Cover
Titel
Erwartungen im Umbruch. Die westdeutsche Linke und das Ende des "real existierenden Sozialismus"


Autor(en)
Sziedat, Konrad
Reihe
Quellen und Darstellungen zur Zeitgeschichte 121
Erschienen
Anzahl Seiten
IX, 348 S., 4 Abb., 2 Tab.
Preis
€ 54,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Dagmara Jajeśniak-Quast, Zentrum für Interdisziplinäre Polenstudien, Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder)

Pünktlich zum 30. Jahrestag der „friedlichen Revolutionen“ in Ostmitteleuropa hat Konrad Sziedat seine leicht überarbeitete Dissertation veröffentlicht, die 2016 von der Fakultät für Geschichts- und Kunstwissenschaften der Ludwig-Maximilians-Universität München angenommen wurde. Das Buch zeichnet die Erwartungen und Hoffnungen nach, die westdeutsche Linke am Vorabend des Umbruchs von 1989/90 in die Transformationsprozesse in Ost- und Ostmitteleuropa setzten. Der Autor zeigt, wie diese Erwartungen zu erheblichen Teilen enttäuscht wurden, und analysiert auch die Strategien der Linken, mit denen sie darauf reagierte. Dabei wird die Enttäuschung in der Studie als Resultat einer „Kollision von positiver Erwartung und negativer Erfahrung“ definiert (S. 5). Das Buch liefert fundierte Erklärungen für den tiefgreifenden Wandel der westdeutschen Linken nach 1989.

Sziedats Studie reiht sich in die hierzulande wiederentdeckte Transformationsforschung ein. Obwohl der Begriff „Transformation“ im Titel des Buches nicht vorkommt, spielt er dennoch eine zentrale Rolle in der Untersuchung; zum einen in der Chronologie der Arbeit, denn Sziedat beginnt mit der Analyse der Hoffnungen der westdeutschen Linken in den 1980er-Jahren – dem Anfang der Transformationsprozesse im „Ostblock“. Somit stützt das Buch die These von der langen (rund 30-jährigen) Geschichte der „Wende“.[1] Zum anderen ist die Transformation für den inhaltlichen Zuschnitt wichtig, ist es doch Ziel des Autors, „die Erwartungen westdeutscher Linker hinsichtlich Kontinuität und Wandel zu untersuchen“ (S. 2). Dabei unterscheidet Sziedat zwei Qualitäten dieser Veränderungen in der Zeit: „Erwartungstransformationen und Erwartungsverlagerungen“ (S. 225). Insofern können die vom Verfasser in Frage gestellten etablierten Narrative vom „Ende der Hoffnung“ und „Ende der Illusion“ auch als eine Begriffstransformation verstanden werden. Denn Sziedat bietet ein differenzierteres Verständnis von Enttäuschung als Prozess, indem er nach dem Wandel von Erwartungen fragt. Damit ist die Studie außerdem ein Beitrag zur in Darstellungen des 20. Jahrhunderts lange vernachlässigten Geschichte der Gefühle – der neuerdings so hoch im Kurs stehenden Emotionsgeschichte.[2] Schließlich tangiert die Arbeit das Forschungsfeld der Historischen Semantik. Sziedat untersucht zentrale Erwartungsbegriffe, wie sie bei westdeutschen Linken vorkamen. So zeigt der Autor mit „friedliche Revolution“ und „Zivilgesellschaft“ zwei semantische Innovationen auf, an denen die Linke wesentlich beteiligt war.

