D. Mödinger: Vom Freiheitskämpfer zum Friedenspolitiker

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Titel
Vom Freiheitskämpfer zum Friedenspolitiker. Willy Brandt als Regierender Bürgermeister von Berlin


Autor(en)
Mödinger, Daniel
Erschienen
Paderborn 2019: Ferdinand Schöningh
Anzahl Seiten
XI, 378 S.
Preis
€ 68,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Krijn Thijs, Duitsland Instituut Amsterdam, Universiteit van Amsterdam

Willy Brandt – kaum ein anderer führender Politiker der Bundesrepublik zeigte sich derart wandlungsfähig, sensibel für historische Wendepunkte, aber doch konstant und authentisch im Grundsätzlichen. So jedenfalls wurde sein politisches Leben vielfach gewürdigt. Diesen leicht paradoxen Eindruck symbolpolitisch zu entschlüsseln, hat sich Daniel Mödinger in seiner Stuttgarter Dissertation zum Ziel gesetzt, die nun „gestrafft“ als Buch vorliegt. Die Grundannahme lautet, dass es Brandt vermochte, die beiden konkurrierenden „Hochwertwörter“ Frieden und Freiheit (S. 10) für sich zu beanspruchen, diese in abwechselnden Phasen gleichsam zu verkörpern und sie zumindest augenscheinlich zu versöhnen. Dabei verweist Mödinger auf die allseits bekannte Hauptentwicklung in Brandts „Image“ (S. 6), die vom entschlossenen Freiheitspathos der frühen Berliner Jahre bis hin zur entspannungspolitischen Friedensrhetorik der Bonner Zeit verlief. Weil aber die Studie sehr dezidiert auf die Ebene der sinnhaften Repräsentationen und der öffentlichen Wirkung abzielt, es also um das „Image-Objekt“ Brandt geht (S. 192), mitunter um sein politisches „Profil“, seine „Rolle“ auch als Medienfigur, teilweise als „Medienstar“ (S. 122), weniger um seine gut erforschte Biographie selbst, erweist sich dieser Zugang als innovativ und produktiv.

Die Höhen und Tiefen des Brandt-Bildes arbeitet Mödinger in fünf chronologischen Kapiteln minutiös heraus, die die Zeit von Brandts West-Berliner Aufstieg ab etwa 1956 bis zu seinem Wechsel nach Bonn 1966 umfassen. Es folgt ein prägnanter Ausblick auf die erfolgreichen Jahre des Außenministers und „Friedenskanzlers“. Dabei ist der Untertitel des Buches etwas verfehlt, denn vom kommunalpolitischen Wirken des Stadtoberhauptes erfährt man hier nahezu nichts. Es geht um Brandts allgemein- und deutschlandpolitisches Profil vor, während und nach der zweiten Berlinkrise 1958–1961 sowie auch um die Bedeutung Berlins für sein öffentliches Wirken.

Obwohl spektakulär neue Erkenntnisse ausbleiben, gelingt Mödinger eine lesenswerte und frische Darstellung dieses viel erforschten Jahrzehnts, die im Einzelfall doch häufig überraschende Zusammenhänge hervorkehrt. Sie überzeugt vor allem durch die stringente Konzentration auf die symbolpolitische Ebene. Dies setzt einiges an Wissen voraus, denn weder für Brandts biographische Stationen (Namenswechsel, R/Emigration) noch für allgemeinhistorische Kontexte (Wahlausgänge, Mauerbau) räumt Mödinger nennenswerten Platz ein. Stattdessen schlängelt sich hier Brandts „Profil“ als selbstständiges Thema durch die gesamte Chronologie der Berliner Jahre, reich an medialen Stimmungsbildern und treffenden Zitaten, die Mödinger geschickt moderiert. Es geht dabei zum allergrößten Teil um geschriebene Pressekommentare, ergänzt aber um Brandts Redeauftritte, teilweise auch im Rundfunk und später im Fernsehen, mit gebührender Aufmerksamkeit für seine auffällige Stimme (das „Organ“), seinen Lübecker Dialekt („S-tentor-S-timme“, S. 19) und seine „bedächtige Vortragsweise“ (S. 18).

