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Titel
Zenobia. Shooting Star of Palmyra


Autor(en)
Andrade, Nathanael J.
Reihe
Women in Antiquity
Erschienen
Anzahl Seiten
XVII, 284 S.
Preis
£ 22,99
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Frank Schleicher, Institut für Altertumswissenschaften, Friedrich-Schiller-Universität Jena

Die politischen Verwerfungen im Syrien unserer Zeit sind sicher nicht ganz unschuldig daran, dass in den letzten Jahren eine ganze Reihe von Publikationen erschienen sind, die sich auf Geschichte und Kultur Palmyras konzentrieren oder der antiken Oasenstadt Aufmerksamkeit in größeren Zusammenhängen widmen.[1] Auch der Fürstin Zenobia, die ihre Popularität schon in der Antike vor allem ihrem Geschlecht verdankte, erfuhr in der Forschung bisher bereits einige Aufmerksamkeit: Viele Aspekte ihrer Herrschaft werden angeregt diskutiert[2], und auch populärwissenschaftlich hat man sich ihrer Gestalt in den letzten Jahren bereits mehrmals angenähert.[3] Andrade erweitert nun mit seinem Werk, das er zwischen akademischer Forschung und Populärwissenschaft einordnet, diese Bibliothek um eine weitere fundierte Arbeit.

Inhaltlich ist der Band in zehn Kapitel untergliedert, die in fünf Abschnitten gefasst sind. Im ersten Kapitel (S. 1–13) stellt Andrade zunächst in aller Kürze die zur Erforschung Zenobias zur Verfügung stehenden literarischen Quellen vor (S. 1–4). Dabei legt er großen Wert darauf, die höchst problematische Historia Augusta (HA) als eine der Hauptquellen zu besprechen; hier werden die unterschiedlichen Bilder, die in der HA von Zenobia gezeichnet werden, und deren historischer Wert kritisch in den Blick genommen. Freilich zieht Andrade im späteren Text nicht immer die nötigen Konsequenzen aus dieser Betrachtungsweise und nutzt die Aussagen der HA dann doch teilweise sehr unkritisch.[4] Ausführlicher bespricht Andrade die numismatischen, epigraphischen und kunsthistorischen Zeugnisse (S. 4–13), wobei sich bei den architektonischen Überresten eine gute Kenntnis der Forschungsliteratur bemerkbar macht. Die Besprechung der literarischen Quellen bleibt dagegen oberflächlich, hier hätte durch eine intensivere Beschäftigung mit der Forschung dem Leser/der Leserin sicher eine solidere Grundlage zur weiteren Lektüre an die Hand gegeben werden können.

Andrades Interesse für das Architektonische kulminiert im zweiten Kapitel (S. 17–32) im kreativen Ansatz, die Topografie der Stadt Palmyra durch eine fiktive Prozession, an der Zenobia persönlich teilgenommen haben könnte, erfahrbar zu machen (S. 23–32). Unterstützt wird die textliche Beschreibung durch Schwarz-weiß-Abbildungen, die einzelne Gebäude vor ihrer Zerstörung im jüngsten Bürgerkrieg zeigen, sowie durch zwei Karten. Einige zusätzliche Informationen zu Tempeln und Göttern hätten der Beschreibung sicher nicht geschadet, doch ermöglicht das Kapitel grundsätzlich einen guten Überblick zur Struktur der Stadt im 3. Jahrhundert.

