T. Pierenkemper u.a.: Wirtschaft und Wirtschaftspolitik in Deutschland

Cover
Titel
Wirtschaft und Wirtschaftspolitik in Deutschland. 75 Jahre RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung e.V. 1943–2018


Autor(en)
Pierenkemper, Toni; Fremdling, Rainer
Reihe
Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte. Beihefte 22
Erschienen
Anzahl Seiten
IX, 477 S., 10 Abb.
Preis
€ 89,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Jens Adamski, Stiftung Geschichte des Ruhrgebiets, Bochum

Das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI), das – als Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft – seit 2016 den Namen „RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung“ trägt, gehört zweifellos zu den führenden Wirtschaftsforschungsinstituten in Deutschland. 2018 feierte die Institution ihr 75-jähriges Bestehen als selbstständige Forschungseinrichtung und das Jubiläum bot zugleich einen geeigneten Anlass, die wechselvolle Geschichte des Instituts und seinen Beitrag zur Entwicklung der empirischen (und zugleich politikberatenden) Wirtschafsforschung in Deutschland in einer historischen Studie aufzuarbeiten. Für dieses Vorhaben gelang es dem Vorstand des RWI, die beiden Wirtschaftshistoriker Toni Pierenkemper und Rainer Fremdling zu gewinnen, die in dem vorliegenden Band allerdings nicht allein die Vorgeschichte, Entfaltung und Fortentwicklung der Einrichtung über einschneidende politische Systemwechsel hinweg in chronologischer Abfolge darstellen, sondern die Genese des Instituts zugleich in den jeweils zeitbedingt vorherrschenden wirtschafts- und sozialpolitischen Gesamtkontext einbetten.

Dabei werden sowohl die wirtschaftspolitischen Ordnungsvorstellungen, an denen sich die Arbeit des RWI ausrichtete, als auch die für die Fundierung der Erhebungen herangezogenen Konzepte und Lehrmeinungen innerhalb der Wirtschaftswissenschaften mit einbezogen. Mit den inhaltlichen Rückkopplungen an die allgemeinen (wirtschafts-)politischen Rahmenbedingungen, die zeitgenössischen Problemfelder und die zur Bewältigung derselben innerhalb der Forschung herangezogenen Theoriemodelle und angewandten Instrumentarien geht das Buch über eine reine Institutionengeschichte hinaus. So kann es in gewissem Sinne ebenfalls als eine bündige Überblicksdarstellung über die vordringlichen Aufgabenfelder der deutschen Wirtschaftspolitik einerseits und den Entwicklungsprozess der angewandten bzw. empirischen Wirtschaftsforschung zwischen der Weimarer Republik und heute andererseits herangezogen werden. Dabei wird unter anderem deutlich, wie lange – nicht nur am RWI – die empirisch-statistische Deskription der bestehenden ökonomischen Bedingungen theoretisch-konzeptionelle Ansätze überlagerte.

Das Buch gliedert sich in zwei Hauptteile. Im ersten Teil widmet sich Rainer Fremdling der Vorgeschichte und Gründung des RWI sowie dessen Einbeziehung in die nationalsozialistische Wirtschaftslenkung und Raumforschung. Das 1943 als selbstständige Forschungseinrichtung (bzw. als eigenständiger Verein) gebildete Institut ging ursprünglich aus der bereits 1926 eingerichteten Zweigstelle des Instituts für Konjunkturforschung, Abteilung Westen, mit Sitz in Essen hervor. Diese war wiederum als regionaler Ableger des nur ein Jahr zuvor vom Präsidenten des Statistischen Reichsamts Ernst Wagemann in Berlin gegründeten Instituts für Konjunkturforschung (des heutigen Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung) geschaffen worden. Ziel beider Einrichtungen war es, Konjunkturschwankungen mit neuen Methoden der empirischen Wirtschaftsbeobachtung zu erfassen, zu prognostizieren und die Ergebnisse mittels fortlaufender Konjunkturberichte der Politik und Wirtschaft nutzbar zu machen. Nicht nur vor dem Hintergrund der in den 1920er-Jahren spürbaren Fortschritts- und Rationalisierungsbegeisterung lag es nahe, dem rheinisch-westfälischen Industriebezirk als dem ausgeprägtesten und strukturell homogensten Raum der deutschen Wirtschaft eine ökonomische Beobachtungsstelle „vor Ort“ zu stellen. Insofern folgte man mit der Errichtung der Zweigstelle auch einem direkten Anliegen des Vereins für die Bergbaulichen Interessen und der Essener Industrie- und Handelskammer, die zusammen mit der Stadt Essen den ersten Etat des Instituts bereitstellten. Die Leitung der „Abteilung Westen“ übernahm ihr (Mit-)Initiator Walther Däbritz, damals Direktor der Verwaltungs- und Wirtschaftsakademie in Essen; er behielt die Leitung des RWI bis Mitte der 1950er-Jahre und konzentrierte in dieser Zeit das Hauptaugenmerk der Erhebungen auf die Montanindustrie.

