C. Hämmerling u.a. (Hrsg.): Das dokumentierte Ich

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Titel
Das dokumentierte Ich. Wissen in Verhandlung


Herausgeber
Hämmerling, Christine; Zetti, Daniela
Reihe
Interferenzen – Studien zur Kulturgeschichte der Technik 26
Erschienen
Zürich 2018: Chronos Verlag
Anzahl Seiten
144 S.
Preis
€ 34,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Michaela Scharf, Ludwig Boltzmann Institute for Digital History, Wien

Was ist ein Ego-Dokument? Die Antwort auf diese Frage mag im ersten Moment simpel erscheinen. Unter Ego-Dokumenten sind zunächst all jene Quellentypen zu verstehen, in denen eine Person Auskunft über sich selbst gibt. Doch der bereits Ende der 1950er-Jahre von dem niederländischen Historiker Jacob Presser etablierte Begriff des Ego-Dokuments provozierte aufgrund seiner theoretischen und methodischen Implikationen heftige Debatten innerhalb der Kultur- und besonders der Geschichtswissenschaft.[1] Schließlich setzt der Terminus eine „Allianz zwischen ‚Ego’ und ‚Dokument’“ (S. 14) voraus, die es erst zu hinterfragen gilt. Inwiefern erlauben Ego-Dokumente den Zugriff auf jene Personen, die hier Auskunft über sich selbst geben? Wie lässt sich dieses Verhältnis von „Dokument“ und einem „Ego“, das darin vermeintlich zum Ausdruck kommt, theoretisch und methodisch konzeptualisieren? Genau jenen weitreichenden Fragen widmet sich der vorliegende Tagungsband „Das dokumentierte Ich. Wissen in Verhandlung“, der Beiträge aus der Geschichtswissenschaft, der Leseforschung, dem Ausstellungswesen, der Literaturwissenschaft sowie der Kultur- und Medienwissenschaft versammelt. Die kritische Auseinandersetzung mit dem Begriff des Ego-Dokuments in seiner Definition durch den Historiker Winfried Schulze[2] bildet den gemeinsamen Ausgangspunkt der Autorinnen und Autoren.

Bereits in den 1990er-Jahren plädierte Schulze dafür, den zunächst auf Quellen wie Tagebücher, Briefe und Autobiografien abzielenden Begriff des Ego-Dokuments um Zeugnisse zu erweitern, die beispielsweise „im Rahmen administrativer, jurisdiktioneller oder wirtschaftlicher Vorgänge“[3] produziert wurden und ebenso Selbstäußerungen enthalten. Gemeint sind damit alle Arten von autoreflexiven Quellen, in denen „ein Mensch Auskunft über sich selbst gibt, unabhängig davon, ob dies freiwillig – also etwa in einem persönlichen Brief, einem Tagebuch, einer Traumniederschrift oder einem autobiographischen Versuch – oder durch andere Umstände bedingt geschieht“.[4] Im Anschluss an Schulzes erweiterte Konzeption diskutieren die Autorinnen und Autoren des vorliegenden Bandes, inwiefern sich verschiedene, mitunter neuartige Quellentypen wie Volkszählungsbögen, Stasi-Akten, Profile auf Social-Media-Plattformen, Storytime-Videos und Suchanfragen im Netz als Ego-Dokumente fassen und nach Selbstauskünften befragen lassen. Die acht Aufsätze analysieren dabei insbesondere die medialen Bedingungen und technischen Spezifika, unter denen ein „Ich“ jeweils zum Ausdruck kommt.

Während Schulzes Begriffsdefinition die Vorstellung eines „Selbst“ impliziert, das jenseits der Dokumente besteht, zielt bereits der Titel des Bandes „Das dokumentierte Ich“ auf die Reflexion des Dokumentationsprozesses ab, im Rahmen dessen sich das „Ich“, dem hier nachgespürt werden soll, erst konstituiert. Mit anderen Worten: Die medialen Charakteristika von Video-Blogs, Interview-Aufzeichnungen, Online-Austauschforen, Romanen oder Suchmasken bestimmen die Konturen des jeweiligen „Selbst“, das Auskunft über sich gibt. Obwohl die Herausgeberinnen damit implizit auf ein poststrukturalistisches Subjektverständnis referieren, wonach dieses Selbst nicht als autonome Instanz der Erkenntnis hinter den medialen Praktiken anzusiedeln ist, sondern sich im Verlauf dieser Praktiken erst herstellt, hätte dem Band eine direkte Nennung theoretischer Bezüge gutgetan.

