B. Ronneburger: Der Geschlechteraspekt in der Kinderladenbewegung

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Titel
Der Geschlechteraspekt in der Kinderladenbewegung. Erziehungsvorstellungen und Erziehungspraxen von Westberliner KinderladenakteurInnen (1968–1977)


Autor(en)
Ronneburger, Beate
Erschienen
Weinheim 2018: Beltz Juventa
Anzahl Seiten
224 S.
Preis
€ 34,95
Rezensiert für die Historische Bildungsforschung Online bei H-Soz-Kult von:
Franziska Heyden, Institut für Schulpädagogik, Universität Rostock; Miriam Mauritz, Institut für Sozialpädagogik und Erwachsenenbildung, Goethe-Universität Frankfurt am Main

Beate Ronneburger untersucht in ihrer Dissertation die Westberliner Kinderläden und Kinderladenbewegung der späten 1960er-Jahre aus einer Geschlechterperspektive. Damit bearbeitet sie ein Forschungsdesiderat innerhalb des Schnittfeldes deutschsprachiger Frauen- und Geschlechterforschung und historischer Sozialforschung. Anknüpfend an die Inhalte und Ziele des DFG-Forschungsprojekts „Die Kinderladenbewegung als case study der antiautoritären Erziehungsbewegung (1965–1977)“ unter der Leitung von Meike S. Baader entwickelt die Autorin ihr Forschungsziel und ihre Forschungsfragen: Sie möchte „einen Beitrag zur Erforschung von Kinderläden für den Zeitraum 1968–1977 vor ihrem kulturgeschichtlichen Hintergrund leisten, und zwar aus einer geschlechtergeschichtlichen Perspektive“ (S. 23). Die erkenntnisleitenden Fragestellungen markiert Ronneburger auf zwei Ebenen: Auf einer Reflexionsebene wird nach der Auseinandersetzung der Beteiligten mit dem Thema Geschlecht und Erziehung und damit einhergehenden Erziehungsvorstellungen und Rollenbildern gefragt. Auf der Ebene der Praxis soll es schließlich darum gehen, wie die konkrete Erziehungspraxis der Kinderladenakteur/innen und auch deren Blick auf ihre eigene Geschlechterrolle aussah. Konflikte und Veränderungspotentiale „rund um das Thema Geschlecht“ (S. 24) werden ebenfalls in den Fragenhorizont mit aufgenommen.

Das Werk ist untergliedert in fünf Kapitel und eine Einleitung, in der Ronneburger bereits den Forschungsstand zum Thema des Geschlechteraspekts in der Kinderladenbewegung entfaltet, sowie ein kurzes Fazit. Die empirische Forschungslage ordnet die Autorin in der Einleitung in elf Themenbereiche und erläutert nachfolgend kurz die wichtigsten Befunde jedes Feldes (z.B. zu Entstehungsgeschichte, Fortbestand und Erziehungspraktiken der Kinderläden; aber auch Effekte der Bewegung und theoretische Referenzen). Die verschiedenen Kategorien werden dabei ohne Entstehungszusammenhang eingeführt und wirken eher eklektisch – an dieser Stelle wäre eine kurze Erläuterung zur entwickelten Systematik, also wie die Kategorien zustande gekommen sind, hilfreich gewesen. Die zugeordneten Studien sind umfangreich recherchiert, wenngleich sich viele Befunde auf die Arbeiten von Baader[1] und Kolleginnen und dementsprechend den eigenen Forschungszusammenhang beziehen. Inzwischen liegen darüber hinaus weitere Studien vor, die sich mit der biographischen Bedeutung der Kinderläden und Kinderladenbewegung beschäftigen.[2]

Zu den Kapiteln im Einzelnen: Das erste Kapitel widmet sich dem theoretischen Rahmen der Arbeit und erläutert knapp den kulturgeschichtlichen Zugang zur verfolgten Fragestellung. Im zweiten Kapitel stellt die Autorin fundiert ihr methodisches Design vor. Ronneburger hat sich für ein triangulatives Verfahren aus schriftlicher Quellenanalyse und leitfadengestützten Interviews entschieden – in Anlehnung an das bereits benannte DFG-Projekt. Die Interviews wurden mittels der strukturierenden Inhaltsanalyse ausgewertet. Hinweise auf die Besonderheit der gewählten Methoden im Hinblick darauf, wie menschliche „Erinnerungsprozesse“ (S. 41) einzufangen und zu analysieren sind und welchen „Wahrheitsgehalt“ historische Quellen aufweisen, finden sich zu Beginn des zweiten Abschnitts, wodurch die Reichweite der eigenen empirischen Ergebnisse nachvollziehbar eingegrenzt wird. Dabei legt die Autorin besonderen Wert darauf zu betonen, dass ihre Forschungsergebnisse Rekonstruktionen sind und eben nicht Abbildungen der Ideen der Akteur/innen.

