K. Schlögel: Das sowjetische Jahrhundert

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Titel
Das sowjetische Jahrhundert. Archäologie einer untergegangenen Welt


Autor(en)
Schlögel, Karl
Erschienen
München 2018: C.H. Beck Verlag
Anzahl Seiten
912 S.
Preis
€ 29,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Martin Aust, Institut für Geschichtswissenschaft, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

In seinem monumentalen Werk über das sowjetische Jahrhundert hat Karl Schlögel sich der großen Aufgabe gestellt, eine untergegangene Welt archäologisch zu dokumentieren. Der Archäologe gräbt, wo er steht, und fördert dabei unterschiedlichste Überlieferungen an den Tag, die sich im Moment der Ausgrabung noch nicht in ein kohärentes Narrativ fügen. Das lässt sich auch von Schlögels sowjetischem Jahrhundert sagen, ist die Spannweite der Funde doch enorm. Von den Kommandohöhen sowjetischer Macht und ihrer Repräsentation bis hinab in die kleinsten Verästelungen des sowjetischen Alltags in Wohnungen und Lagern reichen die Beobachtungen, die Karl Schlögel zu Tage fördert. Zwischen diesen beiden Polen entfaltet er das ganze Panorama materieller Kultur der Sowjetunion, liest er die Zeichen und Symbole der sowjetischen Welt. Zwei Karten auf den inneren Einbänden des Buches visualisieren diese Bandbreite. Im vorderen inneren Einband ist eine sowjetische Karte von 1931 reproduziert, die das offizielle geschönte Bild von den Erfolgen der Industrialisierung des ersten Fünfjahresplans wiedergibt. Die Karte im hinteren inneren Einband bietet einen Überblick über die Geographie der sowjetischen Lager von 1929 bis 1961. Die beiden Karten rufen jene Janusköpfigkeit der Sowjetunion in Erinnerung, der Schlögel sich bereits in seinem Buch Terror und Traum über den großen Terror in Moskau 1937 gewidmet hat: das unvermittelte Nebeneinander von kühner Aufbruchsvision und abgründig erschütternder Gewalt und Terrorherrschaft.[1] Im Buch Terror und Traum, das den kurzen Zeitausschnitt des Großen Terrors von 1936 bis 1938 zum Gegenstand hat, folgt die Montage der Kapitel einem stringenten Schema. Wie eine Kamera fuhr Schlögel in diesem Buch durch das Moskau des Jahres 1937 und montierte die eingefangenen Bilder in seiner Darstellung als Schuss und Gegenschuss von Terror und Traum. Die Archäologie der Sowjetunion durchschreitet ein in Raum und Zeit erheblich größeres Feld. Dementsprechend stellt sich die Gliederung des Buches wie eine Schatzkiste dar, in der die ausgegrabenen Befunde noch scheinbar unsortiert nebeneinander liegen.

Dabei entfaltet sich dem Lesepublikum die Sowjetunion in einer Darstellung, die alle Sinne anspricht. Was in der Sowjetunion zu sehen, hören, fühlen, riechen und schmecken war, entfaltet Schlögel bei seinen Alltagsexkursionen in den Kreml‘, die Kommunalwohnungen, den Gulag, die Gefängnisse, Gemeinschaftsküchen, Konzertsäle, Museumsräume und Großbaustellen des Sozialismus. Außer als Archäologe zeigt Schlögel sich auch in diesem Buch in der Rolle des Reisenden und Flaneurs. Nicht nur die Infrastrukturen des Verkehrs und die Stadträume sind Gegenstand des Buches. Schlögel nimmt die Leserschaft immer wieder im wahren Sinn des Wortes mit auf seine Erkundungen von Orten und Plätzen, referiert und diskutiert seine Beobachtungen. Darin liegt eine große und gewohnte Stärke seiner Bücher. In Zeiten zunehmender Bürokratisierung von Verbundforschung enthält das Buch damit auch einen versteckten hochschulpolitischen Imperativ. Mit diesem opus magnum erinnert Karl Schlögel uns eindringlich daran, wie fruchtbar wissenschaftliches Reisen und die über Jahrzehnte gepflegte Arbeit an individuellen Arbeitsschwerpunkten in den Geistes- und Kulturwissenschaften sind. Während Geistesgrößen des 18. Jahrhunderts wie Leibniz über Asien und Russland schrieben, ohne je dort gewesen zu sein, oder wie Kant gleich vollkommen stationär an einem Ort wie Königsberg arbeiteten, brachte das 19. Jahrhundert den reisenden und erkundenden Forscher und Autor hervor. Konnten es sich anfangs allein ausgewiesene Kapazitäten wie Alexander von Humboldt erlauben, weite Forschungsreisen zu unternehmen und ihre Ergebnisse in Monographien zu dokumentieren, so breitete sich diese Praxis wissenschaftlichen Arbeitens im Lauf des 19. Jahrhunderts auch in den universitär verorteten Disziplinen aus. Karl Schlögel steht mit dem sowjetischen Jahrhundert in dieser Wissenschaftstradition und führt uns eindringlich vor Augen, dass Mobilität und vor allem Zeit zum Schreiben die wichtigsten Ressourcen wissenschaftlichen Arbeitens in den Geistes- und Kulturwissenschaften sind.