Weder die Herausgeberinnen noch die Autorinnen und Autoren klären, was genau sie unter einem „Ich“, einem „Selbst“ oder „Ego“, das hier „dokumentiert“ wird, verstehen und welche Relation von Individuum und Gesellschaft sowie von Subjekt und (Medien-)Technologie hier angenommen wird. Insbesondere die deutschsprachige Forschungslandschaft hat in den letzten zehn Jahren eine Reihe von Studien zu Tage gefördert, die genau jene Verhältnisse untersuchen.[5] Die Herausgeberinnen versäumen es, den Band in einen größeren, geschweige denn internationalen Forschungszusammenhang zu stellen. Vorrangiger Bezugspunkt bleibt Schulzes Neukonzeption des Begriffs des Ego-Dokuments. Auch die innerhalb der Geschichtswissenschaft geführten Debatten zur Verwendung von alternativen Begriffen wie „Selbstzeugnis“ oder „lebensgeschichtliches Dokument“ werden nicht aufgenommen.[6]

Dennoch handelt es sich bei dem vorliegenden Band um eine lesenswerte Sammlung methodisch-theoretischer Reflexionen über verschiedene Quellentypen und ihre formalen Charakteristika. Im Zentrum der Beiträge steht weniger die Frage nach den historisch und sozial spezifischen Selbstäußerungen, sondern vielmehr das Nachdenken über die mediale Form dieser Quellengattungen, die den jeweiligen Modus der Selbstdarstellung beziehungsweise der Selbstauskunft maßgeblich prägt. Die Autorinnen und Autoren kommen hier mitunter zu spannenden Erkenntnissen.

Wolfgang Göderle etwa untersucht Volkszählungsbögen der Habsburgermonarchie und fragt, inwiefern die Verwendung dieser standardisierten Vorlagen, die der Bevölkerung die Beschäftigung mit verschiedenen Merkmalen wie Name, Geschlecht, Geburtsjahr, Konfession, Stand, Beruf etc. abverlangte, ein staatsbürgerliches Subjekt hervorbrachte. Wesentlich daran ist, dass diese Definitionsmerkmale weitestgehend dem bürgerlichen beziehungsweise bourgeoisen Selbstverständnis entsprachen und damit den Prämissen jener sozialen Gruppe, deren Angehörige mit der Durchführung der Zählungen betraut waren. Das Potential von Göderles Beitrag besteht nun darin, die Subjektform zu konturieren, die über die Verwendung jener Zensusbögen an Reichweite gewann und mit der sich eine Vielzahl von Personen plötzlich konfrontiert sah: das (staats-)bürgerliche Subjekt.

Angela Gencarelli wiederum widmet sich in ihrem Beitrag der literarischen Konstruktion von „Auto-Porträts“ und veranschaulicht anhand der Analyse autobiografischer Erzählungen aus der DDR in Sarah Kirschs Erzählprotokollen „Die Pantherfrau. Fünf unfrisierte Erzählungen aus dem Kassetten-Recorder“ (1973/74), wie kanonische Erzählformen aus der fiktionalen Literatur in jene Selbsterzählungen eindringen und damit auch außerhalb des begrenzten Bereichs der „schönen Literatur“ wirksam werden. Das Potential dieser autobiografischen Erzählungen, so argumentiert Gencarelli, sei mit der Frage nach den spezifischen Lebensumständen der Menschen, ihren Selbstwahrnehmungen und Gefühlen, nicht ausgeschöpft. Vielmehr müssten solche Ego-Dokumente dahingehend befragt werden, mit welchen „narrativen Kunstgriffen“ (S. 53) die Menschen von sich erzählten und darüber ihr Leben und ihr „Selbst“ im Rahmen der autobiografischen Erzählungen erst konstruierten.

Jenem Spannungsverhältnis von Dokumentation und Narration widmet sich auch Robert Dörre, der Rezeptionsmodalitäten von „Storytime-Videos“ im Social Web untersucht. Die Lektüre dieser selbstdokumentarischen Aufzeichnungen, in denen Menschen von persönlichen Erfahrungen oder Erwartungen erzählen und sich dabei selbst filmen, sei durch eine stetige Auseinandersetzung mit dem Wahrheitsstatus dieser Dokumente bestimmt. Wichtiger als die These, dass sich die Rezeption dieser Videos zwischen Glauben und Unglauben, Überzeugung und Zweifel entfaltet, erscheint im Hinblick auf die theoretische und methodische Reflexion von Dokumenten, in denen Menschen Auskunft über sich geben, jedoch die Überlegung, dass sich diese Selbstauskünfte an der Erwartungshaltung des jeweiligen Publikums orientieren und somit der antizipierte Rezeptionskontext und die antizipierte Rezeptionshaltung – auch jene einer skeptischen Lektüre – die Form der Selbstäußerung mitbestimmen.

