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Titel
Merck. Von der Apotheke zum Weltkonzern


Autor(en)
Burhop, Carsten; Kißener, Michael; Schäfer, Hermann; Scholtyseck, Joachim
Erschienen
München 2018: C.H. Beck Verlag
Anzahl Seiten
CXXXVIII, 719 S.
Preis
€ 49,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Thomas Urban, Wittener Institut für Familienunternehmen, Universität Witten/Herdecke

Mit dem „Phänomen Familienunternehmen“[1] setzt sich die deutsche Unternehmenshistoriografie seit einigen Jahren insbesondere in Einzelstudien auseinander. Der Untersuchungszeitraum dieser Arbeiten ist zumeist um die drei belastungsreichen Jahrzehnte von 1914 bis 1945 zentriert.[2] In den Publikationen spiegelt sich zum einen die seit den 1990er-Jahren von der Disziplin am häufigsten gestellte Frage nach dem Verstrickungsgrad von Eigentümern und Managern in „Arisierungen“, Rüstungsgeschäfte und Zwangsarbeit. Zum anderen wird stärker kulturgeschichtlich erörtert, inwieweit Eigentümerfamilien angesichts der Belastungsproben dieser Zeit Generationen übergreifende Grundsätze wahrten, ausblendeten oder gar über Bord warfen.

Der jüngst erschienene Band zur Geschichte des weltweit ältesten pharmazeutisch-chemischen Unternehmens Merck greift diese Themen auf und beschreitet in mehrerlei Hinsicht neue Wege. Zeitlich deckt er – vom Privileg für die Darmstädter Engel-Apotheke, die Urzelle des Unternehmens, im Jahr 1668 bis zum Jubiläumsjahr 2018 – die kompletten dreieinhalb Jahrhunderte ab. Der Grundstruktur Mercks als forschendem Unternehmen folgend werden wissenschaftsgeschichtliche Aspekte aus der Medizin, Pharmazie und Chemie einbezogen. Angesichts der enormen Zeitspanne sowie der reichen Überlieferung im Merck-Archiv zeichnen vier Historiker mit eigenständigen Hauptkapiteln verantwortlich. Gemeinsam folgen sie der Leitfrage, wie Merck über Epochen und Generationen hinweg krisenfest und zukunftsfähig blieb.

Im ersten, bis in die vorindustrielle Zeit reichenden Hauptkapitel erzählt Michael Kißener die Merck-Historie als Familiengeschichte. Nach der ökonomisch durchaus riskanten Übernahme der Darmstädter Apotheke durch den aus Schweinfurt zugezogenen Jacob Friedrich Merck konnte diese durch nachziehende Familienangehörige weitergeführt werden. Die kapitalmäßigen Voraussetzungen gründeten in einem zeittypischen, strategischen Heiratsverhalten sowie in einer klugen, gerade auch von Frauen der Familie praktizierten Finanzpolitik. Letztere äußerte sich in geschickt platzierten Kreditvergaben sowie in einer strengen Vermögenssicherung. Kißener sieht in diesem Verhalten der Familie geradezu ein „Geschäftsmodell“ (S. 69). Dieses habe ab 1827 dem Wissenschaftler Emanuel Merck erlaubt, sein unternehmerisches Experiment zu wagen: Er begann Alkaloide (in der Natur vorkommende basische Stoffe) industriell herzustellen und als moderne, das heißt in ihren Wirkstoffen reinere und daher besser dosierbare Arzneimittel anzubieten.

Das zweite, von Hermann Schäfer bis zum Ende des „langen“ 19. Jahrhunderts angelegte, Hauptkapitel steht im Zeichen der Expansion. Konkurrenten bei Produktpalette und internationaler Vermarktung um mehrere Schritte voraus, führte Emanuel Merck die Engel-Apotheke bis in die 1840er-Jahre in einem Take-Off zur pharmazeutischen Industrieunternehmung. Mit Gründung der Geschäftssozietät E. Merck und Söhne im Jahr 1850 trat der Familienunternehmer an die Seite des Entrepreneurs. Aus Carl, Georg und Wilhelm Merck gingen die späteren drei Erbstämme hervor. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts hatte sich das Wachstum durch „Gründerkrise“, neue Pharma-Wettbewerber wie Hoechst und Bayer, die Kapazitätsgrenzen der bisherigen Fabrik sowie einen schwindenden Forschergeist vorübergehend verlangsamt. Nach der Jahrhundertwende und einem Strategie-Streit der Enkel Emanuel Mercks nahm die Expansion bis 1914 mit dem Fabrikneubau im Norden Darmstadts wieder Fahrt auf.

