: American Empire. A Global History. New Jersey  2018. ISBN 978-1-4008-8835-1

: Das heimliche Imperium. Die USA als moderne Kolonialmacht. Frankfurt am Main  2019. ISBN 978-3-10-397235-1

Rezensiert für H-Soz-Kult von
Michael Hochgeschwender, Amerika-Institut, Ludwig-Maximilians-Universität München

Spätestens seit in den 1980er-Jahren die sogenannten declinists um Paul Kennedy[1] etwas voreilig den drohenden Niedergang des amerikanischen Imperiums prognostizierten, ist die Debatte um Gestalt und Charakter der USA als Imperium neu entbrannt.[2] Mit dem Ende des rivalisierenden Großreichs der Sowjetunion und der scheinbaren finalen Überlegenheit des liberal-kapitalistischen Systems unter der vorgeblich notwendigen, ordnungsstiftenden Hegemonie der USA war diese Debatte dann nach 1990 insbesondere von Politologen und politischen Publizisten, zum Teil aber auch von Historikern eher auf einer theorielastigen Ebene weitergeführt worden. Immerhin hatten diese Diskussionen den positiven Effekt, das Konzept des Imperiums unbefangen, losgelöst von den falschen Rücksichtnahmen und weltanschaulichen Befangenheiten der Systemkonkurrenz des Kalten Kriegs, auf die Vereinigten Staaten anzuwenden. Parallel wandte sich der Blick vieler Historiker den fundierenden Diskursen und gesellschaftlichen Praktiken des real existierenden amerikanischen Kolonialismus und Imperialismus um die Wende zum 20. Jahrhundert sowie der amerikanischen kolonialen Herrschaftspraxis etwa auf den Philippinen, Kuba, Puerto Rico und Hawai‘i zu.[3] In vielfältigen, detaillierten und quellengesättigten Studien wurde auf Spezifika, aber ebenso auf direkte und indirekte Anhängigkeiten von den europäischen imperialistischen Großmächten aufmerksam gemacht. Inzwischen ist offenbar die Zeit für historiographische Synthesen angebrochen, die auf Basis der Sekundärliteratur und eigenen Quellenstudiums eine Gesamtperspektive der USA als Imperium anbieten wollen. Binnen eines Jahres haben nun der Brite A.G. Hopkins, der sowohl in den USA an der University of Texas wie in Großbritannien in Cambridge imperiale Geschichte unterrichtet hatte, eher er vor einiger Zeit emeritiert wurde, und der junge amerikanische Historiker Daniel Immerwahr, der an der Northwestern University in Illinois lehrt, zwei umfängliche und unbedingt lesenswerte Gesamtdarstellungen vorgelegt. Beide Werke sind ausgesprochen eigenständig angelegt und ergänzen sich eher, als dass sie inhaltlich wie interpretativ in Konkurrenz zueinander treten würden. Dies hängt gewiss nicht allein mit dem deutlichen generationellen Unterschied zwischen beiden Autoren, sondern vielmehr mit ihren jeweilig nationalen Perspektiven zusammen. Wo Hopkins von der einerseits sehr britisch geprägten Empiregeschichte her denkt, argumentiert Immerwahr eher aus einer auf die USA bezogenen, aber nicht unbedingt exzeptionalistischen Sichtweise. Auch stilistisch arbeiten beide Autoren völlig verschieden. Immerwahr pflegt einen flotten, mitunter essayistischen Schreibstil ohne lange Auseinandersetzungen mit der vorhandenen Sekundärliteratur, während Hopkins genau diese Konfrontation mit den Theorieansätzen insbesondere der Neuen Linken seit den späten 1950er-Jahren sucht, ohne indes auf eine trockene, subtile Ironie in der Argumentation zu verzichten. Vor allem aber setzen beide Autoren komplett divergierende inhaltliche Schwerpunkte, was tatsächlich eine eingehende Lektüre beider Werke nahelegt.