Im dritten Kapitel beschreibt sie kenntnisreich den historischen Kontext der Westberliner Kinderladenbewegung im Allgemeinen und besonderen mit Blick auf die Geschlechterperspektive – hier unter Bezugnahme auf vorliegende Literatur und empirische Studien. Der erste Teil des dritten Kapitels – die Transformationsprozesse der 1960er-Jahre und Erziehungsvorstellungen im relevanten Zeitraum – fällt demgegenüber sehr knapp aus. In den folgenden Unterkapiteln beschäftigt sich Ronneburger mit den Geschlechterleitbildern in der Erziehung und deren Bedeutung im Rahmen der Neuen Sozialen Bewegungen des letzten Jahrhunderts und bearbeitet hier einen spannenden und neuen Aspekt des Themas.

Anschließend wird im vierten Abschnitt der Fokus auf die Berliner Kinderladenbewegung und die an ihr beteiligten Akteur/innen gelegt, wobei die Interviewpersonen in einem Unterkapitel zunächst portraitförmig vorgestellt werden. Hier fließen bereits erste Interviewauszüge mit ein und lassen eine spannende Ergebnispräsentation erahnen, die insbesondere im fünften und umfangreichsten Kapitel der Arbeit eingelöst wird. Es folgen zuvor noch allgemeine sozial- und zeitgeschichtliche Einlassungen, die ergänzt werden durch die von der Autorin herausgearbeiteten Charakteristika des Rahmens, in dem sich die Kinderladenakteur/innen in den Jahren von 1968 bis 1977 bewegten. Hier nennt sie beispielsweise die Veränderungen und Transformationsprozesse Sozialer Bewegungen oder die ihnen innenwohnende Konflikte und Spannungen, die sich unter anderem über die unterschiedlichen Zielsetzungen und Erfahrungsräume der Aktivist/innen ergaben. Undeutlich bleibt an dieser Stelle eine (mögliche) Abgrenzung zu den Erkenntnissen des zugrundeliegenden DFG-Projektes.

Im letzten inhaltlichen Kapitel fünf rekonstruiert Ronneburger nun sowohl Reflexionen als auch Vorstellungen und Praktiken von (erziehenden) Kinderladenakteur/innen hinsichtlich der Kategorie Geschlecht. Vorweg stellt sie zu Recht fest, dass es zu jener Zeit eher unüblich war, Geschlecht zu reflektieren, und dass das Erstarken der zweiten Welle der Frauenbewegung unter anderem dies überhaupt erst angestoßen hat. Systematisch befasst sie sich dann mit der Bedeutung von Geschlecht in der praktizierten Erziehung im Kinderladen und im Privaten. Dabei kommt sie zu dem Schluss, dass dennoch viele Aktivist/innen in ihren Reflexionen zu Erziehung sowie über sich selbst „Geschlecht“ mit einbezogen haben. Ronneburger folgert anschließend, dass die Kinderladenakteur/innen „weitgehend die Gleichheit der Geschlechter anstrebten, unter Beibehaltung von Geschlechterdifferenzen in bestimmten Bereichen wie Sexualität und Emotionalität“ (S. 156). Trotz dieses Grundgedankens arbeitet die Autorin im Folgenden das Spektrum der unterschiedlichen Erziehungsvorstellungen aus, die im Kinderladen und im Privaten praktiziert wurden. Diese reichten vom Hinnehmen „geschlechtsspezifischer Verhaltensformen“ (vgl. S. 164) über bedürfnisorientierte Erziehung (vgl. S. 158) bis hin zur Entgegenwirkung „geschlechtsspezifischer Verhaltensformen“ (vgl. S. 170).

