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Titel
Mit Rohkaffee handeln. Hamburger Kaffee-Importeure im 20. Jahrhundert


Autor(en)
Wierling, Dorothee
Erschienen
Anzahl Seiten
383 S., 47 Abb.
Preis
€ 30,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Mona Rudolph, Historisches Seminar, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Von den gereiften Früchten der Kaffeepflanze bis hin zum frisch aufgebrühten Filterkaffee setzt die Kaffeebohne über diverse Produktions-, Handels- und Verkaufsstationen zahlreiche Menschen miteinander in Verbindung. Damit stellt Kaffee ein Paradebeispiel einer globalen Warenkette dar, entlang derer sich nicht nur die Fertigung einer bestimmten Ware nachvollziehen lässt, sondern vor deren Hintergrund sich auch die Akteure zum Vorschein bringen lassen, die innerhalb der einzelnen Etappen scheinbar unsichtbar am Werk sind. Mehrere Studien der jüngeren Forschung haben sich bereits der Kaffeegeschichte gewidmet[1] und auch das kulturgeschichtliche Interesse an Warenketten stellt keine Neuerung mehr dar[2], dennoch ist Dorothee Wierlings Monographie über den Rohkaffeehandel gleich in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert: Vor dem Hintergrund des Zwischenhandels mit Rohkaffee in und über Hamburg wagt sie die Untersuchung des Typus des hanseatischen Kaufmannes vom Beginn des Ersten Weltkriegs bis in die 1970er-Jahre. Entstanden ist dabei eine Untersuchung, die in erster Linie den Untergang des Freihandels im hanseatischen Kaffeegewerbe aufgrund zunehmender staatlicher Regulierungsschübe zum Gegenstand hat. Darüber hinaus zeigt sie das erbitterte Ringen der Hamburger Akteure um die Dominanz über das Kaffeegewerbe angesichts des zunehmenden Bedeutungsverlustes des Zwischenhandels und präsentiert zugleich auch unerlässliche und dezidierte Einsichten in das wohl dunkelste Kapitel des deutschen Kaffeehandels, die Zeit des Nationalsozialismus.

Mühelos gelingt die Eröffnung mit einem virtuellen Rundgang entlang des Hamburger Sandtorhafens, der auch heute noch symbolisch für den Kaffeehandel steht und zugleich den geographischen Rahmenbezug der Untersuchung darstellt. Mit den aus Südamerika ankommenden Bohnen begann hier der hanseatische Zwischenhandel und deshalb gründete sich hier auch das „Comité der am Caffeehandel betheiligten Firmen“, aus dem später der „Verein der am Caffeehandel betheiligten Firmen“ hervorging. Der Verein, der als Zusammenschluss von etwa 200 Firmen den Kaffeehandel über Hamburg organisierte und regulierte, steht im Mittelpunkt der Studie und bildet die zu untersuchende Hauptakteursgruppe. Dieser eigentlichen Analyse sind jedoch zwei darstellende Kapitel vorgeschaltet, in denen zunächst die wesentlichen Akteure sowie deren Handlungsnormen und Kollektivwerte vorgestellt werden. Einerseits scheint dieses Vorgehen sinnvoll gewählt zu sein, um der Leserschaft vorab einen Überblick über die Akteurskonstellationen und deren sozio-ökonomischen Wertekanon zu geben. Andererseits deutet sich hier bereits die größte Herausforderung und eine Gratwanderung an, die im Verlauf der Studie nicht so recht gelingen mag: nämlich die Rekonstruktion von verbindlichen Normen, die dem hanseatischen Kaufmannsstand repräsentativ zugeschrieben werden können, zugleich spezifisch für den Umgang mit Rohkaffee standen und zudem strukturelle Veränderungen nach sich zogen.