Es bleibt nicht aus, dass ein solch riesiges Werk auch Ansatzpunkte zur Kritik bietet. Karl Schlögels Imperiumsbegriff ist eher metaphorisch als analytisch. Die politischen und ökonomischen Fragen der Imperiengeschichte, die Sowjetunion als Vielvölkerreich, die Vielgestaltigkeit der 15 Unionsrepubliken und ihre autonomen Untergliederungen, schließlich die sowjetisch-imperiale Beherrschung des ostmitteleuropäischen Vorfeldes nach dem Zweiten Weltkrieg – all diese Aspekte der Imperiengeschichte stehen nicht im Mittelpunkt des Buches. Zeitlich liegt der Schwerpunkt auf der jungen Sowjetunion und dem Stalinismus. Die Lebenswelt der letzten sowjetischen Generation, die Alexei Yurchak eindringlich beschrieben hat, ist weniger präsent in Schlögels Archäologie.[2] Das ist jedoch auch dem Forschungsstand geschuldet. Die chronologischen Schwerpunkte des Buches reflektieren den Gang der Forschung, die erst in jüngster Zeit verstärkt in die Epoche des Spätsozialismus eindringt. Anders gewendet legt das Buch somit auch die Desiderata offen. Die Gesellschafts-, Alltags- und Kulturgeschichte der sowjetischen und postsowjetischen Regionen im Halbjahrhundert von ca. 1970 bis heute steht auf der Agenda der Geschichtsschreibung.

Im letzten Kapitel seines Buches unternimmt Schlögel ein Gedankenexperiment. Er stellt sich vor, wie es wäre, wenn die auch heute noch vom FSB genutzte Geheimdienstzentrale Lubjanka im Herzen Moskaus in ein Museum der Sowjetzivilisation umgewandelt würde. Es ist nicht anzunehmen, dass diese Vision in Putins Russland Aussichten auf Realisierung besitzt. Doch zugleich hat es seinen Reiz, sich im Konjunktiv mit dem Projekt zu befassen. In Schlögels Vision fließen funktionale und idealistische Überlegungen zusammen. Idealistisch stellte ein solches Museum den Sieg der Menschen und des Alltags über das kommunistische Herrschafts- und Unterdrückungsregime dar. Funktional liegt ein starkes Argument für das Projekt im Erfordernis, das ein solches Museum zentral gelegen sein und sehr viel Raum bieten müsste – Voraussetzungen, die die Lubjanka erfüllt. Was Karl Schlögel über die imaginierten Besucher in diesem Museum schreibt, gilt gleichermaßen für die Leserschaft seines Buches: „Der Besucher muss nicht einem linear, logisch oder gar teleologisch angelegten Parcours folgen, sondern kann auch vom Ende oder von der Seite her seinen Rundgang beginnen.“ (S. 842–843) Es bleibt die Frage, ob ein solches zentrales Museum nicht an seinem enzyklopädischen Anspruch scheitern müsste und die Besucherinnen und Besucher zudem mit seinem erschlagend riesigen Angebot überfordern würde. Vielleicht ist der Musealisierung der Sowjetzivilisation doch mehr gedient mit den zahlreichen lokalen Museen, die bereits existieren, wie etwa dem Kirov Museum in St. Petersburg, in dem zahlreiche Exponate aus den 1930er-Jahren und die erhaltenen Interieurs der Familie Kirov einen lebendigen und vor allem fassbaren Eindruck des Lebens der sowjetischen Machtelite im Stalinismus vermitteln.

Karl Schlögel hat ein Buch geschrieben, das zur Standardlektüre im Studium der osteuropäischen Geschichte gehören sollte. Seinen Zweck wird es sicherlich auch als Nachschlagewerk und Schatzkiste erfüllen, aus der sich die Reichtümer der Erforschung der sowjetischen Zivilisation von Fall zu Fall und je nach Interessenlage heben lassen. In den 1920er-Jahren hat René Fülöp Miller die Sowjetunion bereist und die neue revolutionäre Kultur in seinem dicken Buch Geist und Gesicht des Bolschewismus dokumentiert.[3] Karl Schlögel ist Fülöp Miller gefolgt und hat fast ein Jahrhundert später die Formen beschrieben, in die das in den 1920er-Jahren begonnene sowjetische Experiment in seiner Kultur und in seinen Alltagswelten geronnen ist.

Anmerkungen:
[1] Karl Schlögel, Terror und Traum. Moskau 1937, München 2008.
[2] Alexei Yurchak, Everything was forever, until it was no more. The last Soviet generation, Princeton,NJ 2005.
[3] René Fülöp Miller, Geist und Gesicht des Bolschewismus. Darstellung und Kritik des kulturellen Lebens in Sowjet-Rußland, Zürich 1926.

Redaktion
Veröffentlicht am
13.09.2019
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