Das dritte (S. 33–55) und vierte Kapitel (S. 59–88), aus der subjektiven Sicht des Rezensenten die interessantesten, beschäftigen sich mit den sozialen Strukturen in Palmyra und der Palmyrene. Es ist vor allem das Konzept von Verwandtschaft, das Andrade als verbindendes Element in einer Gesellschaft herausarbeitet, die von ganz unterschiedlichen Einflüssen (von arabischen bis römischen) geprägt wurde. Dabei geht der Autor stets von konkreten Beispielen aus; und auch wenn diese zum Teil zweihundert Jahre älter sind, bleiben sie für die besprochenen Aspekte aussagekräftig. Nicht das Römische ist der Firnis, der das Orientalische übertüncht, sondern umgekehrt: die politischen Institutionen Palmyras beschreibt Andrade als „typisch römisch“, überlagert durch orientalische Praktiken (S. 43). Das vierte Kapitel setzt die Untersuchung der sozialen Strukturen auf der Ebene der Familie fort, in die Zenobia hineingeboren wurde. Kindheit und Jugend Zenobias sollen so veranschaulicht werden. Da über die frühe Biografie der Herrscherin wenig bekannt ist, beginnt Andrade nun in starkem Maße mit Hypothesen zu arbeiten. Es ist im Grunde die Fortsetzung der Prozessionsgeschichte: Eine fiktive junge Zenobia wird genutzt, um soziale und wirtschaftliche Strukturen und Entwicklungen zu beschreiben. Dieses fiktionale Vorgehen wäre nicht nötig gewesen; vom konkreten Beispiel aus das Allgemeine zu erschließen, wie im vorherigen Kapitel, wäre aus Sicht des Rezensenten die seriösere Methode. Im knappen fünften Kapitel (S. 89–108) geht es besonders um Kleidung und Schmuck der heranwachsenden Zenobia, wobei Andrade Grabportraits als Exempla nutzt. Darauf, dass diese nicht unbedingt die Realität abbilden, hatte der Autor bereits im ersten Kapitel (S. 11) hingewiesen; nun lässt er diesen Fakt jedoch weitgehend unberücksichtigt. Dem Rezensenten stellt sich beispielsweise die Frage, ob es vielleicht den gängigen Normen entsprach, sich auf Grabreliefs in griechischer Kleidung abbilden zu lassen, während man im alltäglichen Leben orientalische Gewänder trug. Bedeutsam ist in diesem Kapitel der knappe Abschnitt zur Bildung, denn ganz richtig betont Andrade die Heterogenität der orientalischen Bildungslandschaft und die Vielzahl philosophischer Einflüsse.

In sechsten Kapitel (S. 111–141) fußt die Darstellung wieder auf soliderem Quellenfundament: Die Transformation des Imperium Romanum im 3. Jahrhundert wird hervorgehoben; hier vertritt Andrade beispielsweise die (dem Rezensenten wenig wahrscheinliche) These, dass es die seit Septimius Severus drastisch gestiegenen Militärausgaben waren, die den Staat zahlungsunfähig machten (S. 116). Zenobia ist nun mit Odainath verheiratet; Andrade diskutiert die Überlieferung zu den möglichen Kindern des Paares, die Laufbahn und Leistungen ihres Mannes werden zumeist fundiert präsentiert (S. 127–141). Das siebte Kapitel (S. 143–161) beginnt mit der Ermordung Odainaths, die zur Machtübernahme Zenobias im römischen Orient führte. Symptomatisch für das methodische Vorgehen in weiten Teilen des Buches ist die hier getroffene Aussage: „It seems impossible to identify Odainath’s killers. But we will try“ (S. 144): Auch hier wird der fantasievolle Autor in der Überlieferung fündig und kann einen Palmyrener ausmachen, der auf Anweisung des kaiserlichen Hofes des Gallienus handelte (S. 148).

Das achte Kapitel (S. 165–189) beschäftigt sich mit den möglichen Vorbildern der Herrscherin und deren Herrschaftskonzeption (mit Rückbezügen auf Kleopatra, Semiramis und Dido) sowie mit Zenobias Expansionspolitik. Einige Worte zur Herrschaftsausübung im Orient schließen den Abschnitt ab. Das neunte Kapitel (S. 191–211) zeichnet allzu knapp den Bürgerkrieg mit Kaiser Aurelian im Jahr 272 nach. Die Fakten werden meist solide und unter Rückgriff auf die maßgebliche Forschung geschildert.[5] Das Buch wird mit dem zehnten Kapitel (S. 215–229) durch die Fortführung der Geschichte Palmyras bis in die Gegenwart und einige interessante Einblicke in die moderne „Nutzung“ der Zenobia als Propagandafigur abgerundet. Besonders hervorheben möchte der Rezensent den Appendix (S. 231–243), der neben praktischen Weblinks und einer Beschreibung der palmyrenischen Buchstaben eine Reihe der besprochenen Inschriften präsentiert. Es folgt schließlich die Bibliografie (S. 245–278) und ein nützlicher Index (S. 279–284). Eine Karte, die das Reich Zenobias und dessen Entwicklung veranschaulichen könnte, ist dem Band leider nicht beigegeben.

