Konzepte von Arbeit in Berufsberatung und Frauenbewegung (Schweiz, 20. Jahrhundert)

: Politiken der Arbeit. Perspektiven der Frauenbewegung um 1900. Basel  2019. ISBN 978-3-7965-3812-4

: Arbeit am Beruf. Feminismus und Berufsberatung im 20. Jahrhundert. Basel  2019. ISBN 978-3-7965-3810-0

Sonja Matter, Historisches Institut, Universität Bern

Der jüngste nationale Frauenstreik in der Schweiz, der am 14. Juni 2019 Tausende von Frauen mobilisierte, machte es nochmals in aller Schärfe deutlich: Die Haus- und Erwerbsarbeit sind in der Schweiz zwischen den Geschlechtern nicht nur ungleich verteilt, sondern auch unterschiedlich bewertet. Nach Berechnungen des Bundes erhalten Frauen in der Schweiz bei gleichen Voraussetzungen 7,7 Prozent weniger Lohn als Männer.[1] Zudem wird die unbezahlte Care-Arbeit zu einem weit grösseren Anteil von Frauen geleistet.[2] Dieser geschlechtsspezifischen Ungleichheit hat sich das an der Universität Basel angesiedelte SNF-Projekt «Differenzierungsarbeit. Aushandlungen von Arbeitskonzepten in Berufsberatung und Frauenbewegung (Schweiz, 20. Jahrhundert)» von 2012 bis 2015 in historischer Perspektive gewidmet. In diesem Forschungszusammenhang sind die Dissertationen von Céline Angehrn und Simona Isler entstanden, die sich dem Gegenstand mit unterschiedlichen thematischen Schwerpunkten nähern, gleichzeitig aber in methodisch-theoretischer Hinsicht verschiedene Prämissen teilen. Beide arbeiten mit einem weit gefassten Feminismusbegriff, wonach «feministisch» die verschiedenen Formen des Denkens und Handelns meint, die auf eine systematische Verbesserung der Situation von Frauen abzielen. Zudem ist es erklärtes Ziel beider Studien, ein vereinfachtes Fortschrittsnarrativ kritisch zu hinterfragen. Ob beispielsweise ausschliesslich Politiken als fortschrittlich zu interpretieren sind, die den Zugang der Frauen zur bezahlten Erwerbsarbeit erweiterten, während der Kampf um die Anerkennung des hauswirtschaftlichen Arbeitens als konservativ zu werten ist, gilt es demnach nicht vorauszusetzen, sondern historisch zu untersuchen. Dazu wird in beiden Arbeiten eine komparative und «symmetrische Betrachtung»[3] fruchtbar gemacht.

Im Mittelpunkt der Studie von Simona Isler stehen Politiken von Arbeit, wie sie die Frauenbewegung in der Schweiz an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert einforderte. Die Studie nimmt drei unterschiedliche nationale Verbände in den Blick: den Schweizerischen Gemeinnützigen Frauenverein (SGF, seit 1888), den Bund Schweizerischer Frauenvereine (BSF, seit 1900) und den Schweizerischen Arbeiterinnenverband (SAV, 1890–1917). Während der BSF vor allem gebildete Frauen ansprach, versammelte der SGF auch Frauen aus dem gewerblichen und ländlichen Mittelstand. Der SAV wiederum verstand sich als Interessensvertretung aller nicht in Berufsverbänden oder Gewerkschaften organisierten Frauen und Arbeiterinnen. Die Fokussierung auf diese drei Verbände erweist sich als ertragreich, gelingt es Simona Isler damit doch eindrücklich, drei unterschiedliche feministische Konzeptionen von Arbeit auszuleuchten, die die Frauenbewegung als Reaktion auf die Industrialisierung entwickelte. Insbesondere die Aktivistinnen des BSF sahen in den Umbrüchen neue Chancen: Für sie beinhaltete der Begriff des Fortschritts die radikale Abwendung von häuslichen Arbeits- und Lebensweisen; vorrangiges Ziel war der Ausbau der weiblichen Berufsbildung, womit die Frauen den Schritt auf die «moderne, individualisierte, zukunftsgerichtete Seite der staatsbürgerlichen Gemeinschaft» zu vollziehen suchten (S. 245).