Bereits dem Prolog, der die opulente Feier anlässlich des Vereinsjubiläums 1911 thematisiert, ist zu entnehmen, dass die eigentliche Blütezeit des Kaffeefreihandels in der Zeit vor dem Beginn des Ersten Weltkriegs angesiedelt war. In dieser Zeit besaß der Verein noch die vollständige Entscheidungshoheit darüber, welche Vertreter des Kaffeehandels in den erlesenen Kreis der Vereinsmitglieder aufgenommen und somit am eigentlichen Handelsgeschehen beteiligt wurden. Geradezu ungläubig und apathisch reagierte der Kaffeeverein deshalb auf den Ersten Weltkrieg und die damit einhergehenden Einschränkungen ihrer Handelsfreiheiten. Transparent und schlüssig zeigt Dorothee Wierling dabei das entschlossene Ringen zwischen den Hamburger Kaffeehändlern und den staatlichen Akteuren über die Oberhoheit des Rohkaffeehandels im Krieg auf und knüpft damit an die These des Ersten Weltkriegs als Deglobalisierungsphase an, die einen massiven Abbruch von Handelsbeziehungen zur Folge hatte. Der Hamburger Kaffeeverein büßte nicht nur aufgrund der nationalen Zwangssyndizierung massiv an selbstbestimmtem Aktionsradius ein, sondern war fortan auch gezwungen, sich verstärkt mit der inländischen Konkurrenz – vorrangig dem bremischen Kaffeehandel – auseinanderzusetzen. Auch der Friedensschluss konnte die Hoffnungen der Kaffeehändler auf den Rückzug staatlicher Interventionen im Kaffeegeschäft und die Rückkehr zum Ursprungszustand der Vorkriegsjahre nicht erfüllen. Ganz im Gegenteil waren die Jahre der Weimarer Republik gekennzeichnet von anhaltender staatlicher Präsenz im Kaffeehandel. Auch wenn es dem Hamburger Kaffeeverein nicht mehr gelang, an das Handelsvolumen der Vorkriegsjahre anzuknüpfen – denn dazu wogen die Devisenknappheit, die Inflation und die Weltwirtschaftskrise einfach zu schwer – gelang es zumindest doch, die Handelsbeziehungen in stabilem Umfang wiederaufzunehmen.

Einen thematischen Schwerpunkt der Studie bildet die hieran anknüpfende Analyse des hanseatischen Rohkaffeehandels in der Zeit des Nationalsozialismus. In diesem Zusammenhang widmet sich Dorothee Wierling vorrangig dem Fragenkomplex, inwieweit die Hamburger Akteure geschäftlich von der zunehmenden Gleichschaltung in Zeiten des Nationalsozialismus profitierten. Bereits der als Hinführung zum eigentlichen Kapitel über den Zweiten Weltkrieg angelegte Prolog mit dem Titel „Frieden mit dem Nationalsozialismus“ offenbart die zunehmende Infiltration des hanseatischen Kaffeevereins durch NSDAP-Mitglieder und die schleichende nationalsozialistische Kontrollübernahme über den Verein. Erschreckende und unerlässliche Einblicke gewährt die Untersuchung in diesem Zusammenhang in die „Arisierung“, welche die Kaffeehändler in ihren Vereinsreihen durchführten. Dabei gelingt es vor dem Hintergrund des „Arisierungs“-Prozesses, der 1937 seinen traurigen Höhepunkt fand, aufzuzeigen, wie opportunistisch sich der Großteil der hanseatischen Kaufmannsriege gegenüber dem NS-Staat verhielt, um Einbußen und negative Handelsbilanzen um jeden Preis zu vermeiden. Noch eindrucksvoller plausibilisiert Dorothee Wierling in ihrem Kapitel „Kaffeehändler im Osteinsatz“, wie weit das Profitstreben einzelner Kaffeehändler im Krieg tatsächlich reichte. Gleich mehrfach bereicherten sich hanseatische Kaufmänner an der Enteignung und Beschlagnahmung wirtschaftlicher Betriebe in den besetzten polnischen Gebieten.

