A.H. Crumbach: Sprechen über Contergan

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Titel
Sprechen über Contergan. Zum diskursiven Umgang von Medizin, Presse und Politik mit Contergan in den 1960er Jahren


Autor(en)
Crumbach, Anne Helen
Reihe
Histoire 143
Anzahl Seiten
352 S.
Preis
€ 39,99
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Sebastian Barsch, Historisches Seminar, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Contergan, ein zwischen 1957 und 1961 vermarktetes Schlaf- und Beruhigungsmittel der Firma Chemie Grünenthal aus Stolberg bei Aachen, entwickelte sich in nur wenigen Jahren von einem wirtschaftlichen Erfolgsversprechen zu einem Schlagwort für einen bis heute nicht abgeschlossenen politischen und medizinischen Skandal der frühen Bundesrepublik. Waren mit der Einführung des Medikaments zunächst große Hoffnungen für die stressgeplagten Menschen in einer als rastlos empfundenen Zeit verbunden, gerahmt vom Versprechen, „die Schlaflosigkeit des modernen Menschen zu lindern, die gehetzten Nerven zu beruhigen“ (S. 66), änderte sich die Bewertung des Mittels rapide, als die erstmals von der „Bild“-Zeitung als „Contergankinder“ bezeichneten Neugeborenen zum Symbol einer „scheinbar unstillbaren Profitgier“ der Pharmaindustrie und zum Initial für eine Debatte „um den menschlichen Körper, um die Voraussetzungen menschlicher Unversehrtheit“ wurden (S. 150). Der Contergan-Skandal kann zweifelsohne als einer der prägnantesten Fälle für die Geschichte von Menschen mit Behinderungen in der Bundesrepublik betrachtet werden. Während es bereits eine Reihe von Studien gibt, die sich der Aufarbeitung des Skandals als tiefgreifende Zäsur „speziell für das Verständnis von Behinderung“ in der jungen Bundesrepublik widmen (S. 21)[1], betritt Anne Helen Crumbach neue Wege, indem sie explizit das „Sprechen“ über den Fall und somit die Praktiken im wissenschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Diskurs analysiert. Vor allem befasst sich ihre Arbeit also mit der Frage, wie Behinderungen durch Sprache sozial konstruiert werden.[2]

Die an der RWTH Aachen entstandene, für die Publikation überarbeitete Dissertation ist in sieben Kapitel eingeteilt, die einerseits einer chronologischen Ordnung folgen und die Entwicklungen der Diskurse um Contergan von der Mitte der 1950er- bis zum Beginn der 1970er-Jahre nachzeichnen. Somit wird das „Sprechen über Contergan“ zunächst von den ersten Entdeckungen des Wirkstoffs Thalidomid im Labor der Firma Grünenthal bis hin zur öffentlichen Debatte rekonstruiert, die nach Bekanntwerden der gravierenden Nebenwirkungen aufkam. Crumbach analysiert zudem den sprachlichen Wandel und das damit verbundene geänderte Bild von Behinderung in der bundesrepublikanischen Gesellschaft im Umfeld der rechtlichen Aufarbeitung des Skandals seit den späten 1960er-Jahren. Neben diesem chronologischen Zugriff fokussieren die einzelnen Kapitel auch spezifische Diskurspraktiken rund um das Phänomen Contergan im untersuchten Zeitraum. So befasst sich Crumbach nach dem einleitenden Kapitel mit der Frage, wie Contergan in den Jahren 1954–1961 überhaupt „zu einer wissenschaftlichen Tatsache wurde“ (S. 51). Das dritte Kapitel beleuchtet, wie die mediale Aufmerksamkeit zunehmend den öffentlichen Diskurs um Contergan prägte und welche Funktion der erstarkende Einfluss von Medien auf Politik und Wissenschaft einnahm. Im vierten Kapitel untersucht die Autorin den „Begriff des Contergankindes als neues Kollektivsymbol in der Presse“, um anschließend den politischen Diskurs auszuarbeiten. An dieser Stelle findet sich auch ein kurzer „Exkurs“ in die deutsch-deutsche Geschichte: Crumbach skizziert, wie der Begriff „Contergankind“ von der DDR-Propaganda zum Zwecke der Kapitalismuskritik genutzt wurde, wobei allerdings nicht die Auslandspropaganda im Mittelpunkt stand, sondern „vor allem die Stabilisierung im Innern“ (S. 230). Im letzten Kapitel rekonstruiert die Verfasserin die sprachlichen Konflikte, die im Rahmen der rechtlichen Aufarbeitung zwischen medizinischen Gutachtern, Journalisten und Juristen sowie auch der breiteren Öffentlichkeit entstanden.