So umreißt Mödinger den Aufstieg des jungen SPD-Reformers zum Präsidenten des Berliner Abgeordnetenhauses, dann zum Regierenden Bürgermeister, bevor das Chruschtschow-Ultimatum die erste große Bewährungsprobe darstellte, die Brandt mit seiner klaren und sofortigen Positionierung nach dem Eindruck der Zeitgenossen glanzvoll meisterte. Der Autor zeichnet nach, wie Brandt sein „Image“ als Freiheitskämpfer durch gezielte Auslandsreisen („Mr. Berlin“) entwickelte und durch seine Emigrationserfahrungen gerade auf dem internationalen Parkett sofort glänzte. Prominent waren hier insbesondere die amerikanischen Verbindungen Brandts, wobei die etwa zeitgleich erschienene Dissertation von Scott H. Krause, die hier nicht mehr rezipiert wurde, deutlich weiter geht.[1] Ausführlich schildert Mödinger die schon zu Berliner Zeiten laufenden Verleumdungen Brandts wegen seiner Emigrationszeit, geradezu feindliche Beeinflussungen des Brandt-Bildes, und nennt diese einen Vorlauf, ja eine „Blaupause“ (S. 63) für Brandts späteren Umgang mit nicht nur christdemokratischen Skandalisierungen im Bundeswahlkampf 1961. Dabei korrigiert Mödinger den Eindruck, Brandt habe sich demgegenüber ausschließlich „defensiv-passiv“ verhalten (S. 257). Nicht ohne Schäden blieb das Bild des ehrenvollen Freiheitskämpfers in diesen Jahren aufrecht, auch dank Brandts früher Allianz mit der Springer-Presse (eine Verbindung, die später wegen der Entspannungspolitik zerbrach).

Produktiv ist der symbolpolitische Zugang auch, wenn es um Brandts Selbststilisierung als Erbe zweier großer Zeitgenossen geht: zuerst von seinem SPD-Mentor und Freiheitskämpfer Ernst Reuter, danach vom progressiven US-Präsidenten John F. Kennedy.[2] Mödinger skizziert treffend, wie sich Brandt etwa bei Gedenkveranstaltungen oder durch Presseartikel positionierte – und den Rest der Phantasie von Kommentatoren überließ. Das feine Wechselspiel zwischen Selbst- und Fremdbildern wirkte hier jeweils gut.

Auch Brandts nicht ganz glückliche Bundestagswahlkämpfe 1961 und 1965 lassen sich fruchtbar in diesem Image-politischen Rahmen erschließen: Als SPD-Kanzlerkandidat unterlag Brandt erst gegen Adenauer und dann gegen Erhard. Beide Male, so zumindest den internen SPD-Papieren und auch Mödinger zufolge, war das Wahlkampfprofil zu forciert – 1961 als allseits geliebter, aber inhaltsleerer „Smiling Willy“ (inspiriert eben durch Kennedy); 1965 als würdiger Staatsmann, der aber aus wahltaktischem Kalkül der SPD-Zentrale sein außenpolitisches Kapital nicht anzapfen durfte. Erst mit seinem sofortigen (später bekanntlich revidierten) Verzicht auf weitere Kanzlerkandidaturen gewann Brandt laut Beobachtern sein „Format“ und „Prestige“ wieder (S. 241), sozusagen sein Naturell und seine Authentizität, wobei die Frage offenbleibt, inwiefern nicht auch dieser letzte Eindruck bloß ein Image, ein Medienprodukt war.

Die Studie zeigt ein aufs andere Mal, wie schwierig solch prominente „Images“ glaubhaft zu schöpfen und zu kontrollieren sind, und wie auch symbolpolitisches Handeln unintendierte Folgen haben kann. Die Bildwelt wimmelt von Fehlern, Korrekturen, Reparaturen und komplexen Verkehrungen. So fegte der Mauerbau Brandts Wahlkampfauftritte samt geplantem „Image“ vom Tisch, womit der bekannte, freiheitskämpfende „Krisen-Willy“ von 1956 oder 1958 wiederkehrte, der starke Worte wählte und einen aufgeregten Brief an Kennedy schrieb. Damit stand kurz vor den Bundestagswahlen der zögernde Gegner Adenauer auf einmal abseits. Doch das Blatt wendete sich innerhalb von Tagen erneut, so skizziert Mödinger, als die Panzer zum Checkpoint Charlie rollten und die tief verankerten Kriegsängste der Deutschen Oberhand gewannen. Nun geriet „Fighting Willy“ in den Geruch des unkontrollierten Wildwest-Abenteurers, wurde gar als „Säbelrassler“ kritisiert (S. 185). Mit der drohenden Eskalation in Berlin verlor er auf der Zielgerade doch wieder an Zuspruch – zugunsten des „Alten“, der sich ruhig, erfahren und besonnen als Mann des Friedens gerieren konnte. Adenauer gewann die Wahl mit jenem Friedensbegriff, den Brandt dann in den kommenden Jahren langsam aus der christdemokratischen Semantik herausschälen und selbst moralisch besetzen konnte.