Anders als der BSF thematisierte der SGF weniger die Chancen, die die Industrialisierung eröffnete, sondern die damit verbundenen Probleme: Die sozialen Nöte waren es, die die Frauen dazu veranlassten, den eigenen Haushalt zu verlassen und sich «der Welt» anzunehmen. Dabei vollzogen die Frauen des SGF gerade keine Trennung zwischen dem Haus und der Welt, vielmehr schien es das neue Zeitalter zu erfordern, dass sich das Häusliche in die Welt ausbreitete (S. 48). Auch die Frauen des Arbeiterinnenverbandes beurteilten die sozialen Verhältnisse – nicht zuletzt aufgrund der notorischen Überarbeitung der Frauen – negativ. Sie verlangten indes einen radikalen Bruch: die Überwindung des Kapitalismus und die Verwirklichung einer sozialistisch organisierten Gesellschaft. Doch vollzogen auch die proletarischen Frauen, wie Simona Isler argumentiert, keine radikale Trennung zwischen dem Haus und dem Erwerb: Frauen produzierten in den Fabriken genauso wie zu Hause für die Industrie, den Kleinhandel oder den Eigenbedarf vor allem Lebensmittel und Textilien.

Die Konturen dieser unterschiedlichen feministischen Perspektiven auf Arbeit schärft Simona Isler, indem sie sie auf ausgewählte zeitgenössische Streitfragen hin überprüft, wie beispielsweise auf die Forderung eines spezifischen Schutzes für Fabrikarbeiterinnen. Mit einer sorgfältigen Lektüre der Publikationen des Schweizerischen Arbeiterinnenverbandes zielt Simona Isler darauf hin, die teilweise in der Frauengeschichte vertretene Interpretation der diskriminierenden Wirkung der «Sonderschutzmassnahmen» zu hinterfragen und die These, wonach die Arbeiterinnen diesen Bestimmungen aus «ideologischer Verblendung» zugestimmt hätten, zu widerlegen.[4] Die vom BSF vorgebrachten abstrakten Gleichheitsprinzipien waren für den SAV nicht anschlussfähig. Denn die Arbeiterinnenfrage stellte sich, wie Simona Isler überzeugend argumentiert, nicht als Geschlechterfrage in biologistischer, sozialisations- oder rollentheoretischer Perspektive, sondern als Klassenfrage: Proletarische Frauen verfügten über einen besonders prekären Zugang zu Ressourcen wie Zeit, Geld und Gesundheit und waren deswegen privilegiert zu behandeln (S. 142). Schliesslich war es nicht zuletzt die Sorge um den eigenen Haushalt, die die Schutzbestimmungen für die proletarischen Frauen rechtfertigte. Diese Sorge bedeutete zwar auch Arbeit, gleichzeitig aber auch Beziehungsleben.

Auch bei der «Dienstmädchenfrage» vertraten die drei Verbände unterschiedliche Positionen. Während der BSF anstrebte, das hauswirtschaftliche Arbeiten neu zu organisieren, zum Beispiel mittels der Verberuflichung der Dienstbotinnenarbeit oder einer Vergesellschaftung der Hausarbeit in Genossenschaften, strebte der SGF an, den Dienst zu retten: Er appellierte dazu an die Hausfrauen, die neben ihrer Befehls- und Verfügungsmacht auch die Verantwortung für Dienstbotinnen übernehmen sollten. Dabei war sich der SGF bewusst, dass die hauswirtschaftliche Arbeit im Vergleich zur Berufs- und Erwerbsarbeit zunehmend an Status verlor und entsprechend nicht nur Dienstbotinnen, sondern auch Hausfrauen von der «grossen Geringschätzung der häuslichen Arbeit» betroffen waren. An dieser Stelle hätte die Frage, wie das Festhalten des SGF an ständischen Prinzipien des Dienens mit diesen Abwertungsmechanismen verwoben war, vertiefter diskutiert werden können: nicht zuletzt um zu reflektieren, was ein solidarisches feministisches Handeln über klassen-, aber auch ethnische Grenzen hinweg in einer modernen demokratischen Gesellschaft impliziert. Oder um es anders zu formulieren: Neben dem gewählten Ansatz, die Frauen des SGF zu hören und sie «recht zu haben zu lassen» (S. 243), hätte die Leserin interessiert, auch die Position der Dienstbotinnen, die selbst nicht zu einer Hausfrau aufsteigen konnten, zu dieser Frage stärker zu vernehmen.