Die Jahre 1914 bis 1948, die Joachim Scholtyseck im dritten Hauptkapitel beleuchtet, zeigen auch bei Merck die aus bisherigen Studien bekannten Einschnitte und Neuorientierungen: Kriegsbedingt gingen Absatzmärkte und Unternehmen verloren, Produktionsumstellungen zehrten Kapital auf und führten Merck in den 1920er-Jahren an den Rand des Ruins. Im Zweiten Weltkrieg wurden eingezogene Stammarbeiter durch Zwangsarbeiter ersetzt, und neben Vitamin C wurde das als Raketentreibstoff genutzte Wasserstoffperoxid zum kriegswichtigen Kernprodukt. Dominiert wird das Kapitel von einer „Palastrevolution“ (S. 313): Zwei von vier Gesellschafter-Geschäftsführern der Familie Merck wurden 1942 zum Rückzug gedrängt; der vom Seniorchef Karl Merck als Bändiger der Liquiditätskrise geschätzte und gestützte, familienfremde Bernhard Pfotenhauer blieb. Nach diesem Sündenfall reichte es künftig, wie Scholtyseck treffend resümiert, nicht mehr aus, sich „auf den geradezu mythischen Gründungsakt von 1668 zu berufen, um als Familienunternehmen zu überleben“ (S. 323).

Dem bei Merck nach 1945 auf vielen Ebenen vollzogenen Strukturwandel widmet sich Carsten Burhop im vierten, bis in die Gegenwart reichenden Hauptkapitel. Hierzu gehört der „langsame Abschied von der Massenware“ (S. 444) bei Pflanzenschutzmitteln und Vitaminen ebenso wie die erfolgreiche Forschungsoffensive im Bereich der Flüssigkristalle. Auch die durch die Gründung von Tochtergesellschaften und Firmenkäufe vorangetriebene Internationalisierung ist in diesem Kontext zu sehen. Auf der Organisationsebene leitete der in die Familie eingeheiratete Hans-Joachim Langmann als „Architekt der modernen Unternehmensverfassung“ (S. 407) in den 1970er-Jahren einen grundlegenden Wandel ein.

Die sich ebenfalls neu organisierende Familie erscheint gegenüber dem reüssierenden Unternehmen eher als Randakteur. In den kritischen Phasen des Unternehmens in den Jahren 1959 bis 1963/1964 sowie gegen Ende der 1980er-Jahre wird sie allerdings stärker sichtbar. Burhop verortet die ersterwähnte Belastungssituation in einem Machtkampf zwischen Eigentümern und familienfremden Managern um die Führung in der Zeit nach Karl Merck sowie in einer angespannten Finanzlage. Die Krise gipfelte in ernsthaft erwogenen Plänen einer Kapitalbeteiligung der BASF an Merck. Allerdings kommt der Verunsicherung innerhalb der Familie, nach dem kriegsbedingten Verlust junger Hoffnungsträger überhaupt noch nachfolgefähig zu sein, eine ebenso gewichtige Rolle zu. Der eingeheiratete Gesellschafter Peter Berglar forderte daher die Familie im März 1959 in einem im Buch unerwähnt gebliebenen Memorandum auf, sich gegen eine solche „Paralysierung ihres Selbstbewusstseins“ zu wehren und zu „beweisen, dass dem nicht so ist“.[3] Mit dem Memorandum traf der Arzt für innere Krankheiten und spätere Geschichts-Professor offenbar einen Nerv: Berglar wurde aus dem Stand zum stellvertretenden Vorsitzenden des Aufsichtsrats der Familien-Aktiengesellschaft gewählt. Zudem dürfte er zumindest mittelbar dazu beigetragen haben, dass die Gesellschafter in ihrer späteren Auswahllogik zugunsten Langmanns dessen starke Stellung durch Schlüsselpositionen in Familie und Unternehmen bewusst herbeiführten.