In Anbetracht dessen, dass sich die Autorinnen und Autoren allesamt an Winfried Schulzes Definition von Ego-Dokumenten abarbeiten, der als Historiker ein spezifisches Interesse verfolgte, nämlich mit jener erweiterten Konzeption des Begriffs die Quellenbasis für die Geschichtswissenschaft auszubauen und so die „Schwelle der Geschichtsfähigen“[7] zu senken, ist es verwunderlich, dass sich die einzelnen Beiträge kaum für jene geschichtsfähigen Subjekte interessieren. Wer hier zu welchen spezifischen Zeiten und in welcher Form Auskunft von sich gibt, welche Themen für die Selbsterzählung oder Selbstdarstellung gewählt werden, welche hegemonialen Subjektformen oder typischen Subjekteigenschaften verhandelt werden und welches Selbstverständnis sich im Umgang mit bestimmten Medientechnologien (theoretisch) herausbildet, spielt in den Texten kaum eine Rolle. Dies ist dem Band nicht unbedingt vorzuwerfen, verfolgt er doch ein anderes Ziel: die formalen Spezifika zu beleuchten, die den Selbstausdruck der jeweiligen Personen konturieren. Auch wenn es schade ist, dass die Autorinnen und Autoren nicht mehr inhaltliche Fragen an jene neuartigen Quellentypen stellen und die Leserinnen und Leser kaum darüber informieren, warum es sich lohnen würde, diese Quellen auch empirisch näher zu untersuchen, handelt es sich bei dem vorliegenden Band um eine gewinnbringende Lektüre für alle, die sich für den Menschen in der Neuesten Geschichte, sein Denken, Verstehen und Verhalten interessieren. Der Band ist aber noch mehr als das: Er ist all den „Menschenfressern“[8] (so Marc Blochs ungeschönte Bezeichnung für den Berufsstand der Historikerinnen und Historiker) eine Mahnung, dass sich die Subjekte aus den Quellen nicht einfach herauspräparieren lassen und dass sich das Potential des Begriffs „Ego-Dokument“ letztlich erst in seiner Dekonstruktion entfaltet.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Mary Fulbrook / Ulinka Rublack, In Relation. The ‚Social Self’ and Ego-Documents, in: German History 28 (2010), S. 263–272, hier S. 263.
[2] Vgl. Winfried Schulze, Ego-Dokumente. Annäherung an den Menschen in der Geschichte? Vorüberlegungen für die Tagung „Ego-Dokumente“, in: ders. (Hrsg.), Ego-Dokumente. Annäherung an den Menschen in der Geschichte, Berlin 1996, S. 11–30.
[3] Ebd., S. 21.
[4] Ebd.
[5] Siehe etwa Hannelore Bublitz, Im Beichtstuhl der Medien. Die Produktion des Selbst im öffentlichen Bekenntnis, Bielefeld 2010; Andreas Gelhard / Thomas Alkemeyer / Norbert Ricken (Hrsg.), Techniken der Subjektivierung, München 2013; Tanja Carstensen u.a. (Hrsg.), Digitale Subjekte. Praktiken der Subjektivierung im Medienumbruch der Gegenwart, Bielefeld 2014; Pascal Eitler / Jens Elberfeld (Hrsg.), Zeitgeschichte des Selbst. Therapeutisierung – Politisierung – Emotionalisierung, Bielefeld 2015.
[6] Zur Diskussion von Alternativbegriffen siehe Kaspar von Greyerz, Ego-Documents. The Last Word?, in: German History 28 (2010), S. 273–282.
[7] Ulrich Raulff, Vorwort, in: ders. (Hrsg.), Mentalitäten-Geschichte. Zur Rekonstruktion geistiger Prozesse, Berlin 1989, S. 15; zit. nach Schulze, Ego-Dokumente, S. 26.
[8] Marc Bloch, Apologie der Geschichtswissenschaft oder Der Beruf des Historikers. Nach der von Étienne Bloch edierten französischen Ausgabe hrsg. von Peter Schöttler. Vorwort von Jacques Le Goff. Aus dem Französischen von Wolfram Bayer, Stuttgart 2002, S. 30.