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Titel
Infrastruktur. Ein Schlüsselkonzept der Moderne und die deutsche Literatur 1848–1914


Autor(en)
Richter, Steffen
Erschienen
Berlin 2018: Matthes & Seitz
Anzahl Seiten
452 S.
Preis
€ 40,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Jan Hansen, Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin

Steffen Richter beginnt seine Studie zu Infrastrukturen in der deutschsprachigen Literatur zwischen 1848 und 1914 mit dem Roman „Libidissi“ von Georg Klein. Der Roman erzählt von der Dysfunktionalität von Transport- und Kommunikationseinrichtungen in der fiktiven Stadt Libidissi: „Was immer in Libidissi dem Transport oder der Kommunikation dient, ist baufällig, nur eingeschränkt funktional oder seinen ursprünglichen Zwecken entfremdet“ (S. 12). Auch die städtische Verwaltung tut nicht, was sie soll; von einer Kanalisation kann kaum die Rede sein. Die Dysfunktionalität von städtischen Infrastrukturen ist ein wiederkehrendes Motiv in dem Roman. Auch die Infrastrukturforschung betont nicht erst seit einigen Jahren, dass Infrastrukturen störungsanfällig und wartungsbedürftig sind. In der Studie von Richter tritt das Nichtfunktionale von Infrastrukturen nach den Eingangsbemerkungen aber zurück hinter die bekannte Lesart, dass Infrastrukturen das reibungslose Funktionieren von arbeitsteilig organisierten Gesellschaften sicherstellen.

Dies mag damit zu tun haben, dass Richter Infrastrukturen als einen „Schlüssel zum Verständnis von Modernität“ (S. 18) versteht. Weil er einem etablierten Modernebegriff verpflichtet ist, tritt eben auch die Funktionalität von Infrastrukturen stärker hervor. „Moderne“ und „Modernität“ sind für Richter verbunden mit dem Siegeszug der Rationalität im 18. und 19. Jahrhundert, der Verwissenschaftlichung und Technisierung des Lebens, mit einem um sich greifenden Fortschrittsoptimismus, konkreter noch mit der Durchsetzung von Industrialisierung und Geldwirtschaft. Richter beschreibt Infrastrukturen als „all das, was das reibungslose Funktionieren des modernen Lebens gewährleistet“ (S. 13). Sie hätten einen „Doppelcharakter“ (S. 15) und seien Artefakt und Beziehung zugleich – Bahnhof und Schienennetz, Wasserhahn und unterirdische Rohre. Wie ein roter Faden zieht sich die Annahme durch das Buch, dass Infrastrukturen ambivalent seien: Sie hätten eine standardisierende Wirkung, die zugleich disziplinierend und kontrollierend auf die Subjekte wirke; sie unterstützten die Selbstermächtigung der Nutzer/innen und führten doch zu ihrer Normierung; sie verbänden Stabilisierung mit Dynamisierung, seien materiell und immateriell zugleich.

Bei diesem 2018 erschienenen Buch handelt es sich um eine primär literaturwissenschaftliche Studie über die Einschreibung von Infrastrukturen in literarische Texte. Warum sollte dieses Buch für Historiker/innen relevant sein? Hat es ihnen etwas zu sagen – und wenn ja, was? Eine erste Antwort kann ein Blick in das Inhaltsverzeichnis geben. Denn der literaturwissenschaftlichen Analyse im zweiten Teil ist ein längerer, interdisziplinär argumentierender erster Teil zu Begriff und Systematik von Infrastrukturen vorgeschaltet. Es sind diese knapp 170 Seiten, die das Buch auch für Historiker/innen lesenswert machen.

Richter entwickelt seine Begriffsbestimmung entlang der anthropologischen Theorien von Ernst Jünger (Mobilisierung) und Arnold Gehlen (Entlastung). Er argumentiert, dass Infrastrukturen Gesellschaften mobilisierten und entlasteten. Sie führten den Menschen in eine Abhängigkeit, die aber notwendig sei, damit – und hier argumentiert Richter mit Ernst Forsthoffs Konzept der Daseinsvorsorge – der Mensch überleben könne. Abgeschnitten von seinen natürlichen Lebensressourcen, gewährten Infrastrukturen als Medium der Daseinsvorsorge dem Menschen Sicherheiten, um Risiken abzufedern. Infrastrukturen seien, so Richter, ein Mobilisierungs- und Entlastungsmedium, mit dem moderne Gesellschaften Risikomanagement betrieben.