Dabei versteht Sziedat „die westdeutsche Linke“ als einen Sammelbegriff, der von den Selbstbezeichnungen der Akteur/innen abweichen kann und eine große Breite unterschiedlicher Strömungen abdeckt. Gemeinsam war dieser heterogenen Gruppe die Unterstützung für Dissident/innen im sowjetischen Machtbereich. Somit spart Sziedat einen Teil der Sozialdemokratie aus, der sich aufgrund regierungs- und entspannungspolitischer Rücksichten gegen eine explizite Unterstützung der Dissident/innen im Ostblock entschied. Unberücksichtigt bleiben in der Studie auch die orthodoxen Kommunist/innen der finanziell und ideell vom Ostblock abhängigen Deutschen Kommunistischen Partei bzw. Sozialistischen Einheitspartei Westberlins. Zudem werden die Anarchist/innen und Autonomen aus der Betrachtung ausgeklammert. Mit einer solchen – breiten, aber nicht umfassenden – Definition der Linken nimmt der Autor eine gewisse Unschärfe der untersuchten Gruppe in Kauf, die für einige Leser/innen verwirrend wirken kann. Andererseits ermöglicht es erst diese Breite, die Verbindungslinien zwischen den unterschiedlichen politischen Positionen und den wechselnden Allianzen abzubilden – immerhin bildet die historische Netzwerkanalyse die Hauptmethode der Studie.

Sziedat identifiziert Veränderungen im Gebrauch der für die Untersuchung zentralen Begriffe „Sozialismus“ und „dritter Weg“. Er verfolgt, wie der zu Anfang der 1980er-Jahre unter westdeutschen Linken noch eng mit der Solidarność verknüpfte Begriff „Sozialismus“ systematisch einen Niedergang erlebte, bis sich schließlich nach 1989 weitere Akteur/innen von ihm verabschiedeten. Auch im Begriff des „dritten Weges“ kommt eine tiefgreifende Erwartungstransformation zum Ausdruck. Die Studie belegt, wie der historisch weit zurückverfolgte „dritte Weg“, insbesondere aus dem Kontext der Gründung der Grünen vor der politischen Wende in den 1980er-Jahren, neuen Auftrieb erhielt. Darüber hinaus zeigt Sziedat, dass mit der „friedlichen Revolution“ von 1989 die Zukunftsvorstellung eines „dritten Weges“ sowohl im Osten als auch im Westen widerstandslos unterging und heute aus der öffentlichen Erinnerung verschwunden ist. Damit können wir dank Sziedats Untersuchung die Zäsur von 1989 vielleicht doch als gesamtdeutsche generationelle Prägekraft verstehen.[3] Denn gerade im Kontext des „dritten Weges“ war die von Sziedat gezeigte Kollision von positiver Erwartung und negativer Erfahrung sowohl bei den westdeutschen Linken als auch bei den ostdeutschen Dissident/innen ähnlich groß.

Das Buch bietet aber noch mehr Anregungen für die aktuelle Forschung. Obwohl es sich vorrangig um die westdeutsche Linke dreht, kann es auch in die DDR- sowie in die Ost- bzw. Ostmitteleuropaforschung eingeordnet werden. Denn Sziedats Untersuchungsfelder führen die Leserschaft vermittelt über die westdeutschen Protagonist/innen chronologisch zunächst in das Polen der 1980er-Jahre und damit in die Solidarność-Zeit, dann in die Sowjetunion der Gorbatschow-Ära der Perestroika und Glasnost ab 1985, über die „Revolution“ in der DDR und die Vereinigung Deutschlands in den Jahren 1989/90 bis hin zu den Folgen des Zusammenbruchs des Realsozialismus für die westdeutsche Linke Anfang der 1990er-Jahre. Im Sommer 2018 hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung große „Wissenslücken über die DDR“ konstatiert und zielt mit 14 ausgewählten Forschungsverbünden seitdem auf eine stärkere Verankerung der DDR-Forschung in der deutschen Hochschul- und Forschungslandschaft.[4] Sziedats Studie trägt dazu bei, die längere Vorgeschichte der westdeutschen Beschäftigung mit dem Realsozialismus und seinen Folgen besser zu verstehen.