Die lockere Sprache und der Stil Andrades dürften dem studentischen Publikum entgegenkommen, doch muss der Rezensent zwei Kritikpunkte ansprechen: Unterschiedliche Forschungsmeinungen werden zwar häufig erwähnt, doch entscheidet sich Andrade oft für eine Version, ohne dies näher zu begründen. Das ist schade, zumal dem Autor offenkundig die Argumente der jeweiligen Diskussion durchaus bekannt sind. Nur ein Beispiel dazu: Auf S. 181f. werden einige Zeilen aus dem Jerusalemer Talmud zitiert. Hier lautet Andrades Text: „Bar Nezer (Odainath) killed his brother with this sword.“ Wohl sagt Andrade in der folgenden Zeile, dass aus dem Text nicht klar wird, ob Bar Nezer seinen Bruder oder den eines anderen Protagonisten der Passage namens Zeir bar Hinena getötet habe (S. 181), geht dann aber einige Seiten später ohne weitere Argumente einfach davon aus, dass der Bruder Zeirs das Opfer war (S. 184). Ein zweiter Kritikpunkt ist Andrades Tendenz, Hypothesen nachzujagen. Es ist zwar innovativ, eine fiktive Zenobia durch die Geschichte führen zu lassen, doch ist es gerade der Anspruch des Bandes, ein realistisches Bild der Herrscherin zu entwerfen. Nach Meinung des Rezensenten kann das Ziel mit dieser Methodik nicht erreicht werden. Gleichzeitig hat Andrade so Möglichkeiten vergeben, ein konzises Gesamtbild etwa der sozialen Strukturen des kaiserzeitlichen Palmyra zu entwickeln, das sich durchaus aus dem besprochenen Quellenmaterial ableiten ließe.

Grundsätzlich ist ein einführendes Buch zum römischen Orient, der Stadt Palmyra und der Gestalt der Zenobia, das ein weiteres Spektrum an Leserschaft anspricht, immer zu begrüßen. Gerade Andrades Verbindung der antiken Geschichte Palmyras und ihrer Rezeption bis zu ihren Auswirkungen auf die aktuelle politische Entwicklung machen die Monografie zweifellos zu einem wichtigen Teil der Bibliothek des römischen Orients. Besonders nützlich ist für interessierte Leser/innen und Studierende sicherlich Andrades breite Präsentation der Quellenbasis. Andrades ungewöhnliche Methoden und die Tatsache, dass er seine Argumentation oft mit Verweisen auf populärwissenschaftliche Werke belegt[6], machen das Buch aber für die akademische Forschung problematisch.

Anmerkungen:
[1] So etwa zuletzt Annie Sartre / Maurice Sartre, Palmyre. vérités et légendes, Paris 2016; Eivind Heldaas Seland, Ships of the Desert and Ships of the Sea. Palmyra in the World Trade of the First Three Centuries CE, Wiesbaden 2016; Jørgen Christian Meyer, Palmyrena. Palmyra and the Surrounding Territory from the Roman to the Early Islamic Period, Oxford 2017; Emanuele E. Intagliata, Palmyra after Zenobia. 273–750, Oxford 2018; Michael Sommer, Palmyra. Biographie einer verlorenen Stadt, Darmstadt 2017; Roms orientalische Steppengrenze. Palmyra – Edessa – Dura-Europos – Hatra. Eine Kulturgeschichte von Pompeius bis Diocletian, 2. überarb. Aufl., Stuttgart 2018. Vgl. auch die Tagungsbände Andreas Kropp / Rubina Raja (Hrsg.), The World of Palmyra, Copenhagen 2016; Jørgen Christian Meyer / Eivind Heldaas Seland / Nils Anfinset (Hrsg.), Palmyrena. City, Hinterland and Caravan Trade between Orient and Occident, Oxford 2016; Tracey Long / Annette Højen Sørensen (Hrsg.), Positions and Professions in Palmyra, Copenhagen 2017; Signe Krag / Rubina Raja (Hrsg.), Women, Children and the Family in Palmyra, Copenhagen 2019; Rubina Raja (Hrsg.), Revisiting the Religious Life of Palmyra, Turnhout 2019.
[2] Eugenia Equini Schneider, Septimia Zenobia Sebaste, Roma 1993; Udo Hartmann, Das palmyrenische Teilreich, Stuttgart 2001; Annie Sartre-Fauriat / Maurice Sartre, Zénobie. de Palmyre à Rome, Paris 2014.
[3] Pat Southern, Empress Zenobia. Palmyra’s Rebel Queen, London 2008; Rex Winsbury, Zenobia of Palmyra. History, Myth and the Neo-classical Imagination, London 2010.
[4] So wertet er die – zweifellos vom Autor der HA erfundene – Geschichte der Verwicklung der Zenobia in den Mord an Odaenathus in der Vita des (wohl ebenfalls fiktiven) Maeonius (HA tyr. trig. 17,2), die sonst ohne Parallele bleibt, als zeitgenössische Propaganda der Kaiser Claudius und Aurelianus (S. 145 und 193).
[5] Teilreich Hartmann / David S. Potter, The Roman Empire at Bay, London 2004 (Andrade zitiert die 2014 erschienene elektronische Version).
[6] Besonders Southern, Empress Zenobia; Winsbury, Zenobia.

Redaktion
Veröffentlicht am
16.12.2019
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