Da das traditionelle Rollenverständnis der Geschlechter innerhalb der Kinderladenbewegung in Frage gestellt wurde, fokussiert Ronneburger im nächsten Abschnitt auf die Arbeitsteilung der Akteur/innen und nimmt wieder die Unterscheidung in Kinderladen und Privatheit vor. Auch hier bildet sich die Unterschiedlichkeit der Akteur/innen ab, so dass zwei Muster zum Vorschein kommen: Auf der einen Seite die traditionelle Arbeitsteilung, bei der beispielsweise das Hausfrau-Ernährer-Modell praktiziert wurde, und auf der anderen Seite die „eher moderne Arbeitsteilung“ (S. 190), bei der beide Geschlechter entweder einer Lohnarbeit nachgingen oder studierten und sich dementsprechend auch das Engagement im Kinderladen teilten. Hier war das Private ein Ort von Aushandlungsprozessen, die sich auch im Kinderladen fortsetzten, und deshalb widmet sie sich im letzten Unterkapitel folgerichtig dem Spannungspotential, das dem Geschlechtsaspekt innewohnt. Die Autorin kommt hier zum Schluss, dass häufiger als Diskussionen um eine geschlechtsspezifische Erziehung das geringe Engagement von Vätern zu Konflikten führte (S. 193).

Im Fazit führt die Autorin ihre Erkenntnisse zusammen und wirft daran anschließende Forschungsfragen auf, wie beispielsweise nach der biographischen Bedeutung eines Kinderladenbesuches.[3] Ronneburger bearbeitet mit ihrem Buch eine Forschungslücke und zeigt durch ihre empirischen Einblicke in die Erziehungspraxis ehemaliger Kinderladenakteur/innen, wie das Thema Geschlecht diskutiert wurde und welche Bedeutung es in der täglichen Kinderladenarbeit hatte. Die Lektüre des Buches bietet die Möglichkeit, sich einen grundlegenden Einblick in die Westberliner Kinderladenbewegung zu verschaffen – trotz oder gerade wegen der Fokussierung auf die Aspekte Geschlecht und Erziehung. Die hier versammelten Ergebnisse belegen eindrücklich das Wissen und die intensive Arbeit der Autorin; die Darstellung erscheint jedoch in der Zusammenschau eher weniger strukturiert und erfordert somit eine eigene Systematisierungsleistung der Lesenden, da an verschiedenen Stellen ähnliche Inhalte besprochen werden. Dennoch ist der Autorin hier ein thematisch wichtiger Aufschlag in der Frauen- und Geschlechterforschung gelungen, der bislang bis auf einige Ausnahmen in diesem Themengebiet[4] eher unberücksichtigt blieb.

Anmerkungen:
[1] Vgl. z.B. Meike S. Baader, Das Private ist politisch. Der Alltag der Geschlechter, die Lebensformen und die Kinderfrage, in: dies. (Hrsg.), Seid realistisch, verlangt das Unmögliche! Wie 1968 die Pädagogik bewegte, Weinheim 2008, S.153–172.
[2] Vgl. hierzu weiterführend Nina Göddertz, Antiautoritäre Erziehung in der Kinderladenbewegung. Rekonstruktive Analysen biographischer Entwürfe von Zwei-Generationen-Familien, Wiesbaden 2018; Miriam Mauritz, Emanzipation in der Kinderladenbewegung. Wie das Private politisch werden sollte, Wiesbaden 2018; Franziska Heyden, Die lebensgeschichtliche Bedeutung des Kinderladens. Eine biographische Studie zu frühkindlicher Pädagogik (= Kasseler Edition Soziale Arbeit, Bde. 12–14), Wiesbaden 2018.
[3] Vgl. hierzu Mauritz 2018, Heyden 2018, Göddertz 2018 und weiterführend: Karin Bock / Nina Göddertz u.a. (Hrsg.), Zugänge zur Kinderladenbewegung, Wiesbaden 2019.
[4] Vgl. Baader 2008, Mauritz 2018.

Redaktion
Veröffentlicht am
16.09.2019
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit der Historischen Bildungsforschung Online. (Redaktionelle Betreuung: Philipp Eigenmann, Michael Geiss und Elija Horn). http://www.fachportal-paedagogik.de/hbo/