In der Einleitung wird die methodische Herangehensweise ausführlich dargestellt. Diese ist überzeugend und innovativ. Crumbach nutzt die wissenschaftssoziologische Methode Ludwik Flecks, um nachzuzeichnen, wie Contergan als medizinische Tatsache konstruiert und in den öffentlichen Diskurs eingebracht wurde. Die von Fleck beschriebenen Phasen der „Konstitution“, „Konstruktion“ und „Konsolidierung“ des Wissens (S. 27) werden im Gang der Untersuchung zunächst auf die wissenschaftliche Entwicklung des Medikaments übertragen. Unter Einbezug diskursanalytischer und begriffsgeschichtlicher Analysen wird zudem der sprachliche Wandel im öffentlichen Diskurs nachgezeichnet, der nach dem Bekanntwerden der durch den Wirkstoff verursachten Fehlbildungen bei Neugeborenen entstand. Berücksichtigt werden dabei umfassende gesellschaftliche Dynamiken der „langen 1960er-Jahre“ in der Bundesrepublik, insofern der zunehmende Einfluss der Medien als Gegenpol zu Politik und Wissenschaft auch für das „Sprechen über Contergan“ breit untersucht wird. So geht Krumbach unter anderem der Frage nach, welche Folgen das Aufbrechen etablierter „Wissenshierarchien“ für das Bild von Behinderung hatte.

Das für die Arbeit herangezogene Quellenkorpus ist beeindruckend; es umfasst neben Medienberichten und zeitgenössischer wissenschaftlicher Literatur auch Gerichtsakten, Protokolle und betriebsinterne Dokumente, die allerdings nicht aus dem firmeneigenen Archiv stammen, sondern im Umfeld der Gerichtsverhandlungen zusammengetragen wurden. Detailliert schildert Crumbach auf Basis dieser reichhaltigen Quellen die verschiedenen Interessenlagen der Akteure. Die Analyse des „Sprechens“ ermöglicht somit auch explizit eine Auseinandersetzung mit den Formen der Macht, die sich in den zeitgenössischen Diskursen sprachlich äußern. Die Bewertung des Medikaments durch diverse Akteure änderte sich rasch, vor allem auch innerhalb medizinischer Kreise, nachdem erste Zweifel an der vermeintlichen Antitoxität in der medizinischen Community geäußert wurden. Dies konnte die Firma Grünenthal trotz intensiver Bemühungen, Diskussionen über mögliche Nebenwirkungen zu unterbinden, nicht verhindern. Im Jahr 1961 stand Contergan „nicht mehr für die Linderung von Schlaflosigkeit oder Unruhe, sondern für irreversible Nervenschäden bei Erwachsenen und für die körperliche Fehlbildung von Säuglingen“ (S. 90ff.).