Die Studie ist reich an solchen Wechselspielen und Verwicklungen. So lesenswert und kundig Mödinger sie entschlüsselt, so schöpft er einige symbolpolitische Potenziale doch nicht ganz aus. Hinsichtlich Genderfragen bleibt es bei vereinzelten Hinweisen auf Brandts jugendliche Erscheinung, seinen (männlichen?) Charme und dann auch die Inszenierung seiner Ehe und Familie. Die gelegentliche Hervorhebung von Brandts auffälliger „Performanz“ (S. 78, S. 92, S. 119), etwa als „Volkstribun“ oder „Staatsmann“, ist ebenfalls interessant, erreicht aber wenig Systematik. Und geradezu unverständlich ist bei diesem Image-orientierten Zugang die Ausklammerung von Bildern als Quellen und Analysemitteln. Mödinger diskutiert zwar Pressekampagnen und einige auflagenstarke Illustrierte. Aber seine Analyse bleibt völlig textorientiert – das ist eine verpasste Chance.

Die Hauptthese, Brandts Verwandlung von „Freiheitskämpfer“ zum „Friedenspolitiker“, dürfte kaum auf Widerspruch stoßen. Sie erstreckt sich allerdings weit über Mödingers Berliner Untersuchungsrahmen 1956–1966 hinaus. „Im Amt des Bundesaußenministers war auch Brandts terminologischer Wandlungsprozess von der ‚Freiheit‘ zum ‚Frieden‘ zu einem gewissen Abschluss gekommen“ (S. 245), bilanziert der Autor selbst. Das stimmt, doch gerade diese entscheidende letzte Phase der Profilverwandlung, die sich nicht länger im Krisen-Berlin, sondern im diplomatischen Bonn entrollte und dann noch in der Kanzlerschaft gipfelte, wird hier nicht empirisch erforscht. Die Studie endet beim freiheits- und friedensrhetorisch unentschlossenen „Ausklang der Zweiten Berlin-Krise“, als das „Objekt-Image Brandt“ im Windschatten Kennedys ein neues Profil suchte und fand, das alte aber nicht ganz abschüttelte. Ein „Übergangsphänomen“ also (S. 204), und Mödinger setzt den Protagonisten am Ende seiner Studie 1966 in Bonn ab, um den doch entscheidenden Vollzug des Bildwandels nur konturenhaft im Ausblick zu schildern, statt ihn quellengesättigt nachzuvollziehen. Das geschieht zwar alles anregend und thesenreich, doch es schimmert auch ein Hauch von Teleologie durch. Und einen kurzen Moment blitzt gar die ketzerische Frage auf, wozu die aufwendigen Presseanalysen zum Brandt-Bild 1956–1966 eigentlich nötig waren, wenn es für die Zeit danach anscheinend auch ohne ging.

Doch so soll hier gar nicht argumentiert werden. Überzeugend ist die Studie allemal, gerade für die frühen politischen Jahren Brandts, seinen Durchbruch als Berliner SPD-Hoffnungsträger und auch seine tastende Suche nach neuen Orientierungen ab 1962. Die bewusste Inszenierung dieser Politikerkarriere, inklusive Erfolgen und Fehlversuchen, bohrt tief in die zeitgenössische Gesellschaft hinein – ein wertvoller Beitrag zur politischen Kulturgeschichte West-Berlins und der Bundesrepublik.

Anmerkungen:
[1] Scott H. Krause, Bringing Cold War Democracy to West Berlin. A Shared German-American Project, 1940–1972, London 2019; rezensiert von Moritz Föllmer, in: H-Soz-Kult, 07.03.2019, https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-27160 (24.07.2020).
[2] Siehe dazu u.a. auch Daniela Münkel, Als „deutscher Kennedy“ zum Sieg? Willy Brandt, die USA und die Medien, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History 1 (2004), S. 172–194, https://zeithistorische-forschungen.de/2-2004/4612 (24.07.2020).

Redaktion
Veröffentlicht am
01.09.2020
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