Die vielfältigen Einordnungsmöglichkeiten belegen den hohen Stellenwert der Arbeit, sowohl für die Wissenschaft als auch für die an Zeitgeschichte interessierte breite Öffentlichkeit. Die Diskussionen im Umfeld der 30. Jahrestage von Mauerfall und deutscher Einheit zeigen, wie relevant das von Sziedat behandelte Thema ist. So ist sein Buch schnell in den (nicht nur) wissenschaftlichen Diskurs gelangt.[5] Gerade die 1.641 Personen der sehr heterogenen westdeutschen Linken, die Sziedat für seine Studie identifiziert, untersucht und mithilfe einer Netzwerkanalyse in Beziehung zueinander gesetzt hat, um sie schließlich am Ende der Abhandlung in dreizehn Netzwerkgrafiken und einer langen Tabelle zusammenzufassen, machen die Studie hochinteressant. Mit sieben der Protagonist/innen hat der Verfasser selbst gesprochen bzw. korrespondiert, was die Darstellung zusätzlich bereichert. Hier kommen auch die Anhänger der historischen Netzwerkanalyse auf ihre Kosten. Sziedat verknüpft sieben Einzelaktionen miteinander, die Anfang der 1980er-Jahre der Unterstützung der polnischen Solidarność dienten. Darauf basierend, weist das Buch Verbindungslinien von knapp 100 Personen zu elf anderen Initiativen nach, die sich in der Folgezeit mit weiteren Themen beschäftigten. Das Spektrum der Netzwerke erstreckt sich von der blockübergreifenden Friedensbewegung über die Reformpolitik Gorbatschows und den zeitweise angestrebten Erhalt einer eigenständigen DDR im Umbruch 1989/90 bis zum Ziel einer neuen Verfassung für das vereinte Deutschland und zu den Landkommunen westdeutscher Linker in den neuen Bundesländern. So kommen in dem Buch immer wieder Sozialdemokrat/innen wie Iring Fetscher, Peter von Oertzen, Carola Stern, aber auch Mitglieder des Sozialistischen Büros, Trotzkist/innen und Maoist/innen vor. Bekannte Namen von Grünen-Politikern wie Joschka Fischer, Petra Kelly, Otto Schily und Antje Vollmer gehören ebenso zu den Protagonist/innen wie die DDR-Dissidenten Wolf Biermann, Rudolf Bahro, Stefan Heym und Jürgen Fuchs. Viele von ihnen engagierten sich bereits 1980 in der Initiative „Solidarität mit Solidarność“ und unterstützten später andere Dissident/innen in der DDR.

Die Studie stellt eine wesentliche Bereicherung für die Zeitgeschichte dar. Sie ergänzt auch die bisherige Forschung über die deutsch-polnischen Beziehungen um den Beginn eines neuen bilateralen Annäherungsprozesses Anfang der 1980er-Jahre, zu dem bisher nur Einzel- und Lokalstudien veröffentlicht wurden.[6] Sziedat ordnet den Untersuchungsgegenstand sehr gründlich in die relevante und noch nicht so umfangreiche Forschung ein.[7] Auch die theoretisch-konzeptionelle Fundierung, ausgehend vom Begriff der Enttäuschung über eine Diskrepanz zwischen Erwartung und Erfahrung bis hin zum Erwartungsmanagement, ist von hohem Innovationsgrad. Das Buch kann somit nur wärmstens für die Lektüre empfohlen werden.

Ein einziger Kritikpunkt sei hier dennoch vermerkt, und zwar bezüglich der genutzten Literatur und Quellen. So beeindruckend die Aktualität und die Breite der von Sziedat verwendeten Literatur auch sind, basiert die Studie – leider nicht untypisch für die deutsche Zeitgeschichtsforschung – ausschließlich auf deutsch- und englischsprachigen Publikationen (was vermutlich an begrenzten Sprachkenntnissen liegt). Dabei gibt es in Ostmitteleuropa durchaus renommierte Forschungszentren etwa im Bereich der Deutschlandstudien, die zu diesem Thema fundierte Arbeiten vorweisen können.[8] Auch die Quellen-Recherchen für das vorliegende Buch beziehen sich mit einer Ausnahme allein auf deutsche Archive. Angesichts des Untersuchungsfeldes (westdeutsche Perzeption der Ereignisse in Polen, der UdSSR und der DDR) verwundert es, dass Sziedat zwar in das Archiv des Internationalen Instituts für Sozialgeschichte nach Amsterdam gereist ist, aber kein Archiv im ehemaligen „Ostblock“ besucht hat. Da der Verfasser die Initiative „Solidarität mit Solidarność“ als Ausgangspunkt für seine Studie wählt und bereits in der Einleitung konstatiert, dass diese Hilfskampagne bislang kaum erforscht ist (S. 3), wäre eine Recherche im bereits 2014 eröffneten Zentralarchiv des Europäischen Zentrums der Solidarność in Gdańsk (Europejskie Centrum Solidarności, ECS) angebracht gewesen.[9]