Die sich nun steigernde mediale Aufmerksamkeit führte zu neuen Machtkonstellationen. Diverse Akteure versuchten mit sprachlichen Mitteln, Verantwortung zu delegieren oder Schuld von sich zu weisen. Während etwa die Medien überwiegend die marktübliche Bezeichnung „Contergan“ in ihrer Berichterstattung nutzten, wurde in medizinischen Kreisen etwa vom „Thalidomid-Unglück“ gesprochen, um so eine „schicksalhafte, nicht zu beeinflussende Einzelsituation“ zu beschwören (S. 113). Gleichwohl prägte die mediale Inszenierung mit ihrem Fokus auf die Nebenwirkungen unter Verwendung des zunehmend zu einem Kollektivsymbol sich entwickelnden Terminus „Contergankind“ die öffentliche Wahrnehmung massiv. Neben medizinischen Fragen wurden nunmehr auch Aspekte wie „Schuld“, „Technikgefahren“ und „lebenswertes Leben“ diskutiert (S. 149). Neue Akteure gewannen an Einfluss. Indem Eltern betroffener Kinder sich organisierten, indem die Justiz sich des Falls annahm, wandelten sich Sprachpraktiken und Sprachbedeutung erneut. „Neben medizinischen waren nun auch juristische ‚Experten‘ gefragt, die Geschehnisse für Laienleser einzuordnen und zu erklären. [...] In der Berichterstattung hielten nun Neologismen wie ‚Contergan-Anklageschrift‘ oder auch ‚Contergan-Prozess‘ Einzug, die sich an dem Kollektivsymbol Contergankind orientierten. Das Kollektivsymbol selbst wurde sprachlich weiter ausdifferenziert und weiterhin anschlussfähig“ (S. 264f.).

Trotz der Vielzahl an Diskurssträngen, Akteuren und Interessen gelingt es Anne Helen Crumbach, die verschiedenen Sprechweisen über Contergan und deren Einfluss auf die Rezeption des Falls trennscharf zu analysieren und aufeinander zu beziehen. Interessant wäre ein noch detaillierterer Blick auf die Sprachpraktiken von betroffenen Eltern gewesen, insofern diese durch die von ihnen gegründete Interessenvertretung explizit auch die Begriffe „Körperschädigung“ und „Contergan“ miteinander verbanden (S. 320). Dies wird nur gestreift. Insgesamt aber hat Crumbach ein wertvolles, gut zu lesendes und fundiert recherchiertes Werk über Sprachpraktiken im Kontext von Macht und Behinderung verfasst. Wie die Autorin selbst in ihrem Fazit schreibt, spiegeln sich hier „die tiefgreifenden sprachlichen Umbrüche der 1950er- und 1960er-Jahre wider. […] Der Contergan-Fall wurde zum Ort der Aushandlung moralischer Debatten über Lebensläufe von Menschen mit Behinderung“ (S. 318). Die gewählte methodische Herangehensweise, die Wissenssoziologie mit Diskursanalyse und Begriffsgeschichte verbindet sowie dabei explizit auch eine mediengeschichtliche Perspektive einnimmt, bereichert das Feld der Disability History[3] ungemein. Kleinere formale Mängel wie fehlende Leerzeichen oder falsche Worttrennungen hätte das Lektorat vor Drucklegung beseitigen sollen. Dies trübt den sehr guten Gesamteindruck des Buches indes nicht.

Anmerkungen:
[1] Siehe neuerdings etwa Niklas Lenhard-Schramm, Das Land Nordrhein-Westfalen und der Contergan-Skandal. Gesundheitsaufsicht und Strafjustiz in den „langen sechziger Jahren“, Göttingen 2016; Thomas Großbölting / Niklas Lenhard-Schramm (Hrsg.), Contergan. Hintergründe und Folgen eines Arzneimittel-Skandals, Göttingen 2017.
[2] Dazu grundlegend Hans-Walter Schmuhl, Exklusion und Inklusion durch Sprache. Zur Geschichte des Begriffs Behinderung. Eine Veröffentlichung des Institutes Mensch, Ethik und Wissenschaft (IMEW), Berlin 2010.
[3] Gabriele Lingelbach / Sebastian Schlund, Disability History, Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 08.07.2014, http://docupedia.de/zg/lingelbach_schlund_disability_history_v1_de_2014 (09.02.2019).