Hopkins hat im Grunde eine Gesamtdarstellung der US-amerikanischen Geschichte von der Kolonialzeit bis zur Gegenwart, allerdings mit dem Schwerpunkt auf die postkoloniale Note in der Geschichte der USA sowie ihres Aufstiegs zur imperialistischen Großmacht im Blick. Dabei verzichtet er sonderbarerweise, wie auch Immerwahr, auf eine eingehende Darstellung der Westexpansion und der damit verbundenen Konflikte mit der indigenen Bevölkerung oder das Ringen um die ökonomische Inkorporation des Westens nach dem Amerikanischen Bürgerkrieg. Dies ist umso erstaunlicher, als Hopkins ökonomische Erklärungsmuster in den Vordergrund seiner Analysen stellt. Sich explizit und dezidiert gegen jedwede Variante des Exzeptionalismus stellend, beschreibt er – ausgehend von Kenneth Pommeranz – die Geschichte der USA als Bestandteil einer globalen Transformation vom agrarischen fiskal-militärischen Staat des 18. Jahrhunderts zum modernen, industriellen Nationalstaat des ausgehenden 19. Jahrhunderts. In diesem Kontext sieht er die USA, ähnlich wie auch das Deutsche Reich, als latecomer nation, also als verspäteten Nationalstaat, da sie, im Gegensatz zu Deutschland, noch bis weit nach dem Bürgerkrieg politisch, rechtlich, kulturell und wirtschaftlich vom britischen Mutterland abhängig geblieben seien. So habe etwa die Baring Bank in London bis 1865 sämtliche Kriege der USA finanzieren müssen, selbst den gegen Großbritannien von 1812 bis 1814. Zwar habe sich in den Vereinigten Staaten immer wieder Widerstand gegen die britische Dominanz geregt, aber das Land sei in seiner wirtschaftlichen Entwicklung, insbesondere auf der Ebene der Industrialisierung, komplett von britischem Kapital abhängig geblieben. Erst ab den 1870er-Jahren hätten die USA dann die Fähigkeit gehabt, sich eigenständiger zu entwickeln, was sie primär in Gestalt von Schutzzöllen unter den republikanischen Regierungen unter Beweis gestellt hätten. Innerhalb dieses Rahmens sei es dann zum Aufbau des amerikanischen Imperiums gekommen, das sich sozial-strukturell und ökonomisch kaum von den europäischen Imperialismen unterschieden habe. Diese vorrangig sozioökonomische Interpretation, die sich gleichwohl klar von den Simplifizierungen der neulinken Schulen der 1960er-Jahre absetzt, wird durch vielfältige kluge Einsichten zur kulturellen und politischen Entwicklung der USA abgerundet, etwa zur nationalidentitären Funktion der Wahl von Baseball und Football als genuin amerikanische, gegen das britische Rugby und Cricket gerichtete Sportarten zur Hundertjahrfeier der Revolution 1876. Hopkins gelingt es dabei, strukturelle Gedankengänge mit der Wertschätzung für individuelle Akteure und ihre agency zu verknüpfen. Unter anderem geht er ausführlich auf wichtige imperialistische und antiimperialistische Politiker und Wirtschaftsführer ein und schildert bis ins Detail den Einfluss der amerikanischen Zuckerindustrie auf politische Entscheidungen im Umfeld des Krieges von 1898, der die eigentlich imperialistische Phase der US-Geschichte einläutete. Auf diese Weise gelingt es Hopkins, die USA unter Wahrung vielfältiger, zum Teil widersprüchlicher Facetten als typisch postkoloniale Nation zu interpretieren, die in vielerlei Hinsicht mit den weißen Siedlungskolonien Großbritannien, den Dominions, vergleichbar war, obwohl diese beim Mutterland verblieben waren. Die Bedeutung der Amerikanischen Revolution wird mithin erkennbar relativiert, zumal in der Folge, selbst für die Zeit der verspäteten Nationswerdung der USA ab 1865, die gemeinsame Wertewelt der beiden angelsächsischen Staaten betont wird. Insbesondere die Bedeutung des evangelikalen und des liberalen Protestantismus für die Zivilisierungsmission der Briten und Amerikaner in Afrika, Asien und Lateinamerika wird betont. Allerdings sind Religion und Religionsgeschichte nicht unbedingt die bevorzugten und stärksten Themen in Hopkins‘ ansonsten mehr als bloß solider Darstellung. Wer in diesem bedeutsamen Feld auf seine Kosten kommen will, sollte weiterhin auf die differenzierte und materialreiche Studie von Andrew Preston[4] zurückgreifen. Im Gegensatz zu Immerwahr behandelt Hopkins die Dekolonisierung des amerikanischen Imperiums auch vor dem doppelten Hintergrund einer globalen Dekolonisierungswelle nach dem Zweiten Weltkrieg sowie der wachsenden ökonomischen Bedeutungslosigkeit der Kolonien im Kontext der Weltwirtschaftskrise der 1930er-Jahre. Demgegenüber neigt sein jüngerer Kollege dazu, diese Prozesse gar zu sehr aus einer binnenamerikanischen Perspektive heraus zu interpretieren. Trotzdem sind beide meilenweit von der fragwürdigen neoexzeptionalistischen Interpretation entfernt, die zum Beispiel Jill Lepore jüngst für die Geschichte der USA vorgelegt hat.[5] Ein Problem aber hat Hopkins‘ Buch: Ab den 1930er-Jahren verliert es rasch an analytischem Gehalt. Was für das 18. bis frühe 20. Jahrhundert konsistent erzählt und erklärt wird, bekommt nun einen Zug zum Additiven. Die Themen werden nur noch gestreift, der Charakter des amerikanischen Imperiums nach 1945 kommt nicht mehr recht zum Vorschein. Es scheint Hopkins hier an einer präzisen und tragfähigen theoretischen Grundierung zu fehlen.