Im Vergleich zum Ersten Weltkrieg stellte das Ende des Zweiten Weltkriegs einen stärkeren Einschnitt dar, denn der Rohkaffeehandel lag vollständig brach. Neben den internationalen Handelskontakten, die nicht mehr bestanden, waren weite Teil des Sandtorhafens zerstört und darüber hinaus unterstand Hamburg fortan der Aufsicht und Kontrolle der britischen Alliierten. Auch in dieser Situation zeigten sich die Kaffeehändler erstaunlich apathisch, während die Alliierten das Kaffeegewerbe wiederbelebten, indem sie an bekannte Strukturen des Kaffeehandels unter den Nationalsozialisten anknüpften. Trotz der zunächst nur geringen Importmengen an Rohkaffee, mit denen die Handelstätigkeiten wiederaufgenommen wurden, zeichnete sich der Bedeutungsverlust des Hamburger Kaffeehandels deutlich ab: Die Hansestadt vermochte nicht mehr von ihrem Standortvorteil zu zehren und die Händler konnten nicht mehr von ihrem einst dichten Netz an Geschäftsbeziehungen profitieren. Anfang des Jahres 1949 folgte ein erneuter Eingriff, der eine noch stärkere Dezentralisierung des Kaffeehandels zur Folge hatte. Nur noch 40 Firmen erhielten in der Folge eine staatlich bewilligte Lizenz, die zum Kaffeeimport berechtigte. Bereits 1955 wurden diese rigiden Rahmenbedingungen wieder gelockert und der Transithandel erneut geöffnet, der es Händlern ermöglichte, Kaffeebohnen direkt aus den Erzeugerländern zu beziehen. Abermals vermochte allerdings auch dieser Schritt nicht darüber hinwegzutäuschen, dass Hamburg nur noch einen Standort unter vielen darstellte, die Kaffeehandel betrieben. Symptomatisch hierfür erwies sich auch, dass die hanseatischen Kaffeehändler nicht von dem deutsch-deutschen Kaffeehandel in die DDR seit 1953 zu profitieren vermochten.

Die darauffolgenden strukturellen Entwicklungen und Veränderungen, dessen Ausläufer auch heute noch in Teilen vorherrschen, werden in dem hervorragenden Kapitel „Konzentration und Konkurse“ rekonstruiert, das leider innerhalb der Analyse etwas zu kurz ausgefallen ist. In komprimierter Form wird hier die fortschreitende Konzentration des Kaffeegewerbes unter Ausschaltung des Zwischenhandels dargelegt, die zum Teil auf den verschärften Konkurrenzkampf der Lebensmitteleinzelhändler untereinander, zum Teil auf die erwähnten Liberalisierungstendenzen Mitte der 1950er-Jahre zurückzuführen ist. Einen besonders gelungenen Abschluss findet die Studie mit dem Kapitel „In der Welt des Kaffees: Reisen, Repräsentationen und Realitäten“, in dem über die Thematisierung des Konsums eine Rückbindung an den Ursprung der Warenkette des Kaffees erfolgt. Handelte es sich bei Kaffee gegen Ende des 19. Jahrhunderts noch um ein äußerst wertgeschätztes Produkt, prägte vor allem Tchibo mit der Einführung des Stehcafés eine veränderte Form des Kaffeekonsums, die sinnbildlich für die veränderte Wahrnehmung des Kaffees stand. Kaffeegenuss wurde nun jederzeit auch unterwegs und zwischendurch erfahrbar. Ebenso überzeugt das Schlaglicht, das noch kurz auf das Thema des Bio-Kaffees und die Fairtrade-Siegel geworfen wird. Diese Episode nimmt treffenderweise nochmals die gesamte Warenkette des Kaffees in den Blick und entlässt die Leser mit dem Hinweis darauf, dass nicht nur der Konsum die Produktion bedingt, sondern auch über bewusste Konsumentenentscheidungen Einfluss auf Warenketten ausgeübt werden kann.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Martin Krieger, Kaffee. Geschichte eines Genussmittels, Köln 2011; Heinrich Jacob, Kaffee. Die Biografie eines weltwirtschaftlichen Stoffes, München 2006; Julia Laura Rischbieter, Mikro-Ökonomie der Globalisierung. Kaffee, Kaufleute und Konsumenten im Kaiserreich 1870-1914, Köln 2011.
[2] Vgl. Sidney Mintz, Die süße Macht. Kulturgeschichte des Zuckers, Frankfurt am Main 2007; Mark Kurlansky, Salt. A World History, London 2003; Martin Krieger, Tee. Eine Kulturgeschichte, Köln 2009.