In Anbetracht der NS-Wirtschafts- und Autarkiepolitik verloren Konjunkturberichte, insbesondere mit Kriegsbeginn, an Bedeutung. An ihre Stelle rückten nun vielmehr Wirtschaftsberichte, inhaltlich wechselte der Fokus von der Konjunkturforschung zur Struktur- bzw. Raumforschung, Sonderuntersuchungen kriegswirtschaftlicher Art gelangten so in den Mittelpunkt. Vor diesem Hintergrund erfolgte schließlich die Umbenennung des Berliner Instituts für Konjunkturforschung in Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung, während die Essener Zweigstelle im Zuge der NS-Westlandforschung und Großraumideologie seit 1943 als formal nunmehr selbstständige Forschungsstätte unter dem Namen Rheinisch-Westfälisches Institut für Wirtschaftsforschung (e.V.) einen größeren Zuständigkeitsbereich einschließlich der angrenzenden (besetzten) Westgebiete abdecken sollte. Die angewandte Kriegswirtschaftsforschung blieb zwar sachorientiert, fügte sich aber bereitwillig in die NS-Expansionspolitik ein. Resümierend wertet Fremdling demzufolge, dass die empirische Wirtschaftsforschung des RWI „zum Funktionieren des nationalsozialistischen Herrschaftssystems und der Kriegswirtschaft bei[trug] und […] direkt oder indirekt dessen integraler Bestandteil“ war (S. 157).

Im zweiten Teil befasst sich Toni Pierenkemper mit der Fortentwicklung des RWI seit dem Kriegsende 1945. Die Neubegründung und -orientierung der Institution, die während des Krieges mehrfach ausgebombt worden war und einen großen Teil ihrer Unterlagen verloren hatte, gestaltete sich in Anbetracht der in jeder Hinsicht desolaten Ausgangslage und der knappen Ressourcen äußerst schwierig, doch gerade die widrigen Umstände, die wirtschaftlichen und sozialpolitischen Herausforderungen im Ruhrgebiet forcierten eine nachhaltige Etablierung der empirischen Wirtschaftsforschung und des RWI. Im Rahmen des aufkommenden Modells der sozialen Marktwirtschaft erfolgten als programmatische Schwerpunkte eine „Wiederaufnahme der Konjunkturforschung […], Strukturanalysen und Branchenstudien, die Beobachtung der Dynamik des allgemeinen Wirtschaftsverlaufes sowie die betriebswirtschaftliche Forschung“ (S. 181). Insgesamt, so Pierenkemper, schien das wissenschaftliche Arbeiten in der unmittelbaren Nachkriegszeit „eher einem heterodoxen Paradigma verpflichtet, als dass es einer klaren theoretischen Orientierung folgte“ (S. 242). Seit Ende der 1950er-Jahre sah sich das RWI zunehmend mit dem industriellen Strukturwandel und dem beginnenden Niedergang der Montanindustrie im Ruhrgebiet konfrontiert und beteiligte sich an mehreren energiewissenschaftlichen Diskussionen zur Krisenbewältigung, zumal durch Ministerien des Landes Nordrhein-Westfalen und des Bundes entsprechende Arbeitsaufträge an das Institut herangetragen wurden. Die Politikberatung blieb – wenngleich unter anderen Rahmenbedingungen und Vorzeichen – das herausragende Kennzeichen der empirischen Wirtschaftsforschung.