Während die Studie von Simona Isler den historischen Ausgangspunkt fokussiert, in dem Frauen sogenannte Frauenberufe definierten, nimmt Céline Angehrn in ihrer Untersuchung zur feministischen Berufsberatung das ganze 20. Jahrhundert in den Blick. Ziel ihrer Studie ist es aufzuzeigen, wie die Berufsberatung «zu einem feministischen Projekt wurde und welche Anliegen und Forderungen feministische Kreise mit der Berufsberatung – und allgemeiner mit Berufen für Frauen – verbanden» (S. 14). Sie untersucht drei unterschiedliche historische Momente: Im ersten Teil steht die 1923 gegründete nationale Zentralstelle für Frauenberufe im Mittelpunkt, die durch ihre Kodifizierungstätigkeit eine Schlüsselrolle einnahm: Sie taxierte ausgewählte Erwerbsmöglichkeiten als Frauenberufe und definierte Ausbildung, Lehrzeit oder Lohn. In den Machtkämpfen um die Formation neuer Berufslehrgänge waren die Aktivistinnen gegenüber männlichen Politikern und Beamten allerdings bald in einer unterlegenen Position, wie das Berufsbildungsgesetz von 1930/1933 paradigmatisch verdeutlichte: Dieses schloss eine finanzielle Förderung von Frauenberufen im Sozial-, Erziehungs- und Dienstleistungsbereich aus.

Der zweite Teil der Studie beschäftigt sich mit Martha Bieder, die zwischen 1931 und 1960 in Basel als erste staatliche Akademische Berufsberaterin für Frauen wirkte. Céline Angehrn zeigt präzise auf, wie es dieser Pionierin in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gelang, sich als renommierte Expertin zu positionieren. Bieder konzentrierte sich dabei auf die spezifische soziale Gruppe der Gymnasiastinnen und strebte an, sie hinsichtlich der «akademischen und gehobenen Frauenberufe» zu beraten: Dazu zählte sie nicht nur Berufe, die über ein Universitätsstudium erreicht werden konnten, sondern auch Frauenberufe im pflegerischen, sozialen und pädagogischen Bereich (S. 130). Frauen der höheren sozialen Schichten sollten sich demnach in gesellschaftlich höchst relevanten Bereichen wie den Schulen, Spitälern und Heimen platzieren – Bereiche, die die Gesellschaft letztlich zusammenhielten.

Im dritten Teil untersucht Céline Angehrn schliesslich die feministischen Projekte, die im Nachgang der Neuen Frauenbewegung nach 1968 entstanden. Hier erweist sich die gewählte «symmetrische Betrachtung» als besonders überzeugend, gelingt es Céline Angehrn doch gerade durch diese methodische Herangehensweise auszuleuchten, welche tiefgreifenden Veränderungen die feministische Berufsberatung im ausgehenden 20. Jahrhundert durchlief. Die nun geforderte «Gleichstellung» zwischen Frau und Mann ging von gänzlich veränderten Prämissen aus: So wurde ein höherer Anteil von Frauen in sogenannten Männerberufen und eine Abkehr von traditionellen Frauenberufen verlangt. Die Berufsberatung ortete die Gleichstellungsdefizite dabei weniger in den ökonomischen Strukturen oder hierarchischen Machtverhältnissen, als vielmehr bei den Frauen selbst, deren Verhalten und Einstellung in erster Linie verändert werden sollten.