Anmerkungen:
[1] Siehe dazu u.a. die folgenden beiden Forschungsprojekte: „Die lange Geschichte der ‚Wende‘. Lebenswelt und Systemwechsel in Ostdeutschland vor, während und nach 1989“ am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam, https://zzf-potsdam.de/de/forschung/linien/die-lange-geschichte-der-wende-lebenswelt-systemwechsel-ostdeutschland-vor-waehrend (11.05.2020), und „Transformationen in der neuesten Zeitgeschichte“ am Institut für Zeitgeschichte München – Berlin, https://www.ifz-muenchen.de/forschung/transformationen-in-der-neuesten-zeitgeschichte/projektuebersicht/ (11.05.2020).
[2] Nina Verheyen, Geschichte der Gefühle, Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 18.06.2010, http://docupedia.de/zg/verheyen_gefuehle_v1_de_2010 (11.05.2020).
[3] Siehe dazu einschlägig Martin Sabrow, Der vergessene „Dritte Weg“, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 60 (2010), Heft 11, S. 6–13, https://www.bpb.de/apuz/32883/der-vergessene-dritte-weg?p=all (11.05.2020); ders., „1989“ als Erzählung, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 69 (2019), Heft 35–37, S. 25–33, https://www.bpb.de/apuz/295464/1989-als-erzaehlung?p=all (11.05.2020).
[4] Siehe dazu die BMBF-Pressemitteilung 048/2018 vom 02.06.2018: „Wissenslücken über die DDR schließen“, https://www.bmbf.de/de/wissensluecken-ueber-die-ddr-schliessen-6346.html (11.05.2020).
[5] Siehe die Rezension von Joachim Scholtyseck, Als die linke Welt in Unordnung geriet. Die westdeutsche Linke und das „irritierende“ Phänomen einer Gewerkschaft in Polen, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.01.2020, S. 7, https://www.faz.net/aktuell/politik/politische-buecher/linke-noete-als-die-linke-welt-in-unordnung-geriet-16591875.html (11.05.2020).
[6] Dazu kürzlich: Rüdiger Ritter, Solidarität mit Schwierigkeiten. Das Bremer Koordinationsbüro der polnischen Gewerkschaft Solidarność und das Engagement Bremens für Polen in den 1980er Jahren, Rotenburg 2020.
[7] Eine weitere Studie über die Solidarność-Unterstützung in Westdeutschland während der 1980er-Jahre ist noch in Vorbereitung; sie wird von Karina Garsztecka, Stefan Garsztecki und Rüdiger Ritter erarbeitet. Beide Bücher von Rüdiger Ritter sind Ergebnisse eines durch die Hans-Böckler-Stiftung finanzierten Forschungsprojekts, das 2016–2018 an der TU Chemnitz realisiert wurde.
[8] In Bezug auf Polen siehe exemplarisch die Publikationen des Willy Brandt Zentrums für Deutschland- und Europastudien der Universität Wrocław, http://www.wbz.uni.wroc.pl/ (11.05.2020), oder der Deutschlandstudien der Universität Łódź, http://www.niemcoznawstwo.uni.lodz.pl/publikacje.php (11.05.2020).
[9] Siehe https://www.ecs.gda.pl (11.05.2020).