Das RWI profitierte dabei von einem stetig wachsenden Mittelzufluss und Mitarbeiterstab, allerdings ging zunehmend der Austausch mit der Volkswirtschaftslehre verloren. Die Studie stellt diesbezüglich heraus, dass die Leitung des RWI in dieser Zeit und bis in die 1980er-Jahre hinein zwar gerne den Kontakt zu anderen selbstständigen Wirtschaftsforschungsinstituten pflegte – beispielsweise über die Arbeitsgemeinschaft Deutscher Wirtschaftswissenschaftlicher Forschungsinstitute –, aber nur wenig Neigung zeigte, mit Hochschulen gemeinschaftliche Forschungen durchzuführen, da man dem Hochschulbetrieb einen mangelnden Praxisbezug attestierte. Diese Einstellung änderte sich erst mit einem negativen Votum des Wissenschaftsrats, das zwischenzeitlich sogar die Existenz des RWI gefährdete. Ohnehin befand sich das Institut in den 1980er-Jahren, unter anderem verschärft durch problematische Umstellungen der inneren Führungsstruktur und ein aufgrund seiner Methodik und wirtschaftspolitischen Empfehlung auch öffentlich heiß diskutiertes Gutachten über die Zukunftsträchtigkeit und Subventionsberechtigung des Steinkohlenbergbaus an der Ruhr, in einer turbulenten Phase. Nachdem zu Beginn der 1990er-Jahre auch die Nachwehen eines Steuerskandals aufgrund nicht entrichteter Mehrwertsteuern durchstanden waren, kam die Institution wieder „in ein ruhigeres Fahrwasser“ (S. 372). Die Leitung, Organisationsstruktur und wissenschaftlichen Arbeitsfelder wurden neu angepasst bzw. ersetzt, zudem die externe Forschungskooperation erweitert, sodass es programmatisch neben der (evidenzbasierten) wirtschaftspolitischen Beratung und der Analyse ökonomischer Entwicklungen nun auch verstärkt – im Sinne des Wissenschaftsrats – um eine „komplementäre Ergänzung der universitären Forschung und Lehre“ ging (S. 419). Spätestens zu Beginn des 21. Jahrhunderts verfügte das RWI mit neu etablierten Kompetenzfeldern, darunter „Umwelt und Ressourcen“ sowie „Migration, Integration und Bildung“, wieder über einen gesicherten (und durchaus wegbereitenden) Standort im Spektrum der institutionalisierten empirischen Wirtschaftsforschung in Deutschland.

Insgesamt erweist sich die Studie mit ihren beiden Hauptteilen als äußerst detailliert und lesenswert. Kleinere Monita fallen demgegenüber kaum ins Gewicht: Vereinzelt kommt es sowohl innerhalb der beiden Hauptteile als auch beim Übergang zwischen dem ersten und zweiten Teil zu inhaltlichen Wiederholungen, die zumindest teilweise durch eine bessere Abstimmung hätten vermieden werden können. Warum zudem die recht umfassende Biografie von Walther Däbritz erst im zweiten Hauptteil zu finden ist, obgleich er bereits seit 1926 die (Vorgänger-)Institution leitete, erschließt sich dem Leser nicht wirklich. Dies beeinträchtigt den Lesefluss allerdings nicht wesentlich. Hervorzuheben ist vielmehr, dass es beiden Autoren gut gelingt, die unterschiedlichen Entwicklungsphasen, Profile, Akteure und Netzwerke der empirischen Wirtschaftsforschung am Beispiel der Historie des RWI darzustellen und die entsprechenden Hintergründe schlüssig zu analysieren. Aus der Perspektive des Ruhrgebiets lässt sich anhand dieser Studie zur Geschichte des RWI zudem aufzeigen, dass der Ballungsraum bereits einige Jahrzehnte bevor er zur Hochschullandschaft avancierte ein wichtiger Standort für freie, außeruniversitäre wissenschaftliche Institutionen war, die ihre Untersuchungsobjekte vornehmlich aus dem Umfeld der Montanindustrie rekrutierten. Insofern war, mit den Worten Pierenkempers, bereits die „Abteilung Westen“ des Instituts für Konjunkturforschung ein „Meilenstein auf dem Weg des Ruhrreviers aus der wissenschaftlichen Diaspora“ (S. 166).

Redaktion
Veröffentlicht am
23.05.2019
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