Wer Infrastrukturen so eindeutig mit der Moderne verknüpft, muss auch die Frage beantworten, warum der Begriff Infrastruktur nicht auch für die Vormoderne operationalisierbar sein soll. Richter ist in diesem Punkt mehrdeutig. Einerseits möchte er mit Bruno Latour die strikte Entgegensetzung von Moderne/Vormoderne und Kultur/Natur verflüssigen, andererseits verbindet er mit Infrastrukturen Merkmale, die er als spezifisch „modern“ kennzeichnet. In Richters Worten: „Rationalität, das Numerische der Geldwirtschaft und Infrastrukturen, die auf Zukunftserwartungen gründen, sind im Raum der Moderne fest miteinander verknüpft“ (S. 49). Infrastrukturen, so könnte man ihn paraphrasieren, mag es schon in der Vormoderne gegeben haben, aber sie ändern sich qualitativ und quantitativ in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts (S. 31).

Nach diesen einleitenden Überlegungen enthält der erste Teil der Studie Kapitel zum Nexus von Infrastrukturen und Globalisierung, zur Einführung von städtischer Hygiene im ausgehenden 19. Jahrhundert, zu Verkehrsinfrastrukturen, zur sich herausbildenden staatlichen Bürokratie sowie zu Geld, Bank und Börse, die wie die Bürokratie als „Sub- oder Supra-Infrastruktur“ (S. 167) klassifiziert werden. Gemeinsam ist diesen Kapiteln erstens, dass Richter sich in seiner Darstellung vorwiegend auf schriftliche Äußerungen bekannter Zeitgenossen stützt: Alexander von Humboldt für den Globalisierungsdiskurs; Max Pettenkofer und Rudolf Virchow für die Hygiene; Friedrich List, Ernst Kapp und Friedrich Ratzel für den Verkehr; Alfred und Max Weber für die Bürokratie sowie Karl Marx und Georg Simmel für die Geldwirtschaft. Von einem Exkurs über den Haushaltsratgeber „Das ABC der Küche“ von Hedwig Heyl (1885) abgesehen, kommen in diesem ersten Teil fast nur Männer zu Wort.

Gemeinsam ist diesen Kapiteln zweitens, dass Richters Analyse aus geschichtswissenschaftlicher Perspektive bisweilen zu impressionistisch erscheint. Der Abschnitt, in dem Richter die zeitgenössische Diskussion zwischen Pettenkofer und Virchow über die städtische Kanalisation nachzeichnet, bleibt historisch blass. Wir erfahren kaum etwas über Probleme der Urbanisierung im 19. Jahrhundert, über die Ziele der öffentlichen Gesundheitsvorsorge, über die soziale Frage und den Ausbau von konkreten städtischen Kanalisationssystemen zu jener Zeit. Dagegen spielt die Studie ihre Stärken aus, wenn es um eine theoretisch fundierte und sprachsensible Analyse von Elitendiskursen geht.

Der zweite Teil des Buches analysiert schließlich literarische Texte. Er orientiert sich an der in der Forschung bekannten Annahme, dass funktionierende Infrastrukturen im Alltag oftmals unsichtbar werden, in Krisenmomenten aber zurück ins Bewusstsein drängen. Richter unterscheidet drei Orte der Einschreibung von Infrastrukturen in die Literatur: ihre Implementierung, den Unfall und den Funktionsverlust. In diesen Momenten wird Infrastruktur krisenhaft – und thematisierbar. Die Struktur der Kapitel folgt grob dem Aufbau des ersten Teils und behandelt nacheinander Kolonialromane, Berlin-Romane, Kaufmann- und Börsenromane sowie Zukunftsromane. Aus geschichtswissenschaftlicher Sicht ist entscheidend, dass diese Texte an der zeitgenössischen Sinnproduktion mitgewirkt haben und – gerade, wenn sie primär fiktionalen Charakter haben – in historischen Analysen zur Quelle gemacht werden können.

Insgesamt zeigt diese flüssig geschriebene und anschaulich argumentierende Studie, wie produktiv es sein kann, die Geburt von (neuen) Infrastrukturen aus dem Geist der Moderne zu untersuchen – mit allen notwendigen Einschränkungen. Sie liefert gerade für die Infrastrukturforschung eine wertvolle Zusammenschau theoretischer und historischer Bestimmungsversuche jenes Phänomens, das mit dem Begriff Infrastruktur bezeichnet wird. Nicht zuletzt regt dieses Buch eines Literaturwissenschaftlers die Historiker/innen an, ihren etablierten Quellenkorpus stärker in Richtung literarischer Texte zu erweitern.

Redaktion
Veröffentlicht am
11.06.2020
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