Diese unterschiedlichen, zeitspezifischen feministischen Berufsberatungskonzeptionen blieben nie unwidersprochen, wie Céline Angehrn aufzeigt. Die bürgerlich dominierten Frauenorganisationen traten zwar gegen potentielle Ausschlüsse an, die Frauen aus ihren Schichten treffen konnten, in ihrem Engagement produzierten sie aber gleichzeitig neue Ausschlüsse – nämlich gegen Frauen der sozialen Unterschichten. Und anders als Martha Bieder hielt die Feministin Iris von Rothen bereits in den 1950er-Jahren die neuen Frauenberufe wie etwa Sozialarbeiterin oder Säuglingspflegerin nicht für eine gute Berufswahl: Sie würden Frauen weder die Entfaltung ihrer Individualität noch ein ausreichendes Einkommen ermöglichen. Die Soziologin Ulrike Prokop kritisierte schliesslich in den 1970er-Jahren, wie Céline Anghern darlegt, dass auf die Komplexität dessen, was Frauen lebten und erlebten, die Programme zur Gleichstellung der Geschlechter unangemessen vereinfachte Antworten lieferten.

Was «gute» und «wünschbare» Arbeit und Arbeitsverhältnisse für Frauen aus feministischer Perspektive im 20. Jahrhundert bedeuteten, war vielfältig und wandelbar – dies machen beide Studien auf eindrückliche Weise deutlich. Dadurch leisten sie einen wichtigen Beitrag zu mehreren Forschungsfeldern: zur Geschichte der Arbeit, des Feminismus und der Frauenbewegung, aber auch zur historischen Formation von Experten/innenwissen und zur weiblichen Einflussnahme auf die Ausgestaltung der modernen Berufsgesellschaft. Überdies gelingt es Simona Isler und Céline Angehrn, der Selbstverständlichkeit der Gegenwart ihre Evidenz zu entziehen und offenzulegen, dass die gegenwärtigen Leitbilder über Arbeit von Frauen vielfach einer verengten Perspektive folgen. Die hartnäckige Haltung, mit der die Frauen des SGF die politische Bedeutung des hauswirtschaftlichen Arbeitens für die Gesellschaft insgesamt einforderten, wie auch das Selbstbewusstsein, mit dem Martha Bieder gute Positionen für Frauen in Frauenberufen verlangte, mögen bei Leserinnen und Lesern des 21. Jahrhunderts Erstaunen – möglicherweise sogar Befremden – auslösen. Denn sie sind kaum zu vereinen mit der Art und Weise, wie Gleichstellungspostulate der Gegenwart konzipiert sind. Die Arbeiten von Simona Isler und Céline Angehrn ermöglichen es jedoch, exakt dieses Gefühl des Erstaunens und Befremdens einer kritischen Reflexion zu unterziehen und damit gleichzeitig den Weg zu öffnen, um neue Visionen über die Arbeit von Frauen (und Männern) zu entwickeln. Dazu ist, so ein zentrales Ergebnis dieser Studien, eine viel radikalere Auseinandersetzung mit den Dualitäten der Moderne nötig: Frauen haben sich nicht einfach einer «männlichen Welt» anzupassen, vielmehr bedarf es einer Neukonfiguration dieser als dual konzipierten Haus- und Erwerbsarbeit und einer Reflexion darüber, welche Arbeit die Welt letztlich zusammenhält.

Anmerkungen:
[1]https://www.srf.ch/news/wirtschaft/neue-zahlen-des-bundes-lohngleichheit-ist-nicht-in-sicht (02.08.2019).
[2]https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/arbeit-erwerb/unbezahlte-arbeit.html (02.08.2019).
[3] Luc Boltanski / Laurent Thévenot, Über die Rechtfertigung. Eine Soziologie der kritischen Urteilskraft, Hamburg 2007, hier S. 23.
[4] Vgl. zur bisherigen Auseinandersetzung u.a. Regina Wecker / Brigitte Studer / Gaby Sutter, Die «schutzbedürftige Frau». Zur Konstruktion von Geschlecht durch Mutterschaftsversicherung, Nachtarbeitsverbot und Sonderschutzgesetzgebung, Zürich 2001; Eileen Boris / Dorothy Sue Cobbler / Alice Kessler-Harris, Roundtable on Dorothy Sue Cobble’s «The Other Women’s Movement: Workplace Justice and Social Rights in Modern America», in: Labour: Studies in Working-Class America 4 (2005), S. 43–46.

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27.09.2019
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit infoclio.ch (Redaktionelle Betreuung: Eliane Kurmann und Philippe Rogger). http://www.infoclio.ch/
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