Wie ist der Band abschließend zu bewerten? Zu den Stärken gehören zweifellos die Komplexität und Multiperspektivität des Dargestellten. So kann das Werk durch die jeweiligen Verknüpfungen beispielsweise auch als Branchen-, Sozial- oder Wissenschaftsgeschichte gelesen werden. Mit Blick auf die gemeinsame Leitfrage scheinen sowohl in den Kapiteln als auch im Fazit insbesondere Familiensinn und Vermögenssicherung trotz oder gerade wegen temporärer Erschütterungen als krisenfestes Kontinuum der Merck-Historie durch. Inwieweit sie feste Bestandteile oder gar Handlungsmuster eines bewussten, Generationen übergreifenden „Resilienz-Managements“[4] der Familie waren, bleibt indes offen. In jedem Fall ist es ein Gewinn, dass die Eigentümerfamilie gerade für die Zeit des 20. Jahrhunderts einen wesentlich größeren Anteil einnimmt als in früheren Merck-Publikationen. In der Chronik zum 300-jährigen Jubiläum aus dem Jahr 1968 fehlt für die Zeit nach Emanuel Merck – abgesehen von einem aktuellen, anonymen Gesellschafterfoto – jeglicher „Familienanschluss“.[5] Im Anhang sind die Familienstammbäume für den Leser sehr hilfreich. Allerdings vermisst man dort eine Tabelle mit den wesentlichen Geschäftszahlen von Merck, die eine kapitelübergreifende Orientierung über die Umsatz- und Ertragsentwicklung erleichtert hätte.

Insgesamt bleibt ein (wegen der klugen Bebilderung auch optisch) überaus positiver Gesamteindruck: Der Band bewegt sich, gerade auch wegen seiner guten Lesbarkeit, auf einem hohen Niveau der Unternehmensgeschichtsschreibung – und er setzt Maßstäbe für künftige Publikationsprojekte mit einem ähnlich großen Untersuchungszeitraum.

Anmerkungen:
[1] Maria Spitz u.a. (Hrsg.), Phänomen Familienunternehmen. Überblicke, Mettingen 2016 (u.a. mit Beiträgen von Hartmut Berghoff, Susanne Hilger, Ingo Köhler, Christina Lubinski und Michael Schäfer).
[2] Jürgen Finger / Sven Keller / Andreas Wirsching, Dr. Oetker und der Nationalsozialismus. Geschichte eines Familienunternehmens 1933-1945, München 2013; Mark Spoerer, C&A. Ein Familienunternehmen in Deutschland, den Niederlanden und Großbritannien 1911-1961, München 2016; Joachim Scholtyseck, Freudenberg. Ein Familienunternehmen in Kaiserreich, Demokratie und Diktatur, München 2016.
[3] Peter Berglar, Über die Zukunft der Merckschen Familiengesellschaft. Ein Memorandum, 16.3.1959, S. 8, Merck-Archiv, E 10/2266.
[4] Vgl. hierzu jüngst Markus A. Denzel, Beharrungskraft und Anpassungsleistungen wirtschaftlicher Systeme angesichts schockartiger Umbrüche – oder: Von der Resilienz zum Resilienz-Management, in: Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte 105 (2018), S. 528–547.
[5] Fritz Ebner / Leopold Lerch, Merck 1668-1968. Von der Merckschen Engel-Apotheke zum pharmazeutisch-chemischen Großbetrieb, Darmstadt 1968. Ebenfalls stark unternehmenszentrierte Publikationen sind Ingunn Possehl, Modern aus Tradition. Geschichte der chemisch-pharmazeutischen Fabrik E. Merck Darmstadt, 2. überarb. Aufl., Darmstadt 1994 und Sabine Bernschneider-Reif / Walter Th. Huber / Ingunn Possehl, „Was der Mensch thun kann…“. Geschichte des pharmazeutisch-chemischen Unternehmens Merck, Darmstadt 2002.

Redaktion
Veröffentlicht am
28.03.2019
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