Dies betrifft auch Immerwahr, der aber aus der Not eine Tugend macht und das amerikanische Imperium zu Zeiten des Kalten Kriegs als pointilistisch beschreibt. Damit liegt er sicherlich nicht falsch, dennoch wirkt auch bei ihm der finale Teil ein wenig abgehackt und fast kaleidoskopartig, ohne inneren Zusammenhalt. Der erste Teil hingegen überzeugt durch die interpretative Kraft und Frische seines Zugriffs, der von den Merkwürdigkeiten dessen ausgeht, was er als historische „Logokarte“ der USA bezeichnet. Wenn man bedenkt, dass Ende 1945 51 Prozent der Bevölkerung der „Greater United States“ außerhalb des kontinentalen Kernlandes lebten, welches bis heute jedem als Logokarte vor Augen steht, wenn man von den USA spricht, erstaunt des völlige Fehlen von Wissen um und Bezügen zu den Kolonien im Mutterland, vor allem im Vergleich mit Großbritannien und Frankreich, wo über Jahrzehnte jedes Schulkind permanent die rot oder blau eingefärbte Weltkarte mit den eigenen Kolonien vor Augen hatte. Immerwahr nimmt diesen Befund zum Ausgangspunkt für eine farbige, kritische und sehr lebendige Geschichte erst des amerikanischen Imperialismus im Besonderen und dann des postkolonialen Hegemonialsystems im Allgemeinen. Im Vergleich zu Hopkins wird er in seiner Kritik deutlicher. Umfänglich schildert er die moralische und humanitäre Unzulänglichkeit der USA etwa beim Erwerb der weithin vergessenen Guanoinseln in der Karibik und dem Pazifik. Vor dem Hintergrund des weltweiten Salpeterbooms nach der Entdeckung artifizieller Düngemittel ließen die USA nichts unversucht, sich so viele unbewohnte Eilande wie möglich unter den Nagel zu reißen, wo dann ab den 1850er-Jahren privatwirtschaftlich organisierte, an Sklaverei gemahnende Ausbeutungsstrukturen eingerichtet wurden, die ihresgleichen suchten. Auch die Massaker des US-Militärs auf den Philippinen, die Ahnungslosigkeit amerikanischer Politik dort und auf Kuba sowie die Rücksichtslosigkeit amerikanischer Eugeniker und Pharmakonzerne auf Puerto Rico werden eingehend behandelt. Ganz wie Hopkins betont Immerwahr, wie maßgeblich rassistische Perzeptionen und Imaginationen den amerikanischen Imperialismus bis heute kennzeichnen. Gleichzeitig geht er auf philanthropische Gegenbewegungen und positive Seiten der Kolonialregime ein. Für die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg verschiebt sich dann sein Fokus. Notwendig kann nicht mehr die direkte Herrschaft im Vordergrund stehen. Nun richtet sich sein Blick auf die Durchsetzung der englischen Sprache, wobei er die Rolle Großbritanniens doch zu sehr minimiert. Obwohl Indien etwa für 1965 die Abschaffung des Englischen als Staatssprache anvisiert hatte, war den Einsichtigen doch klar, dass es kaum Alternativen zu dieser lingua franca des multiethnischen Subkontinents gab. Da war die Bedeutung der USA wesentlich geringer, als Immerwahr sie veranschlagt. Aber sein genereller Punkt ist vollkommen richtig: Die USA haben, nicht zuletzt aus ökonomischen Interessen heraus, durchweg versucht, ihre technischen Standards und ihre Sprachregelungen global durchzusetzen. Gleichzeitig bauten sie im Wettkampf mit der UdSSR ein Stützpunktsystem von bis dahin unbekanntem Umfang auf, setzten sich, was Immerwahr vernachlässigt, auf dem Gebiet der Populärkultur durch und kontrollierten Finanz- und Handelsströme. Aus der Kolonialmacht war ein weltumspannender Hegemon mit grenzenlosen Macht- und Kontrollansprüchen geworden.

