krise der rabbinischen Autorität (crisis of rabbinic authority) und die Verwischung religiöser Identitäten (blurring of religious identities) (S. 1096).[2] Diese Merkmale zieht Ruderman heran, um die jüdische Frühe Neuzeit zumindest graduell vom Mittelalter abzuheben, auch wenn die Diskussion der Epochenunterschiede nicht explizit geführt wird. Für die Frühe Neuzeit greift Ruderman auf das Konzept der "connected histories" von Sanjay Subrahmanyam zurück und plädiert für eine europäisch-jüdische Geschichte, die sowohl das Osmanische Reich als auch den atlantischen Raum mit einschließt. Sein Plädoyer begründet er mit den Verbundenheiten und etablierten Netzwerken über die europäischen Grenzen hinweg, ohne dabei die Unterschiedlichkeiten der Entwicklungen und lokalen wie regionalen Traditionen und Praktiken aus dem Auge zu verlieren oder gar eine einheitliche jüdische Nationalgeschichte anzunehmen. Parallel zu Sutcliffe plädiert auch Ruderman dafür, bei der Betrachtung der jüdischen Aufklärung (Haskalah), die intellektuellen Entwicklungen des 16. und 17. Jahrhunderts nicht aus dem Auge zu verlieren. Viele sogenannte frühe Maskilim waren durch jüdische Intellektuelle aus Italien, England oder den Niederlanden beeinflusst worden und damit ein integraler Bestandteil einer transregionalen frühneuzeitlichen jüdischen Kultur. Gerade deshalb versteht auch Ruderman die Haskalah nicht als radikalen Bruch mit der Vergangenheit, sondern verortet die Voraussetzungen für das Entstehen der Haskalah in den vorangehenden Jahrhunderten und konstatierte damit eher eine Kontinuität als einen Bruch (S. 1107).

Der Band bietet insgesamt nicht nur einen Überblick über die aktuellen Forschungsergebnisse zur jüdischen Geschichte der Frühen Neuzeit, sondern macht deutlich, dass es sich bei den Juden in der Frühen Neuzeit nicht um eine unterdrückte und abgeschlossen lebende Minderheit handelte, die neben der Mehrheitsgesellschaft lebte, auch wenn das Zusammenleben häufig von Konflikten und Auseinandersetzungen geprägt war. Sie lebten nicht nur mit ihren christlichen und/oder muslimischen Nachbarn zusammen, sondern agierten auch innerhalb vielfältiger Verbindungen mit Juden anderswo in Europa, im Osmanischen Reich oder der atlantischen Welt. Als Teilband einer großen Überblicksreihe bietet der Band vor allem gut ausgewogene Darstellungen der frühneuzeitlich jüdischen Geschichte und der Entwicklung der Forschung der letzten zwei bis drei Jahrzehnte. Die überwiegend chronologische und geographische Ordnung der Beiträge erlaubt es auch fachfremden Leser/innen sich einen schnellen Überblick zu verschaffen. Während der thematische Teil auch Beiträge zu häufig weniger beachteten Themen wie Musik und bildende Künste enthält, fällt dagegen das Fehlen neuer Ansätze mit raumtheoretischen, alltags- oder körpergeschichtlichen Zugängen auf. Noch gravierender ist allerdings das fast völlige Fehlen von geschlechtergeschichtlichen Zugängen, mit Ausnahme des Aufsatzes von Elliott Horowitz (z''l) zu jüdischer Frömmigkeit in der Frühen Neuzeit. Dieser Befund korreliert überraschenderweise mit der Tatsache, dass von über 40 Autor/innen nicht einmal ein Viertel Frauen sind. Nichtdestotrotz ist das Sammelwerk ein unerlässlicher Band zur Geschichte der Juden in der Frühen Neuzeit.

Anmerkungen:
[1] Jonathan Israel, European Jewry in the Age of Mercantilism, 1550–1750, 3. Auflage, London 1998. Die erste Auflage erschien 1985.
[2] Siehe dazu ausführlich: David B. Ruderman, Early Modern Jewry. A New Cultural History, Princeton 2010.

Redaktion
Veröffentlicht am
10.06.2020
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