Sowohl Hopkins als auch Immerwahr verzichten wohltuenderweise auf Prognosen, die sowieso meistens ins Leere gehen. Stattdessen bieten sie, bei allen Unterschieden in der Herangehensweise und der Tiefe der analytischen Durchdringung, jeweils ausgezeichnete Synthesen an, über die nachzudenken sich auch für deutsche Leser allemal lohnt.

Anmerkungen:
[1] Paul Kennedy, Aufstieg und Fall der großen Mächte. Ökonomischer Wandel und militärischer Konflikt von 1500 bis 2000, Frankfurt am Main 1989.
[2] Vgl. Michael Hochgeschwender, Die USA – ein Imperium im Widerspruch, in: Zeithistorische Forschungen / Studies in Contemporary History 3 (2006), S. 55–76, https://zeithistorische-forschungen.de/1-2006/4526 (10.04.2020).
[3] Vgl. z.B. Lanny Thompson, Imperial Archipelago. Representation and Rule in the Insular Territories under U.S. Dominion after 1898, Honolulu 2010; K.R. Howe u.a. (Hrsg.), Tides of History. The Pacific Islands in the Twentieth Century, Honolulu 1994; César J. Ayala / Rafael Bernabe, Puerto Rico in the American Century. A History since 1898, Chapel Hill 2007; Isaac Dookhan, A History of the Virgin Islands of the United States, Kingston 1994; Paul A. Kramer, The Blood of Government. Race, Empire, the United States and the Philippines, Chapel Hill 2006; v.a. aber Alfred W. McCoy / Francisco A. Scarano (Hrsg.), Colonial Crucible. Empire in the Making of the American State, Madison 2009, und Julian Go, Patterns of Empire. The British and American Empires since 1688, Cambridge 2011.
[4] Andrew Preston, Sword of the Spirit, Shield of Faith. Religion in American War and Diplomacy, New York 2012.
[5] Jill Lepore, Diese Wahrheiten. Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika, München 2018.